JPC - CDs, Videos & Bücher

Das Online-Magazin für Erotische Literatur des Berliner Zimmers

Berliner Zimmer - Der Salon im Netz

Nr. 3/1999

  

Inhalt Nr. 3

Editorial

Christian Anslinger
Absolute Verfügbarkeit

Werner Baur
Kalypso

Michael Eichhammer
Die Abenteur von Lady Latex

Manfred Eder
Fahrzeugwechsel

Wolf Ehrlich
OrgasMuß

Peter Felix
Dunkel

Werner Friebel
Bettgeschichte

Jan Ulrlich Hasecke
Lockendere, Üppigere, Vollere

Natalie Heim
sieh

Che Haven
"Le bruit um uns..."

Christof Hoyler
Arthur trank Rosa

Carola Heine
Last Exit - das letzte Mal

Emanuelle Mourant
Der Betrug

Petra
Der unmoralische Kuß

Christopher Ray
Maus und Kater

Regina Reichel
Frischfleisch

Hartmut Sörgel
G   LIED

Frank Steinbrink
jene die singen mit ihrer haut

Stephan Tunn
Leidenschaft

Sandra Uschtrin
Das Photo

Beate-Helena Wehrle
Der Einbruch

Josef Wilms
Kabinettgeflüster oder Eine ausgemachte Vögelei


ruler.gif (1421 Byte)

Leser- & Pressestimmen

Download
von Erosa 3
(Zum Lesen ohne Providergebühren)

Download für
den Palm Pilot

Zu Erosa Nr. 2

Zu Erosa Nr. 1

Foto: Keith Nicolson

 

  ruler.gif (1421 Byte)


"Last Exit - Das letzte Mal"
vo
n Carola Heine

 

Der alte Mann hatte eine putzige Würde, wie er da im Abflugraum des Flughafens sass und darauf wartete, dass sein Flug aufgerufen wurde. Perfekte Bügelfalten in der Hose, korrekt sass die Krawatte und exakt verlief der Scheitel in dem immer noch kräftigen, aber fast schneeweissen Haar. Zwei Eheringe sassen locker an seinem knochigen Finger, ein Witwer war er also, wie es auch in seinem Alter wohl nicht anders zu erwarten war.

Man konnte ihm noch ein wenig ansehen, dass er einer dieser feurigen dunkeläugigen Ehemänner gewesen war, der seiner Frau glaubhaft ewige Treue schwur und andere Frauen zumindest mit den Augen liebte. Wir wollen mal davon ausgehen, dass es nur die Augen waren, denn was immer er auch getan hatte in seinem Leben, es war lange verjährt. Der Service der Fluggesellschaft hatte besorgt nachgefragt, ob denn ein über Neunzigjähriger alleine reisen könne, und seine Urenkelin hatte stolz erklärt, dass er ein sehr rüstiger Opa wäre.

Ein Opa, dachte er. Ich bin ein Opa. Ein Uropa sogar. Wann ist das passiert? An manchen Tagen kommt es mir vor, als sei es gestern gewesen, dass der kleine Kamerad da unten ständig aufstand, um sich die Frauen der Welt zu betrachten. Unauffällig unter dem Tuch der Hosen, ja. Aber nicht immer. Wenn zum Beispiel damals in 1927 die pralle Frau des Metzgers sich über die Auslage beugte und die Fleischberge unter ihrer Schürze sich aneinander schoben, damit sie die Fleischberge in der Glastheke besser erreichte, überkam ihn der Drang nach den geklopften Schnitzeln in der vordersten Reihe der Theke so dringend, dass er die mit einer Schnur zusammengehaltenen Bücher plötzlich vor dem Bauch tragen musste wie ein Drittklässler.

Noch heute musste er schmunzeln, wenn er daran dachte. Viele solche Frauen hatte es gegeben, die Metzgersgattin war nur eine der ersten gewesen und daher besonders tief in der Erinnerung verankert. Er hatte gedacht, es würde immer so sein, das wusste er noch. Wann genau es aufgehört hatte, wer konnte das schon sagen. Vielleicht vor dreissig Jahren, eventuell auch vor zwanzig. Vielleicht hatte es auch gar nicht aufgehört und sein müder alter Körper reichte die Signale von innen und aussen nur nicht mehr zuverlässig weiter? Ja, dann war er wohl ein Opa.

Es konnten aber auch die jungen Frauen sein. Sie hatten sich verändert. Immer knochiger, immer konturenloser schienen sie zu werden, hungerten sich Brüste und Hüften weg und schienen umso zufriedener zu sein, wenn es möglichst wenig von ihnen gab, als hätte ihnen niemand begreiflich gemacht, dass es Fleischeslust hiess - und nicht Knochenkitzeln.

Nicht alle, zugegeben. Der alte Mann betrachtete zufrieden über den Rand seiner Zeitung hinweg das göttliche Wesen, welches sich gerade auf der Bank gegenüber niederliess. Ein Opa mochte er sein, aber seine Augen liessen ihn nicht im Stich und unauffällig beobachtete er, wie lange Beine auf Stöckelschuhen übereinandergeschlagen wurden und deren Besitzerin eine wogende Oberweite vergeblich mit einem zarten Strickjäckchen zu tarnen suchte, während kleine und grosse Taschen und Tüten übereinanderpurzelten.

Die Besitzerin des reichlichen Handgepäcks schob eine hellblonde Wuschelmähne zur Seite, grosse dunkelblaue Augen betrachteten ihn. Erstaunlich war nur, dass sie daraufhin kokett die Wimpern niederschlug, ein wenig zur Seite blickte und ihm dann ein hinreissendes Lächeln schenkte. Ein wenig verwirrt drehte er sich um, aber da waren nur Grünpflanzen: Sie meinte wirklich ihn.

Freundlich nickte er zurück. Da war eine kleine Stelle links in der Brust, die etwas schmerzte. Es war nicht das Herz, es war sein Stolz, denn früher hatten Frauen ihm dieses Lächeln nicht geschenkt, weil er ein putziger Opa war, sondern weil sie mit dem Gedanken spielten, die Fingernägel in sein durchtrainiertes Hinterteil zu graben, während sie selbst ein wenig mittrainierten.

Jetzt aber war er tatterig, weiss und eindeutig ein Opa. Frauen wussten nicht mehr, dass auch er ein Mann war, sie sahen nur den Greis. Das leise Signal, welches der kleine Kamerad bei dem Ausblick auf die schwarze Seidenstrumpfhose gegenüber auszusenden wagte, durfte er getrost ignorieren. Wahrscheinlich war es ohnehin nur Magnesiummangel oder wie diese ganzen modernen Unwichtigkeiten alle hiessen.

Der Rocksaum verschob sich und fast hätte er sich eingebildet, dass es absichtlich geschah, denn nun sah man - es war keine Strumpfhose, es waren Strümpfe. Es konnte zwar unmöglich Absicht sein, aber einen Blick riskierte der gesetzte Herr trotzdem, unauffällig an der Zeitung vorbei.

Welch ein Kontrast, das zarte weisse Fleisch und die schwarze Spitze. Von Mangel an Magnesium konnte momentan wohl nicht die Rede sein. Es durchzuckte den alten Mann wie ein Stromschlag, als er in die neckischen dunkelblauen Augen blickte und begriff, dass diese junge Dame vor ihm sich nun keineswegs zufällig vorbeugte und fragte "Können Sie mir bitte die Uhrzeit sagen?", während sie die Beine in die andere Richtung übereinanderschlug und ein prachtvolles Dekollete entblösste, welches nun auch nicht mehr unter die Strickjacke geschoben wurde.

Der alte Mann warf einen verwirrten Blick auf die zwei grossen Uhren, die den Abflugraum zierten. Selten war er so eindeutig "angemacht" worden, selbst zu seinen prallsten Zeiten hatten die Damen sich darauf verlassen, dass Hormone und Initiative ihn vorantrieben. Obwohl es auch da Ausnahmen gebeben hatte, von denen er sich selbst am liebsten sagen mochte, dass er sie herausragend gemeistert hatte. Diesmal aber ....

Es ist noch nicht zu spät, hätte er sagen sollen und das verheissungsvolle Lächeln zurückgeben sollen. Stattdessen sagte er und hoffte, dass seine Stimme nicht zitterte "Es ist zehn vor Zwei." Natürlich sah sie ein bisschen enttäuscht aus, aber was hatte sie denn erwartet? Vielleicht hätte er sie an die Bar einladen können, wenn sie nicht schon eingecheckt hätten. Vor dreissig oder vierzig Jahren und vor fünfzig oder sechzig Jahren, ja, da hätte er mit dem Gedanken gespielt, den Flieger zu verpassen und ihr das Fliegen beizubringen.

Sie schmollte nicht lange, sondern schenkte ihm wieder ein strahlendes Lächeln, bei dem ihm ganz warm ums Herz und vielleicht auch anderswo wurde. Gefangen in einem alten Körper bin ich, dachte er wütend. Das Mädchen schien sich nicht daran zu stören. Die riesigen blauen Augen flirteten ihn ganz unverhohlen an und sie schob ihre Kurven in einer Art und Weise auf der Sitzbank hin und her, die eindeutig verlocken sollte. Offen und gerade sah sie ihm ins Gesicht, sie war sich ihrer Reize bewusst und setzte sie gezielt ein. Es war unmöglich. Aber es schien doch so zu sein. Vielleicht, so dachte der Mann, sollte ich es einfach darauf ankommen lassen. Es könnte, nein, es wird das letzte Mal sein, das steht wohl fest.

Bisher hatte er den Gedanken niemals berührt. Es schien ein wenig das Ende von allem zu sein, wenn man zugeben musste, man würde niemals wieder eine Frau berühren, in sie eindringen und ihre Haut küssen, sich in die Ekstase treiben lassen. Auch wenn es so war, man wollte es nicht wissen. Jetzt aber könnte der Abgang ein echtes Finale sein, ein wahrer Abschied von der Liebe und nicht ein langsam weiter voranschreitendes Vertrocknen.

Wenn sie sich das nächste Mal über ihre Tasche beugt und zwar, ohne dass sie die Jacke über dem Ausschnitt schliesst, dann werde ich sie fragen, ob sie auch nach London fliegt. Das ist zwar Blödsinn, denn schliesslich sitzen wir beide hier in der Abflughalle und haben Gepäck dabei und warten auf denselben Flieger. Aber was soll ich sonst sagen? Die Urenkel sind sicher kein prickelndes Thema.

Das Mädchen lächelte ihn an und fuhr sich mit der Zungenspitze leicht über die Lippen. Der alte Mann sammelte seinen Mut zusammen, aber bevor er ein Gespräch beginnen konnte, kam eine zweite junge Frau winkend und rufend auf die Blondine zu, die zusammenzuckte und sich suchend umsah, obwohl ihre Bekannte schon fast vor ihr stand. "Irina!" rief die andere und lachte. "Na Gottseidank bist Du noch da. Ich hatte schon Angst, Du wärst wieder versehentlich auf der Herrentoilette verschollen! Hier sind Deine Kontaktlinsen, Liebes."

ruler.gif (1421 Byte)

Carola Heines Homepage: http://www.melody.de

 

[Seitenanfang]

 

Impressum

Copyright aller Texte bei den Autoren, für die Zusammenstellung und Präsentation im Internet bei Enno E. Peter und Sabrina Ortmann 1999.  

 

 


ruler.gif (1421 Byte)


(C)opyright Sabrina Ortmann und Enno E. Peter 1998 bis 2001
Impressum
Kontakt:
info@berlinerzimmer.de