Diese
Geschichte ist eigentlich gar keine Geschichte. Nichts Großartiges wird
passieren. Nicht ein afrikanischer Elefant wird zur Hauptverkehrszeit
kopfstehen. Alles dreht sich um ein kleines Detail. Ich will nicht, daß
es verloren geht. Mehr steckt nicht dahinter. Und möglicherweise ist es
euch schon mal begegnet, und ihr erkennt es wieder, wie einen alten
Bekannten, den ihr zufällig auf der Straße trefft und im Vorbeigehen grüßt.
Es
waren immer nur junge, hübsche Frauen mit kleinem Busen, bei denen mir
dieser Schluckauf aufgefallen ist. Ich meine nicht diesen lauten,
aufdringlichen Schluckauf, den wir alle bekommen, wenn wir zuviel
trockenen Kuchen essen oder Alkohol trinken, bis die Welt sich in ein
dunkles Karussel verwandelt. Ich meine einen leisen, fast schüchternen
Schluckauf, der wie aus dem Nichts kommt, kurz hallo sagt, und nach
wenigen Minuten wieder verschwindet. Jemand mit ein oder zwei Doktortiteln
in der Tasche würde so etwas mit einem Schulterzucken abtun, vielleicht
zum nervösen Tick herunterspielen. Für mich aber ist dieser Schluckauf
etwas Wunderbares und Fremdes, so wie die Spitzenunterwäsche auf dem
Trockenständer im Bad einer guten, platonischen Freundin.
Insgesamt
sind es wohl fünf oder sechs Frauen gewesen, an denen mir dieser seltsame
Schluckauf aufgefallen ist. Und ich bin mir nicht sicher, ob das nun eine
erstaunlich kleine oder erstaunlich große Zahl ist. Allein bei Frauen mit
großen Brüsten habe ich diesen Schluckauf nie bemerkt. Obwohl das natürlich
nichts heißen muß. Vielleicht schlucken Frauen mit großem Busen einfach
nicht auf diese besondere Art, wenn ich in der Nähe bin.
Es ist
nicht leicht, von Frauen mit kleinen Brüsten und Schluckauf zu erzählen.
Es ist so, als säße ich ihnen allen am Tisch gegenüber, wo sie dicht
zusammengedrängt lachen und aufstoßen. Vor meinem Auge verschwimmen
ihre Gesichter, bilden ein zauberhaftes, fröhlich hicksendes und gar
nicht bedrohliches Ungetüm. Es wird mir unmöglich, sie auseinander
zu halten. In meiner Erinnerung werden sie eins. Sie alle sind mittelgroß,
haben große, braune Augen, die vielleicht gar nicht braun sind, und
langes, dunkles Haar, das glatt, aber irgendwie auch gekräuselt ist.
An den
Geruch von einer kann ich mich noch erinnern. Ich küßte sie auf den
Mund. Doch eigentlich war sie es, die mich küßte, flüchtig und schnell.
Ihr wohliger Duft hat sich mir eingeprägt. Ich mochte sie und ihren
Schluckauf. Immer wenn sie aufstieß, hielt sie ihre kleine Hand vor den
Mund und schien selbst ganz überrascht von ihrem Schluckauf. Später sah
ich sie nur noch ein einziges Mal. Wir küßten uns wieder, und sie
verschwand in ein anderes Leben.
Eine
hatte Augen wie die Leuchttürme in der Antike. Ich sah sie beim
Blues-Festival, als Memphis Slim mit Champion Jack Dupree in die Tasten
haute. Die Jungs auf der Bühne wateten im tiefschwarzen Blues, und wir
schauten uns bloß an. Ich schob ihr mein letztes Bier und meine
Telefonnummer rüber. Sie trank, bekam diesen merkwürdigen Schluckauf,
und ich kriegte kein Wort raus. Memphis Slim ist seit zwei Jahren tot, und
ich warte noch immer auf ihren Anruf.
Mit
einer anderen saß ich im Cafe. An den Wänden klebten alte Kinoplakate.
Sie trank braunen Tequila, sah wunderschön aus und hickste. Ich selbst
hielt mich an Rotwein. Es war ein sehr gemütliches Cafe, eines von
denen, wo die Musik nie zu laut ist und ein Gespräch wie von selbst
kommt. Aber niemand von uns wollte wirklich reden. Wir lehnten uns zurück,
studierten die Kinoplakate, und ihr Schluckauf hüpfte über den Tisch wie
ein angeknackster Tischtennisball.
Die
Lauteste von allen war auch die Jüngste. Wir verbrachten eine Nacht im
Park, sprachen von Gott, Liebe und Sonnenaufgängen. Es kam nichts dabei
heraus. Sie war bockig wie ein Muli, und ich fütterte sie mit Möhren.
Wenn sie wütend war, drückte mich ihr Schluckauf förmlich an die Wand,
auch wenn gar keine da war. Sie zog dann weit weg, in eine andere Stadt.
Ich versprach, zu schreiben. Aber das habe ich nie getan.
An
die, die es noch gab, ein oder zwei, kann ich mich nicht mehr erinnern.
Sie sind flüchtige Schatten geblieben, oder aber ich wollte sie
vergessen. Verschwunden sind alle. Es bleibt nur dieses freundlich
hicksende Ungetüm in meinem Kopf, das, ich bin mir fast sicher, aus fünf
oder sechs jungen Frauen mit kleinen Brüsten besteht, die mein Leben
gekreuzt
haben.

ANZEIGE

Oliver Schulz,
Jahrgang 1970, geboren in Gelsenkirchen, Lehre als Florist, lebt und
arbeitet als Gärtner in Oberhausen. Diverse Veröffentlichungen in
Literaturzeitschriften und Anthologien.
Homepage:
http://www.sonicsites.de/oliverschulz.html