Sprecher lesen ihre Texte zur Not auch vom Bierdeckel.
Ich habe Spottexte schon als SMS bekommen. Hier dennoch ein paar Tips,
die bei einer Aufnahme Zeit und damit Geld sparen.
Wie Sie Sprechern die Arbeit erleichtern:
-Texte vor der Aufnahme emailen! So hat man in der U-Bahn keine
Langeweile und kommt zur Aufnahme optimal vorbereitet. - In der Mail
Termin + Uhrzeit bestätigen und genaue Adresse sowie Telefonnummer des
Tonstudios angeben. Erfahrungsgemäß verirrt man sich bei
Gewerbeadressen gerne auf den letzten 30 Metern im falschen Hinterhof
oder so. In diese Mail gehört auch die genaue Rechnungsanschrift, eine
etwaige Abrechnungsnummer etc. - Sprechtexte am besten als rtf-Datei
(optimale Kompatibilität) anhängen oder ganz simpel in die Email
kopieren. (Ich formatiere mir die Texte manchmal um, damit zb ein Satz
nicht über zwei Seiten geht. Außerdem arbeite ich am liebsten mit
einer 13er Arial als Font. Serifenschriften wie Times New Roman finde
ich nicht gut lesbar. Mit einer pdf-Datei geht Umformatieren schon mal
gar nicht). - Timecode (wenn er stimmt). Dabei aber bitte nur Minuten
und Sekunden angeben. Also nicht etwa 10:02:05:18 sondern 02.05 -
Hilfreich ist es, die branchenüblichen Honorare zumindest grob zu
kennen. Je nach Budget ist natürlich mal weniger, mal mehr im Topf,
aber Anfragen wie jüngst für ein Casting, bei dem es einen Auftrag
für zwei Imagefilme (Deutsch+Englisch) für ingesamt 25 Euro (!) zu
gewinnen gab, oder das Angebot für einen bundesweiten TV-Spot mit
unbegrenztem "buy out" für 150 Euro, wird kein seriöser
Kollege annehmen können. - Sollen Aufnahmen per ftp oder als
Datenanhang empfangen werden, sollte vorher unbedingt überprüft
werden, ob genug Platz auf dem Server ist und auch kein Spamfilter im
Maildienstdie die oft großen Dateien gleich wieder rauskickt. Es kam
schon vor, daß Kunden dringende Aufnahmen aus diesem Grund nicht
rechtzeitig erhielten. - Sollen Dateien übertragen werden, muß ganz
klar sein, in welchem Format, welcher Auflösung und geg. welchem codec.
Bitte solche Infos ebenfalls vor der Aufnahme mailen. - Sollte sich die
Aufnahme zb kurzfristig um eine halbe Stunde nach hinten verschieben
(was im Studio immer mal vorkommen kann), freuen sich Sprecher über
einen kurzen Anruf. - In kleinen Sprechkaninen mit Saunaeffekt sorgen
Energiesparlampen statt normaler Glühbirnen für erträgliche
Temperaturen. Gut ist es wenn wählen kann, ob man sitzen oder stehen
möchte. Teaser/Trailer zb sprechen sich besser im Stehen, weil man mehr
Power aus dem Zwerchfell holen kann, man mehr Timbre hat und die Stimme
weniger "knarzt". - Über Kopien gelungener Projekte oder mp3s
(max. 3 MB) an sprechdemos@web.de freue ich mich übrigens immer.
Wie Sie Sprechern die Arbeit erschweren können:
Nachrichten auf Anrufbeantworter/Mailbox á la "Hallo, mit
unserem Termin ändert sich was, Ruf mal dringend zurück" (Welcher
Termin? Wer rief an? Rückrufnummer?) - Eher exotische Schrifttypen oder
Dateiformate wie pdf und xls. Selbst Worddateien sind nicht
unproblematisch, da nicht abwärtskompatibel (Thank you, Bill!), zudem
enthalten sie gerne mal Makroviren. - Fette Dateianhänge ohne
Vorankündigung schicken, die auch nur mit ganz bestimmten Playern/Programmen
zu öffnen sind. - Texte in Tabellenform, Blocksatz, mikroskopische
Schriftgrößen. - Kein Timecode (obschon besser als ein völlig
falscher Timecode). - Fax-Texte und schlechte Fotokopien. Übermäßige
handschriftliche Korrekturen (siehe Beispiel). - Übersetzte Texte, die
nicht vor der Aufnahme auf den Film gegengelesen wurden. Dieses Problem
erweist sich immer wieder als Zeitfresser Nr.1 im Studio, da aufwendig
redigiert und gekürzt werden muß. Außerdem will ja der Praktikant
auch was tun haben ;-) -Informationen im Sprechtext (vielleicht sogar
ohne Klammer), die nicht gelesen werden sollen und auch keine
Regieanweisungen sind. Wenn ich "prima vista" Beiträge 10
Minuten vor der Ausstrahlung einspreche, kann es durchaus passieren,
daß ich Stolperfallen wie "Eigendreh", "Archiv"
oder Gema-Angaben mitspreche, wenn sie ungekennzeichnet mitten im Text
stehen. - Besonders für solche knappen Aufnahmen ohne Einlesezeit ist
eine vernünftige Interpunktion sehr wichtig! Es ist dabei völlig
wurst, wenn mal ein Komma fehlt. Aber wirklich problematisch wird es,
wenn sich statt Punkten am Satzende zb nur noch Gedankenstriche finden
(auch wenn´s vielleicht Gedankenreichtum implizieren soll). Am Satzende
-sprich: wenn ich einen Punkt sehe- darf ich atmen und ganz ohne Luft
geht's nicht. Kommas können auch Atempausen sein und sind schon deshalb
hilfreich. - Die Betonung muß auf ein bestimmtes Wort? Einfach
unterstreichen bzw. kursiv oder fett drucken. - Zitate ohne
Anführungszeichen können, wenn´s eilt, beim ersten take suboptimal
geraten. Doppelpunkte sind auch oft hilfreich (Aufzählungen o.ä). -
Bindestriche, die mit Gedankenstrichen verwechselt werden, machen sich
schon mal als krumme Betonung bemerkbar. Bei Gedankenstrichen machen
Sprecher eine kurze Pause (für den Gedanken eben), bei Bindestrichen
nicht. Ein Bindestrich steht anders als der Gedankenstrich ohne Abstand
(!) zwischen zwei Worten, zb "Computer-Zubehör" und eben
nicht "Computer - Zubehör". Eine kleine Sprechpause ist
natürlich auch zwischen einzelnen Worten angesagt. Aus dem
Amerkanischen bürgert sich leider die Unsitte ein, zusammengesetzte
Substantive als separate Worte zu schreiben, also "Motor
Inspektion" anstatt "Motorinspektion" (oder von mir aus
auch "Motor-Inspektion") - ebenfalls für´s korrekte Sprechen
nicht gerade hilfreich. - Ich persönlich finde die Neue Rechtschreibung
für meine Arbeit kontraproduktiv. Beispiel: zusammengesetzte Verben,
die nun auseinander geschrieben werden sollen. Dabei gibt es doch einen
Unterschied zwischen "zusammenkommen" und "zusammen
kommen", oder? Und kommt zb das Adverb "aufwendig" (neu:auwändig)
wirklich von "Wand"? Warum spricht man´s dann mit
"E" wie "Ernte" und nicht mit "Ä" wie
"Mädchen"?
Warum ich diesen ganzen Kleinkram erwähne? Ganz einfach: weil es als
Sprecher mein wichtigstes Ziel ist (und mir außerdem Freude macht), den
Text und damit die Botschaft des Auftraggebers optimal rüberzubringen.
Und das geht am besten, wenn ich nicht mit dem Erscheinungsbild des
Textes und dem Drumherum zu "kämpfen" habe, sondern mich voll
auf die Interpretation konzentrieren kann.
Was Sprecher relativ egal ist: -Textänderungen nach dem
Aufnahmetermin. Retakes kosten extra. - Die Wahl des Equipments. Ob
Minidisk-Rekorder oder Pro Tools - Profi wird man durch das was man kann
und nicht durch das was man hat.
Was Sprecher wirklich nervt (sorry, aber das muß ich mal loswerden):
Stichwort "Scheinselbständigkeit". Ich habe 3 verschiedene
Berufe (Sprecher, Autor, Übersetzer), eine Festangestellte, arbeitete
2002 für über 50 Auftraggeber im In- und Ausland, bin in der KSK
versichert und bei Google gibt's etwa 700 Hits für "Viktor
Pavel". Trotzdem soll ich laut BfA zb bei einer Firma, für die ich
gerade mal 10 Stunden monatlich tätig bin, arbeitnehmerähnlich sein
und Sozialabgaben abdrücken. Also ich sehe bei meiner Tätigkeit keine
große Ähnlichkeit zu Festangestellten (wo bitte sind meine Sonntags-
und Nachtzuschläge, 13. Monatsgehalt, Überstundenvergütung,
Bildungsurlaub, Urlaubs- und Weihnachtsgeld?). Da erbringt man eine sog.
"Künstlerbescheinigung" vom Finanzamt und die BfA meint dazu
in Gutsherrenmanier: interessiert uns nicht, wir sehen das anders. Es
wird argumentiert, daß man als Sprecher ja nur fremde Texte vorliest
(deswegen kann den Job ja auch jeder machen wie man sieht). Ganz im
Gegensatz zu -sagen wir- einem Chirurgen, der natürlich völlig frei
und kreativ entscheidet, ob er Frau Müller heute die Niere oder die
Milz rausnimmt.
Ein weitere Fehlentwicklung durch diese Gesetzgebung: Feste Freie wie
Cutter werden nach einiger Zeit vorsorglich entlassen, damit sie sich
nicht "einklagen" können. Ergebnis Arbeitsplätze werden
vernichtet statt gesichert. Davon abgesehen: was bringt es denn, sich in
eine der Tochter-GmbHs großer Konzerne einzuklagen? Die sind, wenn´s
sein muß, mit einer Unterschrift plattgemacht und am nächsten Tag neu
gegründet. Die Freien gucken dann sowieso in die Röhre. Außerdem ist
"die Szene" klein. Wer sich einklagen will, schießt sich nur
selbst ins Knie. Die Lösung: eine GmbH gründen oder eine "Ich
AG", denn dann ist man automatisch nicht scheinselbständig, obwohl
man immer noch die gleiche Arbeit macht. (Pizza-Bote und Freiberufler
mit GmbH = selbständig, ohne = scheinselbständig). Ich dachte es geht
darum, ob die Tätigkeit arbeitnehmerähnlich
("weisungsgebunden", blabla) ist oder nicht.
Also liebe Regierung, was bei Reinigungskräften und
Berufskraftfahrern durchaus der sozialen Ansicherung dient, erschwert
Freiberuflern massiv das Leben. Und was sagt eigentlich Verdi dazu? Die
Gewerkschaft geht lieber gegen die Besteuerung von Weihnachtsgeld im
Öffentlichen Dienst auf die Straße statt sich ernsthaft für die
Rechte fester Freier einzusetzen. Das ist offenbar weniger populär, da
man ja, dem "gesunden Volksempfinden" nach, im Medienbereich
nur Besserverdiener antrifft.
Ein nicht unerheblicher Teil meiner Zeit geht z.Zt. für die
Abwicklung von BfA-Statusfeststellungverfahren drauf. Nachdem jedes
Beschäftigungsverhältnis einzeln zu prüfen ist, kann ich bei 50
Auftraggebern bald hauptberuflich auf Bürokrat umsatteln. Erst werden
Freie aus dem sozialen Netz gedrängt, müssen sich selbst absichern und
jetzt soll abkassiert werden. Wer hat denn die leeren Rentenkassen zu
verantworten? Bei allem verständlichen Aktionismus kurz vor Wahlen
dürfen Gesetzesvorhaben schon etwas durchdachter daherkommen. Ich
glaube, ich laß mir demnächst ein T-Shirt drucken mit der Aufschrift:
"Deutschland - einfach gut regiert!"
-Kollegen kennen sie: Sprüche wie "Warum verdienen Sprecher so
viel?" Ich will versuchen dieses Geheimnis zu lüften: Sprechen vor
dem Mikro macht ca. 25% meiner Arbeit als Sprecher aus. Wenn ich um 16
Uhr in eine Redaktion komme, habe ich meist schon 5 Std vor dem PC
gearbeitet -für lau. Zu den Arbeiten, die erst mal kein Geld bringen
sondern kosten (dazu sehr viel Zeit), gehören: Demos aufnehmen,
brennen, drucken, versenden, Online-Recherche/Promotion, Kaltaquise,
Castings, Networking/Kontaktpflege, Angebote und Rechnungen schreiben
bzw. Außenständen "hinterher rennen", andere Dienstleister
vermitteln, diverse Newsletter studieren, Texte redigieren, Bürokratie
(siehe BfA). Außerdem muß unsereins die gesamte soziale Absicherung
mit einspielen. Weshalb Festangestellte sich lieber auf ihr Weihnachts-
und Urlaubsgeld etc. freuen sollten als Sprecher um ihr Honorar zu
beneiden. Und daß ich in 10 Jahren keinen einzigen Termin wegen
Krankheit verpaßt habe, liegt nicht nur an meiner robusten
Gesundheit... Ich beklage mich keinesfalls, ich wollte einfach nur mal
sagen: Sprecher Pavel sitzt selten im Cafe sondern meistens vor´m PC.
An junge Menschen, die Off- oder Synchronsprecher werden wollen:
Werte Kollegen in spe: ich lese im Internet immer wieder Messages wie
"Hallo, ich bin Dieter, 17 Jahre alt und möchte als
Synchronsprecher arbeiten. Wo komme ich an Jobs?". Tja, und ich bin
der Viktor und würde gerne mal als Gehirnchirurg arbeiten. An wem kann
ich das ausprobieren? Aber mal im Ernst: es ist schon so, daß man im
Medienbereich für einige Berufsbilder keine klassische Ausbildung (mit
Diplom etc) haben muß und es sie oft auch nicht gibt. Dennoch sollte
man sein Handwerkszeug draufhaben, bevor man alle Tonstudios und
Synchronfirmen in seiner Stadt durchtelefoniert. Man bekommt
allerhöchstens eine einzige Chance, und wenn man´s da nicht wirklich
draufhat, merken sich das die Leute in den Studios auf Jahre. Ohne
Sprechunterricht bei einem guten Lehrer läuft schon mal gar nichts! Da
das Geld kostet und der Markt nicht gerade nach noch mehr Sprechern
lechzt, ist es sinnvoll, erst mal über ein Praktikum oder eine
Hospitanz bei Sprachaufnahmen dabei zu sein, um so in den Beruf
reinzuschnuppern. Wenn Ihr ein sicheres Einkommen oder gar Ruhm sucht,
mit extrem viel Papierkram und Klinkenputzen nichts am Hut habt, Kritik
nicht ernst sondern persönlich nehmt, Frust schlecht aushaltet oder eh
schon die Größten seid, dann ist der Sprecherberuf nichts für Euch.
Einen künstlerischen Beruf ergreift man am besten nur, wenn man für
sich erkennen mußte, daß dieser Weg der einzig mögliche für einen
ist.
Noch eine Bemerkung zum Schluß: ein guter Sprecher kann selbst ein
"Low Budget"-Produkt veredeln. Die Kollegen und ich haben
jahrelange Erfahrung, erledigen den Job schnell und holen das Optimale
aus dem Text heraus. Das spart teure Studiozeit und hilft die Deadline
einzuhalten. Daß der Inhalt des Gesagten in einem Gespräch lediglich
30% der "Wirkung" ausmacht (eine traurige Wahrheit für
Autoren), ist allgemein bekannt. Am Sprecher sparen, heißt also
wirklich an der falschen Stelle sparen; zumal die Honorare für die
Dienstleistungen unserer Zunft im Vergleich zum Gesamtbudget eines
Projektes vergleichsweise bescheiden sind. Warum also einen
15.000-Euro-Imagefilm mit einem 100-Euro-Sprecher verderben?
Auch nach 10 Jahren in diesem schönen Berufs gilt immer noch mein
claim: "Ich klinge teurer als ich bin".
In diesem Sinne. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen!
Viktor Pavel, Mai 2003