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Das Online-Magazin für Erotische Literatur des Berliner Zimmers

Berliner Zimmer - Der Salon im Netz

Nr. 3/1999

  

Inhalt Nr. 3

Editorial

Christian Anslinger
Absolute Verfügbarkeit

Werner Baur
Kalypso

Michael Eichhammer
Die Abenteur von Lady Latex

Manfred Eder
Fahrzeugwechsel

Wolf Ehrlich
OrgasMuß

Peter Felix
Dunkel

Werner Friebel
Bettgeschichte

Jan Ulrlich Hasecke
Lockendere, üppigere, vollere

Natalie Heim
sieh

Che Haven
"Le bruit um uns..."

Christof Hoyler
Arthur trank Rosa

Carola Heine
Last Exit - das letzte Mal

Emanuelle Mourant
Der Betrug

Petra
Der unmoralische Kuß

Christopher Ray
Maus und Kater

Regina Reichel
Frischfleisch

Hartmut Sörgel
G   LIED

Frank Steinbrink
jene die singen mit ihrer haut

Stephan Tunn
Leidenschaft

Sandra Uschtrin
Das Photo

Beate-Helena Wehrle
Der Einbruch

Josef Wilms
Kabinettgeflüster oder Eine ausgemachte Vögelei


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Leser- & Pressestimmen

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Zu Erosa Nr. 2

Zu Erosa Nr. 1

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"Der unmoralische Kuß"
von
Petra Zlobinski

Ich weiß nicht, warum es ausgerechnet das ist, was mir von jener letzten Begegnung mit Joaquín am allermeisten im Gedächtnis geblieben ist. Dieses kleine, eigentlich doch völlig nichtige Detail. Und doch kreisen meine Gedanken darum, wann immer ich mir gestatte, eine kleine Auszeit vom Alltag zu nehmen, welcher bei mir – nicht anders als bei wohl jedem Menschen – aus kleinen und größeren, lästigen und angenehmeren Pflichten sowie sich immer wiederholender Verrichtungen besteht. Ehefrauenalltag, Mutteralltag, Hausfrauenalltag. Manchmal also, ganz profan, in der Schlange vor der Supermarktkasse, oder wenn ich meine Tochter vom Ballettunterricht abhole und noch einige Minuten vor dem Studio im Auto sitze und auf sie warte, schweifen meine Gedanken ab, weg vom Alltag – den ich nicht missen möchte! – hin zu den Stunden mit Joaquín – die ich ebenfalls schmerzlich vermißte, hätten sie plötzlich, aus irgendeinem Grund, ein Ende.

Joaquín und ich kennen uns seit vielen Jahren, und in dieser Zeit hat sich ein Band zwischen uns gebildet, das auf mehr als auf bloßer sexueller Anziehung beruht. Er ist mein bester Freund, kennt mich – kennt mich gut, aber nicht so sehr, daß unserer Beziehung der besondere Funke genommen würde, der sie zu dem macht, was sie uns beiden ist. Die meisten Menschen, und vordergründig beinahe alle, würden unsere Beziehung verurteilen. Meinen Geliebten würden sie ihn nennen, aber das ist er nicht. Er ist es nie gewesen. Mein Geliebter, das ist mein Mann. Meinen Mann liebe ich. Joaquín begehre ich. Nicht nur auf sexueller Ebene, ebenso auf einer anderen, einer geistigen. Wir tauschen uns aus, über dieses und jenes, aber über nichts, was meinen oder seinen Alltag betrifft, wir ringen miteinander, versuchen uns gegenseitig, streiten uns, manchmal allein ums Streiten wegen. Solcher Art also ist mein Begehren für Joaquín: Ich begehre seinen Körper, der athletisch ist, beinahe makellos schön, und ich begehre seinen Geist, der ebenso eine Herausforderung für mich darstellt. Emotional jedoch begehre ich ihn nicht, so wenig wie umgekehrt er mich. Ich mag ihn sehr, er ist der wichtigste Mensch für mich nach meiner Familie. Ich vermisse ihn schmerzlich, wenn er für Wochen geschäftlich außer Landes ist, nehme Anteil, wenn er traurig ist – aber alles auf eine Weise, wie man für einen sehr guten Freund empfindet, nicht für einen Menschen, den man auf romantische Weise liebt. Wie ich ist Joaquín verheiratet. Wie ich für meinen Mann und meine Familie, mag er für seine Frau empfinden – ich kann es nur vermuten, denn wir sprechen nicht darüber. Niemand jedoch verstünde dieses besondere Verhältnis zwischen Joaquín und mir, also halten wir es geheim. Seiner Frau gegenüber und meinem Mann gegenüber, die beide nicht teilen wollten, was in Wahrheit nicht geteilt wird, denn weder meinem Mann noch Joaquíns Frau wird irgend etwas vorenthalten oder verweigert.

Bei unserem letzten Treffen nun, ein paar wenige Stunden am Vormittag, in denen wir uns beide unter Zuhilfenahme von Ausflüchten von unseren Verpflichtungen hatten freimachen können, es war in einem kleinen, unscheinbaren Hotel gewesen, in dem wir uns dann und wann verabredeten, geschah etwas, das bisher zwischen uns ausgespart geblieben war. Das Fenster stand weit offen, unten brandete der Großstadtverkehr vorbei. Die Gardine blähte sich im lauen Wind, Joaquín hatte den Kopf zwischen meinen Beinen, leckte mich, hingebungsvoll, und ich lag da, mit geschlossenen Augen, und genoß die Berührungen seiner Zunge und seiner Lippen. Wie er schmeichelte und neckte, zögerte, mit voller Absicht, bis ich es fast nicht mehr aushielt, nur seinen Atem zu fühlen, dann wieder liebkoste, mit seiner Zunge eine Spur zeichnete, eine Fährte, die in Kreisen verlief und trotzdem zum Ziel führte. Er griff nach meiner Hand, der linken, führte sie dorthin, wo sein Mund bereits war, ließ mich mich selbst berühren, nahm zwei Finger meiner Hand in den Mund und sog daran. Dann plötzlich richtete er sich auf, kam über mich, ich spreizte die Beine noch etwas mehr, in Erwartung, daß er nun in mich eindringen würde, aber er legte sich bloß auf mich, ich spürte ihn an meinem Bauch, er brachte sein Gesicht nah an meines und sah mir in die Augen. Ich erwiderte seinen Blick, bis er schließlich fragte, klar und direkt, wie es seine Art, vielleicht auch ein bißchen, weil deutsch nicht seine Muttersprache ist:

„Möchtest du dich schmecken?“

Ich lächelte, dachte an meine Linke, aber er hielt meine Hand fest, so daß ich sie nicht zum Mund führen konnte.

„Nein, nicht so“, sagte er. „Ich würde dich gern küssen.“

Ich war überrascht. So überrascht, weil es Symbol für das eine war, das es in unserer Beziehung zueinander nicht gab. Wir küßten uns, wie Freunde sich küssen. Auf die Wange, flüchtig, wenn wir uns begrüßten oder voneinander verabschiedeten. Und wir küßten uns, wie Geliebte es in den intimsten Momenten tun, auch wenn wir uns nicht lieben, nicht emotional. Wir tauschten Küsse aus, die unverbindlich waren und andere, die es in der Sekunde wurden, wenn sie ihr Ziel erreicht hatten, ihr einziges Ziel, Befriedigung zu verschenken. Wir küßten uns nicht auf den Mund, weil es – ich weiß nicht mehr, wer diese Regel eingebracht hatte, ob er es war oder ich – etwas war, das Liebenden vorbehalten bleiben sollte.

Nicht, daß ich noch nie daran gedacht hatte. Immer, wenn er mir fern, niemals, wenn er bei mir gewesen war. Wenn er weit weg von mir war, meistens, wenn ich ihn längere Zeit nicht gesehen hatte, hatte ich mich oft schmerzlich danach gesehnt, ihn zu umarmen und zu küssen, so, wie es Liebende tun. Aber wenn wir uns dann wiedersahen, war der Wunsch verschwunden, jedesmal war es noch so gewesen, war weit fort gerückt, zweitrangig geworden ob der sexuellen Verzückung, die wir aneinander fanden.

Und nun das. Nun fragte er mich, ob er mich küssen durfte. Tauchte zwischen meinen Beinen auf und verlangte meinen Mund zu küssen. Es war paradox, und auch wieder nicht, vor allem aber war es verwirrend, und ich wußte nicht, was ich davon zu halten hatte.

Er wartete meine Antwort nicht ab, beugte sich über meinen Mund, ich schloß intuitiv die Lippen, preßte sie aufeinander, er fuhr mit seiner Zungenspitze darüber, leckte sie, schmeichelte ihnen, öffnete sie, mein Mund kam ihm entgegen, und dann küßten wir uns, tief und lang, ich schmeckte mich tatsächlich auf seinen Lippen, kostete mich von seinem Mund, unsere Zungen berührten sich zum allerersten Mal, lange, nachdem unsere Körper schon so viel mehr miteinander geteilt hatten – und in genau diesem Moment kam ich.

Joaquín drang in mich ein, es dauerte nicht lange.

Danach lagen wir nebeneinander, außer Atem, und wußten beide nicht so recht, was gerade geschehen war. Ich war durch einen Kuß gekommen. Durch einen Kuß!

Seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen, aber das ist nicht ungewöhnlich. Wir telefonieren miteinander. Er ruft mich an, aus Madrid oder London, je nach dem, in welchem Teil der Welt er sich gerade befindet. Über den Kuß reden wir nicht. Der Kuß ist tabu. Ich weiß nicht, ob er sich wiederholen wird. Vielleicht haben wir uns einmal geküßt und werden es nie wieder tun. Wir werden wieder miteinander schlafen, uns küssen, ja, unsere Körper haben so viele Stellen, die es lohnen, geküßt zu werden. Aber auf den Mund? Er hat so eine gewichtige Bedeutung bekommen, dieser Kuß.

Eigentlich weiß ich sehr wohl, warum mir dieser Kuß, dieses kleine, nichtige Detail, das keineswegs nichtig ist, so gut im Gedächtnis geblieben ist. Warum ich mich im Grunde nach nichts mehr als nach seiner Wiederholung sehne. Und mich gleichzeitig vor nichts mehr fürchte. Ich mache mir nichts vor. Der Kuß macht unsere Beziehung, die so lange perfekt war, verwundbar, unwägbar, setzt sie auf’s Spiel. Weil er ein Element hineinbringt, das wir beide für eine andere Person reserviert haben. – Haben sollten.

Wahrscheinlich wird es das beste sein, wenn ich nicht weiter darüber nachdenke. Ihn vergesse, diesen Kuß. Wie Joaquín ihn wahrscheinlich vergessen hat. Diesen Kuß, der einen so ungeahnt süßen Beigeschmack hatte.

 

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Copyright aller Texte bei den Autoren, für die Zusammenstellung und Präsentation im Internet bei Enno E. Peter und Sabrina Ortmann 1999.  

 

 


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