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Veröffentlicht 1997 als Funkerzählung im WDR Köln und 1998 in "Hinter den Glitzerfassaden" Hrsg.: Klaus Zwickel, ISBN 3-89472-165-0
Zuerst verschwanden die Bäume.
Als Eduard Koslowski eines nicht so schönen Dienstages vom Urologen-Termin nach
Hause kam, strahlte ihm ein Licht aus seinem Zimmer entgegen, dass er zuerst
dachte, er hätte die Lampe angelassen. Aber es war die andere Möglichkeit, die
unwahrscheinliche. Jemand hatte auf der zugewucherten Baulücke, die den
Hinterhof von der nächsten Strasse trennte, die Bäume abgehauen. Koslowski
machte das Fenster auf, als ob er dadurch mehr Sinn in dieser Untat erkennen könnte.
Sicher, es waren keine sehr schönen Bäume; Ahorn und Hasel, mehr Strauch als
Baum und eigentlich Koslowskis Widersacher im Kampf um die spärliche
Nachmittagssonne. Aber das welkende Laub machte ihn traurig und Koslowski musste
an den nächsten Urologen-Termin denken. Koslowski sah sich jeden Tag
eine Weile das Treiben an. Es war wie eine Fernsehsendung, die man gerne
umgeschaltet hätte, aber da war kein anderes Programm. Schnell lernte er die
Baumaschinen an ihrem Lärm zu unterscheiden wie einstmals Geschoss-Kaliber. Das Loch wurde entwässert, ein
Betonfundament eingegossen, Stahlträger verlegt. Mit dem wuchernden Rohbau sank
Koslowskis Fenster gleichsam vom ersten Stock übers Parterre in den Keller, so
dass die Arbeiter nun ihm auf den Kopf sahen, wenn er am Fenstersims auf dem
Kissen lehnte. Man wünschte sich “Guten Morgen” und “Schönen
Feierabend”. Koslowskis rief bei der Hausverwaltung an, wo man ihn darüber
aufklärte, dass sein Fenster vom Vormieter nachträglich in die Mietsache
eingebracht worden war und nicht Teil des Mietvertrages wäre. Somit müsse
Koslowski froh sein, dass er 17 Jahre lang widerrechtlich das Fenster habe
nutzen dürfen, doch damit sei jetzt Schluss. Koslowski trug die Topfpflanzen in
die Küche. Der Abstand von seinem Fenster zu der neuen Wand betrug eine knappe
Armeslänge. Keine Chance für Ahornsträucher. Nur der Regen verband das tote
Fenster noch mit der Welt. Wenn Koslowski jetzt Tageslicht
haben wollte, sass er in der Küche, die ein Fenster zur Strassenseite raus
hatte. Von dort aus konnte er sehen wie die Arbeiter abends in einen Reisebus
stiegen. Zum Richtfest kamen schnieke Herren in Limousinen, die sie ins
Halteverbot stellten. Die Arbeiter feierten vor ihrem Bus mit Bier und
Zigarretten. Später gestikulierten sie wild und sahen zu Koslowski herüber.
Dem war nicht zum Feiern zumute. Die Woche drauf kamen andere Arbeiter, nur die
beiden farbigen Betonmischer blieben. Als Koslowski einige Tage später
nach Arzt, Amt und Einkauf nach Hause kam, fielen ihm im Flur die Tüten aus der
Hand. In seinem Zimmer stand in gleissendem Sonnenlicht einer der farbigen
Betonmischer und grinste ihn an. “Komm gucken”, sagte er und winkte
Koslowski ins Zimmer. Dort kniete Michael -”wie Michael Jackson”- vor dem
nagelneuen Doppelglasfenster und kehrte Mörtelreste von den Dielen. Koslowski
kniff die Augen zusammen. Die Afrikaner freuten sich und klatschten in die Hände.
“Fenster ist gut, was? Hamma gesagt, is kaputt gegangen. Son Pech. Jetzt du
kannst auf Sofa Solarium machen”. Koslowski war sprachlos, er ging er in die Küche
und kam mit drei Flaschen Bier zurück. Sie prosteten sich zu, tranken und sahen
durch das neue Fenster auf die Strasse. Die Linde an der Bushaltestelle gegenüber
würde bald blühen. Michael sagte: “Weisst du, so machen wir auch zuhause,
wenn kommt bei uns deutsche Bank".
ENDE
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