Das Online-Magazin für Erotische Literatur des Berliner Zimmers Nr. 2

Berliner Zimmer - Der Salon im Netz

Nr. 2 / April 1999

     

Inhalt Nr. 2

Editorial
Mühsam vermehrt sich das Eichhörnchen

Brief einer Verlegerin an den Vorreiter der Heavy-Erotik

Lenn Flatter
Sylvie

Carola Heine
Aber bitte mit Sahne

Peter Kleinert
Sprechen übers Rechen brechen

Anonym
Der Dritte Mann

Wolfgang Paul
weißt du noch in dingsbums

Wolfgang Paul
es kriecht ein schnuckel-
schneckerich

Peter
Ligotage (ein erotischer Liebesbrief)

Sonja Sporrer
gerade noch ... du...

Frank Steinbrink
sonnentanz

Susann Ulshöfer
Modern Times

 

Leserstimmen

Zu Erosa Nr. 1

 

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Claudia von Hausen

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"Sylvie" von Lenn Flatter

Bereits bei dem ersten Rendezvous mit Sylvie war es erneut zu stürmischen Küssen und Liebkosungen gekommen; sie spazierten, sich verliebt an der Hand haltend, in einem Park umher. Es war völlig klar, schon das nächste Zusammentreffen würde zu eingehenden Intimitäten führen, ja, es wäre augenblicklich geschehen, wenn sie sich nicht gerade auf einer belebten Promenade befunden hätten. Als sie dann im Auto saßen, wurden die ungestümen Liebkosungen auf Gegenseitigkeit ohne Verzug oder weitere Umstände recht umfassend, tiefgreifend und eindringlich, was man daneben getrost auch wörtlich nehmen darf. Bis zu ihrem siebzehnten oder achtzehnten Jahr, sagte sich B. erfreut, hast du wirklich ein leichtes Spiel mit ihnen, keiner Offerte sind sie ganz abgeneigt und wenn sie von noch so fragwürdiger Seite käme. Erst später werden sie vorsichtiger. Sie verabredeten sich für den Abend zu einem Schäferstündchen in Sylvies Wohnung.

B. dachte an Jo. Er liebte sie noch immer leidenschaftlich. Akkurat deshalb war er so maßlos eifersüchtig, so erregt, wenn er sich ihre vermeintliche oder tatsächliche Untreue vor Augen führte. Dass sie untreu war stand für ihn fest, schließlich gab sie es halb und halb zu. Er benötigte ein wirksames Ventil für seine übergroßen emotionalen Spannungen und er suchte es in einer Affäre mit einer anderen. Das Maß ist voll, sagte er sich, ich fühle mich gegen Jo in nichts mehr verpflichtet.

Sylvie zog sich gleich aus, schmiß resolut und schwungvoll das Kleid und ihr bisschen Wäsche im hohen Bogen auf das Bett; sie war erst Siebzehn und minderjährig, er war ihr Zweiter (der Erste war ihr Verlobter gewesen) und sie begriff anscheinend überhaupt nicht, dass sie genaugenommen für ihr Alter mehr fortwarf als die paar Plünnen... Denn sie liebte B. nicht, kannte ihn kaum. Und er war siebzehn Jahre älter als sie. Ängstigte oder schämte sie sich wenigstens ein bisschen? Höchstens schwach, ihre Geilheit und Neugier waren größer, ein wenig Scham nur an der Oberfläche, sie kam ihr nicht aus dem Gemüt, und sie machte ihr gar nichts aus. Doch wem es leicht fällt sich zu schämen, der tut sich auch nicht schwer, zu sündigen oder wie man im Hebräischen sagt, wer sich leicht schämt, der sündigt schwer. Er, B., nutzte ihren unbesonnenen Umgang mit der Tugend aus, gewiss. Andererseits, wie wäre er dazu gekommen, für sie den Tugendwächter und Moralapostel zu spielen?

Für ein reizendes Kind ist es verständlicherweise viel bequemer, im Kampf ums Dasein mit den Pfunden oder Pfündchen seines Körpers zu wuchern, als mit denen des Verstandes. So verdient es hohen Respekt, wenn ein schönes Mädchen lieber seinen Verstand bilden mag und sich mit ihm schlecht und recht durchbringt, statt sich in eine fortwährende fleischliche Versuchung für seine Mitmenschen zu verwandeln. Was Sylvie anging, so war sie so jung, dass eine Entscheidung über den Weg, den sie künftig einschlagen wollte noch ausstand; aber die vorrangige Entwicklung ihres Verstandes schien ihr vorerst keine nennenswerte Sorge zu bereiten, denn bereits am Tag nach ihrem ersten Kuß hatte sie B. zu sich in die Wohnung eingeladen und hatte nichts eiligeres zu tun, als ihn in ihr Bett zu lotsen.

B. trat hinter sie, umfasste sanft ihre festen, jungen Brüste, atmete den Duft ihres Haars und knabberte an einem ihrer Ohrläppchen. Sie legte den Kopf seitwärts, wandte ihm ihr Gesicht zu und bot ihm, ein bisschen linkisch, ihre vollen, feuchten Lippen.

"Sylvie, weißt du genau worauf du dich einläßt?"

Sie entledigte sich stumm und betont nonchalant der allerletzten, winzigen Hülle. B. setzte sich auf die Couch. Dann stand sie vor ihm, nackt wie die Sünde, ein unglaublich schönes, schwarzhaariges Mädchen, mit einem ganz schwachen, reizenden Anflug von Babyspeck. Sie war am ganzen Körper sonnengebräunt, hatte aber von Geburt her schon dunklere Haut. Die kritische Partie unterhalb des Knies und oberhalb des Sprunggelenks, deren Plumpheit, wenn sie vorkam, B. ebenso hasste wie eine verstrichene weibliche Taille, sie war bei ihr schlank und wohlproportioniert.

"Ich bin schon lange scharf auf dich," gestand Sylvie, "du gefällst jedem Mädchen im Krankenhaus, doch sie halten dich alle für unnahbar. Du bist ganz anders, als sie denken. Wenn sie es nur wüssten!"

Mit dem braunen Bauch nach oben legte sie sich quer über seinen Schoß, um ihn unbeholfen in Stimmung zu bringen und sich seinen Küssen und Liebkosungen auszusetzen.

"Komm‘ mit in mein Bett," flüsterte Sylvie nach einem Weilchen mit verschwörerisch bebender Stimme, "bleib‘ heute Nacht bei mir!"

B. hatte nicht das Herz, sie zurückzuweisen. Sie schlüpften nackt in Sylvies Bett. Du musst es einfach tun, sagte er sich, die Tugend fängt mit der Sünde an. Und ein jeder weiß: es fällt viel leichter zu beklagen was man getan hat, als was man unterließ.

Zärtlich strich er über ihre festen Gliedmaßen, ihren straffen, jungen Körper - und fühlte nur pures, nacktes Fleisch, nichts sonst. Es fehlte an ihr die herbe Süße erworbener Erfahrungen, das Verführerische, Berauschende durchlebten Glücks, das Anrührende erlittenen Schmerzes und erduldeten Liebesleids. Es fehlte diese köstliche, geheimnisvolle Aura vollendeter Reife einer Frau: in zwei, drei oder mehr Jahren erst würde es beginnen so zu sein.

Sie war zu allem bereit und zu nichts zu gebrauchen - um es überspitzt, nüchtern und ein bisschen boshaft zu sagen. Denn wie nicht anders zu erwarten, erwies sie sich noch als ziemlich naiv und stellte sich zu Anfang einigermaßen ungeschickt an.

Ihr Schoß war straff und eng wie bei einer Lolita. Sylvie zögerte nicht, sich umgehend ihr Pelzchen gründlich bürsten zu lassen, und (um im Jargon zu bleiben, den du so liebst, lieber Leser) B. säumte keinen Augenblick, die Torte binnen kurzem mehrmals zu dekorieren.

Mit einem heimlichen (rein innerlichen) Grinsen sah B., wie er sie mit jedem Stoß ein Stück nach oben schob und wie sie, jedesmal wenn er in ihr zurückglitt, unter ihm wieder abwärts rutschte. Ihr Kopf hüpfte vor seinem Gesicht rhythmisch auf und ab wie der Stößel auf einer Nockenwelle, je mehr, je nachdrücklicher er agierte. Mit seiner Vehemenz wuchs ihre Glut und damit zugleich die zunehmend heftiger werdende Gegenparade ihres schmalen, leichtgewichtigen Mädchenbeckens, die sie jedesmal mit einem temperamentvollen Stoß nach vorn vermittels sportlich resoluten Hüftschwunges ausführte.

Dieser Nacht folgten weitere. Sylvie wuchs sich zur Klette aus, obwohl sie unentwegt fürchtete, ihr offizieller Freund könnte ihr auf die Sprünge kommen. Sie wollte ihm das nicht antun. B. schien es paradox, doch sie liebte ihren gleichaltrigen Freund aufrichtig.

"Ich will kein Verhältnis mit dir; du weißt, dass ich verlobt bin. Auch wenn ich mit dir schlafe, so bleibe ich meinem Freund doch treu, weil ich nach wie vor nur ihn heiraten werde."

Lediglich in seiner Rolle als Nutznießer fand B. Sylvies Logik überzeugend. "Ich suche vor der Ehe ein paar Erfahrungen," sagte sie, "weil ich noch so entsetzlich jung bin." Und entwaffnend ehrlich fügte sie hinzu: "Ich möchte nur mal sehen, wie es mit dir so ist."

Von jetzt an suchte B. Sylvie häufiger auf, zumal, wenn Jo sich ihm entzog oder wenn sie längere Besuche absolvierte, von denen er nicht wusste, wem sie eigentlich galten. Er vermutete, dass sie Schwester Cora gewidmet seien. Wenn Jo ihn zurückwies oder nach einem nicht mehr so seltenem Fiasko bei ihr, holte B. sich sexuelle Bestätigung und Ermutigung von Sylvie. Desgleichen frequentierte er nun wieder häufiger Judith, nicht so sehr oder nicht allein aus reinem Verlangen, sondern daneben gewiss aus Trotz wegen Jo‘s gelegentlicher Verweigerung und aus eifersüchtiger Reaktion, denn er befürchtete, Jo habe Geschmack an Cora‘s Künsten gefunden. Sogar die freizügige Barbara besuchte er ab und zu. Von einem Fiasko konnte bei den drei Damen gar keine Rede sein, diesen Reinfall hatte er neuerdings nur bei Jo kennenlernen müssen. Mit Blick auf diese gleichlaufenden, zusätzlichen Bettbziehungen sagte er ohne Gewissensbisse und nicht ohne Anzüglichkeit gegen sich selbst: Gelobt sei, was hart macht! B. bildete sich allen Ernstes ein, der streng wechselweise Gebrauch würde sein leicht ramponiertes Selbstwertgefühl und Stehvermögen deutlich heben und er war den Mädchen in seinen adjuvanten Verhältnissen dankbar zugetan.

Sylvie war oberflächlich, leichtfertig und über weite Strecken unwissend wie ein Kalb. Zum Ausgleich verfügte sie über ein handfestes Naturell und unstillbare Neugier auf alles, was das Sexuelle anlangte. Als Second-hand-girl war sie für B. - er spürte es, ohne sich dessen ganz bewußt zu sein - nur Sexualobjekt, wie alle, außer Jo. Auf keinem Fall wollte er, dass seine Einstellung und sein Verhalten von ihr als demütigend empfunden werden sollten. Dieserhalb und aus Mitgefühl für sie, wegen der nach seinem Geschmack eher betrüblichen Rolle, die sie mehr aus Arglosigkeit und Unwissenheit, denn aus Berechnung gegenüber der Männerwelt zu übernehmen sich vielleicht anschickte, sagte er ihr all das, was man einer Geliebten und einer Frau, die man achtet und begehrt wohl sagen würde.

Denn in Sylvies hemmungsloser Lust erkannte B. eine seltsam naive, kindliche Keuschheit, ihrem Verlangen haftete etwas höchst Natürliches und Selbstverständliches an. So liebten sie sich unbefangen wie göttliche Kinder des heidnischen Elysiums, schamlos, ausschweifend, im Bewußtsein der kultischen Heiligkeit ihrer Handlung, die gelassen dem Weltgesetz gehorsam war.

Mitunter fand B., die Kunst Frauen zu verführen sei bei Licht besehen für ihn gar nicht so leicht. Nicht aus dem Grunde, weil dabei die Intelligenz eines Mannes besonders gefordert würde, sondern im Gegenteil deshalb, weil ein Mann von Verstand und Geschmack sich nicht ohne Mühe zu den seichten Komplimenten verstünde, die notwendigerweise zu machen seien, um von den Damen favorisiert zu werden. Die Verführung einer wirklich gebildeten Frau sei im Vergleich dazu ein Kinderspiel, weil sie durch einen geistvollen Mann verständlicherweise viel stärker fasziniert und eingenommen ist, als irgend ein Dummchen.

Mit Sylvie hatte es indes keine Probleme gegeben, im Gegenteil, eigentlich begann sie sogar selbst den Flirt mit ihm, nachdem er sie über Fräulein Bollwieser scharf gemacht hatte. B. hatte anfangs tatsächlich angenommen, sie sei schwer zu haben. Als dann das Techtelmechtel begann und er spürte ihr rasches Entgegenkommen, dachte er: Es ist genau umgekehrt, sie ist offensichtlich die Art Mädchen, das, falls die Gelegenheit sich bietet, sich sogar von jedem schmierigen Latin Lover schwängern läßt. Seltsamerweise wollte er das aber durchaus nicht mehr glauben, nachdem er selbst sie besessen hatte.

Wenn es zur Sache ging, war Sylvie durch kein noch so raffiniertes Mittel zum Höhepunkt zu bringen, alle Ausdauer ward an ihr zuschanden, und auch sie selbst mühte sich ächzend und schwitzend auf rührende Art vergeblich. Nur einmal, nach einem Marathon von fünf ausgedehnten, kurz aufeinanderfolgenden Kopulationen gelang es B., ihr den Beginn einer stöhnenden Ekstase zu entlocken, und es war ein überwältigendes Schauspiel: diese atemlosen kleinen Lustschreie, in der Mitte zwischen Weinen und Lachen, zwischen Glück und Qual - allein dafür liebte er sie.

Barbara zumeist in weiß, Jo überwiegend isabellfarben, Judith fast immer schwarz - B. hatte sich, wir wissen es längst, nebenher angewöhnt, gewisse Unterschiede seines Liebeslebens der Farbskale zarter Dessous zuzuordnen. Nun kam eine weitere Abstufung hinzu: Sylvies bevorzugte Wäsche war blass fliederfarben. Die Farbe des Höschens, sagte sich B., wahrhaftig, sie scheint in der Tat die auffälligste Abwechslung in dieser spärlich verhüllten Region, sonst gleicht sich so ziemlich alles, vorzugsweise auch dieser mystisch köstliche Duft. Jo, Barbara, Judith, Sylvie - wozu eigentlich der ständige, anstrengende Wechsel? Immerhin... es ist nicht dieses fatalement feminin braguette, nicht ein sich stets gleichbleibendes Döschen, das zur Abwechslung reizt, es ist, versuchte er zu begreifen, in Wahrheit das wechselnde Verhalten der Frauen. Zumindest (so glaubte sich B. entfernt zu erinnern) hatte Casanova in seinen Memoiren etwas ähnliches behauptet. Keine ist wie die andere, jede besorgt in Worten, Posen, in ihren leidenschaftlichen Aufwallungen das reizende Geschäft der Liebe auf besondere Art und in anderer Weise, sodass sich ein jeder Nachfahre Casanovas stets erneut fragen muss: Wie ist die da? Und die da? Ein nicht zu stillendes Verlangen ist es, nicht zu dämpfen, nicht abzutöten, es ist unbesiegbar. Wie nur, in drei Teufels Namen, mag gerade dieses Mädchen in dieser delikaten Situation sich geben? Wie mögen sie nur jede sein - die Erfahrene, die Unwissende, die Fröhliche, die Traurige, die Prüde, die Lüsterne, die Leidenschaftliche, die Unnahbare, die Kluge, die Naive, die Herbe, die Süße, die Kindliche, die Reife, die Kundige, die Anfängerin, die Mutige, die Zaghafte, die Heilige, die Verworfene, die Sonderbare, die Alltägliche, die Abweisende, die Entgegenkommende, die Kalte, die Lüsterne, die Hitzige, die Käufliche, die Selbstlose, die Neugierige, die Zärtliche, die Anschmiegsame, die Störrische, die Leichtsinnige, die Berechnende, die Artistische, die Ungeschickte, die Unbeholfene, die Anstellige, die Mondäne, die Natürliche, die ewig Schmollende, die permanent Fröhliche, die Zornige, die heilige Einfalt, die komplizierte Intellektuelle - und diese und jene. Und worin obendrein besteht eigentlich der entzückende Unterschied bei Gleichgearteten? Männer sind wie die Perlenfischer, sie knacken eine Muschel nach der anderen, nur - die wahre Perle finden sie offenbar nie.

Für ein Secondhandgirl, vermutete B., sind häufige kleine Geschenke höchst passend. Ein kleines Schmuckstück fürs erste wäre nicht eben schlecht. Er wollte sich nicht lumpen lassen, sich absolut nicht knauserig zeigen, es sich sogar ordentlich was kosten lassen. Das Teil dürfte ruhig auch etwas teurer sein. Daran, wieviel er für Sylvie bereit war auszugeben, daran wollte er sich beweisen, wieviel sie ihm tatsächlich wert wäre.

B. suchte einen Vorstadtjuwelier auf, trat in den Geschäftsraum. Sofort schoß ihm der Kommis entgegen: "Sie wünschen, bitte?"

"Ein kleines Präsent für eine junge Dame - ein Kettchen mit Anhänger, vielleicht."

Der Kommis war der typische Ladenschwengel in diesem von jeher weniger vornehmen Teil der Stadt, seines Metiers schien er immerhin kundig, wenigstens gab er sich den Anschein. Er bemühte sich wie ein seriöser Geschäftsmann zu wirken, wie einer mit grauen Schläfen (die seinen waren rötlich), distinguiert, gut aussehend, zuvorkommend, innerlich unbeteiligt, ein Mann der vollendeten Höflichkeit, gelassen, mit perfekten Manieren. Es wollte ihm nicht gelingen.

"Darf es Gold sein?" sagte der Ladenschwengel langsam, mit einer künstlich tiefen Stimme.

"Nein, Gold wäre in diesem besonderen Fall zu prätentiös. Doch massiv Silber bitte, nichts Billiges, etwas Wertvolleres sollte es schon sein."

Der Pseudodistinguierte wies ein gutgearbeitetes Stück vor: "Es ist Silber, rhodiumbedamft, um das Anlaufen zu verhindern," sagte er fachmännisch, "Die dünne Rhodiumschicht bedeutet natürlich keine Wertminderung, im Gegenteil! Schließlich ist Rhodium dem Platin verwandt und ähnlich kostbar."

B. wusste das schon, bevor der Kommis das Licht der Welt erblickt hatte, trotzdem schwieg er still und schnitt ein Gesicht wie jemand, der eine frohe Kunde empfängt.

"Der Anhänger ist ein großer, sehr schön gefasster Aquamarin, wie sie sich bitte überzeugen wollen."

B. überzeugte sich und entschloß sich schnell zum Kauf. Geschäfte und Handel waren ihm lästig. Nie wurde er das vage Gefühl los, übervorteilt zu werden.

Jo hatte er bisher nicht mit Geschenken bedacht. Er hielt die Beziehung zu ihr für einen Sonderfall und bildete sich lachhafterweise ein, er beleidige mit solch materieller Zuwendung ihre Liebe zu ihm, als hätte sie davon gar glauben mögen, er wolle sich ihre Neigung erkaufen. Eine so ausgesuchte Sensibilität bestand höchstwahrscheinlich nur von seiner Seite, für niemanden außer ihm wäre zweifelhaft gewesen, dass Jo, wie jede andere auch, seine Geschenke gern genommen hätte. Vor allem was Schmuck anlangt, da kennen sie allesamt keine Skrupel. Was laut Karl Marx das Opium für das Volk ist - und die Religion demnach für alle übrigen Suchtabhängigen - das ist für Frauen der Schmuck. Wer das nicht versteht, hat zu neunundneunzig Prozent der weiblichen Seele keinen Zugang.

(Entnommen dem Roman: "Wenn alle untreu werden", von Lenn Flatter)

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