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WDR
5 Morgenecho, 16. März 2003
Der Literaturbetrieb in Deutschland — ein
Buch mit sieben Siegeln
Per Anhalter durch die Galaxis - oder wie sich
die Literatur ihren Weg durch das Internet bahnt
von Andreas Main
Netz-Literatur - nicht wenige Autoren setzen
auf das Internet als erste Anlaufstelle. Doch viele Kämpfer für die
vermeintliche Hochkultur rümpfen die Nase. Sie sehen nur unzensierten Ramsch,
kurzum: Müll. Die Freunde des bunten Netz-Treibens sagen: eine wahre Fundgrube.
Man müsse nur tief genug tauchen, um die Perlen zu finden. Wie auch immer.
Literatur im Netz hat es nicht leicht: Selbst ein Auflagenmillionär wie Stephen
King ist mit seinem virtuellen Fortsetzungsroman im Netz gescheitert. Und auch
bei der Netz-Literatur im engeren Sinne ist die Party vorbei: Das literarische
Online-Projekt 'pool' von Elke Naters und Sven Lager, beide Schriftsteller, ist
auf Eis gelegt. Ebenso 'null' von Thomas Hettche, das von vornherein zeitlich
begrenzt war.
Einen langen Atem hat das "Berlinerzimmer.de",
zur Zeit wohl das wichtigste Forum in Sachen Netzliteratur. Ein Literatur-Salon
im Netz, ganz in der Tradition des 19. Jahrhunderts. Andreas Main hat den
virtuellen Salon besucht.
"Also ich denke das Buch, was man sich in
Urlaub mitnimmt zum Schmökern oder das Buch, was man sich abends, nachts
mitnimmt ins Bett oder so, das wird sich dadurch niemals ersetzen lassen, durchs
Internet." Martina Peter ist im richtigen Leben Referentin im
Bundesjustizministerium. Sie schreibt aber nicht nur Gesetzesentwürfe, sondern
auch Bücher in gebundener Form. Und sie macht mit beim
Internet-Literaturprojekt "tagebau.de", eine Säule im Berlinerzimmer.de.
Im Tagebau arbeiten 50 Frauen und Männer
zwischen 18 und 70, Hausfrauen, Studenten und Professoren, alles dabei:
literarische Anfänger ebenso wie Profis. Sie schreiben ein literarisches
Online-Tagebuch mit Gedichten, Kurzgeschichten, Essayistischem und so weiter,
fast immer die kleine Form. Und einige der Tagebau-Werke sind auch zu hören im
Netz.
Martina Peter kennt beides: den klassischen
Verlag und das Netz. "Für mich ist natürlich auch der Unterschied, dass
es dieses vorige Lektorat nicht gibt bei den Texten, was sonst eben beim
traditionellen Buchverlag der Fall ist. Und für mich ist es dieser Hinsicht
eine recht angenehme Begleiterscheinung weil ich sehr frei arbeiten kann auf
diese Weise, und auf der anderen Seite ist das Risiko für mich als Autorin
natürlich ein bisschen höher, weil es nicht gegengelesen ist vorher, bevor ich
es an die Öffentlichkeit gebe."
Netz-Literatur ist spontan, schnell, manchmal
rasant und vor allem interaktiv und kommunikativ. MTV-Ästhetik halt.
'Netz-Literatur' ist nicht gleich 'Literatur im Netz'. Wenn Verlage oder Autoren
das world wide web nur nutzen, um auf sich aufmerksam zu machen, dann ist das
etwas anderes als jene Texte, die primär für Online-Leser geschrieben
werden.
Zusammen mit Enno E. Peter betreibt Sabrina
Ortmann das Berliner Zimmer. Es bietet seit mehr als vier Jahren unter anderem
eine kommentierte Link-Liste, einen Newsletter zum Thema. Oder auch Erosa - das
Online-Magazin für erotische Literatur. Und eben den Tagebau. Und das sollten
neue Tagebau-Autoren mitbringen: "Wir möchten Autoren oder Menschen, die
sich schon mit Literatur beschäftigt haben, die also leidenschaftlich
literarisch arbeiten. Wir sind aber nicht wie der pool ein abgeschlossenes
Forum, wo wir sagen: Hast Du Buchpublikationen darfst Du
mitschreiben."
Ortmann, Pionierin der www-Literatur, versteht
sich nicht als Verlegerin, eher als Moderatorin. Sie eröffnet Freiräume.
Eingriffe in die Texte sind verpönt. Allerdings: Nicht jeder darf schreiben.
Zunächst bedarf es einer Bewerbung. Erst dann gibt es den direkten Zugang, ein
Login. Honorare werden nicht gezahlt. Dennoch wächst und gedeiht das
Online-Tagebuch: "Man sitzt nicht alleine zu Hause in seinem Kämmerchen
und schreibt, sondern man hat da ein Forum, wo man Feedback kriegt. Und dann ist
das nicht das Forum, wo alles gestochen scharf, druckreif, perfekt - auch gar
nicht sein muss."
Immer mehr Menschen laufen durch ihr Berliner
Zimmer. Zuletzt gab es den Besucher-Rekord: 250.000 page-views pro Monat. Also
so viele Seiten wurden aufgerufen. Die Clickrate wächst kontinuierlich, völlig
losgelöst vom Absturz der New Economy: "Die Sache ist die: Da wir mit dem
Berliner Zimmer kein Geld verdienen - es ist keine Firma, sondern ein privates
Projekt, wie die Salons, öffentlich aber privat - ist es so, dass uns ob hype
oder Frust oder nicht, eigentlich nicht tangiert."
Natürlich: Als die Euphorie am größten war,
da haben sich auch Sabrina Ortmann und ihr Partner hingesetzt und
Geschäftsmodelle entwickelt. Aber so wie es zur Zeit aussieht, lässt sich mit
einem Projekt wie dem Berliner Zimmer kein Geschäft machen. Ihr Geld verdienen
die beiden woanders.
"Sommer, Sonne, Sonett, Sonar. Nach all
den Elegien nun Sonett. Sonar, Sonett, Sommer." Literatur im Netz steckt in
den Kinderschuhen. Es gibt dort mehr lyrische Ergüsse von zweifelhafter
Qualität als zwischen Buchdeckeln. "Also von mir gibt's keine bissigen
Sprüche über andere Netzautoren, weil ich denke: Jeder kann das schreiben, was
er oder sie will. Dafür ist jeder selbst verantwortlich. Da halte ich mich
zurück."
Womöglich fehlen dem Medium die Filter. Es
kostet nichts, sein Werk zu publizieren, und oftmals machen das nur jene, die im
literarischen Betrieb keine Chance haben. Warum soll ich einen Text umsonst ins
Netz stellen, wenn ich dafür andernorts Geld verdienen kann? Wer so
argumentiert, hat nicht viel verstanden von Interaktivität, von Virtualität
und so fort, meint Autorin Martina Peter: "Was mir nicht gefällt, ist die
leichte Überheblichkeit, die von klassischem Feuilleton und klassischem
Printmedien dem Internet und den Autoren, die im Internet schreiben, gegenüber
herrscht. Und das halte ich in diesem pauschalen Grundsatz für
falsch."
Aus den wichtigsten Online-Projekten sind
inzwischen Bücher geworden. Der Pool erschien bei Kiepenheuer + Witsch als
"The Buch", "Null" bei Dumont als "Null". Und auch
wenn der Tagebau online bleibt, es gibt ihn auch offline als: "Mein
Pixel-Ich".
Links zum Thema:
www.berlinerzimmer.de/tagebau/
http://www.berlinerzimmer.de/
www.dumontverlag.de/null/
http://www.forum-der-13.de
http://www.ampool.de/

Deutsche
Welle, 20. Februar 2002
Literatur
live und online
Bleiern
und statisch ist Literatur in Printform - flüchtig und unstetig dagegen
Geschriebenes im Internet. Ist Netzliteratur ein neues Genre? Die Herausgeber
des Online-Projekts "Berliner Zimmer" sind sich dessen sicher.
Seit
1998 wollen Sabrina Ortmann und Enno E. Peter Literaten, Journalisten,
Wissenschaftlern und Künstlern ein Forum im Netz schaffen. Ihre Site, die den
Namen eines düsteren Raums mit Ausblick auf einen Berliner Hinterhof trägt, knüpft
im Untertitel an die Tradition des literarischen Salons des 19. Jhd. an.
Wer per
Mausklick ins Berliner Zimmer - den Salon im Netz - eintritt, stößt deshalb
nicht auf durchdesignte Virtualität. Die Aufmachung ist schlicht und farblich
im klassischen Bordeaux der Samtbezüge alter Canapés gehalten. Der Austausch
über Bücher, das Knüpfen von Kontakten - all dies ist auch virtuell möglich.
Chat, Forum, Mailinglisten und Newsletter sorgen für Interaktion. Doch nicht
nur als ein Treff- und Orientierungspunkt in den unendlichen Weiten des World
Wide Web ist der virtuelle Salon gedacht. In der Rubrik "Interaktiv"
findet sich ein literarisches Online-Tagebuch, der lebendigste Bereich wie
Sabrina Ortmann sagt.
Literarische
Experimente im WWW
An dem
Netzliteratur-Projekt tage-bau, das im November 1999 mit 12 Autoren startete,
schreiben mittlerweile 50 registrierte Autoren mit. Zeitweise zu einem
vorgegebenen Thema, meistens jedoch vollkommen frei, fantasieren, denken und träumen
sowohl Amateure als auch professionelle Schreiber über die Tastatur. Und auch
das Lächeln, Zwinkern und Schmunzeln der Leser, die das Geschriebene
kommentieren, ist tastaturgeneriert.
Zu dem
Thema "Mein Pixel-Ich" schrieben 25 Teilnehmer des
Netzliteratur-Projekts von der Geburt der virtuellen Existenz über Liebe, Hass
bis zu ihrem Tod. Die Beiträge reflektieren das Leben verschiedener Menschen
unterschiedlichster Herkunft im Netz unter wechselnden Aspekten. Mit dem
Preisgeld finanzierten die Herausgeber Ortmann und Peter eine Druckversion der
Wettbewerbstexte und veröffentlichten damit das erste Netzliteraturprojekt in
Buchform.
"Der
längste Screenshot der Welt"
Die
Print-Version von "Mein Pixel-Ich" zeigt jedoch, dass virtuelle
Interaktivität nicht schwarz auf weiß abgebildet werden kann. Was für die
einen ein Buch ist, ist für die anderen noch lange nicht der "längste
Screenshot der Welt". Hyperstructures existieren nur im Netz. Weiterhin sind
Farben, Schriftarten, Bilder, Illustrationen und Animationen verloren gegangen.
Nicht dargestellt sind auch die von Emoticons wimmelnden Kommentare des
Lesers/Autors - die Grenzen verwischen hier. Dass Netzliteratur nur im Netz funktioniert,
ist nichts, was man den rührigen Herausgebern zuraunen müsste. Sie sind alte
Hasen.
Netzliteratur
oder Literatur im Netz ?
Sabrina
Ortmann hat sich auch theoretisch mit der Netzliteratur befasst. Allgemeingültige
Definitionen und Kriterien für das nunmehr 7 Jahre alte Genre gibt
es nicht, sagt sie. In ihrem Buch „netz literatur projekt“ hat sie
allerdings versucht, den Begriff einzugrenzen und gleichzeitig die
Entwicklung einer neuen Literaturform nachgezeichnet.
Danach
hat man es im Internet nur dann mit Netzliteratur zu tun, wenn Literatur,
Technik, Interaktivität und Kommunikation miteinander in Beziehung gesetzt
werden. Netzliteratur verdient ihren Namen nur dann, wenn sie eigens fürs
Web entwickelt wurde. Weitere Kriterien sind Offenheit und permanente Veränderung. Der Prozess
steht im Vordergrund und nicht das Ergebnis. Deshalb wird es den
tage-bau auch weiterhin geben -ohne Printversion. Diese war sowieso
nur als Bonbon für die Mitwirkenden des Wettbewerbs gedacht.
Über
den Erfolg solcher durch und durch idealistischer Unternehmen entscheiden
letztendlich die Clickraten: im Januar erzielten die Betreiber des Berliner
Zimmers immerhin einen Besucherrekord von über 250.000 Pageviews
(Seitenaufrufen). Gratulation!
Christine
Gruler
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