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Vom Klang der Lyrik Versuch einer Annäherung an das Sonett Was ist eigentlich ein Sonett? Wo kommt es her und welche Bedeutung hat das Sonett im 21. Jahrhundert? Fragen, auf die es Antworten gibt, die mit Sicherheit spannender sind, als die sorgsam gepflegten Vorurteile, die zeitgenössische DichterInnen im Hinblick auf diese zugegeben antiquierte Form der Dichtkunst haben. Teil 1 Teil 2
Wir haben es also bei der Sonettdichtung mit einer durchstrukturierten Dichtkunst zu tun, die sich auf handwerkliche Vorgaben bezieht. Dennoch gab oder gibt es immer wieder DichterInnen, die dem Sonett ihre ganz persönliche Note verliehen, ohne den vorgegebenen Rahmen unnötig zu sprengen; denn die lyrische Bewegung in der Versform des Sonetts bedarf einer sensiblen Textgestaltung. Die Nähe des Sonetts zur Musik zeigt nicht nur seine mathematische Mentalität. Der Begriff Sonett, aus dem Italienischen, bedeutet, ins Deutsche übertragen, so viel wie "Tönchen" oder "kleiner Klang". Der italienische Begriff Sonett ist etymologisch mit dem lateinischen Wort sonus verbunden. Was im übertragenen Sinn wiederum Klang oder Ton zu bedeuten hat. Die Nähe zur Musikalität liegt also schon in der Namensgebung des Sonetts verborgen. Andreas Gryphius (1616 - 1664) spricht in diesem Zusammenhang übrigens von einem "Klinggedicht". Auch wenn sich dieser Begriff nicht in die heutige Zeit hinüberretten konnte, sagt er doch Wesentliches über das Sonett als lyrische Ausdrucksform aus: Ein Sonett hat immer auch eine musikalische Qualität (www.Sonett-Archiv.de). Uralte Buddha-Figur, Gesänftigt und gemagert, vieler Regen Hermann Hesse, Dezember 1958 In diesem Sonett, das von Hermann Hesse geschrieben wurde, hat er das fernöstliche Buddhathema in die europäische Dichtkunst des Sonetts transportiert. Wir haben es im ersten Quartett mit einem umrahmenden Reim zu tun, der in den beiden Mittelzeilen über einen Paarreim verfügt, also abba. Im zweiten Quartett begegnen wir einem Kreuzreim, der sich bis ins erste Terzett erstreckt abab. Im letzten Terzett bedient sich Hesse wiederum des Kreuzreimes cbc. Interessant an diesem Sonett, das er so nicht deklariert, ist die kontinuierlich durchgehaltene Silbenform von jeweils elf Silben pro Zeile. Im Klartext. Das Sonett kommt mit vier Reimen aus, die sich folgendermaßen gestalten (können): abba abba cdc dcd. Die beiden Quartette bilden beim Sonett eine thematische Antithese zu den beiden Terzetten, die sich auch in der Reimform ihren Ausdruck finden. Da stieg ein Baum. O reine Übersteigerung ! Tiere aus stille drangen aus dem klaren sondern aus Hören. Brüllen, Schrei, Geröhr ein Unterschlupf aus dunkelstem Verlangen Rainer Maria Rilke Von Jamben, Hebungen und Senkungen Lyrischer Sprachausdruck setzt sich nicht nur aus den einzelnen Worten, Versen oder Strophen zusammen, die die Dichterin vorgibt. Sprache hat auch unten den Zeilen ein in sich geschlossenes System, dass Lyrik erst zur Lyrik macht, sonst wäre es ja Prosa. Häufig wird in Unkenntnis der Hebungen und Senkungen, der Jamben, Alternationen und anderen melodischen Sprachmelodien auch von zeitgenössischen Dichtern gedichtet, was das Zeug hält - schräge Melodien werden als solche nicht erkannt und gelten als salonfähig, wobei gegen den Klang schräger Melodien nichts einzuwenden ist, nur die Absicht der Dichterin sollte für die geübte Leserin erkennbar sein. Genau an diesem Punkt kann uns das Sonett behilflich sein, auch moderne Lyrik in Form zu bringen, ohne dass sie sich gleich reimen muss. Beispielsweise haben wir es bei einer Hebung im metrischen Bauplan mit betonten Silben zu tun. Demzufolge gibt es zwei- drei oder vierhebige Verse (DUDEN 2000: 28). Eine Senkung ist eine unbetonte Silbe in einem metrisch gebundenen Vers. Die Hebungen und Senkungen wiederum ergeben eine Alternation, also ein Wechselspiel aus Hebungen und Senkungen. Der Jambus beschreibt eine steigende Silbenfolge von einer Senkung zu einer Hebung: Gewált (Duden 2000: 29). Beim Trochäus begibt sich ein Vers von der Hebung zur Senkung: Gárten, während der Daktylus eine dreisilbige Folge aus einer Hebung und zwei Senkungen beschreitet: Táp-fer-keit. Zu guter Letzt gibt es noch den so genannten Anapäst, eine dreisilbige Folge aus zwei Senkungen und einer Hebung bestehend: Pa-ra-diès. Diese Interaktion der Hebungen und Senkungen, gezielt eingesetzt, bestimmen das Metrum der Sprache. Unabhängig davon, ob diese Dichtung im Mittelalter oder in der Neuzeit angesiedelt ist. Soweit eine Einführung in die hohe Mathematik der Verskunst, am Beispiel des Sonetts. Es empfiehlt sich also immer bei der Lektüre oder auch der lyrischen Kreation eines Sonetts, das handwerkliche Hintergrundswissen mit in den Schreibprozess einzubeziehen. Ein Sonett ist, wie wir erfahren haben, nicht nur ein Gedicht, das sich "irgendwie reimt". Sondern, ein Sonett ist eine durchdachte lyrische Konstruktion, die auf ein solides literarisches Handwerk zurückgreifen kann, die durchaus auch noch im 21. Jahrhundert ihren sprachlichen Ausdruck finden kann. DUDEN Abiturhilfen. Gedichte analysieren. Mannheim 2000. Hesse, Hermann. Die späten Gedichte. Frankfurt 1963. Klarer Mario: Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft. Darmstadt 1999. Meid, Volker: Elektronisches Sachwörterbuch zur Deutschen Literatur CD ROM. Stuttgart 2000 Meid, Volker: Sachlexikon Literatur. München 2000. Rilke, Rainer-Maria: Die Gedichte. Frankfurt 1990. Reclams elektronisches Reimlexikon. Berlin 1999. Shakespeare, William: Sonette. München 1996. Schrott, Raoul: Die Erfindung der Poesie. Frankfurt 1998. www.Sonett-Archiv.de
Rüdiger Heins ist Autor und Dozent für Creative Writing am INKAS Institut für Kreatives Schreiben in Bad Kreuznach. Weitere Informationen über den Autor dieses Beitrages erhalten sie in den Websites: www.ruedigerheins.de www.inkas-id.de
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Literatur. digital. Formen und Wege einer neuen Literatur.
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