Ein Männlein steht im Walde

"Ein Männlein steht im Walde"
Über Triebpflanzen und Pflanzentriebe

von Viktor Pavel



Aphrodisiaka - Medienhype? Placebo? Alles spanische Fliege oder was? Um gleich auf den Punkt zu kommen: es gibt sie, die Pflanzen der Liebe. Das Wissen um ihre Verwendung ist nicht mit den Kräuterhexen zusammen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Psychoaktive Pflanzen blühen heute im Verborgenen. Ethnobotaniker und Großstadtschamanen pflegen den Kontakt zu diesen Pflanzenlehrern und erhalten einen unbezahlbaren archaischen Wissensschatz, den nicht zu nutzen, ich für für eine der zahlreichen vertanen Chancen unserer maroden Gesellschaft halte. Merke: wer den Ast absägt, auf dem er sitzt, sollte zumindest vorher die Früchte probiert haben. Doch genug schwadorniert.


Es gilt den Mantel des Geheimnisvollen und Obskuren zu lüften. Aphrodisiaka haben wenig mit lächerlichen Tinkturen wie "Penisex" und "Sexanorma", oder Produkten von Beate Uhse zu tun, bei denen höchstens der Glaube die Berge in der Hose versetzt. Mehr als die Sexualpraktiken der alten Griechen oder Azteken (übrigens verwenden sogar Tiere Aphrodisiaka) interessieren den pragmatisch orientierten PINK-Leser wahrscheinlich die drei großen W´s. WWW steht hier nicht für world wide web sondern für: Wie heißt das Zeug? Wie wirkt es? Woher bekomme ich es?


Okay, Spötter und Zweifler aufpasst: die Pflanze, an deren Wirkung Mann nicht vorbeikommt, heißt Yohimbe (Corynanthe Yohimbe). Es ist dies ein netter afrikanischer Baum, dessen gemahlene Rinde zu Erektionen Marke "Hart wir Krupp-Stahl" führt -und zwar ob man will oder nicht. Der Wirkstoff Yohimbin ist das einzige von der westlichen Schulmedizin anerkannte Aphrodisiakum. Yohimbe findet sich in diversen Sex-Tropfen und ist auch in Pillenform beim Apotheker erhältlich. Doch leider in so schwacher Dosierung, daß von einem Preis/Leistungsverhältnis nicht mehr gesprochen werden kann. Schade eigentlich. Nur die gemahlene Rinde selbst bringt den erwünschten Effekt. Der rechtliche Status von Yohimbe ist unklar. Viele Apotheker verweisen auf Rezeptpflichtigkeit, obwohl in der einschlägigen Literatur Yohimbe als nichtrezeptpflichtig geführt wird. An gemahlener Rinde ist eben nicht viel zu verdienen.


Wir haben uns also ein Glas für etwa 15 Mark beim Ethnobotaniker unserer Vertrauens (ich empfehle "Elixier" in Berlin, Adresse siehe Anhang) besorgt. Wie geht´s weiter? Ein bis drei Teelöffel Yohimbe-Wurzel pro Person werden kurz aufgekocht. Das Getränk -es schmeckt ein wenig wie uralter Kakao- wird gesüßt und mit reichlich Vitamin C (mindestens ein Gramm) versetzt. Dadurch wird die Wirkung verstärkt und tritt schneller ein. Nach etwa einer Stunde wird die Haut am gesamten Körper so empfindsam wie im Genitalbereich (geil!) und spontane Erektionen treten auf. Der Yohimbe-Geist steht nicht auf Kuschelsex, üblicherweise geht es hart zur Sache. Die Wurzel eignet sich für Männer und Frauen gleichermaßen. Niedrig dosiert ist Yohimbe aufgrund der Kokain-ähnlich aufputschenden Wirkung auch als Partydroge einsetzbar. Doch obacht: keine Wirkung ohne Nebenwirkung. Unbedingt mit kleinen Dosierungen beginnen, um die persönliche Verträglichkeit festzustellen. Bei etwa 20% der Benutzer führt Yohimbe zu unangenehmen Hitzewallungen und üblem Herzklopfen. Höhere Dosierungen wirken leicht halluzinogen. Mit geschlossenen Augen sieht man weiße Lichtblitze, was drogenunerfahrenen Menschen Angst einflösen kann.


Also bitte nicht der Freundin heimlich die Megadröhnung verpassen! Und jetzt eine sehr wichtige Warnung: Yohimbin und einige andere psychoaktive Wirkstoffe sind sogenannte MAO-Hemmer. Sie setzen das Enzym Monoaminoxidase im Körper zeitweise außer Gefecht, ein Wirkprinzip, das interessanterweise in vielen Antidepressiva zum Einsatz kommt. Nun schützt dieses Enzym den Körper vor Giftstoffen wie Koffein und in Lebensmitteln enthaltenen Aminen. Wer unter dem Einfluß von MAO-Hemmern zum Beispiel gealterte Eiweise (Käse, geräuchterter Schinken oder Fisch) oder Genußgifte wie Kaffee, Tee und Alkohol zu sich nimmt, muß mit massiven gefährlichen Nebenwirkungen bis hin zum Tod rechnen (leider kein Witz!). Es empfiehlt sich unbedingt, mindestens 10 Stunden vor und nach der Einnahme von Yohimbe auf o.g. Nahrungsmittel zu verzichten. Am besten hält man sich an Mineralwasser, Gemüse und Obst (außer Bananen und Ananas). Dann steht einer phantastischen Liebesnacht nichts mehr im Wege -ich spreche aus Erfahrung.


Gut kombinierbar mit Yohimbe ist Muira Puama (Lirimosa ovata), die Wurzel eines Baumes aus Brasilien, auch Potenzholz genannt. Die Wirkung ist ähnlich wenn auch subtiler: Sensibilisierung der Haut und kribbelnde Schauer, die die Wirbelsäule entlang laufen. Das zentrale Nervensystem und die Libido werden angeregt. Das Harz, das den unbekannten Wirkstoff enthält, ist nicht wasserlöslich. Deshalb erzielt Aufkochen mit Wasser nicht die besten Ergebnisse. Besser ist es, einen Muira Puama-Schnaps anzusetzen oder das Harz in trinkbarem Alkohol (billiger Aldi-Wodka oder Korn tuts auch) auszukochen. Pi-mal-Daumen-Dosis: 2 Teelöffel pro Person. Wie bei allen Drogen empfiehlt es sich auch hier, mit niedrigen Dosen zunächst die individuelle Toleranz zu bestimmen.


Eine meiner Lieblingsdrogen ist Kawa-Kawa (Piper methysticum), der Rauschpfeffer Polynesiens. Kawa-Kawa ist eine recht subtil wirkende Droge, die man sich einfach vom Arzt verschreiben lassen kann, da es wie Johanniskraut sehr erfolgreich gegen leichte Depressionen eingesetzt wird. Die ärztliche Dareichungsform als Dragee ist nicht die schlechteste, obschon der Wirkstoff wieder mal traurig unterdosiert und damit teuer ist. Auf den Südsee-Inseln wird das Rhizom des bis zu 6 Meter hohen Strauches traditionell gekaut (nicht nachmachen, schmeckt wie Seife mit Kehricht), ausgespuckt, stundenlang in der Sonne vergoren und dann getrunken. Wohl bekomm´s. Glücklicherweise sind in Deutschland auch fertige Auszüge erhältlich, die nicht nach obigem Verfahren hergestellt werden. Nach einem Tee- bis Esslöffel der Tinktur stellt sich ein kurioses Gefühl der Selbstgenügsamkeit ein. Man fühlt sich wohl, der Kopf wird angenehm entmüllt, aller Tagesstreß fällt von einem ab, man wird offen für sich und andere. Es ist fast wie autogenen Training aus der Flasche. Daraus ergeben sich unterschiedliche Anwendungsgebiete, von den der als Aphrodisiakum nicht einmal der beste ist. Ich nehme Kawa-Kawa z.B gegen Lampenfieber vor Bühnenauftritten. Der Alpha-Pyron-Wirkstoffkomplex in der gemahlenen Wurzel ist nicht wasserlöslich, sodaß sich ein Auskochen in Alkohol oder auch Milch empfiehlt. Nach der traditionellen Kau-Spuck-Trink-Methode zubereitet, entfaltet Kawa-Kawa zudem halluzinogenes Potential. Die Menschen in der Südsee pflegen seit Jahrhunderten eine schöne und problemlose Beziehung zum Rauschpfeffer. Drogenprobleme gibt es dort erst, seit dem der weiße Mann den Alkohol mitbrachte. Klingt bekannt, nicht wahr...?


Der amerikanische Strauch Damiana (Turnera diffusa) ist zu Spottpreisen im gutsortierten Kräuterfachhandel erhältlich (200 Gramm = 5,-). Zwei gehäufte Esslöffel als Tee zubereitet soll Frauen helfen, sich beim Sex besser fallenlassen zu können. Die eher dezente, stimulierende Wirkung läßt sich mit folgendem Rezept wesentlich verstärken: zwei Teile Wermut-Kraut (Artemsia absinthum) -ebenfalls billigst im Kräuterhaus zu bekommen- mit einem Teil Damiana in Vodka oder Korn einlegen und die Mischung einige Wochen ziehen lassen. Zum Würzen füge man Anis, Zimt, Kardamon oder Sternanis hinzu. Wirkdosis: etwa "ein Doppelter" (4cl). Orangensaft zum Nachspülen bereit halten, da das Gebräu leider schmeckt wie Pipi vom toten Esel. Die Wirkung setzt nach etwa 3-5 Minuten ein und ähnelt gutem Marihuana. Man fühlt sich angeregt und happy. Ich setze regelmäßig eine Flasche für Parties an. Die Kosten belaufen sich auf schlappe 10-15 Mark. Probanten mit abgehärteten Geschmacksnerven zeigen sich üblicherweise angetan von diesem hausgemachten Absinth. Bei sporadischer Abwendung eines so angesetzten Schnapses sind schädliche Nebenwirkungen nicht zu befürchten. Wird Wermut jedoch mit Alkohol destilliert, erhält man echten Absinth, der süchtig machen und das zentrale Nervensystem schädigen kann. Absinth ist daher in fast allen europäischen Ländern verboten.


Wenn wir schon mal bei gefährlichen Drogen sind: Finger weg von Nachtschattendrogen wie Stechapfel, Alraune, Engelstrompete und Bilsenkraut. Bilsenkraut ist berühmt für seine aphrodisische Wirkung. N8schattendrogen wurden im Mittelalter mit Schweineschmalz zu sogenannten Hexensalben verkocht und dann auf die Schleimhäute aufgetragen. Das Bild der besenreitenden Hexe läßt sich auf das Einreiben dieser Salbe mit einem Stock auf die Vagina zurückführen. Unser Pilsener Bier erhielt seinen Namen vom Bilsen, der sogenannten Bierschärfe, die erst das Reinheitsgebot aus des Germanen liebstem Trunk verbannte. N8schatten-Trips kommen mitunter ohne Rückfahrkarte, und mit den Nebenwirkungen ließen sich Seiten füllen. Ein Blatt der Engelstrompete als Tee hat mir gereicht. Die armen Schweine in Mittelalter kannten nichts besseres als N8schatten und Fliegenpilz, aber wir müssen uns das nicht antun. Ich erwähne diese Drogen nur deshalb, weil immer wieder obskure Gerüchte und gefährliches Halbwissen über diese Pflanzen verbreitet werden.


Galanga (Kaempferia Galanga) ist billig in gutsortierten Asia-Läden erhältlich. Wer die Asiaten danach fragt, bekommt oft ein wissendes Lächeln geschenkt. Das frische Rhizom zu kauen, stellt die Geschmacksnerven auf eine harte Probe. Besser ist es, einige Teelöffel Galanga als gemahlenes Pulver in Saft auf ex runterzuwürgen. Die schnell einsetzende anregende Wirkung entschädigt für den seifig-beissenden Geschmack. Fast sofort stellt sich Wohlbehagen und eine angenehme Klarheit der Gedanken ein. Ein Glas Galanga am Morgen vertreibt tatsächlich Kummer und Sorgen. Nach einer der Einnahme ist man allerdings etwa eine Woche gegen die Wirkung immun, daher ergibt sich eine sporadische Verwendung ganz von selbst. Viel von der anregenden Wirkung thailändischen Essens ist mit der großzügigen Verwendung von Galanga im Kochtopf zu erklären.


Bei Sonderangeboten im Blumenladen kann man die Passionsblume (Passiflora incarnata) antesten. Gibt´s auch getrocknet im Kräuterladen. Eine Handvoll Kraut wird in Wasser mit Vitamin C oder reichlich Zitronensaft gekocht. Der Tee wirkt stimmungaufhellend und sedativ. Wird das Kraut gleichzeitig geraucht, ergibt sich eine marihuana-ähnliche Euphorie. Vor dem Schlafengehen genommen, kann sich die Traumaktivität intensivieren. Achtung: der Wirkstoff Harmin ist ein MAO-Hemmer (siehe Yohimbe)


Sassafras (Sassafras officinale) hat ein interessantes Potential als leichte Liebesdroge, ist der Wirkstoff Safrol doch eine chemische Vorstufe von MDMA, auch als Exctasy bekannt. Der Tee aus der Rinde und Wurzel des amerikanischen Nelkenzimtbaumes Sassafras wirkt euphorisierend, anregend und leicht halluzinogen. 30 Gramm auf einen Liter plus Zitronensaft, länger kochen. Sporadisch verwendet unschädlich. Von der Extraktion mit Alkohol ist abzusehen, da Safrol in hörerer Dosierung stark leberschädigend wirkt.


Anregende Drogen, die eher indirekt als Aphrodisiaka wirken können, sind Guarana (koffein-ähnlich, teuer und nicht sehr interessant), Betel-Nuß (ist mit gelöschtem Kalk stundenlang zu kauen -auch nicht jedermanns Sache), Kola-Nuß (mild) und Ginseng (echter Ginseng ist sehr teuer und muß über einen längeren Zeitraum angewendet werden).


Dieser kleine Auswahl aphrodisierender psychoaktiver Pflanzen nennt legale Alternativen zu verbotenen Drogen wie MDMA, Kokain und Marihuana. Aphrodisiaka machen übrigens dem am meisten Spaß, der sie am wenigsten nötig hat. Genau wie der Feinschmecker von einer Flasche Single Malt Whisky mehr hat als der Alki-Penner an der Ecke.


Es gibt eine Vielzahl interessanter legaler Drogen. Also warum sich als braver Steuerzahler kriminalisieren lassen, nur weil man hinter den Horizont unserer eher drögen Gesellschaftsdrogen Alkohol und Nikotin blicken möchte?


Wer mit oben genannten Pflanzen keine positiven Ergebnisse erzielt und erwiesenermaßen organisch gesund ist, sollte es vielleicht mit einem anderen, uralten Aphrodisiakum versuchen: Liebe.




Bezugsadresse:

"ELIXIER", Rykestr. 5, Berlin, Fax: 030/4426057

Es gibt zwar billigere Quellen (USA), aber in Deutschland ist keine so gut sortiert. Das Elixier-Team ist sehr kompetent, zuverlässig und freundlich:

Elixier stellt zusammen mit Sensatonics selbst zahlreiche Tinkturen, Rauchmischungen und ähnliches her. Verläßlicher Postversand. Katalog gegen 3 DM Rückporto anfordern.

Weiterführende Literatur über Aphrodisiaka:

Christian Rätsch: "Pflanzen der Liebe", Hardcover, 48 DM

Ein wunderschönes Lexikon, das 106 Pflanzen vorstellt, reich bebildert, viele Rezepte. Verschenken oder schenken lassen.

Richard Allan Miller: "Liebestrank", ISBN 3 548 34936 6, DM 9,90

Günstiges Taschenbuch, das 16 Pflanzen sowie diverse Liebestechniken

und Rituale vorstellt. Weniger Fakten, kaum Rezepte, viel Esoterik.

Über Pflanzendrogen allgemein


Bert Marco Schuldes: "Psychoaktive Pflanzen", ISBN 3-925817-64-6, DM 17,- Der sympathische Autor, der sich um den jüngsten ethnobotanischen Boom in Deutschland verdient gemacht hat, stellt hier ohne esoterisches Blabla die wichtigsten legalen und illegalen Pflanzendrogen vor. Mit Wirkungen, Dosierungen, Gefahren und Bezugsquellen. Also Fakten, Fakten, Fakten. Empfehlenswert. Nur Bilder gibts leider keine.


Jim DeKorne "Psychedelischer Neo-Schamanismus", ISBN 3-930442-16-7


DM 30,- DeKorne zeichnet die Geschichte der Menschheit und ihrer Symbiose mit heiligen Pflanzen nach. Radikale Thesen, überzeugend dargestellt. Gute Infos über Pflanzen, Zubereitung und Wirkung.


Im Internet gibt es erstaunlich ausführliche Informationen und Bilder über alle bekannten psychoaktiven Pflanzen. Die modernen Schamanen tauschen sich im Netz aus. Einfach einen Pflanzennamen aus dem Artikel in eine Suchmaschine wie Yahoo eingeben. Eine gute Ethobotanik-Datenbank liegt auf zum Beispiel auf:




Viktor Pavel ist Autor mehrerer Radio- und Fernsehbeiträge zum Thema "Legale Pflanzendrogen". Auf Reisen hat er die Anwendung und das spirituelle Potential zahlreicher psychoaktiver Pflanzen studiert. Als Pflanzenfreund hat er den "Grünen Daumen".


© Viktor Pavel 2017