Koslowski und der angol. Fenstertrick

Koslowski und der angolanische Fenstertrick
von Viktor Pavel


Zuerst verschwanden die Bäume. Als Eduard Koslowski eines nicht so schönen Dienstages vom Urologen-Termin nach Hause kam, strahlte ihm ein Licht aus seinem Zimmer entgegen, dass er zuerst dachte, er hätte die Lampe angelassen. Aber es war die andere Möglichkeit, die unwahrscheinliche. Jemand hatte auf der zugewucherten Baulücke, die den Hinterhof von der nächsten Strasse trennte, die Bäume abgehauen. Koslowski machte das Fenster auf, als ob er dadurch mehr Sinn in dieser Untat erkennen könnte. Sicher, es waren keine sehr schönen Bäume; Ahorn und Hasel, mehr Strauch als Baum und eigentlich Koslowskis Widersacher im Kampf um die spärliche Nachmittagssonne. Aber das welkende Laub machte ihn traurig und Koslowski musste an den nächsten Urologen-Termin denken.


Dann ging eigentlich alles recht schnell. Am nächsten Morgen fuhr ein grosser Bagger vor, Bäume samt Erdreich wurden mit riesigen Lastern abtransportiert und machten einem tiefen Loch platz. Zwei Tage später konnte Koslowski den Arbeitern in der Grube bereits auf den Kopf schauen. Sein Parterrefenster war gleichsam in den ersten Stock gewachsen. Verschiedene Sprachen drangen zu ihm empor. Polnisch, türkisch und die unbekannte Sprache der beiden Farbigen. Sie waren sehr jung, sehr dunkel und als menschliche Betonmischmaschine eingestellt. Das war das einzige, was sie taten, aber dafür von früh bis spät. Einer von ihnen rollte seine Schubkarre an Koslowskis Fenster heran und sagte: “He, brauchstu neues Konto?. Hier kommt Bank, deutsches Bank”. Wenn zuhause baunwa so grosse Bank, dann die ist auch deutsch”. Koslowski schüttelte missmutig den Kopf. “Ich brauche keine Bank. Ich will nur meine Aussicht zurück mit meinen Bäumen”. Michael hiess der Afrikaner und betonte stolz: ”Wie Michael Jackson”.


Koslowski sah sich jeden Tag eine Weile das Treiben an. Es war wie eine Fernsehsendung, die man gerne umgeschaltet hätte, aber da war kein anderes Programm. Schnell lernte er die Baumaschinen an ihrem Lärm zu unterscheiden wie einstmals Geschoss-Kaliber.


Das Loch wurde entwässert, ein Betonfundament eingegossen, Stahlträger verlegt. Mit dem wuchernden Rohbau sank Koslowskis Fenster gleichsam vom ersten Stock übers Parterre in den Keller, so dass die Arbeiter nun ihm auf den Kopf sahen, wenn er am Fenstersims auf dem Kissen lehnte. Man wünschte sich “Guten Morgen” und “Schönen Feierabend”. Koslowskis rief bei der Hausverwaltung an, wo man ihn darüber aufklärte, dass sein Fenster vom Vormieter nachträglich in die Mietsache eingebracht worden war und nicht Teil des Mietvertrages wäre. Somit müsse Koslowski froh sein, dass er 17 Jahre lang widerrechtlich das Fenster habe nutzen dürfen, doch damit sei jetzt Schluss. Koslowski trug die Topfpflanzen in die Küche. Der Abstand von seinem Fenster zu der neuen Wand betrug eine knappe Armeslänge. Keine Chance für Ahornsträucher. Nur der Regen verband das tote Fenster noch mit der Welt.


Wenn Koslowski jetzt Tageslicht haben wollte, sass er in der Küche, die ein Fenster zur Strassenseite raus hatte. Von dort aus konnte er sehen wie die Arbeiter abends in einen Reisebus stiegen. Zum Richtfest kamen schnieke Herren in Limousinen, die sie ins Halteverbot stellten. Die Arbeiter feierten vor ihrem Bus mit Bier und Zigarretten. Später gestikulierten sie wild und sahen zu Koslowski herüber. Dem war nicht zum Feiern zumute. Die Woche drauf kamen andere Arbeiter, nur die beiden farbigen Betonmischer blieben.


Als Koslowski einige Tage später nach Arzt, Amt und Einkauf nach Hause kam, fielen ihm im Flur die Tüten aus der Hand. In seinem Zimmer stand in gleissendem Sonnenlicht einer der farbigen Betonmischer und grinste ihn an. “Komm gucken”, sagte er und winkte Koslowski ins Zimmer. Dort kniete Michael -”wie Michael Jackson”- vor dem nagelneuen Doppelglasfenster und kehrte Mörtelreste von den Dielen. Koslowski kniff die Augen zusammen. Die Afrikaner freuten sich und klatschten in die Hände. “Fenster ist gut, was? Hamma gesagt, is kaputt gegangen. Son Pech. Jetzt du kannst auf Sofa Solarium machen”. Koslowski war sprachlos, er ging er in die Küche und kam mit drei Flaschen Bier zurück. Sie prosteten sich zu, tranken und sahen durch das neue Fenster auf die Strasse. Die Linde an der Bushaltestelle gegenüber würde bald blühen. Michael sagte: “Weisst du, so machen wir auch zuhause, wenn kommt bei uns deutsche Bank".


© Viktor Pavel 2017