Neues aus der Wissenschaft

"Neues aus der Wissenschaft"

Kurzhörspiel von Viktor Pavel

Ort der Handlung ist das Sendestudio eines Radiosenders. Der Redakteur bespricht mit seinem Studiogast, Frau Dr. Hannssen, die letzten Einzelheiten. Gleich beginnt die Sendung.


Redakteur

Gut, Frau Dr. Hannssen, in 20 Sekunden sind wir auf Sendung. Nach dem Jingle mach' ich 'ne kleine Ansage, und dann kommen Sie. Achtung...

Kurzes Räuspern, Trinkgeräusche. Jingle, sachliche Männerstimme, darunter E-Musik (John Adams: "Harmonielehre",1.Satz, Nonesuch 7559-79115-2):


Stimme

Neues aus der Wissenschaft. Das Magazin um Forschung und Technik.


Redakteur

Heute mit einer Sondersendung zu jüngsten pharmazeutischen Entwicklungen, die schon sehr bald Einfluß auf unser aller Leben haben könnten. Unser geplanter Beitrag über Fullerene entfällt deshalb auf einen späteren Zeitpunkt. Zu Gast bei mir im Studio ist Frau Dr. Hannssen, Honorarprofessorin an der Universität Lübeck und verantwortlich für die Arzneimittelentwicklung eines großen deutschen Pharmakonzerns. Mein Name ist Peer DuMont. Frau Dr. Hannssen, Sie haben bei ihren Forschungen unlängst eine erstaunliche Entdeckung gemacht.


Hannssen

Das ist richtig. Bei der Entwicklung eines Schmerzmittels sind wir Auf eine nahezu perfekte Droge gestoßen, eine Droge von perfekter Subversion und scheinbar ohne Nebenwirkungen.


Redakteur

Was meinen Sie mit "perfekter Subversion"?


Hannssen

Nun, dazu muß man sich zunächst vor Augen führen, wem Drogen überhaupt nützen, warum es sie gibt und warum viele Drogen so vehement bekämpft werden, während zum Beispiel Alkohol vollkommen legal ist.


Redakteur

Den Profit streicht die Drogenmafia ein...


Hannssen

Aber das ist doch Kleingeld, Peanuts. Den eigentlichen Profit machen ganz legal Konzerne wie die Thoman AG.


Redakteur (leicht verwirrt)

Ihre Firma? Also ... das ist eine schwerwiegende Behauptung. Meinen Sie nicht,...


Hannssen

Ich will ihnen etwas sagen. Ich bin hier, um die Zuhörer zu warnen. Die Thoman AG hat die neue Droge bereits auf den Markt gebracht, ohne Zulassung, aber mit stiller Duldung durch die Bundesbehörden. Und zwar hat man die Droge einfach anderen Produkten beigemischt; ganz normalen Schmerztabletten, selbst Vitaminpräparaten. Die Marken kenne nicht mal ich. Auch was ich ihnen heute sage, ist streng geheim.


Redakteur

Ein riesiger Menschenversuch? Können Sie das beweisen?


Hannssen

Kein Versuch. Das Ergebnis steht bereits fest.


Redakteur

Und was bewirkt diese Droge beim Menschen?


Hannssen

Nichts, erst einmal gar nichts. Das Neuartige an dieser Droge ist, daß ihre Einnahme kaum bemerkt wird. Gut, Hebung des allgemeinen Wohlbefindens vielleicht, -unspezifische Symptome. Aber was der Konsument wirklich spürt, ist die Absetzung der Droge.


Redakteur

Frau Dr. Hannssen. Ich weiß nicht, ob ich ihnen da ganz folgen konnte. Ihre Firma setzt unwissende Menschen unter Drogen, die scheinbar keinen Effekt haben. Ist das richtig?


Hannssen (ungeduldig)

Sie stellen sich das zu simpel vor, Herr DuMont. Denken Sie mal weiter. Ein Beispiel: wußten Sie daß in den USA Hersteller von Haustiernahrung ihren Produkten Allkaloide beimischen, die die Tiere süchtig machen? Tja, und wenn Frauchen mal nicht Katzenfutter Marke Sowieso kauft, kommt das Tier auf Entzug und spielt verrückt. Das ist kein Witz.


Redakteur

Ja aber was hat das mit...


Hannssen

Lassen Sie mich ausreden. Erinnern Sie sich an die Studentenrevolten 68? Wir waren damals enorm engagiert, bis allmählich Unmengen von Haschisch und LSD billig auf den Markt kamen. Die Polizei schien das überhaupt nicht zu interessieren, seltsam nicht wahr. Und dann war es vorbei mit gesellschaftlichen Veränderungen. Die Aktivisten waren die ganze Zeit über high. Das meine ich mit subversiv. Drogen erhalten den Status Quo, weil sie den Willen und die Individualität des Konsumenten lähmen, und es ist selten der Durchschnittsbürger, der Drogen verfällt. Es sind zunehmend die intellektuellen und kulturellen Eliten.


Redakteur

Verstehe. Lassen Sie uns zum eigentlichen Thema zurückkommen, zu ihrer Droge. Was ist das Neuartige an ihrer Funktionsweise? Doch nicht nur, daß man davon nicht high wird... (lacht).


Hannssen

Konventionelle Drogen entfalten die gewünschte Wirkung bei der Einnahme, die Thoman-Droge bei ihrer Absetzung. Die Folgen sind Frustration, Streßsymptome, Gleichgültigkeit gegenüber sich und anderen –

der Betroffene "verroht".

Und während konventionelle Drogen bewußt und freiwillig eingenommen werden, wissen Sie bei der Thoman-Droge nie, ob sie nicht schon süchtig sind bis...


Redakteur

Ja bis was? Wem nützt denn das ganze?


Hannssen

Das ist der springende Punkt. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, es gibt -sagen wir- einen großen Streik. Was meinen Sie, wie schnell der zum erliegen kommt, wenn plötzlich in den Kopfwehpillen, in den Nasentropfen, der Babynahrung oder anderen x-beliebigen Produkten die Droge fehlt, hm? Das geht ganz fix. Oder die falsche Partei ist an der Macht: man nimmt einfach die Droge vom Markt, dann werden die nie wieder gewählt; nach vier Jahren Frust und Misere. So funktioniert das. Einfach und genial.


Redakteur

Aber das wäre ja eine Verschwörung gegen den Staat.


Hannssen

Doch wohl eher gegen seine Bürger.


Redakteur

Und Sie haben das erfunden?


Hannssen

Ich habe eine chemische Substanz entwickelt, das ist alles. Den Verwendungszweck bestimmen andere. Deswegen bin ich heute hier.


Redakteur

Ich glaube, wir haben genug gehört.


Hannssen

Ich bin noch nicht fertig.


Redakteur

Ich fürchte doch. (spricht in ein Mikrofon:) Sie können jetzt reinkommen. Wir haben alles auf Band.


Hannssen

Auf Band? Aber wir sind doch live; live auf Sendung!


Redakteur

Sicher, sicher. Ich will den Beitrag nur noch mal vorher redigieren.

Die Studiotür geht auf. Zwei Männer kommen herein, einer von ihnen ist ein Kollege Hannssens.


Hannssen

Koch, was machst Du denn hier? Was soll das?


Koch

Grüß Dich, Hannssen. Ich dachte, ich schau mal rein, falls Du fachlichen Beistand brauchst, während Du unsere Firmen in den Schmutz ziehst.
Darf ich vorstellen: Herr Neusser, Leiter des Ausschusses für Innere Sicherheit im Senat und...das hier ist unsere reizende Frau Dr. Hannssen.


Neusser

Grüß Gott, Frau Dr. Hannssen. Wie ich höre, geht es Ihnen nicht sehr gut. Meinen Sie nicht, wir sollten in Ruhe über alles reden?


Redakteur

Soll ich solange rausgehen?


Neusser

Nicht nötig. Frau Dr. Hannssen wird uns begleiten. Aber seien Sie versichert, daß ich bald mit dem Intendanten über Sie sprechen werde, mein lieber DuMont.


Hannssen

Ich gehe nicht mit! Hilfe, Hilfe!


Neusser

Machen Sie Sich nicht lächerlich. Die Studiowände sind schalldicht, das wissen Sie doch. Kommen Sie, draussen warten ein paar Herren von der Polizei auf Sie.


Koch

Komm' Hannssen, zwing uns nicht. Wir können das wie erwachsene Menschen regeln.


Hannssen

Also gut, Ich komme mit. Kannst Du mir für meine Sicherheit garantieren?

Sie verlassen das Studio. Die Stimmen von weiter weg.


Koch

Du solltest nicht immer alles so schwarz sehen, Hannssen. Das war schon immer dein Problem. Hier, nimm mal eine Kopfschmerztablette, dann gehts Dir gleich besser.


© Viktor Pavel 2017