Nachdem sie einmal seinen Geruch
eingeatmet und in ihrer Erinnerung verankert hatte, wußte sie, daß sie ihre Ruhe nicht
eher wieder finden würde, bis sie erneut einen tiefen Zug dieses betörenden Duftes in
sich aufgenommen hatte. Unermüdlich lief sie seither in ihrer freien Zeit durch die
Stadt, katzenhaft gespannt in der Erwartung, ihn plötzlich irgendwo aufspüren zu
können. Die Entscheidung, wie sie ihn dann in ihre Gewalt bringen und ihrer erregenden
Erinnerung neue Nahrung geben würde, wollte sie ganz der Situation überlassen, bei deren
bloßem Gedanken ihr ein zarter Schauer über den Rücken lief.
Vor acht Wochen hatte sie zum ersten Mal im Gedränge der U-Bahn
neben ihm gestanden. Es war ein schwülheißer Spätsommerabend und sie war nach
Büroschluß auf dem Weg nach Hause. Zunächst hatte sie ihn gar nicht wahrgenommen. Wie
meist während ihrer Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln überließ sie sich auch an
diesem Abend ausgedehnten Phantasien über Leben und Leidenschaften einiger ausgewählter
Mitfahrender, die sie eindringlich beobachtete.
Den blonden schüchternen Jungen mit dem zarten Bartflaum, der
ihr schräg gegenüber saß, sah sie Pickel vor dem Spiegel ausdrücken und im Dunkeln
masturbieren, die ältere Dame neben ihm das Leben und den kürzlich verlorenen Ehemann
gleichermaßen verfluchen und beweinen.
In der Regel entwickelten sich solche Gedankenausflüge bei ihr
leichtfüßig und mühelos. An diesem späten Nachmittag jedoch schienen ihre
Phantasieflüsse seltsam gebremst. Sie fühlte sich ungewöhnlich unruhig und zerstreut.
Irritiert schloß sie die Augen.
Nach einem kurzen Moment der Konzentration wußte sie, was sie
abgelenkt hatte. Sie nahm neben sich den betörenden Geruch warmer Haut wahr: würzig mit
einem Hauch von Süße wehte es zu ihr hinüber. Sie lächelte und war gerade dabei, sich
genüßlich in die weiche Geschmacksdecke einzuhüllen, als deren Quelle schon wieder zu
versiegen begann. Irritiert öffnete sie die Augen und sah einen kräftigen blonden Mann
Mitte Zwanzig die U-Bahn verlassen. Sie blieb zurück mit einem alles einnehmenden Gefühl
des Verlustes.
Unvermittelt versuchte sie, die kurz zuvor unterbrochenen
Gedankenspiele nochmals aufzugreifen. Diese erschienen ihr plötzlich gänzlich schal. Die
ältere Frau blickte sie verständnislos an, als sie ihr unvermittelt und geradezu
aggressiv zurief, daß es gewiß keine böse Berechnung von ihm gewesen sei, zuerst zu
gehen und sie allein zurückzulassen.
Seither hatte sie mehrere Male vergeblich versucht
herauszufinden, wo er wohnte. Nachdem sie ihn einige Male in der U-Bahn wiederentdeckt
hatte, konnte sie ihm zwar ein Stück folgen, als er ausstieg, verlor ihn dann aber immer
in demselben Stadtviertel wieder aus den Augen.
Fast jede Nacht träumte sie von ihm. Zielsicher fand sie dann
das Fläschchen mit seinem Duft aus einer unüberschaubaren Vielfalt an Essenzen, die auf
langen Regalen aufgereiht standen. Wenn sie das richtige Flakon öffnete und daran
schnupperte, wurde sie von einer solch heftigen Erregung überwältigt, daß sie jedes Mal
aufwachte und sich den Rest der Nacht schlaflos im Bett hin und her wälzte. Bei Tag war
es ihr noch nie gelungen, den Duft noch einmal heraufzubeschwören.
Sie mußte ihn einfach wiederfinden, dessen war sie sich sicher.
Die Nasenflügel leicht gebläht, streifte sie Tag für Tag nach Arbeitsschluß in
schwarzer Lederjacke, kurzem Rock und Turnschuhen durch Cafés und Kneipen, Kaufhäuser
und Geschäfte. Buchhalterisch genau durchkämmte sie die gesamte Gegend, ohne dabei mit
jemandem zu sprechen oder irgendwo stehen zu bleiben.
Nachdem sie mehrere Wochen ihre gesamte freie Zeit in dem etwas
heruntergekommenen Stadtteil verbracht hatte, entdeckte sie ihn schließlich in einem
kleinem Zeitschriftengeschäft. Er war gerade dabei, Zigaretten und ein Stadtmagazin in
seine Jackentasche zu stecken, als sie ihn sah. Er verließ den kleinen Laden, ohne sich
umzusehen. Unauffällig folgte sie ihm, bis er in einem großen Häuserblock verschwand.
Sie setzte sich auf eine Bank in dem Park gegenüber des Hauses
und fixierte die große Fensterfront des Mietshauses. Obwohl sie dicht neben einem
überquellenden, stinkendem Mülleimer saß, fühlte sie sich zum ersten Mal seit ihrer
Begegnung in der U-Bahn wieder ruhig und gelassen.
Keine fünf Kilometer von mir entfernt wohnt er, sang sie leise
in sich hinein. Am Abend, nachdem sie ihn aufgespürt hatte, blieb sie lächelnd auf der
Bank sitzen, bis sie zu frösteln begann. Er hatte das Haus nicht mehr verlassen, aber das
beunruhigte sie nicht weiter. Sie glaubte ja nun zu wissen, wo sie ihn jederzeit finden
konnte. Bei diesem Gedanken begann sie auf dem Nachhauseweg zu hüpfen. Schnell wurde ihr
dabei warm.
Der folgende Tag wurde schwer für sie. Da sie länger arbeiten
mußte, konnte sie erst am späten Abend ihre Position auf der Parkbank einnehmen. Sie sah
ihn das Haus weder betreten noch verlassen. Vielleicht war er nur zu Besuch hierher
gekommen, und sie hatte im Rausch der Gefühle nicht lange genug ausgeharrt, um es zu
bemerken, schoß ihr durch den Kopf. Je länger sie vergeblich nach ihm Ausschau hielt, um
so schwächer fühlte sie sich. Als sie an diesem Tag weit nach Mitternacht zitternd vor
Kälte und Enttäuschung nach Hause kam, verhalf ihr auch das Nachtprogramm im Fernsehen
nicht zum Schlaf.
Sie fühlte sich so elend, daß sie am folgenden Tag schon am
frühen Nachmittag das Büro verließ. Erst als sie in der warmen Mittagssonne ihre
Position auf der Bank bezogen hatte, fühlte sie sich besser. Sie aß das Brötchen, das
sie in der Kantine gekauft hatte und summte leise vor sich hin.
Mütter mit Kindern kamen mit dicken Einkaufstüten nach Hause,
ein älterer Mann machte hinkend Gehversuche, indem er den immer gleichen Weg vor dem Haus
gegenüber Stück um Stück verlängerte. In sich versunken, hatte sie beinahe vergessen,
warum sie hier saß, als er plötzlich um die Ecke bog, seinen Schlüssel auspackte und
hinter der Haustür verschwand.
Plötzlich wußte sie, was sie zu tun hatte: sie mußte in das
Haus gelangen. Schnell verließ sie ihren Beobachtungsposten, überquerte die Straße und
stellte sich an die Eingangstür. Michels, Koch, Hammerschmid las sie gerade auf den
Namensschildern, als die Haustür sich öffnete und eine Frau mittleren Alters das Haus
verließ. Sie nickte ihr zu und schlüpfte in den Hausflur.
Die schwarz-weiß gemusterten Steintreppen und die dunkelbeige
Tapete verströmten eine muffige Kälte. Sie zog ihr Sweatshirt über und legte ihr Ohr
vorsichtig an die Tür der linken Parterrewohnung "Hammerschmid". Nichts war
dort zu hören, auch nicht rechts bei "Koch" und eine Etage höher links. An der
rechten Tür jedoch hörte sie leise Radiomusik. Ob er "Pfeiffer" war? Schnell
huschte sie die Treppen hinunter, verließ das Haus und setzte sich wieder auf ihre Bank.
Es war kurz nach Mitternacht, als sie
die Tür ihres Appartements aufschloß. Bevor sie den Wecker auf sechs stellte, hörte sie
den Anrufbeantworter ab. Ja, morgen würde sie ihre Mutter beruhigen, daß es ihr gut
gehe, dachte sie und schlief sofort ein.
Um sieben Uhr saß sie wieder auf der Bank. Das Holz war feucht
vom Tau und ihre Hose fühlte sich klamm an. Der Berufsverkehr hatte noch nicht
eingesetzt, und die Vögel zwitscherten laut. Es war Freitagmorgen und obwohl sie nur
wenig geschlafen hatte, war sie wach und gespannt. In einer Thermoskanne hatte sie heißen
Kaffee mit Milch und Zucker, in ihrer Tasche das Werkzeug mitgebracht. Zur Arbeit würde
sie heute nicht gehen.
Kurz nach Sieben verließen ein Mann und eine Frau das Haus, kurz
vor Acht kam er heraus. Er schien in Eile zu sein und war gleich um die Ecke verschwunden.
Sie überquerte die Straße und positionierte sich an der
Haustür. Als diese von innen geöffnet wurde, gab sie vor, gerade geklingelt zu haben und
lief in das dunkle Treppenhaus. Nachdem sie sich vergewissert hatte, daß niemand in der
Nähe war, ging sie leise die Treppe hinauf in die erste Etage, wo sie die Tür
geräuschlos mit einem Schraubenzieher öffnete.
Jetzt stand sie in seiner Wohnung und seinem Flur, das roch sie
sofort. Leise zog sie die Tür hinter sich zu. Eine plötzliche Wärme durchflutete sie,
als sie durch die kleine Wohnung ging. In der Küche stand das Frühstücksgeschirr auf
dem Tisch, im Wohnzimmer lagen einige Zeitschriften auf dem Boden, daneben ein halbvoller
Aschenbecher, eine leere Weinflasche und ein Glas. Die Sonne spiegelte sich in dem
Glastisch.
Dann öffnete sie die Tür zum Schlafzimmer. Hier nahm sie den
Geruch, von dem sie so lange und eindringlich geträumt hatte, besonders intensiv wahr.
Wie hypnotisiert ging sie auf das breite Bett zu, zog sich aus und legte sich nackt unter
die dünne Decke.
Sie fiel in einen tiefen Schlaf, aus dem sie erst erwachte, als
sie spürte, daß sich jemand neben sie legte. Fest hielt sie die Augen geschlossen und
erinnerte sich an die erste Begegnung in der U-Bahn. Wie hatte sie sich danach gesehnt,
ihn ganz zu erschnuppern. Langsam begann sie ihn zu streicheln. Als sie ihre Umarmung, wie
ihr schien, Stunden später lösten, fragte er sie nach ihrem Namen. Monika, flüsterte
sie und öffnete erstmals ihre Augen zu kleinen Schlitzen.
Im Zimmer war es dunkel. Sie hörte leise einen Wecker ticken.
Ein bißchen bedauerte sie, ihre Anonymität verloren zu haben. Sie atmete tief durch und
versuchte sich vorzustellen, das Fenster des Zimmers noch einmal von der Bank auf der
gegenüberliegenden Straßenseite zu beobachten.