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Bild: Pablo Reese von Lichtenberg


Der Tagesspiegel, 02.11.2001
Münchener Merkur, 23. Oktober 2001
Zitty Berlin, Oktober 2001
Berliner Zeitung, 29. September 2001
Telepolis 13. September 2001

Klenkes, Aachens Stadtillustrierte, September 2001

Kulturzeitschrift Paraplui, August 2001
Berliner Morgenpost, 23. Juli 2001

Süddeutsche Zeitung 12. Mai 2001

ntv 5. Mai 2001

Online Today 5/2001

Net-Business, 12. April 2001
AVIVA-BERLIN, April 2001
Der Tagesspiegel, 21. März 2001
ZDF, 19. März 2001
MorgenWelt Kultur, 12. März 2001
WDR3, 6. März 2001
FAZ.NET, 27. Februar 2001
AMICA 3/01
Literatur-Café 2/01
FAZ.NET, 12.02.01
Der Tagesspiegel, 9. 02 2001

Pressespiegel 2002 2000 1999 1998


Von Jutta Heess, Der Tagesspiegel, 02.11.2001

Literarisches Duett

Sabrina Ortmann und Enno E. Peter veranstalten einen Literatursalon im Internet. Sie sehen nicht ein, warum Gedichte nur in Büchern stehen sollen.

Die beiden Berliner Literaturliebhaber betreiben www.berlinerzimmer.de , den Literatur-Salon im Internet. Außerdem sind sie die Initiatoren eines Literaturprojektes unter www.tage-bau.de . Darüber hinaus hat Sabrina Ortmann gerade ein Buch geschrieben: "netz literatur projekt" (www.berlinerzimmer.de/netzliteraturprojekt.htm). Das Thema: Geschichte und aktueller Stand der digitalen, schreibenden Kunst. Literatur im Internet gibt es erst seit 1995. Mit ihrem Projekt haben Ortmann und Peter Maßstäbe gesetzt und wünschen sich eine breitere Öffentlichkeit.

Das Interview lesen


Münchener Merkur, 23.10.01

Herzblut im Netz
Medientage: Diskussion über Literatur im Internet

(...)
Sabrina Ortmann hat sich wissenschaftlich sowohl mit herkömmlicher, als auch mit computergenerierter und vernetzter Literatur beschäftigt. Das Ergebnis heißt "netz literatur projekt" und ist, seinem Gegenstand gemäß, ein Book-on-demand, das also auf Nachfrage hin gedruckt wird. Fazit: Auch sie will sich nicht festlegen, ob es sich bei Netz-Literaten um eine Avantgarde oder eine Arrièregarde oder um versponnene Tüftler handelt, deren Werkstatt der virtuelle Raum ist. Wie Ortmann ihren elektronischen Salon "berlinerzimmer.de", so unterhält der Stuttgarter Wolfgang Tischer im Netz sein "literaturcafe", in dem man sich allenfalls elektronisch niederlassen kann. Auch er bietet Foren für Veröffentlichung und Meinungsaustausch an.
(...)

Christine Diller

Ganzer Artikel

 

Zitty Berlin, Oktober 2001

Sprungbrett Uni. Studenten machen sich selbständig.

Vom Studium ins Netz: das Berliner Zimmer
Wie Kommilitonen Firmen gründen

Foto: Zitty
Foto: Zitty

Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. "Durch unser Zimmer laufen ungefähr 3.000 Leute pro Tag", sagt Sabrina Ortmann (Foto). Zusammen mit ihrem Freund, dem 35-jährigen Informatiker Enno E. Peter, betreibt sie den virtuellen Literatursalon Berliner Zimmer.

Bei Internet-Recherchen zu einer Hausarbeit war die Germanistikstudentin auf die kommentierte Linkliste zur deutschen Literatur des damaligen Informatikstudenten Enno gestoßen. Auf eine E-mail hin trafen sich beide. Sie wurden ein Paar. Und gründeten 1998 das Berliner Zimmer.

Heute verweist ihre gemeinsame Literaturseite auf rund 800 literarische Quellen im Netz, auf theoretische Texte zum Thema, Linksammlungen und Rezensionen. Montagabends plauschen Literaturliebhaber im Chat, der dichterische Nachwuchs tobt sich in einem Forum aus. Und eine Mailing-Liste versorgt Interessierte mit den neuesten Literatur-Infos.

Das große Geld wirft die Seite nicht ab. Die Werbeeinnahmen decken "gerade so die Unkosten". Angebote von Verlagen lehnen Sabrina und Enno jedoch ab. Sie wollen die inhaltliche Kontrolle über das Projekt behalten.

Sabrina verdiente sich schon während des Studiums ihre Brötchen als freie Autorin. Nach 16 Semestern ist die 29-jährge nun fertig mit der Uni.

"Wenn ich nur das Studium durchgezogen hätte, hätte ich jetzt ziemlich schlechte Karten irgendeinen Job zu kriegen", sagt sie." So bin ich in der Lage mich selbst zu finanzieren. Dann ist es auch egal, wie lange das Studium dauert." Der Erfolg gibt ihr recht.

Kristian Kissling


Berliner Zeitung, 29.09.2001

New York gehört uns allen Nach den Anschlägen in den USA: Ein Blick in deutsche Online-Zeitschriften 
Michael Mayer

Dass der Krieg, wie Heraklit meinte, der Vater aller Dinge sei, ist zwar eine dem heutigen Mainstream zuwiderlaufende Denkart. Versteht man darunter allerdings, dass kriegsträchtige Bedrohungsszenarien innerhalb kürzester Zeit zur Verflüssigung politischer, gemeinhin als unverrückbar eingeschätzter Positionen führen können, hat Heraklits Wort auch heute erschließende Kraft. Denn wer hätte sich früher träumen lassen, dass Russland, wenn auch noch ein wenig wankelmütig, den Schulterschluss mit dem einstigen Antipoden suchen würde? Von der chinesischen Haltung wie dem zaghaftem Zuspruch Irans ganz zu schweigen. Den außenpolitischen entsprechen gleichwohl innenpolitische Zäsuren, die, meist mit einiger Verspätung, eine Verschiebung des gesellschaftlichen Diskurses anzeigen. Dass Deutschland, der langjährige Profiteur atlantischer Bündnissolidarität und zumal US-amerikanischer Entschlossenheit, sich angesichts des New Yorker Massenmordes nicht mehr aus der Verantwortung stehlen könne, dämmert allmählich auch jenem Teil der Bevölkerung, dem Kriegslüsternheit vorzuwerfen absurd wäre.

So findet sich unter dem 23. September im literarischen Online-Tagebuch "tage-bau.de" des "Berliner Zimmers" - einer Art virtuellem Salon - folgende Notiz: "Wenn es wahr ist, dass englische Soldaten bereits in Afghanistan sind und an der Seite der Nordallianz gegen das Taliban-Regime kämpfen, Respekt vor ihrem Mut, vor der Tapferkeit ihrer Frauen und Eltern. Hoffentlich machen sie ihre Sache gut. Wie gut würde es deutschen Soldaten tun, wenn sie Seite an Seite mit den Engländern und den Mudschaheddin der Nordallianz den Beweis erbrächten, dass deutsche Soldaten, die so viel sinnlosen Mut bewiesen, ein menschenverachtendes Regime zu stützen, heute auch bereit sind, ihr Leben einzusetzen, um ein menschenverachtendes Regime zu stürzen!" Solche Statements müssen in einem links-liberalen Milieu ketzerisch wirken. Und wirklich musste der Autor noch am selben Tag mächtig Prügel einstecken.

(...)

Ganzer Artikel


Telepolis, 13.09.2001

Wo Literatur schneller und kürzer wird

Michael Klarmann 

Aus alt mach neu: (Experimentelle) Literatur tummelt sich heute (auch) im World Wide Web

Die Frage ist so alt wie der Begriff selbst: Was ist Literatur? Lyrik, Romane, Novellen, John-Sinclair-Heftchen oder experimentelle Wortspielereien, die der Autor Wochen nach der Niederschrift oder dem Anordnen selbst nicht mehr begreift? Logisch, dass sich mit jeder technischen Neuerung diese Frage aller Fragen wieder und wieder stellt. Sabrina Ortmann vom literarischen Salon Berliner Zimmer liefert mit dem Buch netz literatur projekt einige Antworten.

Schon in den 60er Jahren experimentierten Autoren mit elektronischen Medien. In der USA erlebte damals die Literatur den erweiterten Begriff der Beatliteratur. Allen Ginsberg, Jack Kerouac und William S. Burroughs prägten etwas Neues, als Amerikas Bibliotheken "voller Tränen" waren (Ginsberg). Kerouac etwa spannte eine Papierrolle in seine Schreibmaschine, um seinen Schreibfluss nicht unnötig zu bremsen. Burroughs experimentierte mit der Cut-up-Methode, wobei er Manuskriptseiten von linear getippten Texten wieder zerteilte, sie versetzt aneinander montierte und erneut abtippte. Die neuen Texte, halbwegs redigiert, ergaben einen völlig anderen, oft kruden Sinn.

Man muss es nicht betonen, Drogen spielten hierbei eine Rolle. Ebenso die Kommunikation unter den Autoren. Der starre Literaturbegriff der Universitäten wurde gelockert. Alle sollten und konnten kreativ sein, Kettengedichte, Copy- bzw. Mail-Art-Projekte und literarische Briefwechsel endeten in selbst kopierten Heftchen – modernes Ambivalent: Print on Demand? – oder zwischen Buchdeckeln. 1968 schwappte der Beat mit der Studentenbewegung auch über nach Deutschland und Europa. Aber es gab auch auf den ersten Blick ungewöhnliche herkömmliche Romane, denen wohl nur noch das Internet fehlte. Etwa das Buch "Rayuella – Himmel und Hölle" von Julio Cortazar. Der Leser kann es linear lesen, oder er springt nach einem gewissen System zwischen den einzelnen Kapiteln und die Lektüre ergibt einen anderen Sinn.

Mail-Art-Aktionismus wurde durch Fax und Computer schneller. In den 80er Jahren erschienen erste Diskettenmags. Durch die Popularität des Internet wurde auch dieser Kommunikationsweg zum Spielball der Literaturszene. Dabei kamen sich Autor und Leser näher. Vor allem aber beschleunigte sich alles. Ein Kettengedicht wanderte per Email schneller hin und her, als es einst dauerte, den Brief zur Post zu tragen. Und dank Mailinglisten oder Newsgroups ergaben sich plötzlich hunderte Versionen desselben Textes. Ortmann spricht hier von "kollaborativen Netzliteraturprojekten". Und natürlich gab es plötzlich unzählige Homepages, auf denen Literatur publiziert wird, über die Verlage und Autoren für ihre Bücher werben, dazu kamen Online-Bibliotheken. Aber ist das alles Netz-Literatur? Ortmann unterscheidet hier:

"Literatur im Netz bedient sich des Internets also lediglich als Medium zur Veröffentlichung. Es handelt sich um traditionelle Texte, die auf Web-Seiten publiziert werden. Netzliteratur dagegen nutzt die Möglichkeiten eines Netzes und eventuell zusätzlich die des Computers als Stilmittel. Hierzu gehören vor allem die Möglichkeiten der Technik, der Interaktivität und der Kommunikation. (...) Die Netzliteratur grenzt sich wiederum ab von Hyperfiction, die sich nur durch die Verwendung von Links von herkömmlicher Literatur unterscheidet, und anderer Computerliteratur. Mit Computerliteratur ist hier solche Literatur gemeint, die ohne den Computer nicht existieren würde, die jedoch nicht das Internet benötigt, sondern auch auf Diskette oder CD-ROM veröffentlicht werden könnte (...)."

An drei Beispielen macht die Autorin deutlich, wie Netzliteratur funktionieren kann. Einmal ist es der Assoziations-Blaster, der erst durch das Internet richtig funktioniert, an Spontaneität und Schnelligkeit gewinnt und ein ständig sich wandelndes Schreib- und Lesevergnügen für Jedermann darstellen kann ( Assoziations-Blaster ist offline). Zum Zweiten der Tagebau, ein Tagebuch, in das profilierte Autoren hineingeschrieben haben. Das Projekt verdeutlicht übrigens die Vergänglichkeit der Netzliteratur, denn nach einem Fehler in der Datenstruktur im August 2000 wurden weite Teile der Site gelöscht. Lediglich das, was Autoren oder Webmaster gesichert hatten, konnte rekonstruiert werden – da oftmals direkt in das Online-Redaktionssystem eingegeben wurde, war manches unwiderrufbar verschollen. Zum Dritten nennt Ortmann Die Säulen von Llacaan, ein Fantasy-Projekt, das ähnlich wie eine Romanserie von verschiedenen Autoren verfasst wird – obwohl sie gewisse Freiheiten haben, sind sie an einen Rahmen und Hauptcharaktere gebunden.

Literatur, die sich im Word Wide Web tummelt, ist also vielschichtig. Um es mit Günter Grass zu sagen: ein weites Feld. Die Autorin beackert dieses, vom ersten Meter an bis zum Hier und Jetzt (Ende 2000). Und sie weist darauf hin, dass die hehre Kunst des (deutschen) Feuilleton abermals den Begriff der Stümperei bemüht. Von "Pennälerdada" (Erhard Schütz) war auch schon die Rede. Schuld daran könnte sein, dass der "Autor" manchmal ein besserer Programmierer denn Texter ist und sich durch die Homepage von Jedermann – kein Lektor oder Redakteur verhindert Schlimmeres – und die (teilweise anonyme) Forennutzung ein erweiterter Literaturbegriff unterhalb der Kulturschmerzgrenze etablierte. Allerdings können gerade Foren für Autor und Leser nützlich sein.

Und Literatur im Netz respektive Netzliteratur, so Ortmann, lebt oft von ihrer Spontaneität, von Kürze und Schnitten ähnlich der MTV-Ästhetik. Die Zeichensprache des Internet, etwa der Smileys oder Kürzel, strahlen zudem zurück auf die "normale" Literatur. Was früher ein Briefroman war, wird heute zur Email-Erzählung. Und last but not least wird natürlich auch die Schreibe rasanter. Weswegen diese Bestandsaufnahme auch nur von geringer Halbwertzeit sein dürfte. Ihren Wert mindert das nicht!


Klenkes, Aachens Stadtillustrierte, September 2001

World Wide Lit.

Literatur wird schneller, spontaner, die Texte kürzer und geprägt von der Schnittechnik ähnlich der MTV-Ästhetik. Ort des Wandels ist - wie sollte es anders sein? - das Internet, in dem sich neue und alte Literaturformen tummeln. Denn schon seit den 60er Jahren tüfteln Autoren mit elektronischen Medien. Und seitdem das Web an Popularität gewonnen hat, expandiert auch die Netzliteratur.

Sabrina Ortmann vom virtuellen Salon Berliner Zimmer hat sich für ihr Sachbuch "netz literatur projekt" mitten in diese Schnelllebigkeit gestürzt. Die Pionierin der deutschsprachigen WWW-Literatur erzählt die internationale Geschichte der Szene und erklärt zudem anhand deutschsprachiger Projekte, was geht. Der Assoziations-Blaster etwa ist ein sich ständig wandelndes Schreib- und Leseerlebnis mit oft wirr anmutenden, verlinkten Textminiaturen. Darf hier jeder texten, durften sich beim tage-bau nur profilierte, auserwählte Autoren ins beständig geänderte, verlinkte und erweiterte Tagebuch hinein verewigen. Ähnliches passiert bei Die Säulen von Llacaan, ein Fantasy-Projekt, das wie eine Romanserie von mehreren Autoren verfasst wird, allerdings nur im und fürs Internet.

Alle drei Beispiele, so Ortmann in ihrer fundiert recherchierten Arbeit, nutzen das Web und dessen "Möglichkeiten der Technik, der Interaktivität und der Kommunikation". Genau das macht für die Autorin Netzliteratur aus. Manch einer ordnet einzelne Facetten davon zwar unter "Pennälerdada" (Erhard Schütz) ein. Aber die Experimentierfreude prägt stilistisch längst auch das, was zwischen Buchdeckeln erscheint. Etwa Romane mit Smileys und Web-Kürzeln oder E-Mail-Erzählungen statt des herkömmlichen Briefromans.


Kulturzeitschrift Paraplui, August 2001

Enno E. Peter / Sabrina Ortmann: tage-bau.de - ein literarisches Online-Tagebuch. Mein Pixel-Ich 
Verlag berlinerzimmer.de 2001. 196 Seiten.

Auf der "Suche nach dem Wesen der neuen Medien" veranstaltete der Kultursender ARTE im Herbst 2000 den "them@-Literatur-Wettbewerb" mit insgesamt vier Preisen. Das zum Themenschwerpunkt "Mein Pixel-Ich. Ich bin drin, also bin ich! Oder?" eingereichte Online-Tagebuch des Internet-Literaturforums 'Berliner Zimmer' erhielt dabei von der internationalen ARTE-Jury den Innovationspreis zugesprochen. Mit dem Preisgeld brachten die Herausgeber die ursprünglich in rein virtueller Form ins Netz gestellten Online-Chatbeiträge auch in Buchform heraus. Der Vergleich zwischen dem prämiierten Textexperiment und der nachträglichen Buchausgabe wirft Fragen im Hinblick auf eine mediale Bedeutungsverschiebung auf.

Zunächst zum Inhalt: In acht Wochen hatten 25 Autoren unter dem Titel "Mein-Pixel-Ich" im vom 'Berliner Zimmer' eingerichteten Online-Chatforum tage-bau.de ihre Ideen zum Leben im Netz eingestellt. Spontan eingegebene kurze Erzählungen, Gedichte und Reflexionen über das Leben in der virtuellen Welt, reale und fiktive Alltagserlebnisse, Gedanken zur Netzidentität, Versuche über den Tod und Fragmente zur Einsamkeit des Chatters vermischen und verknüpfen sich dabei zu einem anarchischen, jedoch keineswegs ins völlig Chaotische abgleitenden,abwechslungsreichen Textgeflecht. Die einzelnen Beiträge der verschiedenen Autoren nehmen spielerisch Bezug aufeinander, bauen interaktiv aufeinander auf und fließen so zu einem vieldimensionalen und vielschichtigen polyphonen Stimmengewirr zusammen -- einem improvisierten Musikstück, dessen Ganzes mehr ist als die Summe seiner Teile.

Aufgrund des Fehlens einer übergeordneten auktorialen Kontrollinstanz bleibt der Gesamtcharakter des Online-Tagebuchs notwendigerweise disparat. "Mein Pixel-Ich" ist ein unter neuartigen literarischen Produktionsbedingungen zustande gekommenes Textexperiment, das seine Herkunft -- das Chatforum -- nicht verleugnen kann und auch nicht soll. Wie jedes andere gewöhnliche Chatforum bildet auch tage-bau.de eine Arena für viele unterschiedliche Stimmen und Beiträge. Herkömmliche Selektionsmechanismen im Hinblick auf literarische Qualität im Sinne einer Vorauswahl sind hier unwirksam. Kein Lektor und kein wissenschaftliches Gremium sind zwischengeschaltet, um über die 'Veröffentlichungswürdigkeit' eines Beitrags zu entscheiden. Das Online-Medium des Chats ist jederzeit hemmungslos offen für jeden Beitrag jedes und jeder sich spontan berufen Fühlenden. Jeder Beitrag, kaum eingetippt, ist augenblicklich einer zumindest theoretisch unbegrenzten Öffentlichkeit zugänglich. Die Frage nach der Qualität der Texte muss also im Medium des Online-Chats zwangsläufig eine andere sein, als bei auf herkömmlichem Weg entstandenen literarischen Produkten. Der heterogene Charakter und die Qualitätsunterschiede müssen im neuen Medium ihrer Natur nach anders betrachtet werden als die Qualität herkömmlicher Texte in herkömmlichen Medien. Als neue Bewertungskriterien von Online-Chattexten müssen deren innovative Qualitäten wie zum Beispiel ihr momentan vielleicht noch gar nicht richtig zu ermessendes Potential zur multidimensionalen Vielschichtigkeit und natürlich ihre demokratische Durchlässigkeit hinzugedacht werden. Schließlich erhielt das Online-Tagebuch "Mein Pixel-Ich" von tage-bau.de seinen Preis aufgrund der Innovationskraft seines Gesamtkonzepts zugesprochen, und nicht aufgrund der literarischen Qualität seiner einzelnen Beiträge.

In diesem Sinne als problematisch zu betrachten ist daher die (Rück-) Übertragung des virtuellen Textgebildes in die Form einer 'festen' mit Buchdeckeln versehenen Druckausgabe. Denn hier werden sofort wieder ganz andere konventionelle Rezeptionserwartungen und Bewertungskriterien wirksam. Das Lesen von Texten geschieht online ganz anders als das Lesen gedruckter Texte. Im Online-Chat wird kurzerhand überlesen, übersprungen oder weggescrollt, was banal erscheint. Da der im Netz vorhandene Platz im Gegensatz zum gedruckten Medium praktisch unbegrenzt ist, besteht keine Notwendigkeit mehr, vorzuselektieren, was aufzunehmen und was auszuschließen ist. Der Selektionsprozess liegt nicht mehr im Vorfeld -- bei Lektor oder Redaktion -- sondern ganz auf der Rezeptionsseite, beim Leser. Dafür stehen dem Leser nun neuartige Hilfsmittel wie Mausklick und Hyperlink zur Verfügung. Natürlich kann man Online-Texte auch herunterladen und ausdrucken, doch verändert man durch diese Überführung in ein anderes Medium auch gleichzeitig wieder den Rahmen für ihre Rezeption.

Der in der gedruckten und veröffentlichten Buchform gegebene Rezeptionsrahmen lässt konventionelle Erwartungshaltungen wirksam werden, die sich schwer tun, dem aus seinem Entstehungskontext gerissenen Onlinetext gerecht zu werden. Dies liegt vor allem an der gewohnheitsmäßig unbewusst an das Buch herangetragene Erwartung des Lesers, dass die enthaltenen Texte vor ihrer Veröffentlichung einer redaktionellen Vorselektion unterzogen wurden, oder auch an der Erwartung eines ausgearbeiteten, verbindlich zugrunde liegenden Erzähl- oder Argumentationskonzeptes. Aus diesen Gründen gerät der an lineare und zusammenhängende Texte gewohnte Leser leicht ins Schleudern. Gutes findet sich augenscheinlich gleichberechtigt neben Schlechtem, wobei man sich fragen muss, ob das dem qualitativ Besseren gut tut. Um dem zu begegnen, müssten die Leser mit ihren Lesegewohnheiten aufräumen und sich auf das Experiment des anarchischen selektiven Lesens einlassen.

Ist es dann aber nicht doch sinnvoller, gar nicht erst zum guten alten Buch zurückzukehren, sondern beim schnellen und sprunghaften Internet zu bleiben und sich dort beim Pagehopping zu vergnügen? Vielleicht wäre es klüger gewesen, das Preisgeld statt in die Buchausgabe in neue Internetprojekte zu stecken. Denn die großen Stärken, die die Netzwerker nutzen und weitertreiben sollten, liegen vor allem in der Interaktivität -- der Möglichkeit also, in entstehenden Text eingreifen zu können -- und den sich daraus ergebenden ganz neuen Möglichkeiten der Kommunikation.

(Das Online-Projekt "Mein Pixel-Ich" ist im Netz unter http://www.tage-bau.de  aufzufinden.)

(Belbet Tomasi)


Berliner Morgenpost, 23. Juli 2001

«Heute habe ich Kopfschmerzen»

Online-Tagebücher: Warum Menschen ihr Innenleben im Netz publik machen

Unter die Matratze, zwischen die Weltliteratur oder doch lieber hinter den Nachtschrank? Für Tagebuchschreiber war das Versteck ihrer privaten Seiten immer eine zentrale Frage. Bis das Internet kam. Die Aufbewahrungsorte vieler Tagebücher sind seitdem öffentlich und heißen www.mytagebuch.de oder www.tagebuchwebring.de. Von solchen Abietern oder Portalen aus gelangt der User direkt in das nun gar nicht mehr geheime Innenleben seiner Mitmenschen. Allein im deutschsprachigen Raum legen schätzungsweise bis zu 150 000 Protokollierer regelmäßig im Netz Bericht über ihr Leben ab. Einige notieren in sogenannten Weblogs mit zahlreichen Links ihre täglichen Reisen durchs Netz wie etwa die Blogger (www.x-7.de/extra/bloggerparty.htm), andere gehen die Sache persönlicher an und führen echte virtuelle Tagebücher. Doch warum geben Menschen ihre persönlichsten Gedanken und Erlebnisse einem unbekannten Publikum preis? 

Bei der Berlinerin Sabrina Ortmann zum Beispiel stehen literarische Ambitionen im Vordergrund. 1999 gründete die Germanistin zusammen mit Enno Peter das Online-Tagebuch «tage-bau» auf der Seite des virtuellen Literatursalons berlinerzimmer.de. Über 50 Tagebuchschreiber beteiligten sich daran, auch Prominente wie Doris Dörrie. Die Initiatoren wurden dafür sogar mit dem Arte-Innovationspreis ausgezeichnet. «Wir schreiben explizit für Leser. Wir können uns ausprobieren und Kommentare zu den Texten sind ausdrücklich willkommen», sagt Sabrina Ortmann. Und beschreibt damit eine Aufgabe des Online-Tagebuchs, die Wissenschaftler als Übungsfunktion bezeichnen. In Online-Tagebüchern, so die Psychologin Nicola Döring, würden die Einträge stärker literarisch verfeinert als in ihren Offline-Pendants. In der Computerzeitschrift c't nennt die Wissenschaftlerin außer der Übungsfunktion noch vier weitere Funktionen: Archiv-, Reflexions-, Ventil- und Sozialfunktion.

(...)

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Süddeutsche Zeitung, 12. Mai 2001

"... Eine ganz neue Welt für Schreibende hat sich aufgetan, ein völlig neues Selbstbewusstsein ist bei Autoren ebenso wie bei Künstlern aller anderen Gattungen, die sich ebenfalls en masse im Internet tummeln, gewachsen: Man liest mich, also bin ich. [...]

Dass durchaus auch Schreckliches dabei ist, davon können Sabrina Ortmann und Enno E. Peter, Betreiber der inzwischen in einschlägigen Kreisen schon berühmten Site www.berlinerzimmer.de, ein Lied singen. Die beiden Literaturfachleute, die das aufwändige Projekt von ihrer Wohnung in der Weinsbergstraße (Weinbergsweg Anm. der Redaktion) aus managen, verdrehen die Augen beim Gedanken an die Machwerke, die ihnen zur Veröffentlichung beispielsweise in ihrem Online- Erotik-Magazin „Erosa“ zugesandt wurden. (Ganz so schlimm ist es auch nicht ;) Anm. der Redaktion)

Wie viele, ja unzählige Menschen sich zum Schreiben berufen fühlen und ihre Texte im Internet ungehindert veröffentlichen, zeigt schon die Link Liste, die Ortmann und Peter auf ihrer Seite haben. Mehr als 80 Links (es sind  über 400 Anm. der Redaktion) sind da zu finden: vom Assoziationsblaster.de („eine Art Literaturmaschine, in der sich alle eingetragenen Texte mit nicht linearer Echtzeit-Verknüpfung automatisch miteinander verbinden“) über „Beim Bäcker“ (gemeinsames Schreibprojekt auf der Homepage von Claudia Klinger) bis zu „Textwerk“, „Wolfskreis-Lyrics“ und „Yolanthes Bibliothek“. „Die Autorenecke“, „Die kleine Leseecke“, „Die Literaturkneipe“, „gedichte.de“, „Tabula rasa“ – der Erfindungsreichtum und der Output der Schreibenden findet kein Ende. Und das sind nur die von Ortmann und Peter auf eine gewisse Qualität hin geprüften Websites. Ganz zu schweigen also von den unendlich vielen Homepages mit Lyrik, Tagebucheinträgen und Ergüssen aller Art, die es sonst noch gibt.

Gedruckt wird auf Bestellung

Bei aller Demokratie des Internets: „Es muss schon eine gewisse Qualitätsauslese geben“, finden Ortmann und Peter. Dennoch waren gerade sie es, die mit der Veröffentlichung ihres Online-Projekts „tage-bau.de“, eines literarischen Online-Tagebuchs, eine große Qualitätsdebatte im Netz angestoßen haben. „Mein Pixel-Ich“ heißt das Buch mit dem Untertitel „berlinerzimmer.de offline1“, das bei „books on demand“ (www.bod.de) herausgegeben wurde.  ..." 

Mit freundlicher Genehmigung der Süddeutsche Zeitung und der DIZ München GmbH 

 



Sendung ntv.de: Virtuelle Salons 5.5.2001
Ausschnitt als MPG



Berliner Zeitung, 2. Mai 2001

MTV zum Lesen
Ausgezeichnete Texte im virtuellen Literatursalon "Berliner Zimmer"

Laura Weissmüller

Wenn man das Berliner Zimmer betritt, öffnet man keine Tür. Es ist ein virtueller Raum und die einzige Bewegung, die man ausführen muss, ist das Klicken der Maustaste. Obwohl die Herausgeber Enno E. Peter und Sabrina Ortmann ihr Zimmer in der Tradition der Literarischen Salons des 19. Jahrhunderts sehen, verzichten sie auf den wirklichen Raum und laden ihre Gäste zu sich ins Netz ein.

Seit 1998 wollen sie für Autoren und Leser ein Forum schaffen, das den gegenseitigen Austausch ermöglicht und die literarische Orientierung im Internet vereinfacht. Im Netz kann jeder seine Texte veröffentlichen - Autoren und die, die sich dafür halten. Deswegen gehen gute Texte oft unter. "Qualität muss man suchen. Es gibt eben noch keinen Marcel Reich-Ranicki im Web", sagt Ortmann. Ihre über 500 kommentierten Links helfen bei der Suche nach Lesenswertem. Hier tauchen oft junge Autoren auf.

Manche wagen sich zum ersten Mal mit ihren Texten in die Öffentlichkeit. Sie wollen sich austesten und Meinungen zu ihren Werken einholen. Theoretisch können sie damit die halbe Welt erreichen. Doch das Internet ist flüchtig, Seiten verschwinden wieder und die Texte sind nicht statisch, sondern "butterweich". Deswegen gibt es die allgemeine Tendenz, Literatur, die online entsteht, als Buch zu veröffentlichen. "Denn für das richtige Lesen sind Bücher besser geeignet", meint die Herausgeberin, die immer noch lieber in Büchern stöbert als im Netz surft. Deswegen wurde auch ein Teil der Texte des online-Tagebuchs "tagebau" unter dem Titel "Mein Pixel-Ich" veröffentlicht. Das Projekt will die Eigenschaften des Internet wiedergeben. Es verändert sich ständig, ist aktuell und offen für alle. Jeder kann sich als Autor anmelden und seine Gedanken zum Tag veröffentlichen. Es sind kurze Texte. "Keine Monster - ein bisschen wie MTV zum Lesen", findet der Vater des Projekts.

Der "tagebau" ist die erfolgreichste Rubrik im Berliner Zimmer. Er wurde mit dem Innovationspreis des deutsch-französischen Kultursenders Arte beim Thema Literatur-Wettbewerb ausgezeichnet. Und da im Internet vieles weder Anfang noch Ende hat, ist auch für den Tagebau kein Ende in Sicht.


onlinetoday052001

Online Today 5/2001

 

onlinetoday052001


Net-Business, 12. April 2001, S. 57

Internet-Literatur / Ein virtuelles Tagebuch geht offline: Die Poeten der Pixelwelt. Von Anja Dilk.

www.berlinerzimmer.de  Morbus Web: "Gestern hatte ich Kopfschmerzen. 'Virus' sagte der Doktor. Heute stürzte mein Rechner ab. 'Virus' sagte der Fachmann. Morgen geh ich ins I-Café." (Betty Bienenstich, 28. September 2000, 15:12 Uhr) Unter Strom: "Ja. Trefferquote konstant. Logfile. 40 000 hits pro Monat. Baby, stream me, oh please streame me. Let me be your Downloadslave." (Thorsten Kettner, 28. August 2000, 13:10 Uhr) Webfantasien. Pixel-Ichs beziehen Position. Dutzendfach, in literarischem Gewand. Die Berliner Sabrina Ortmann und Enno E. Peter haben die literarischen Gedankenfetzen von 25 Autoren in ihrem Onlinetagebuch "Tagebau - Schreiben am Tag" gesammelt. Thema: Mein Pixel-Ich. Sie schreiben über ihre Erlebnisse im Netz, ob genervt wie unter der Überschrift "Morbus Web" oder lustvoll wie bei "Unter Strom". Ende 2000 gewannen die Gründer des virtuellen Literatursalons Berlinerzimmer.de mit dem Onlinetagebuch den Arte-Innovationspreis. Mit dem Preisgeld bringen sie "Mein Pixel-Ich" jetzt als Buch (Book-on-Demand; 28,80 DM) heraus. Ortmann: "Ein Netzprojekt offline zu bringen, ist für uns ein spannendes Experiment. Es ist ein Buch zum Stöbern. Man blättert durch die Seiten, wie man Sites aufklickt - und bleibt irgendwo hängen." Das Berliner Zimmer ist die virtuelle Wiedergeburt klassischer Salons vergangener Jahrhunderte. Ein Ort, an dem sich Künstler, Intellektuelle und Neugierige treffen, um sich auszutauschen: über Poesie und Prosa, Erotik und Politik.


AVIVA-BERLIN im Gespräch mit Sabrina Ortmann, der Herausgeberin des "Pixel-Ichs". Von Sharon Wølk, April 2001



Interview AVIVA Berlin

Artikel und Interview lesen


Der Tagesspiegel, Interaktiv, 21. März 2001, S. 18: Kafkas EDV-Service. Ein literarischer Spaziergang im Internet. Von Markus Ehrenberg 

(...)
Irgendwo dazwischen liegt das "Berliner Zimmer" mit seinem literarischen Online-Salon. Daraus entstand das Netztagebuch "tage-bau", das bei Arte einen Preis gewann.
(...)
www.berlinerzimmer.de. Es gibt sie noch, die literarischen Salons.
(...)


ZDF / „Etage Zwo – Vernetzte Welt“, 19. März 2001
Beitrag zu "Lesen im Internet", in dem auch der tage-bau vorgestellt und Sabrina Ortmann als Herausgeberin und Heike Blume als Autorin interviewt wurden.



Lesen

Das Leseverhalten der Deutschen hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Eine Studie der Stiftung Lesen zeigt, dass oberflächlicher gelesen wird und Lektüren schneller abgebrochen werden.

Literatur- und Medienexperte Thomas Wegmann zum Thema: "Das Buch wird nicht verschwinden, es wird auch weiterhin gelesen. Ein Medium kann man nicht gegen das andere ausspielen. Es wird in Zukunft immer stärker in so genannten Medienverbundsystemen gedacht und gearbeitet. Das Internet wird allein nicht die Literatur ersetzten können, die Literatur wird aber umgekehrt auch nicht ohne das Internet auskommen. Es gibt bereits zahlreiche Beispiele für Internetliteratur. Viele Leute stellen ihre Gedichte ins Netz (www.gedichte.de) oder Tagebücher (www.koblenz.de/kultur/tagebuch(. Es gibt auch Schreibprojekte an denen man Kollektiv mitarbeiten kann (www.thestories.cjb.net). Also Texte, die man weiterschreiben kann."

Literaturforum im Netz

Das World Wide Web geht äußerst kreativ mit dem Thema um. Da gibt es Literaturforen (www.literaturcafe.de), Autoren, die ohne Verlag ihr Werk im Internet publizieren (www.stephenking.com), und manch einer lässt die Salonkultur vergangener Zeiten virtuell wieder aufleben.

Beispiel: www.berlinerzimmer.de  - ein virtueller Salon, der sich der Literatur im Netz widmet, Treffpunkt für Autoren und Leser ist. Ein ambitioniertes Projekt des Berliner Zimmers ist der Tagebau. 50 Autoren schreiben hier gemeinsam an einem Tagebuch, das vom Kultursender Arte bereits mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Hinter dem Projekt steht die Germanistikstudentin Sabrina Ortmann, die sich seit drei Jahren engagiert, die Onlineliteratur aus ihrer Nische zu holen: "Es war uns wichtig, ein Forum zu schaffen, in dem über das, was im Netz literarisch passiert, informiert wird. Wir bieten 500 Links zu Literatur im Internet, einen Chat, zwei Mailing-Listen, und ein Forum, wo Autoren und Leser zusammenkommen sollen. So, wie es auch früher in den Salons der Fall war. Wir sehen uns als Forum für diejenigen Autoren, welche die Freiheit schätzen, im Internet gute Literatur zu machen. Freiheit abseits des Mainstreams der Verlage. Meistens sind das Autoren, die sich der Maschinerie von Literaturagentur und Verlag nicht aussetzten wollen."

(....)

Kompletter Text bei ZDF-Online


Debatte: Wenn alle schreiben... , 12. März 2001, MorgenWelt Kultur

" - und alle lesen und dies auch noch in geselliger Runde tun, dann haben wir einen "Salon". Und wenn dieser Salon dann noch im Internet stattfindet, sitzen wir mitten im "Berliner Zimmer" von Sabrina Ortmann und Enno E. Peter.

Den Leser empfängt eine schön gestaltete Site rund um das Thema "Literatur" - und er kann selbst mittun in einem Tagebuch-Forum, das sich "Tagebau" nennt und in dem sich jeder irgendetwas Lyrisches, Prosaisches oder Persönliches vom Herzen schreiben kann.

Das Tagebau-Forum hat vor einiger Zeit einen Innovations-Preis von ARTE erhalten - woraufhin die Site-Organisatoren beschlossen, ein Buch mit den gesammelten Tagebau-Einträgen zum damaligen Wettbewerbsthema "Mein Pixel-Ich" herauszugeben. Das Buch wurde im virtuellen Literaturcafé rezensiert und seitdem geht es hoch her: in Salon und Kaffeehaus gleichermaßen.

Ist die nunmehr gedruckte Sammlung einfach nur das, was sie ist - nämlich ein Sammelsurium von allerlei Texten, geschrieben von allerlei Leuten - wie Café-Rezensent Malte Bremer behauptete, oder ist sie gar eine besonders avancierte Art von "Literatur", wie die Herausgeber meinen?

Das wird zur Zeit an beiden Orten heftig diskutiert . So mancher Salonlöwe, der sich schon als Shooting-Star am deutschen Literaturhimmel glänzen sah, grollt nun ob der unfreundlichen Rezension. Auffallend war indes, dass sich selbst der Verfasser des Buch-Vorworts auffallend vornehm zurückhielt, wenn die Rede auf die Qualität der Pixel-Ich-Texte kam.. offenbar traut auch er nicht der voreilig ausgerufenen Literatur-Revolution.

Da kann man nur raten: "Tiefer hängen, liebe Kaffeehausbesucher und Salongäste!". Nicht jede Schreibübung ist schon Literatur - und ob die aus dem Internet in die Druckfassung beförderte Geselligkeit den Tag überdauern wird, ist letztlich doch ganz unwichtig: Hauptsache, man hat sich gut unterhalten - und das allein zählt doch in einem Salon, nicht wahr?

Infos zum Buch gibt es hier... "

dl/mw


"Kunst und Kultur im Internet", Interview auf WDR3 (Radio), Mosaik, am 6.März 2001

"www.berlinerzimmer.de Der literarische Salon im Netz. Mit vielen Links und Informationen zu Literatur im Netz und Webliteratur.

www.berlinerzimmer.de/tagebau Das preisgekrönte literarische Tagebuchprojekt des Berliner Zimmers heißt "Tagebau" Ein literarisches Tagebuch, an dem bekannte und unbekannte Autoren gemeinsam schreiben. Gibt es jetzt auch als Buch mit dem Titel: "Mein Pixel-Ich"."

(WDR3-Homepage, www.wdr.de/radio/wdr3/sendungen/mosaik/20010306.html )

 


Was vom Tagebau übrig bleibt , Rezension von Roberto Simanowski, Faz.Net, 27. Februar 2001

FAZ.NET Rezension

"Im Sommer 2000 schrieb der Fernsehsender „ARTE“ einen Schreibwettbewerb im Internet aus. Der Vorstoß hieß „Liter@turwettbewerb“ und zielte inhaltlich wie formal auf die Neuen Medien. Eins der Schlüsselthemen lautete „Mein Pixel-Ich“, eine der Preiskategorien „Innovation“. 

Die geistigen und webadministrativen Eltern des Multiuser-Tagebuchs „Tagebau“, Sabrina Ortmann und Enno E. Peter, hatten ihre Mitschreiber mit wöchentlichen Zwischenüberschriften („Die Geburt einer virtuellen Existenz“, „Identität im Internet“ oder „Vom Cyberflirt zum Flamewar“) auf das Thema einschwören können - und die Jury des Wettbewerbs überzeugt. Denn an der Netzspezifik, an der
„Innovationskraft dieses literarischen Gemeinschaftswerk“ konnte kein Zweifel sein. Nun gibt es das Ganze als Buch: Pixel auf Papier.
(...)"

Kompletter Artikel


Netz-Salon, von Peter Praschl, 
AMICA
, Ausgabe 03/01, S. 84


Foto: Amica
Foto: AMICA


Früher haben sich Dichter und Leser in Salons getroffen. Heute treffen sie sich im Netz. Der Salon von Sabrina Ortmann, 28, heißt Berliner Zimmer und ist ein angenehmes Hangout für
Literaturliebhaber. Seit 1998 präsentieren Internet-Dichter ihre Werke, ein gut gepflegter Katalog liefert Hunderte Links zu Autoren, Verlagen und Projekten, im tage-bau protokollieren um die 50 Poeten ihre Erlebnisse und Gedanken, und weil man auch in Salons gern über das eine plaudert, gibt's auch ein erotisches Netzmagazin namens Erosa. Am meisten interessiert sich Ortmann für "kollaborative Projekte", vielstimmige Dichtungen, zu deren mehrere Autoren beitragen. Eine davon,
Mein Pixel-Ich, erscheint jetzt auch als Buch, zum Nachlesen im Bett oder in der Badewanne.
www.berlinerzimmer.de



Zum Ausdruck drängt doch alles, von Malte Bremer, 27.02.2001, www.literaturcafé.de 

Rezension im Literatur-Café

Das literarische Online-Projekt tage-bau.de des Berliner Zimmers ist nun auch als Buch erhältlich. Unser Kritiker Malte Bremer hat es sich angesehen.

Die Redaktion des Literatur-Cafés sitzt ratlos vor einem Buch. (...)

Durch die Linearität ist der Weg zum Papier relativ problemlos und verlustfrei möglich, und irgendwie scheinen sehr viele ähnliche Internet-Literaturprojekte diesen Weg zum Papier zu gehen. Es seien Norman Ohlers »Quotenmaschine«, Rainald Goetz' »Abfall für alle« (schon aus dem Netz entfernt), Hettches »NULL« oder - demnächst bei KiWi - »Am Pool« genannt. Nach Ausdruck drängt, am Ausdruck hängt doch alles, scheint die Devise zu sein. Frei nach Goethe, der auch als Ausdruck vorliegt. Um seine Texte wäre es schade, wenn es damals schon Computer und Internet gegeben hätte und der Faust dummerweise bei einem Festplattencrash im digitalen Orkus verschwunden wäre. Denn hier beginnt unsere Ratlosigkeit. Natürlich kannten wir schon einige der Texte, als sie nur im Web zu lesen waren. Die Zeitungsberichte, die über das Projekt erschienen und im Anhang des Buches wiedergegeben sind, die Laudatio der ARTE-Jury und auch der Vorwortschreiber Dr. Roberto Simanowski, Herausgeber der renommierten Website Dichtung Digital, sie alle betonen die Verbindung von Internet und Buch, zitieren Ausschnitte aus dem Inhalt, zitieren sich gegenseitig und drücken sich - bei Simanowski am deutlichsten zu merken - um einen nicht unwichtigen Punkt: um die literarische Bewertung der Texte, um die Frage, was der unbedarfte Leser, der vielleicht nicht mit einem Tagebuch-Autor verwandt ist und der wenig über den Ursprung der Texte weiß, von diesem Buch hat? Kurz: Lohnt es sich, das Buch zu lesen? Oder ist es nur der Versuch, durch den Druck die Texte vor der Flüchtigkeit des Internet zu retten? Wenn eine Besprechung des Buches für die Allgemeinheit erfolgen soll, dann kann sie nur unter diesem Aspekt geschehen. Also haben wir Malte Bremer gebeten, der ansonsten in seiner Rubrik Texte von Gästen des Literatur-Café bespricht, sich das Buch anzusehen. Hier sein Ergebnis.


Medienkunst. Eigentum und Aneignung, Hackertum und Geschäftsmodell. Von Waltraud Schwab, FAZ.NET, 12.02.01

"(...) Ähnliches berichtet Enno E. Peter vom Berliner Zimmer. Mit seinen Projekten soll die Internetliteratur, die die Stringenz des Lesens und die Autorität des Autors radikal in Frage stellt, endlich zum anerkannten Genre werden. Einem ,dem per Abonnementgebühren oder Verlagskooperationen letztlich auch Geld zufließt. (...)


Der Tagesspiegel, Interaktiv, 9. Februar 2001

Mein Pixel-Ich

"tage-bau", Schreiben am Tag, ist ein literarisches Online-Tagebuch, das im Rahmen des virtuellen Salons Berliner Zimmer herausgekommen ist. Im Herbst 2000 erhielten 25 Teilnehmer des Projektes den Innovationspreis beim them@-Literatur-Wettbewerb des Kultursenders Arte. Ihr Thema: "Mein Pixel-Ich". Es geht um Flirten um Cyberspace, Online-Shopping, das Leben in virtuellen Communities - die Themen der "jetzt"-Generation. Ampool.de macht das auch. Darum lohnt es sich, in Online-Literatur zu blättern: Rede und Gegenrede, Kommentare, einem Briefwechsel vergleichbar. Wer das Ganze lieber in den Händen hielt, kauft sich die Anthologie als Buch.

Die Seite finden Sie unter: www.tage-bau.de 

(meh)


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Ein literarisches Online-Tagebuch: Mein Pixel-Ich

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