| Der alte Mann hatte eine putzige Würde, wie
er da im Abflugraum des Flughafens sass und darauf wartete, dass sein Flug aufgerufen
wurde. Perfekte Bügelfalten in der Hose, korrekt sass die Krawatte und exakt verlief der
Scheitel in dem immer noch kräftigen, aber fast schneeweissen Haar. Zwei Eheringe sassen
locker an seinem knochigen Finger, ein Witwer war er also, wie es auch in seinem Alter
wohl nicht anders zu erwarten war. Man
konnte ihm noch ein wenig ansehen, dass er einer dieser feurigen dunkeläugigen Ehemänner
gewesen war, der seiner Frau glaubhaft ewige Treue schwur und andere Frauen zumindest mit
den Augen liebte. Wir wollen mal davon ausgehen, dass es nur die Augen waren, denn was
immer er auch getan hatte in seinem Leben, es war lange verjährt. Der Service der
Fluggesellschaft hatte besorgt nachgefragt, ob denn ein über Neunzigjähriger alleine
reisen könne, und seine Urenkelin hatte stolz erklärt, dass er ein sehr rüstiger Opa
wäre.
Ein Opa, dachte er. Ich bin ein Opa. Ein
Uropa sogar. Wann ist das passiert? An manchen Tagen kommt es mir vor, als sei es gestern
gewesen, dass der kleine Kamerad da unten ständig aufstand, um sich die Frauen der Welt
zu betrachten. Unauffällig unter dem Tuch der Hosen, ja. Aber nicht immer. Wenn zum
Beispiel damals in 1927 die pralle Frau des Metzgers sich über die Auslage beugte und die
Fleischberge unter ihrer Schürze sich aneinander schoben, damit sie die Fleischberge in
der Glastheke besser erreichte, überkam ihn der Drang nach den geklopften Schnitzeln in
der vordersten Reihe der Theke so dringend, dass er die mit einer Schnur
zusammengehaltenen Bücher plötzlich vor dem Bauch tragen musste wie ein Drittklässler.
Noch heute musste er schmunzeln, wenn er
daran dachte. Viele solche Frauen hatte es gegeben, die Metzgersgattin war nur eine der
ersten gewesen und daher besonders tief in der Erinnerung verankert. Er hatte gedacht, es
würde immer so sein, das wusste er noch. Wann genau es aufgehört hatte, wer konnte das
schon sagen. Vielleicht vor dreissig Jahren, eventuell auch vor zwanzig. Vielleicht hatte
es auch gar nicht aufgehört und sein müder alter Körper reichte die Signale von innen
und aussen nur nicht mehr zuverlässig weiter? Ja, dann war er wohl ein Opa.
Es konnten aber auch die jungen Frauen sein.
Sie hatten sich verändert. Immer knochiger, immer konturenloser schienen sie zu werden,
hungerten sich Brüste und Hüften weg und schienen umso zufriedener zu sein, wenn es
möglichst wenig von ihnen gab, als hätte ihnen niemand begreiflich gemacht, dass es
Fleischeslust hiess - und nicht Knochenkitzeln.
Nicht alle, zugegeben. Der alte Mann
betrachtete zufrieden über den Rand seiner Zeitung hinweg das göttliche Wesen, welches
sich gerade auf der Bank gegenüber niederliess. Ein Opa mochte er sein, aber seine Augen
liessen ihn nicht im Stich und unauffällig beobachtete er, wie lange Beine auf
Stöckelschuhen übereinandergeschlagen wurden und deren Besitzerin eine wogende Oberweite
vergeblich mit einem zarten Strickjäckchen zu tarnen suchte, während kleine und grosse
Taschen und Tüten übereinanderpurzelten.
Die Besitzerin des reichlichen Handgepäcks
schob eine hellblonde Wuschelmähne zur Seite, grosse dunkelblaue Augen betrachteten ihn.
Erstaunlich war nur, dass sie daraufhin kokett die Wimpern niederschlug, ein wenig zur
Seite blickte und ihm dann ein hinreissendes Lächeln schenkte. Ein wenig verwirrt drehte
er sich um, aber da waren nur Grünpflanzen: Sie meinte wirklich ihn.
Freundlich nickte er zurück. Da war eine
kleine Stelle links in der Brust, die etwas schmerzte. Es war nicht das Herz, es war sein
Stolz, denn früher hatten Frauen ihm dieses Lächeln nicht geschenkt, weil er ein
putziger Opa war, sondern weil sie mit dem Gedanken spielten, die Fingernägel in sein
durchtrainiertes Hinterteil zu graben, während sie selbst ein wenig mittrainierten.
Jetzt aber war er tatterig, weiss und
eindeutig ein Opa. Frauen wussten nicht mehr, dass auch er ein Mann war, sie sahen nur den
Greis. Das leise Signal, welches der kleine Kamerad bei dem Ausblick auf die schwarze
Seidenstrumpfhose gegenüber auszusenden wagte, durfte er getrost ignorieren.
Wahrscheinlich war es ohnehin nur Magnesiummangel oder wie diese ganzen modernen
Unwichtigkeiten alle hiessen.
Der Rocksaum verschob sich und fast hätte er
sich eingebildet, dass es absichtlich geschah, denn nun sah man - es war keine
Strumpfhose, es waren Strümpfe. Es konnte zwar unmöglich Absicht sein, aber einen Blick
riskierte der gesetzte Herr trotzdem, unauffällig an der Zeitung vorbei.
Welch ein Kontrast, das zarte weisse Fleisch
und die schwarze Spitze. Von Mangel an Magnesium konnte momentan wohl nicht die Rede sein.
Es durchzuckte den alten Mann wie ein Stromschlag, als er in die neckischen dunkelblauen
Augen blickte und begriff, dass diese junge Dame vor ihm sich nun keineswegs zufällig
vorbeugte und fragte "Können Sie mir bitte die Uhrzeit sagen?", während sie
die Beine in die andere Richtung übereinanderschlug und ein prachtvolles Dekollete
entblösste, welches nun auch nicht mehr unter die Strickjacke geschoben wurde.
Der alte Mann warf einen verwirrten Blick auf
die zwei grossen Uhren, die den Abflugraum zierten. Selten war er so eindeutig
"angemacht" worden, selbst zu seinen prallsten Zeiten hatten die Damen sich
darauf verlassen, dass Hormone und Initiative ihn vorantrieben. Obwohl es auch da
Ausnahmen gebeben hatte, von denen er sich selbst am liebsten sagen mochte, dass er sie
herausragend gemeistert hatte. Diesmal aber ....
Es ist noch nicht zu spät, hätte er sagen
sollen und das verheissungsvolle Lächeln zurückgeben sollen. Stattdessen sagte er und
hoffte, dass seine Stimme nicht zitterte "Es ist zehn vor Zwei." Natürlich sah
sie ein bisschen enttäuscht aus, aber was hatte sie denn erwartet? Vielleicht hätte er
sie an die Bar einladen können, wenn sie nicht schon eingecheckt hätten. Vor dreissig
oder vierzig Jahren und vor fünfzig oder sechzig Jahren, ja, da hätte er mit dem
Gedanken gespielt, den Flieger zu verpassen und ihr das Fliegen beizubringen.
Sie schmollte nicht lange, sondern schenkte
ihm wieder ein strahlendes Lächeln, bei dem ihm ganz warm ums Herz und vielleicht auch
anderswo wurde. Gefangen in einem alten Körper bin ich, dachte er wütend. Das Mädchen
schien sich nicht daran zu stören. Die riesigen blauen Augen flirteten ihn ganz
unverhohlen an und sie schob ihre Kurven in einer Art und Weise auf der Sitzbank hin und
her, die eindeutig verlocken sollte. Offen und gerade sah sie ihm ins Gesicht, sie war
sich ihrer Reize bewusst und setzte sie gezielt ein. Es war unmöglich. Aber es schien
doch so zu sein. Vielleicht, so dachte der Mann, sollte ich es einfach darauf ankommen
lassen. Es könnte, nein, es wird das letzte Mal sein, das steht wohl fest.
Bisher hatte er den Gedanken niemals
berührt. Es schien ein wenig das Ende von allem zu sein, wenn man zugeben musste, man
würde niemals wieder eine Frau berühren, in sie eindringen und ihre Haut küssen, sich
in die Ekstase treiben lassen. Auch wenn es so war, man wollte es nicht wissen. Jetzt aber
könnte der Abgang ein echtes Finale sein, ein wahrer Abschied von der Liebe und nicht ein
langsam weiter voranschreitendes Vertrocknen.
Wenn sie sich das nächste Mal über ihre
Tasche beugt und zwar, ohne dass sie die Jacke über dem Ausschnitt schliesst, dann werde
ich sie fragen, ob sie auch nach London fliegt. Das ist zwar Blödsinn, denn schliesslich
sitzen wir beide hier in der Abflughalle und haben Gepäck dabei und warten auf denselben
Flieger. Aber was soll ich sonst sagen? Die Urenkel sind sicher kein prickelndes Thema.
Das Mädchen lächelte ihn an und fuhr sich
mit der Zungenspitze leicht über die Lippen. Der alte Mann sammelte seinen Mut zusammen,
aber bevor er ein Gespräch beginnen konnte, kam eine zweite junge Frau winkend und rufend
auf die Blondine zu, die zusammenzuckte und sich suchend umsah, obwohl ihre Bekannte schon
fast vor ihr stand. "Irina!" rief die andere und lachte. "Na Gottseidank
bist Du noch da. Ich hatte schon Angst, Du wärst wieder versehentlich auf der
Herrentoilette verschollen! Hier sind Deine Kontaktlinsen, Liebes."

Carola Heines Homepage: http://www.melody.de |