
Foto: Hermann Mühlbauer

"Freier, Bürger"
von
Götz Schwirtz
Und
als uns all Deine Lippen wieder freigaben, als wieder fremde Lichter
schienen, da wankten wir - ein wenig glücklich - dorthin von wo die
Lichter kamen, hinter die Lamellen der hölzernen Laden, in die
Welt, die Stadt, auf die Strassen.
Berauscht
von der Haut des Anderen, blaufleckig und taub
unserer Gier, war uns die alte Freundin Basel so fremd. So fremd
wie ihre Menschen, die mit und ohne Sonntagsstaat an unseren Kaffeetassen
vorbeipromenierten, Kinder erzogen oder laufen liessen, die alle was zu
sagen schienen: Ich bin ich oder Ich bin nichts.

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Und
weiter zogen wir durch die matten Sonntagsstrassen, und taten was alle
tun, die so ineinander fallen wie wir, wir versuchten die dunklen Bande
der Stunden zischen Teppich und Bett in den hellen Tag zu retten, die
Angst vor Alltag im Genick. Und fanden uns also vor den Schaufenstern der
Möbelhandlungen wieder und lachten uns aus dafür und küssten uns
deswegen.
Aus
diesem Kuss fiel dein Blick auf die junge Frau gegenüber auf der Strasse,
die unter den Bäumen der Claramatte trieb und in die Wagen lächelte.
In der Linken eine Zigarette winkte sie mit der Rechten kleine
Zeichen hinter die Frontscheiben. Die Fahrer schienen sie nicht zu
bemerken. In einem den mageren Körper betonenden Ensemble aus einer
vergangenen Mode gekleidet, wirkte sie, auch mit herauswachsender
Dauerwelle, frisch. Einzig das Gesicht zeigte schon den Beginn einer
Maskierung.
“Das
ist der Drogenstrich hier!” hauchtest du in mein Gesicht.
“Ja,
das ist der Drogenstrich!” hauch ich zurück.
Bevor
die junge Frau immer dem Einbahnverkehr entgegen um die nächste
Heckenecke aus unserem Blick und wahrscheinlich auch Gedächtnis
entschwunden wäre, trat ein bis dahin unbemerkt gebliebener Fussgänger
auf sie zu. Ein Gespräch entspann sich.
“Was
tut der da?” fragtest du.
“Der
macht den Preis.” antworte ich.
“Dabei
sieht das so friedlich aus. Als reden sie über ihre Hunde oder das
bessere vorjährige Wetter.” murmeltest
du in meine Schulter. Das Paar schien handelseinig zu sein und ging
langsam vom Parkweg über die Strasse. Ohne nachzudenken, ohne Wort
folgten wir einem gemeinsamen Impuls und Ihnen. Einige zehn Meter vor uns
liefen sie durch die Strassen des Kleinbasel. Immer wieder wand sich der
ältere Herr zu der jungen Frau, die aber einsilbig blieb. Vor einem der
alten Häuser blieben die Beiden stehen, die Frau wies nach oben, hier
schien sie also zu wohnen. Die Handelspartner verschwanden hinter der
schweren Holztüre. Kurz drauf wurde im ersten Stock ein Fenster
geschlossen. Dem Haus gegenüber
fand sich ein kleiner Park, in dem wir eine Bank suchten, das Haus im
Blick.
“Was
die wohl da oben tun?” fragtest du vor dich hin.
“Was
sollen die schon tun!” antwortete ich ins selbe Nichts “Was man eben
tut, für ein oder zweihundert Franken.”
Seitlich sahst du mich aus deinen Vulkanbodenaugen an.
“
Macht das Männern Spass, so für ein- zweihundert Franken?”
“Ich
glaube nicht. Spass macht das nicht. Vielleicht spüren sie mal wieder die
Macht die im Sex, im Eindringen und Raum nehmen liegt. Sie können sich
das Recht, in einem Menschen zu weilen, zuweilen kaufen. Das ist ihre
Macht und vielleicht ihr Spass. Ich weiss es nicht.”
Während ich meinen Arm um dich legte verschwand dein Aal von einer
Hand in meinem Schritt. Streichelnd fragtest du weiter. “Hast du auch
Freude an dieser Macht?”
“Ja
natürlich, aber es ist keine Macht über dich, mehr über uns. Unsere
Macht über uns. Die macht Freude!” Die Hose wurde mir eng. “Wir haben
die Macht uns zu entzünden, einer raubt dem Anderen den Verstand.” Dein
Mund kam meinem Ohr gefährlich nah, bei spitzen Worten berührte er die
Muschel kurz. Kleine, matte
Monde gingen auf; deine Macht.
“Wir
haben also Macht übereinander?” Ich
gab dir mein Ohr ganz. Und formte aus dem schwereren Atem: “Nur da haben
wir Macht, wo die Worte, Lieder und Gedichte nicht mehr reichen, wenn wir
diese andere Sprache brauchen um uns unsere Sucht nacheinander zu zeigen,
dann haben wir Macht. Und nur da!”
“Und
wieweit führt das?”
“Fragen
stellst du! Überall hin! Überall hin führt das!” Ich gab dir meinen
Nacken. Du lecktest Dunkelheit in mich. “Reicht diese Macht für hier
und jetzt?” fragtest du meine Gänsehaut. “Hier und jetzt? Das wird
doch nichts! Wir sind in einem Park, überall wuseln Kinder, die Mütter
an der Ferse. Für so was bin ich dann doch zu alt. Wie soll man sich denn
konzentrieren?” Deine Brust
rieb mir an den Schultern, dein Mund biss jetzt.
“Du
sollst dich nicht konzentrieren, ich bin kein Schachbrett! Du sollst dich
hingeben, meiner Macht hingeben.” Das
sie längst wirkte, konnte deine Hand im Schritt spüren. Und schon waren
Knopf und Reissverschluss offen. Und ehe die Bilder über das Knäuel das
dein Wickelrock gleich bilden würde, aufgestellt waren, spürte mein
pulsendes Sensorium die warme Nässe deines Hauses. Rittlings du auf mir,
am Sonntag Nachmittag im Park. Nur Drängen und Zucken, am Sonntag
Nachmittag im Park. Wir keuchten uns in die Kragen, den Monden elliptisch
näher kommend. Kontrollverlust.
Zur
letzten Ausschau in die andere Welt, nach Polizisten und besorgten Eltern,
sah ich die schwere Holztür aufgehen. “Du der geht schon wieder. Mehr
als fünfzig Franken kriegt der an seiner Alten nicht vorbei.” Du
wendetest den Kopf, mich streifte dein Blick, der noch aus
Lust war. Der schmerzvolle, den ich so liebe. “Wo der wohl
hingeht?”
“Na
zu seiner Frau. Vielleicht wird er vom Elend auf der Strasse erzählen,
das sich nicht mal mehr Sonntags versteckt.”
Du
stiegst ab von mir und kniffst die Augen. “Bist du sicher? Würde mich
brennend interessieren was der jetzt macht.”
Die
Hose ordnend sagte ich: “ Dann gehen wir ihm nach! Es gibt noch Fragen!
Geht der schnurstracks aufs Tram? Trinkt er noch einen Kaffee? Trift er
sich zum Boccia? Wem berichtet er seine
kleinen Abenteuer?” Der
sauber Gekleidete, blickte sich um, wechselte die Strassenseite und zog
nicht sehr eilig und ohne sich noch einmal umzusehen von dannen. Wir
wollten ihm nach, da öffnete die Tür zum zweiten Male. Die junge Frau
verliess das Haus eilig. Sie versuchte sich eine Zigarette anzuzünden,
das Feuerzeug fällt ihr aufs Trottoir. “Gottverdammi!!!” sie bückt
sich und eilt weiter. Ohne zu rauchen.
“Und
wo geht sie jetzt hin?” fragtest du. “Das interessiert mich eigentlich
noch viel mehr.”
Ich
hatte einen simplen Einfall, der mir, wie jeder an deiner Seite, die
Qualitäten eines Geistesblitz zu haben schien: “Wir trennen uns jetzt!
Ich gehe ihm nach und du bleibst bei ihr.”
Du küsstest mich. “Das hast du schön gesagt, ja ich bleibe bei
ihr. Los beeile dich, der ist gleich weg. Wir treffen uns auf meinem
Balkon!” Ich hastete dem
Mann hinterher und bald sind wir uns aus dem Blick. Gemächlich strich der
alte Herr durchs Kleinbasel, bis er in einem Schulhaus verschwindet.
Eine
Zeit später, einer der energischen Regen dieses Sommers tröstet uns,
sitzen wir rauchend, Schulter
an Schulter auf deinem Balkon.
“Völlig
klar wo sie hinging, zwei Strassen weiter stand der Dealer. Sie verschwand
dann kurz in einer Auffahrt und kam nach zehn Minuten, fast unverändert
wieder heraus.”
“Ging
sie wieder zur Claramatte?”
“Nein
sie traf eine Freundin und verschwand mit ihr in
einer der Kneipen, die schon bei Tag Nachtleben haben. Und bei dir?
Wo ging er denn hin, der saubere Freier?”
“Er
ging in ein Schulhaus.”
“In
ein Schulhaus? Am Sonntag? Was macht er da?”
“Abstimmen!
Heute ist Abstimmungssonntag! Und weißt du worüber abgestimmt wird?
“Nein”
“Über
die Droleg- Initiative! Die Initiative zur Legalisierung und
Entkriminalisierung des Drogenkonsums.”
“Was
wird er wohl gestimmt haben?” fragtest du, mir deinen Rauch ins Gesicht
blasend.
“Er
ist ein freier Bürger.” sagte ich.
“Ja,
er ist ein freier Bürger” sagst du und weinst.

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