|
2000

|
Literarische Blüten im Netz, von
Sarah Kramer, 29.11.2000, Berliner Zeitung, Rubrik Multimedia
Beim Berliner Netz-Projekt
"tage-bau" kann jeder Geschichten veröffentlichen
Unter einem Tagebau versteht man
gewöhnlich die Gewinnung von natürlichen Ressourcen. Ein Tagebau der
anderen Art findet sich seit vergangenem Jahr im Internet. Unter
www.tage-bau.de schreiben deutschsprachige Hobby- und Profiautoren in
ein virtuelles, literarisches Tagebuch. Wer selbst keine Texte
verfassen möchte, kann auch nur im Online-Tagebuch lesen, Kommentare
zu einzelnen Beiträgen abgeben oder via E-Mail direkt mit den Autoren
kommunizieren. Der tage-bau findet nicht nur bei den Teilnehmern
Zuspruch: Kürzlich wurde das nicht-kommerzielle Projekt beim
Them@-Literatur-Wettbewerb des Fernsehsenders Arte mit dem
Innovationspreis ausgezeichnet.
Als der tage-bau im November 1999
online ging, war das Interesse für das kollaborative Schreibprojekt
noch recht gering: nur rund ein Dutzend Leute ließen sich bei
tage-bau-Herausgeber Enno E. Peter als Autoren registrieren.
Mittlerweile sind es 50 geworden, und die Site hat am Tag im Schnitt
300 Besucher. Peter, der selbst Gedichte und Prosa verfasst, hat
dafür zwei Erklärungen. "Einerseits liegt der Reiz sicherlich
in der tagesaktuellen Reflexion der Autoren, die sich niemals
wiederholt. Zum anderen kann man beim tage-bau quasi einem Autor bei
seiner Arbeit zuschauen."
Im Prinzip kann jeder schreiben, was er
möchte; manchmal legen die Teilnehmer des Online-Tagebuchs aber auch
"Wochenthemen" fest. So ergibt sich eine vielfältige
Themenstruktur: Mal geht es um die Einsamkeit in der Großstadt, mal
um den Kampf mit Verlegern oder um eine Begegnung in der Straßenbahn.
Die meisten Autoren schreiben aus Deutschland, einige auch aus dem
Ausland.
Eine Autorin stellt ihre Texte am
anderen Ende der Welt in den tage-bau: Sie berichtet von ihrem
täglichen Leben im fernen Laos. Ein anderer Tagebauer, der in
Südengland Rosen züchtet, überschreibt seine Beiträge mit "gardening"
und stellt außer den Texten auch Bilder seiner geliebten Pflanzen ins
Netz.
Und anders als bei anderen
Internet-Literaturprojekten kann beim tage-bau jeder mitmachen:
"Unser Zirkel ist offen", sagt Peter.
Wer mitschreiben möchte: www.tage-bau.de
http://www.BerlinOnline.de/aktuelles/berliner_zeitung/multimedia/.html/29artik01.html

|
|
Das Pixel-Ich schwitzte von Aram
Lintzel 13.11.2000 (Telepolis, magazin der netzkultur)
Offline-Lesung von tage-bau.de im
Prenzlauer Berg
Aus dem Netz in die Kneipe: Einen
riskanten Medienwechsel wagte das Online-Literaturprojekt tagebau -
Schreiben am Tag am Samstagabend. Mit einem Teil des beim arte-them@-Literatur-Wettbewerb
( Darf es etwas mehr als zwei Groschen sein?) gewonnenen
"Innovationspreises" von 1.500 Euro veranstalteten die
beiden Herausgeber Sabrina Ortmann und Enno E. Peter eine Lesung mit
12 der 26 Tagebau-Autoren, die vom 16. August bis zum 18. Oktober 2000
an dem Wettbewerb zum Thema Mein Pixel-Ich teilgenommen hatten. Im
kuscheligen, mit Kerzen beleuchteten Hinterzimmer des Café Walden
warteten die zahlreich erschienenen Gäste gespannt, wie sich die
Pixel-Ichs im realen Raum präsentieren würden.
"Heizung aus!", rief einer
der Autoren gequält, während sich die Besucher noch ihre
Sitzgelegenheiten organisierten. Ein latentes Unwohlsein angesichts
der körperlichen Bedrängnis in dem überhitzten Kneipenraum ließ
sich auch bei den anderen Online-Literaten bemerken. Bisher hatten sie
ihr Handwerk schließlich in elektronischer Einsamkeit betrieben; die
salonhafte Öffentlichkeit mit Redezwang und Zigarre rauchenden
Bohemiens war für einige eine sichtlich neue Erfahrung. Angespannt
saßen die Schreiberlinge rechteckig angeordnet im vorderen Teil des
Raumes - ob das, was da kommt wohl gut gehen würde? Als erster begab
sich Enno E. Peter auf die wackelig wirkende Mini-Bühne, die wie ein
Anlegesteg diagonal in den kleinen Raum ragte. Die meisten Autoren
hätten sich gerade erst kennengelernt, weshalb die Veranstaltung eine
eher experimentelle Angelegenheit sei, so Peter in seiner
Einführungsrede. Und die ortsspezifische Mythologie beschwörend,
fügte er hinzu: "Im Prenzlauer Berg im Jahre 2000 kann man so
was aber ruhig machen."
Sodann drückte er auf die Taste eines
kleinen Ghettoblasters und es erklang eine trashige Heimorgelversion
von Born To Be Alive - ein Titel, der die kulturpessimistische Tendenz
der folgenden Vorträge schon mal mehr oder minder verhohlen
antrailerte - nach dem Motto: es gibt kein richtiges Leben im
virtuellen oder - wie Enno E. Peter es später formulierte:
"'Echt' ist im Gegensatz zu 'virtuell' ein ehrliches Wort".
Das Audiotape mit ulkigen Cheapo-Versionen bekannter Gassenhauer (von
Abba bis Soft Cell) diente ab sofort als Überbrückungsmedium für
die einzelnen Vorträge der im übrigen ausschließlich
deutschsprachigen Autoren - die Tagebau-Mitglieder aus England und
Laos waren leider nicht angereist. Dass sich die Tagebauer trotz der
knappen Kennenlernphase schon zu einer verschworenen Gemeinschaft
zusammengefunden hatten, wurde deutlich, als der erste Vorleser
Andreas Trostmann ("Seelsorger") darauf hinwies, dass er
noch nie am Mikro gesprochen habe: Solidarisch aufmunternd klatschten
ihm seine mit provisorischen Namensschildern gekennzeichneten
LeidensgenossInnen zu. Trostmanns schwungvolle Lesung seiner
"Bewerbungsmail" an Sabrina Ortmann und Enno E. Peter
führte didaktisch in das thematische Feld von "Mein
Pixel-Ich" ein: Die Reflexion über das gespaltene Ich, das
zwischen "realer" und "virtueller" Welt hin und
her schwebt, sollte der rote Faden der 12 Vorträge sein. "Ich
bin drin und gleichzeitig bin ich draußen", so drückte Martina
Peter ("Nav Net") später die schizophrene Seinsweise des
Pixel-Ichs aus.
Allein Christine Asiaban ("tallinn")
und Thomas Kutzli ("buh") durchbrachen den Imperativ der
Medienselbst-Reflexion. Auch als einzige setzten sie sich zu zweit auf
die schmale Bühne. Damit wurden sie der Auszeichnung der Arte-Jury am
meisten gerecht, hatte diese ihre Verleihung doch mit "der
Spannung, die durch Rede und Gegenrede sowie die dazugehörigen
Kommentare" entstehe, begründet. Dialogisch und mit Umwegen
über französische und italienische Literatur entwarfen Asiaban und
Kutzli ein metaphysisches Sprachuniversum, dessen existentielle
Seinsfragen den Rahmen "Ich und das Netz" furios sprengten.
Allerdings wirkte der ambitionierte Vortrag bisweilen doch etwas arg
manieriert und pathetisch. Und weil er der mit Abstand längste
Beitrag war, machte sich im Publikum alsbald ungeduldige Unruhe breit.
Wesentlich amüsanter war da fraglos Wilfried Salus Bieneks ("bientexter")
Farce über den "Papst im Chat". Bieneks komische
Spekulationen über die Frage, was passieren könnte, wenn man sich in
einem ansexualisierten jugendlichen Chat-Room als Papst ausgibt,
ernteten am meisten Gelächter.
Was Bienek gelang, schafften nicht
alle: den Transfer der Online-Textformen in den realen Raum. Dabei
betonten fast alle Sprecher im oben erwähnten kulturpessimistischen
Tenor, dass es in der physischen Welt doch irgendwie echter und
authentischer zugehe. So klagte Betty Bienenstich, dass im Netz
"zu wenig Zeit für die Körper" bleibe. Möglicherweise lag
eben in dieser Echtheitsunterstellung das Problem der Veranstaltung:
Denn wenn es per se gut ist, wenn "richtige Menschen"
aufeinanderprallen, dann liegt es nahe, die Regeln von Inszenierung
und Performance zu ignorieren. Spannend und im guten Sinne
"künstlich" war aber der Lesestil von Martina Peter ("Nav
Neet"), die jedoch auch anders als die anderen professionell als
Schriftstellerin arbeitet. Der Großteil der Lesetour aber wurde dem
Medium Kneipe kaum gerecht. Ganz im Gegensatz zu der anschließenden
Tagebau-Party, bei der im Sinne des Datums 11.11. fröhlich geschwooft
und die Kommentarfunktion betätigt werden durfte. Das von den 1.500
Euro übrig gebliebene Geld wird übrigens für eine Pixel-Ich-Anthologie
verwendet, die noch in diesem Jahr erscheinen soll.
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/on/4247/1.html

|
|
...

tv today
|
|
|
Erosa ist ein Online-Magazin welches in der fünften Ausgabe
erschienen ist. Über 10 Geschichten und Gedichte können Sie derzeit
dort abrufen, gespickt mir erotischen Bildern ergeben die Texte ein
schönes Layout. Aber darauf kommt es in diesem Fall nicht einmal an,
denn die Texte von den Redakteuren sind ja wichtiger als 1000 Bilder.
Auch Sie können Ihre Geschichten und Gedichte an die Redaktion senden
und wer weiß, vielleicht ist Ihr Beitrag eines Tages auch dabei.
Schade nur das die nächste Ausgabe von Erosa erst online geht nachdem
1000,- DM auf dem Konto vom Seitenbetreiber sind. Klar sollten die
Redakteure für Ihre Leistungen auch belohnt werden, aber es gibt mit
Sicherheit noch einige die dieses Magazin als Chance nehmen entdeckt
zu werden und vielleicht als Referenz darzustellen.
Vielleicht haben die Betreiber ja Glück.
...
www.napes.de
(Seite stürzt mit Netscape ab!)
|
|
|
(Berlin im Click. Die besten Internet-Adressen. Mini TIP Magazin.
Ein Service des TIP Berlin Magazins. August 2000) |

Com-Online 9/2000
|
|

Der Beitrag über den Tagebau und das Interview mit Enno E.
Peter in Radio Eins, 10. Juni 2000
Download
|

Durchgangsseiten (von Ulf Schleth)
Willkommen im Berliner Zimmer. Hier können
Sie, wenn Sie wollen und einen ordentlichen Lebenslauf zustandekriegen, Ihre Landschaftsaquarelle und romantischen
Schwarzweißfotografien ins Netz stellen.
Das nennt sich dann Salon im Netz und Forum für den Austausch. Und eigentlich soll es um Literatur gehen.
Die www.berlinerzimmer.de-Seiten sind solche
Seiten, von denen man sich zunächst viel verspricht, weil sie nach einer guten Idee
klingen. Und die dann erstmal nichts halten. Es kann ein paar Stunden dauern, bis man den
Aufbau der Seite versteht. Viel Information schlecht organisiert, man verliert sich
schnell beim langen Scrollen. Besser ist es, gezielt zu suchen. Dann werden für
Literaturstudenten doch einige Hausarbeiten auffindbar.
Über die Realität
der Massenmedien und das Publizieren ohne Papier
zum Beispiel. Eine studienbegleitende Netzlektüre, sozusagen.
Ich nehme lieber die Haltung des Flaneurs ein, dennoch interessiert mich, was die
Suchmaschine zum Thema "Sex" findet. Ich lese Sätze wie: "Sex. Das ist
eigentlich ganz einfach. Rein und raus." und flüchte. Nächster Versuch ist "EROSA". Ein kläglicher Zensurversuch
lässt mich wählen, ob ich schon alt genug bin, erotische Inhalte zu verkraften. Ich bin
noch keine 18, mir werden die anderen Inhalte des Berliner Zimmers empfohlen. Daran habe
ich keine große Freude. Ich warte lange, bis Fotos von Kircheninnereien und Katzen
erscheinen. Frage mich, ob Gebirgsaquarelle von
prämenopausalen Kurzhaarschnitträgerinnen auch Literatur sind.
So an einen erweiterten Literaturbegriff langsam gewöhnt, stoße ich auf die Seite von Enno E. Peter. Endlich kann ich
zwischen Prosa und Lyrik wählen. Überfliegen reicht. Geistesergüsse und Bilder von
toten Tieren. Ich beschließe, jetzt mindestens 18 zu sein und wühle mich zurück zu
Erosa. Langsam wird es spannend. Textauszüge aus erotischer Literatur verleiten zum
Vertiefen. Von der Beschreibung eines "Wiesenficks"
zur lyrischen Beschreibung eines einsamen onanistischen Moments. Es ist und bleibt: Sex
sells.
(Junge Welt, 29./30. April/1. Mai 2000,
Wochenendbeilage "faulheit & arbeit", S. 14.)

|
Das Interview von Sabrina Ortmann
am 4.3.2000 im Deutschlandfunk zum Download (900kb)
|
| "Das
»Berliner Zimmer« ist ein virtueller Salon, in dem sich Künstler und Literaten zum
Austausch treffen. Ganz im Stil der alten Salons des 19. Jahrhunderts, die manches Mal zur
Keimzelle neuer Entwicklungen wurden. Auf den virtuellen Lesetischen des Berliner Zimmers
liegt unter anderem Erosa aus. Das e-Zine für erotische Literatur veröffentlicht
erotische Kurzgeschichten, Gedichte und Bilder. Die Autoren sind größtenteils keine
Vollzeit-Literaten, sondern rekrutieren sich aus den unterschiedlichsten Professionen. Die
Texte können heruntergeladen werden, und das ist gut ? wer wuchtet schon gerne seinen
Monitor unter die Bettdecke?" Tomorrow 3/2000
|
"... Beim Berliner Zimmer kommen Schreibende gänzlich unzensiert auf ihre
Kosten. Seit neuestem tragen dort rund 50 aktive Teilnehmer zum Tagebau bei.
Dieses Online-Tagebuch sammelt Notizen zu persönlichen Erlebnissen oder zum
Zeitgeschehen. Tagebau erfreut sich unter den Surfern steigender Beliebtheit.
Zur Zeit werden pro Tag etwa 200 Zugriffe gezählt, im gesamten Berliner Zimmer sind es
rund 1300. Auch Theoretiker kommen auf ihre Kosten: Texte wie die Seminararbeit:
Elektronische Literatur: Kreativität oder Chaos? stehen zum Download bereit.
..."
Süddeutschen
Zeitung, Cebit-Beilage, 23.2.2000
|

Robert Simanowski in Dichtung Digital, 30. Dezember 99:
(...)
Grigat stellt diese Mail ganz zurecht in den Prolog zu "23:40", denn er kann auf
einen zugkräftigen Leitgedanken für ein gemeinsames Schaffen verweisen. Auch Jan Ulrich
Hasecke kann dies mit seinem "Generationenprojekt", und ebenso können es
Sabrina Ortmann und Enno E. Peter mit ihrem kollektiven Online-Tagbuch "Tagebau", in dem jeder seine
Erlebnisse oder Gefühle am aktuellen Tag veröffentlichen kann. (Dieses noch recht junge
Projekt (Start war der 14. 11. 99) bietet eine erfrischende Mischung von allem:
Augenblicksbeschreibungen, Gedankensplitter, selbstverfasste Gedichte, einen Geschichte
über Rozzos Erlebnisse als tägliche Fortsetzung in der 3. Person, Liebeskummer,
Alltagsstress und mit dem Laotischen Tagebuch selbst ein Tagebuch im Tagebuch. Im
Unterschied zu den beiden besprochenen Schreibprojekten kann man hier jede Eintragung auch
kommentieren, was v.a. im Falle des
Liebeskummers einen praktischen, gemeinschaftsstiftenden Effekt hat.) Ob in der Ordnung
von Jahresringen, von Tageszeiten oder von konkreten Tagen - es wird das Sprechbedürfnis
all jener bedient, die an diesem speziellen Ort, einem URL im Internet, sich
zusammenfinden; und überall drängt sich Geschichte von unten herauf. Öffentliches
Erinnern scheint In zu sein. Betrachten wir abschließend genauer dessen Funktion.
(...)
Was hier allgemein ausgesagt wird über den Zusammenhang von
Alltag und Sinn, Tag und Geschichte, das wird im "Generationenprojekt" im
Hinblick auf die erlebte Zeit der gegenwärtigen Generationen praktiziert und das scheint
in Guido Grigats Schreibprojekt "23:40" auf die Einheit Tag im wörtlichen Sinne
angewandt. Ortmanns und Peters "Tagebau" schließlich verbindet das kollektive
Beschreiben der Zeit bei Hasecke mit der zeitlichen Strukturierung nach Tagen in
Solo-Unternehmen wie Claudia Klingers "Web-Diary". Die Bedeutsamkeit des Tages
bzw. Jahres ist konsensuelle Grundlage in allen genannten Projekten. Die gemeinschaftliche
Form des Ausbruchs aus den engen Zeitgrenzen des Alltags wird v.a. in den kollektiven
Schreibprojekten plastisch durch den möglichen Rollentausch zwischen Leser und Autor.
Inwiefern transzendieren nun diese Schreibprojekte im Dienst des kollektiven
Gedächtnisses die ephemere Verfassung des Menschen?
(...)
Die Erinnerungsprojekte des Netzes dagegen sind zunächst die
gesammelten Erfahrungen eines ganz bestimmten Teils der Bevölkerung, der spezifische
kulturelle Verfahrensweisen besitzt, zu denen die Kommunikation via E-Mail gehört, die
Hypertextstruktur und die unmittelbare Zugänglichkeit von Verweisen. Der Effekt dieser
Verfahrensweisen sind erhöhte Geschwindigkeit, kleine Texteinheiten und Wiederverwertung
von Texten; im Reich des Digitalen können Privattexte mit geringem Aufwand für
verschiedene Adressaten, einschließlich öffentliche Schreibprojekte verändert werden.
Digitalität und Online-Charakter der Kommunikation ermöglichen das Erstellen und
Versenden von Texten gewissermaßen aus einer freien Minute zwischen anderen Verrichtungen
heraus. Die Erinnerungsprojekte selbst fördern die 'Diät' der Texte zum Teil noch, wenn
sie eine Maximallänge der Beiträge vorgeben entweder durch die zeitliche Begrenzung
("23:40") oder durch die Begrenzung der Wortzahl ("Tagebau"). ( Im
"Tagebau" beträgt die maximale Zeichenzahl 1 500; Haseckes
"Generationenprojekt" setzt dagegen keine Beschränkung, was denn auch längeren
Texten wie Ziad Zaki Mahaynis "Der letzte Fingerzeig" über S.W. awking mit 27
000 Zeichen eine Chance gibt.) Das Ergebnis ist Erinnern im Rhythmus von MTV.
In Anbetracht der kurzen, aus dem Alltag produzierten und zumeist nur den Alltag
spiegelnden Texte kollektiver Schreibprojekte mag man die Banalität dessen monieren, was
da in das kollektive Gedächtnis im Netz eingelagert werden soll. Abgesehen davon, dass
man auf diese Weise leicht jenen Beiträgen Unrecht tut, die in durchaus überzeugender
Weise Momente des Alltags vermitteln, (Dazu gehören nicht nur die tiefsinnigen
Alltagsbeschreibungen des Schriftstellers Ingo Schramm im "Tagebau" oder die
beschriebene Gedenkminute in "23:40", auch Sabrina Ortmanns staccato
eingehämmerte
Nachricht über den Tag (2. 12. 23:11) fängt das zugrundeliegende Lebensgefühl recht
plastisch ein. ) verkennt man damit aber möglicherweise die Intention dieser Projekte.
Vielleicht geht es überhaupt nicht ums Erinnern, vielleicht geht es von Anfang an ums
Vergessen. '
Ein Phänomen der 'Kommunikationsgemeinschaften' des Netzes ist, dass sich diese
Gemeinschaften unter einem bestimmten Leitgedanken bilden. Im
"Generationenprojekt" und in "23:40" ist es das Notieren von
Erinnerungen bzw. Erlebnissen, die erinnert werden sollen. Beim "Tagebau" ist es
weniger das Erinnern als das Festhalten des Gegenwärtigen. Aber im Grunde geht es in
erster Linie gar nicht ums Erinnern oder Dokumentieren, sondern ums Äußern. So spricht
Grigat in seiner Wendung ans Publikum zwar zunächst von Erinnerungen, nimmt dann jedoch
auch erfundene Kurzgeschichten auf und ermuntert geradezu: "Wenn Sie keine
Erinnerungen haben, schaffen Sie welche!" (4) Im "Tagebau" gibt es zwar
keinen Blankoschein, ( "Ideal wären Bezugnahmen, Gedanken, etc. auf aktuelle
Geschehnisse.
Möglich ist genauso "freie oder private Literatur", die aber unbedingt einen
erkennbaren Bezug zu dem aktuellen Tag erkennen lässt.") aber die Verpflichtung auf
den aktuellen Tag bleibt recht vage und ist dann bei den vielen vorfindbaren Gedichten
ebenso unkenntlich wie bei den Texten über Rozzo.
(...)
Ins Netz schreiben heisst "zum Nachweis der eigenen
Existenz ein Zeichen von sich hinterlassen". (11) Da dieses Zeichen im digitalen
Datenüberschuss schneller verlischt als die guten alten Markierungen in Baumrinden, wirkt
der Nachweis v.a. selbstbezüglich und augenblicklich. In den Schreibprojekten, auch in
jenen, die programmatisch dem Erinnern dienen wollen, wird nicht für die Zukunft
geschrieben, sondern für die Gegenwart. Die 'Erinnerungsgemeinschaften' sind
Zweckbündnisse, denen es in erster Linie um Zughörigkeit geht. Am deutlichsten wird dies
im "Assoziations-Blaster", der gar keinen anderen Leitgedanken hat als die
Assoziation von Begriffen, die im Grunde auf die 'Association der Autoren' zielt.(12) Die
Frage, wer spricht, mag dabei von so geringem Wert sein, dass die Anonymität gelegentlich
zum Standard wird. Die Frage, wer erinnert, ist angesichts der Überproduktion an
öffentlicher Rede im Netz wahrscheinlich ohnehin erst gar nicht zu stellen. Und manche
Leiter solcher Schreibprojekte sagen es frei heraus: auf das Jetzt kommt es an, ins Archiv
schaut ohnehin kaum jemand. (Sabrina Ortmann in der Mailingliste Netzliteratur.de am 29.
11. 99: das Jetzt ist beim Internet glaube ich ganz wichig. Der
Tagebau hat ja ein ähnliches Prinzip. Es macht Spass, am aktuellen Tag dort
rein zu lesen, die letzten drei Tage sind sichtbar, der Rest wandert ins Archiv. Aus
unserer Statistik wissen wir, dass dieses Archiv nur wenige ansehen, obwohl der Tagebau
ca. 200 Leser am Tag hat. Vielleicht haben solche Projekte denselben Effekt wie eine
Tageszeitung: nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern.) Handfeste Projekte,
die sich zwar des Internet bedienen, das zusammengetragene Erinnerungsmaterial dann aber
lieber der Erde als dem digitalen Archiv anvertrauen, werden mehr Aussicht auf Erfolg
haben, schon deswegen, weil sie deutlichere Erinnerungszeichen daran hinterlassen, dass es
etwas zu erinnern gibt.(14)
(Zum
vollständigen Originaltext)

|
|
Zum Seitenanfang |