Frau Kovacz kauf ein

"Frau Kovacz kauft ein"

Kurzgeschichte von Viktor Pavel


Frau Kovacz war anders als die alten Damen, die üblicherweise in meinen Supermarkt kamen. Das Gros der älteren Herrschaften kam gern zu Stoßzeiten, wenn der Laden brechend voll war. Dann ergab es in den Warteschlangen vor den Kassen vielleicht die Chance auf ein Schwätzchen mit dem Vordermann; oder man erheischte neugierige Blicke von Enkelkindern, die nicht die eigenen waren. Frau Kovacz gab sich damit nicht zufrieden. Sie erledigte ihre Einkäufe am frühen Nachmittag. Denn da hatte ich die meiste Zeit. Es hatte angefangen, kurz nachdem ich Filialleiter geworden war. Der weiße Kittel, in dem ich die Regalreihen inspizierte, verlieh mir die Autorität eines Vorabendserien-Doktors. Frau Kovacz war einfach gekommen und hatte sich bei mir eingehakt. Welcher Camembert denn der mildere sei und was war überhaupt Emulgator E 306; solche Fragen stellte sie. Nicht etwa, daß sie etwa durch die harte Schule der Stiftung Warentest gegangen und zur kritischen Konsumentin konvertiert war. Nein, die alte Dame wollte einfach plaudern, außerdem sah sie schlecht und war (genau wie ich) zu eitel, eine Brille zu tragen. Bei Wareninventur lief sie schweigend neben mir her, ohne mich zu stören. Die Unmengen von Waren, die sie einzukaufen pflegte, waren "für die Kinder", wie sie sich ausdrückte -für Sohn, Schwiegertochter und Enkelin. "Anke tut sich so schwer mit der neuen Zahnklammer, aber schließlich ist den Männern nur mit einem makellosen Lächeln beizukommen", sagte Frau Kovacz verschwörerisch; so als ob ich kein Mann wäre. Wir hatten viel Spaß, die alte Dame und ich, bis sie eines Tages nicht mehr kam. Erst ein, dann zwei, dann drei Wochen. Ich machte mir Sorgen. Ich bat die Kassiererinnen, mir Bescheid zu sagen, sobald Frau Kovacz auftauchte. Nichts. Ich fragte andere Senioren nach ihr. Niemand wußte etwas. Die Regalgänge und Wareninventuren wurden mir lang und einsam. Ein paar Wochen später, ich füllte gerade die Tiefkühltruhe auf, hörte ich zufällig, wie ein älteres Ehepaar auf die Kovaczs zu sprechen kam. Sie erzählten, daß die ganze Familie bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Nur die alte Frau Kovacz war nicht mitgefahren. Es stand sogar in der Zeitung. Die Pakkung mit dem Schlemmerfilet fror mir an der Hand fest, doch ich fühlte nichts.


Anfang Dezember kam Frau Kovacz wieder. Sie schob sich mit dem Einkaufswagen auf mich zu, grau und verblichen, wie nur noch halb von dieser Welt. Ich erschrak. Einen Moment später hing sie wieder an meiner Armbeuge und lächelte. Frau Kovacz sagte: "Anke hat sich endlich an die Zahnspange gewöhnt, das hab ich doch gleich gewußt. Sie ist ein tapferes Kind. Jetzt such' ich so Reinigungstabletten für Zahnspangen, so mit zwei Phasen, wissen Sie". Ich betrachtete die alte Dame, unfähig, etwas zu sagen. Endlich gab ich mir einen Ruck. "Zahnspangenreiniger gibts im nächsten Gang beim Drogeriebedarf. Kommen Sie, Frau Kovacz". Ich schob ihr den reichgefüllten Einkaufswagen zur Kasse. Sie kaufte immer noch für ihre Kinder ein, für ihre große tote Familie. Ich brauchte nicht auf den ellenlangen Kassenzettel zu schauen, um zu wissen, daß Frau Kovacz drauf und dran war, sich zu ruinieren. Was konnte ich tun? Die Idee kam mir, als ich routinemäßig das Haltbarkeitsdatum bei den Milchprodukten überprüfte. Die ganzen Joghurt- und Käsesachen, die, obwohl noch völlig einwandfrei, in den Müll mußten. Manchmal aß ich selber was davon. Als Frau Kovacz das nächste Mal kam, nahm ich sie beiseite, und gab ihr zwei große Tüten voll Eßsachen. "Mit den besten Wünschen von mir und von den Kollegen". Sie weigerte sich nur kurz. Schon sah sie mich mit großen Augen an, und wir kämpften beide mit den Tränen. Sie sagte: "Das muß ich gleich meinem Sohn erzählen, daß er Ihnen mal 'ne gute Flasche Sekt vorbeibringt". Ich trug ihr die Tüten an der Kasse vorbei raus auf die Straße. "Also dann bis nächste Woche, Frau Kovacz. Und grüßen sie mir Ihre Enkeltochter". "Mach ich", sagte die alte Dame und verschwand um die Ecke.


Frau Kovacz kam noch zwei Jahre lang jeden Dienstag.


© Viktor Pavel 2017