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Nr. 2 Editorial
Mühsam vermehrt sich das Eichhörnchen
Brief einer Verlegerin an den
Vorreiter der Heavy-Erotik
Lenn Flatter
Sylvie
Carola Heine
Aber bitte mit Sahne
Peter Kleinert
Sprechen übers Rechen
brechen
Anonym
Der dritte Mann
Wolfgang Paul
weißt du noch in dingsbums
Wolfgang Paul
es kriecht ein schnuckel-
schneckerich
Peter
Ligotage (ein erotischer Liebesbrief)
Sonja Sporrer
gerade noch ... du...
Frank Steinbrink
sonnentanz
Susann Ulshöfer
Modern Times
Leserstimmen
Zu
Erosa Nr. 1 |

Margitta Bieker

"Modern
Times"
von Susann Ulshöfer
"Und tschüß", verabschiedete er die Datei und beförderte Deckblatt, Bewerbung
und Lebenslauf mit einem lässigen Mausklick ins Innere seines Computers. Einige Sekunden
hielt er den Atem an, dann informierte ihn eine höfliche Meldung auf dem Bildschirm, daß
der Druckauftrag abgearbeitet wurde. Endlich ...
Man schrieb das Jahr 1995, den 30. April, und während sich die Stadt in feuchtfröhlichem
Herbeifeiern des 1. Mai erging, verbrachte er die Nacht wieder einmal mit einer Bewerbung,
die seine inzwischen zweijährige joblose Pechsträhne beenden und die Rückkehr in ein
normales Leben ermöglichen sollte. Dieses Mal hatte sich das Formulieren des Schreibens
als das kleinere Übel entpuppt, denn seit er den Drucker angeschlossen hatte - ein
geliehenes Exemplar, Baujahr Neunzehnhundertvorsintflutlich - meuterten die sonst so
zuverlässigen Funktionen seines Computers. Es war fast Mitternacht. Mißtrauisch beäugte
er den Tintenstrahler, der ihm eisern verbohrtes Schweigen entgegensetzte, wenngleich auch
zartgrünes Flackerlicht auf langersehnte Datenübertragung hoffen ließ. Eine Zigarette
sollte ihm die Wartezeit verkürzen, doch im Chaos von Druckeranleitungen, Handbüchern
und technischen Bedienertips auf seinem Schreibtisch fand er nur noch eine leere
Schachtel. Er seufzte. An der Straße um die Ecke gab es einen Zigarettenautomat. Bevor er
seine Wohnung verließ, schaltete er den Anrufbeantworter seines Telefons ein und
vergewisserte sich, daß das Faxgerät auf Empfang war. Allzeit bereit für Jobangebote
von geistig umnachteten innovativen Personalchefs, die mitten in der Nacht auf die Idee
kamen, ihn einzustellen. Alles war möglich.
Der besagte Zigarettenautomat schluckte hungrig das ihm zugeführte Kleingeld, verweigerte
jedoch jeglichen Zugriff auf seine nikotinhaltigen Innereien. Er fluchte und suchte seine
nahegelegene ehemalige Stammkneipe auf, das Bistro "Mücke", in dem in wilden
Grüntönen beschminktes Volk fröhlich singend und trinkend den Tanz in den Mai beging.
In einem Anflug von Sentimentalität ließ er sich von der Stimmung anstecken und leistete
sich neben zwei Schachteln Luckys eine Flasche Maibowle. Dann sah er zu, daß er
hinauskam, bevor ihn jemand ansprach. Zugeben, daß er ohne Arbeit war, kostete ihn stets
ein Stück verbliebenen Stolzes und sog ihn in die verhaßte Welt voll grauer Ratten, die
an seinem Ego nagten.
Runde zwanzig Minuten später stand er wieder vor seiner Haustür. So sicher er wußte,
daß er sie hinter sich geschlossen hatte, als er ging, so maßlos entsetzt starrte er auf
den Boden. Fünf sorgfältig grün-lackierte Fingernägel an einer schmalen Hand, die aus
seiner Wohnung in den Hausflur ragte, ließen sein Blut in den Adern gefrieren. Er schob
die Tür auf und blickte in das Zimmer. Alles war wie immer. Bis auf drei
Kleinigkeiten. Der Empfangsknopf des Faxgerätes leuchtete rot, ohne daß
irgendwelche Übertragungen ersichtlich gewesen wären, dafür hatte sich im
Ausgabeschacht des Tintenstrahldruckers umso mehr Papier angesammelt, und auf den Fliesen
lag ein nackter weiblicher Körper. Der Gestalt war nicht anzusehen, ob sie noch lebte
oder nicht. Ihr Rücken war ihm zugewandt, bedeckt von einer Flut schwarzen Haares. War
sie tot? Sie war tot. Er versuchte, nicht in Panik zu verfallen, gab sich einen Ruck, sank
an ihrer Seite auf die Knie und drehte sie ängstlich um. Sie stöhnte leise und ihre
Augenlider zitterten. Sie war nicht tot. Schnell sprang er wieder auf, hob die Hand
mit den grünen Fingernägeln und zugehörigem Arm eilig aus dem Weg und schloß die Tür,
bevor seine Nachbarn auf Gedanken kamen, die ihn vielleicht seinen Mietvertrag kosten
würden. Erneut kniete er an ihrer Seite nieder. Schwarzes Haar klebte schweißnaß
auf ihrer Stirn, hellhäutig, hohe Wangenknochen; viele winzige Sommersprossen, die ihm
seltsam unpassend zum Rest ihres Gesichtes erschienen, tummelten sich auf ihrer Nase. Sein
Blick wanderte weiter. Ihre Scham war ohne Haare, das rührte und erregte ihn zugleich.
Als er
wieder aufschaute, blickte sie ihm direkt in die Augen. Er erstarrte und vergaß völlig,
rot zu werden. Solch ein unglaublich klares Grau hatte er noch nie gesehen.
"Ist was?" fauchte sie und wand sich aus seinen Armen.
"Deine Augen," stammelte er, "sie sind grau".
Sie zog eine Augenbraue hoch.
"Tatsächlich? Nun, das kommt schon mal vor."
Sie stand auf und schwankte. Schnell griff er nach ihr und schob sie auf das Sofa.
"Bist du okay?"
Mit geschlossenen Augen sank sie zurück, um sogleich wieder hochzuschnellen.
"Shit, nein. Mir ist übel. Wo -?"
Er hatte noch Zeit, ihr den Weg zu deuten, da sprintete sie schon mit einer Hand vor dem
Mund ins Bad. Später lugte sie durch den Türrahmen, ein leicht verschämtes
Lächeln auf den Lippen.
"Sorry! Kann ich vielleicht duschen? Und hättest du was zum Anziehen, ´n T-Shirt
oder so?"
"Klar," nickte er schnell und grinste blöde, "kein Problem."
Er ging hinein, als sie bereits unter der Dusche stand und hängte die Sachen über den
Stuhl. Unsicher verharrte er kurz und drehte sich dann zum Gehen. Da sprach sie ihn an.
"Danke!" lächelte sie. Ihr nasses Gesicht ragte vorwitzig zwischen den
grellbunten Fischen des Plastikvorhanges hervor.
"Du bist sehr nett. Setz dich!"
"Bitte?"
Aber sie war schon wieder hinter dem Duschvorhang verschwunden, begann zu reden, und so
setzte er sich. Sie sei unterwegs zu einem Fest, erzählte sie, einer Art Familienfeier
mit Bekannten und Verwandten, zu der sie einmal im Jahr zusammenkamen. Weil sie sehr spät
dran war, hatte sie eine Abkürzung ausprobieren wollen, sich dabei verirrt und war in
seiner Wohnung gelandet.
"Aha," bemerkte er. "Eine Abkürzung. Durch meine Wohnung. Das geht
natürlich viel schneller, alles klar."
Aber das schien sie nicht zu hören, denn sie duschte zuende, schlang ein Handtuch um
ihren Kopf, trat tropfnaß heraus und trocknete sich unbedarft vor seinen Augen das Wasser
von ihrem Körper. Er vergaß zu fragen, wie sie es geschafft hatte, in seine
verschlossene Wohnung zu gelangen, und das nackt, und warum
ihr so übel gewesen war. Es fiel ihm schwer, nicht auf den glatten Hügel zwischen ihren
Beinen zu schauen und auch die Tropfen, die von ihren kleinen festen Brüsten perlten,
zogen seine Blicke magisch an. Sie bemerkte es und hielt in ihrer Bewegung inne.
"Du findest mich schön!" stellte sie fest und trat vor ihn. Er mußte
aufschauen, um ihr zu antworten und schluckte. Ihr Gesicht schien nur aus Augen zu
bestehen; die Worte fanden keinen Weg durch seine Kehle, und so nickte er nur. Sie
lächelte ihn an.
"Du gefällst mir auch... und dein T-Shirt - darf ich es haben?" Er ließ
es sich von ihr über den Kopf ziehen und ihre Hand strich leicht die Mittellinie seiner
Brust entlang nach unten. Ihre grauen Augen hielten seine tiefbraunen fest im Bann.
"Deine Jeans könnte mir auch passen...".
Er antwortete nicht, öffnete stattdessen seinen Gürtel und zog die Hose aus.
Leise auflachend warf sie mit einer anmutigen Drehung ihres Kopfes das Handtuch
hinab und schüttelte das schwarze nasse Haar in den Nacken. Sie senkte ihren Mund an sein
Ohr.
"Weißt du was? Dieses Jahr müssen sie das Fest ohne mich feiern. Hast Du etwas
dagegen, wenn ich bleibe?"
Sprachs, verschloß seine Lippen mit den ihren und führte seine Hände an ihren Körper.
Der kurze Gedanke, Widerspruch einzulegen, wurde vom anschmiegenden Erschauern ihres
Körpers im Keim erstickt; er zog sie an sich und herab auf seinen Schoß.
Wie selbstverständlich nahm sie ihn auf, tief, und dann begann sie sich zu bewegen, in
einer Art, die ihn taumeln ließ, flüsterte Worte in sein Ohr, seltsame, unbekannte
Laute, die ihn forttrugen aus der Realität. Plötzlich nahm sie seine Hand, zog ihn unter
die Dusche, die sie zu einem warmen Wasserfall weit aufdrehte, kniete sich vor ihn und
trieb ihn mit ihrem Mund und ihren Händen an den Rand des Wahnsinns.
Als er soweit war, schloß sie die Augen und hob ihr Gesicht seiner Hitze entgegen. Dieser
Anblick gab ihm den Rest. Er verkrallte sich in den Duschvorhang, riß ihn aus seinen
Halterungen und rutschte in der Wanne aus. Beim Aufschlag verlor er sofort das
Bewußtsein. Das Duschwasser färbte sich rot vom heftig spudelnden Blut aus dem
klaffenden Riß in seiner Stirn. Das Mädchen schlug erschrocken die Hand vor den
Mund.
"Hoppla", sagte sie und kicherte. Dann drehte sie die Dusche ab, murmelte
seltsame, unverständliche Laute und schnippte dazu mit den Fingern.
Er erwachte mit leichten Kopfschmerzen in seinem Bett und versuchte, sich zu erinnern. Der
Traum... Dann sah er am Fußende das Mädchen sitzen.
"Was ist passiert?" fragte er.
"Du hast dir den Kopf gestoßen", erwiderte sie lächelnd.
War er nicht gestürzt? Er berührte seine Stirn. Da war nichts. Ihm fiel etwas auf.
"Dein Haar," bemerkte er, "es ist blond."
"Das kommt vor", flüsterte sie, hob die Decke und schlüpfte darunter. Er war
zurück im Traum. Und der vertrieb seine Kopfschmerzen. Als ihr Gesicht auf der Höhe des
seinen war, gebot er ihr atemlos Einhalt, flüsterte: "wer bist du nur?" und
hielt überrascht inne. Das blaueste Blau, das er je gesehen hatte.
"Deine Augen," flüsterte er, "sie sind blau."
"Tatsächlich?" keuchte sie, "das kommt vor. Hör nicht auf, dich zu
bewegen!"
Viel später, als ihr Atem sich beruhigt hatte und ihre Körper sich entspannten, fanden
sich ihre Hände und hielten einander fest. So schliefen sie ein.
Bei Morgendämmerung läutete ihn das Telefon aus dem Schlaf. Er nahm ab, lauschte. Dann
drehte er sich zu ihr.
"Bist du Zirkonia?"
Sie nahm den Hörer.
"Mutter? -
- Ja, ich habe es ausprobiert -
- Nein, ich hatte mich bloß in der Nummer geirrt -
- Nein, es ist nicht gefährlich. Man muß sich nur daran gewöhnen. Du solltest es einmal
ausprobieren, das ist jetzt IN!
- Nein, Mutter, den brauche ich auf gar keinen Fall. Ich nehme den gleichen Weg zurück -
- Ja, Mutter, ich weiß. Das war früher so. In deiner Zeit. Aber die Zeiten haben sich
nun mal geändert -
- Natürlich werde ich vorsichtig sein. Ade, Mutter, bis später!"
Sie gab ihm den Hörer zurück. Er legte auf und sie schmiegten sich schläfrig
aneinander.
"Zirkonia?" murmelte er.
"Ja?"
"Ich heiße Sebastian."
"Das weiß ich."
"Wirst du mir irgendwann alles erklären?"
"Aber ja." Sie lachte leise. "Schlaf jetzt."
"Zirkonia?"
"Ja, Lieber?"
"Deine Augen. Jetzt sind sie grün."
"Wirklich? Endlich!"
"Und dein Haar ist rot."
"Dann ist es gut."
Bevor er zurück in den Schlaf sank, fiel ihm etwas ein. Jetzt paßten die Sommersprossen
zu ihrem Gesicht.
Als sie das nächste Mal aufwachte, küßte sie den Schlafenden zum Abschied und schlich
auf Zehenspitzen in sein Arbeitszimmer. Es roch nach der Maibowle, die sie getrunken
hatte, während er sich von dem Sturz und der Heilung seiner Stirnwunde erholte. Weit
öffnete sie das Fenster, sog tief die Luft ein und bot ihr Gesicht mit versunkenem
Ausdruck für einen Augenblick der warmen Maisonne dar. So glücklich hatte sie sich lange
nicht gefühlt. Anschließend ging sie zum Tintenstrahler hinüber, nahm das Papier heraus
und las aufmerksam seine Bewerbung. Danach murmelte sie seltsame, unverständliche Laute
und schnippte dazu mit den Fingern.
In seinem Bücherregal fand sie ein Lexikon, blätterte darin, schrieb an einer bestimmten
Stelle etwas hinein, schnitt sich eine Locke aus dem Haar und klebte sie mit Tesafilm in
das Buch. Sie ließ es offen auf dem Schreibtisch liegen. Jetzt trat sie an das
Faxgerät, tippte - diesmal sorgsam - eine Nummer ein, drückte den grünen Startknopf und
schlüpfte nackt in den Einzugsschacht. Als die letzte Strähne ihres tizianroten Schopfes
verschwunden war, meldete das Display die erfolgreiche Speicherübertragung.
Neben der roten Locke im Lexikon las er später: "Walpurgisnacht, die Nacht vom 30.
April zum 1. Mai, in der nach Volksglauben die Hexen auf ihren Besen auf den Blocksberg
eilen, um dort ihr Fest zu feiern." Quer darüber stand in großen frechen
Buchstaben: BESEN SIND OUT !
Die Bewerbung schickte er am darauffolgenden Tag ab. Er bekam den Job und betreute fortan
in einem eigenen kleinen Büro einen ebensolchen kleinen Kundenkreis für ein
mittelständisches EDV-Unternehmen. Damit war er völlig zufrieden, denn der Job war nach
seinen Erlebnissen in der Walpurgisnacht nicht mehr
wichtig für ihn. Seine freie Zeit verbrachte er damit, durch die Straßen und Parks
der Stadt zu laufen, immer in der Hoffnung, auf irgendeinen Hinweis zu stoßen, der ihm
helfen würde, Zirkonia zu finden. In den Abendstunden saß er zuhause vor dem Computer,
hinterließ Suchmeldungen auf Online-Pinboads oder surfte im Internet, um alles zu sammeln
und zu lesen, was er über Hexerei finden konnte. Neuerdings liefen ihm häufig schwarze
Katzen nach. Und ein Rabe hatte sich auf seinem Fensterbrett von ihm füttern lassen.
Die Sendebestätigung des Telefaxes, mit vollständiger Faxnummer des Empfängers sowie
Datum und Zeit der Übertragung, war von einem Windstoß in die hinterste Ecke unter
seinen Schreibtisch geweht worden.
Eines Tages würde er sie finden.
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