| Inhalt Nr. 2 Editorial
Mühsam vermehrt sich das Eichhörnchen
Brief einer Verlegerin an den
Vorreiter der Heavy-Erotik
Lenn Flatter
Sylvie
Carola Heine
Aber bitte mit Sahne
Peter Kleinert
Sprechen übers Rechen
brechen
Anonym
Der Dritte Mann
Wolfgang Paul
weißt du noch in dingsbums
Wolfgang Paul
es kriecht ein schnuckel-
schneckerich
Peter
Ligotage (ein erotischer Liebesbrief)
Sonja Sporrer
gerade noch ... du...
Frank Steinbrink
sonnentanz
Susann Ulshöfer
Modern Times
Leserstimmen
Zu
Erosa Nr. 1 |

Claudia von Hausen

"Sylvie"
von Lenn Flatter
Bereits bei dem ersten
Rendezvous mit Sylvie war es erneut zu stürmischen Küssen und Liebkosungen gekommen; sie
spazierten, sich verliebt an der Hand haltend, in einem Park umher. Es war völlig klar,
schon das nächste Zusammentreffen würde zu eingehenden Intimitäten führen, ja, es
wäre augenblicklich geschehen, wenn sie sich nicht gerade auf einer belebten Promenade
befunden hätten. Als sie dann im Auto saßen, wurden die ungestümen Liebkosungen auf
Gegenseitigkeit ohne Verzug oder weitere Umstände recht umfassend, tiefgreifend und
eindringlich, was man daneben getrost auch wörtlich nehmen darf. Bis zu ihrem siebzehnten
oder achtzehnten Jahr, sagte sich B. erfreut, hast du wirklich ein leichtes Spiel mit
ihnen, keiner Offerte sind sie ganz abgeneigt und wenn sie von noch so fragwürdiger Seite
käme. Erst später werden sie vorsichtiger. Sie verabredeten sich für den Abend zu einem
Schäferstündchen in Sylvies Wohnung.
B. dachte an Jo. Er liebte
sie noch immer leidenschaftlich. Akkurat deshalb war er so maßlos eifersüchtig, so
erregt, wenn er sich ihre vermeintliche oder tatsächliche Untreue vor Augen führte. Dass
sie untreu war stand für ihn fest, schließlich gab sie es halb und halb zu. Er
benötigte ein wirksames Ventil für seine übergroßen emotionalen Spannungen und er
suchte es in einer Affäre mit einer anderen. Das Maß ist voll, sagte er sich, ich fühle
mich gegen Jo in nichts mehr verpflichtet.
Sylvie zog sich gleich aus,
schmiß resolut und schwungvoll das Kleid und ihr bisschen Wäsche im hohen Bogen auf das
Bett; sie war erst Siebzehn und minderjährig, er war ihr Zweiter (der Erste war ihr
Verlobter gewesen) und sie begriff anscheinend überhaupt nicht, dass sie genaugenommen
für ihr Alter mehr fortwarf als die paar Plünnen... Denn sie liebte B. nicht, kannte ihn
kaum. Und er war siebzehn Jahre älter als sie. Ängstigte oder schämte sie sich
wenigstens ein bisschen? Höchstens schwach, ihre Geilheit und Neugier waren größer, ein
wenig Scham nur an der Oberfläche, sie kam ihr nicht aus dem Gemüt, und sie machte ihr
gar nichts aus. Doch wem es leicht fällt sich zu schämen, der tut sich auch nicht
schwer, zu sündigen oder wie man im Hebräischen sagt, wer sich leicht schämt, der
sündigt schwer. Er, B., nutzte ihren unbesonnenen Umgang mit der Tugend aus, gewiss.
Andererseits, wie wäre er dazu gekommen, für sie den Tugendwächter und Moralapostel zu
spielen?
Für ein reizendes Kind ist
es verständlicherweise viel bequemer, im Kampf ums Dasein mit den Pfunden oder Pfündchen
seines Körpers zu wuchern, als mit denen des Verstandes. So verdient es hohen Respekt,
wenn ein schönes Mädchen lieber seinen Verstand bilden mag und sich mit ihm schlecht und
recht durchbringt, statt sich in eine fortwährende fleischliche Versuchung für seine
Mitmenschen zu verwandeln. Was Sylvie anging, so war sie so jung, dass eine Entscheidung
über den Weg, den sie künftig einschlagen wollte noch ausstand; aber die vorrangige
Entwicklung ihres Verstandes schien ihr vorerst keine nennenswerte Sorge zu bereiten, denn
bereits am Tag nach ihrem ersten Kuß hatte sie B. zu sich in die Wohnung eingeladen und
hatte nichts eiligeres zu tun, als ihn in ihr Bett zu lotsen.
B. trat hinter sie, umfasste
sanft ihre festen, jungen Brüste, atmete den Duft ihres Haars und knabberte an einem
ihrer Ohrläppchen. Sie legte den Kopf seitwärts, wandte ihm ihr Gesicht zu und bot ihm,
ein bisschen linkisch, ihre vollen, feuchten Lippen.
"Sylvie, weißt du genau
worauf du dich einläßt?"
Sie entledigte sich stumm und
betont nonchalant der allerletzten, winzigen Hülle. B. setzte sich auf die Couch. Dann
stand sie vor ihm, nackt wie die Sünde, ein unglaublich schönes, schwarzhaariges
Mädchen, mit einem ganz schwachen, reizenden Anflug von Babyspeck. Sie war am ganzen
Körper sonnengebräunt, hatte aber von Geburt her schon dunklere Haut. Die kritische
Partie unterhalb des Knies und oberhalb des Sprunggelenks, deren Plumpheit, wenn sie
vorkam, B. ebenso hasste wie eine verstrichene weibliche Taille, sie war bei ihr schlank
und wohlproportioniert.
"Ich bin schon lange
scharf auf dich," gestand Sylvie, "du gefällst jedem Mädchen im Krankenhaus,
doch sie halten dich alle für unnahbar. Du bist ganz anders, als sie denken. Wenn sie es
nur wüssten!"
Mit dem braunen Bauch nach
oben legte sie sich quer über seinen Schoß, um ihn unbeholfen in Stimmung zu bringen und
sich seinen Küssen und Liebkosungen auszusetzen.
"Komm mit in mein
Bett," flüsterte Sylvie nach einem Weilchen mit verschwörerisch bebender Stimme,
"bleib heute Nacht bei mir!"
B. hatte nicht das Herz, sie
zurückzuweisen. Sie schlüpften nackt in Sylvies Bett. Du musst es einfach tun, sagte er
sich, die Tugend fängt mit der Sünde an. Und ein jeder weiß: es fällt viel leichter zu
beklagen was man getan hat, als was man unterließ.
Zärtlich strich er über
ihre festen Gliedmaßen, ihren straffen, jungen Körper - und fühlte nur pures, nacktes
Fleisch, nichts sonst. Es fehlte an ihr die herbe Süße erworbener Erfahrungen, das
Verführerische, Berauschende durchlebten Glücks, das Anrührende erlittenen Schmerzes
und erduldeten Liebesleids. Es fehlte diese köstliche, geheimnisvolle Aura vollendeter
Reife einer Frau: in zwei, drei oder mehr Jahren erst würde es beginnen so zu sein.
Sie war zu allem bereit und
zu nichts zu gebrauchen - um es überspitzt, nüchtern und ein bisschen boshaft zu sagen.
Denn wie nicht anders zu erwarten, erwies sie sich noch als ziemlich naiv und stellte sich
zu Anfang einigermaßen ungeschickt an.
Ihr Schoß war straff und eng
wie bei einer Lolita. Sylvie zögerte nicht, sich umgehend ihr Pelzchen gründlich
bürsten zu lassen, und (um im Jargon zu bleiben, den du so liebst, lieber Leser) B.
säumte keinen Augenblick, die Torte binnen kurzem mehrmals zu dekorieren.
Mit einem heimlichen (rein
innerlichen) Grinsen sah B., wie er sie mit jedem Stoß ein Stück nach oben schob und wie
sie, jedesmal wenn er in ihr zurückglitt, unter ihm wieder abwärts rutschte. Ihr Kopf
hüpfte vor seinem Gesicht rhythmisch auf und ab wie der Stößel auf einer Nockenwelle,
je mehr, je nachdrücklicher er agierte. Mit seiner Vehemenz wuchs ihre Glut und damit
zugleich die zunehmend heftiger werdende Gegenparade ihres schmalen, leichtgewichtigen
Mädchenbeckens, die sie jedesmal mit einem temperamentvollen Stoß nach vorn vermittels
sportlich resoluten Hüftschwunges ausführte.
Dieser Nacht folgten weitere.
Sylvie wuchs sich zur Klette aus, obwohl sie unentwegt fürchtete, ihr offizieller Freund
könnte ihr auf die Sprünge kommen. Sie wollte ihm das nicht antun. B. schien es paradox,
doch sie liebte ihren gleichaltrigen Freund aufrichtig.
"Ich will kein
Verhältnis mit dir; du weißt, dass ich verlobt bin. Auch wenn ich mit dir schlafe, so
bleibe ich meinem Freund doch treu, weil ich nach wie vor nur ihn heiraten werde."
Lediglich in seiner Rolle als
Nutznießer fand B. Sylvies Logik überzeugend. "Ich suche vor der Ehe ein paar
Erfahrungen," sagte sie, "weil ich noch so entsetzlich jung bin." Und
entwaffnend ehrlich fügte sie hinzu: "Ich möchte nur mal sehen, wie es mit dir so
ist."
Von jetzt an suchte B. Sylvie
häufiger auf, zumal, wenn Jo sich ihm entzog oder wenn sie längere Besuche absolvierte,
von denen er nicht wusste, wem sie eigentlich galten. Er vermutete, dass sie Schwester
Cora gewidmet seien. Wenn Jo ihn zurückwies oder nach einem nicht mehr so seltenem Fiasko
bei ihr, holte B. sich sexuelle Bestätigung und Ermutigung von Sylvie. Desgleichen
frequentierte er nun wieder häufiger Judith, nicht so sehr oder nicht allein aus reinem
Verlangen, sondern daneben gewiss aus Trotz wegen Jos gelegentlicher Verweigerung
und aus eifersüchtiger Reaktion, denn er befürchtete, Jo habe Geschmack an Coras
Künsten gefunden. Sogar die freizügige Barbara besuchte er ab und zu. Von einem Fiasko
konnte bei den drei Damen gar keine Rede sein, diesen Reinfall hatte er neuerdings nur bei
Jo kennenlernen müssen. Mit Blick auf diese gleichlaufenden, zusätzlichen Bettbziehungen
sagte er ohne Gewissensbisse und nicht ohne Anzüglichkeit gegen sich selbst: Gelobt sei,
was hart macht! B. bildete sich allen Ernstes ein, der streng wechselweise Gebrauch würde
sein leicht ramponiertes Selbstwertgefühl und Stehvermögen deutlich heben und er war den
Mädchen in seinen adjuvanten Verhältnissen dankbar zugetan.
Sylvie war oberflächlich,
leichtfertig und über weite Strecken unwissend wie ein Kalb. Zum Ausgleich verfügte sie
über ein handfestes Naturell und unstillbare Neugier auf alles, was das Sexuelle
anlangte. Als Second-hand-girl war sie für B. - er spürte es, ohne sich dessen ganz
bewußt zu sein - nur Sexualobjekt, wie alle, außer Jo. Auf keinem Fall wollte er, dass
seine Einstellung und sein Verhalten von ihr als demütigend empfunden werden sollten.
Dieserhalb und aus Mitgefühl für sie, wegen der nach seinem Geschmack eher betrüblichen
Rolle, die sie mehr aus Arglosigkeit und Unwissenheit, denn aus Berechnung gegenüber der
Männerwelt zu übernehmen sich vielleicht anschickte, sagte er ihr all das, was man einer
Geliebten und einer Frau, die man achtet und begehrt wohl sagen würde.
Denn in Sylvies hemmungsloser
Lust erkannte B. eine seltsam naive, kindliche Keuschheit, ihrem Verlangen haftete etwas
höchst Natürliches und Selbstverständliches an. So liebten sie sich unbefangen wie
göttliche Kinder des heidnischen Elysiums, schamlos, ausschweifend, im Bewußtsein der
kultischen Heiligkeit ihrer Handlung, die gelassen dem Weltgesetz gehorsam war.
Mitunter fand B., die Kunst
Frauen zu verführen sei bei Licht besehen für ihn gar nicht so leicht. Nicht aus dem
Grunde, weil dabei die Intelligenz eines Mannes besonders gefordert würde, sondern im
Gegenteil deshalb, weil ein Mann von Verstand und Geschmack sich nicht ohne Mühe zu den
seichten Komplimenten verstünde, die notwendigerweise zu machen seien, um von den Damen
favorisiert zu werden. Die Verführung einer wirklich gebildeten Frau sei im Vergleich
dazu ein Kinderspiel, weil sie durch einen geistvollen Mann verständlicherweise viel
stärker fasziniert und eingenommen ist, als irgend ein Dummchen.
Mit Sylvie hatte es indes
keine Probleme gegeben, im Gegenteil, eigentlich begann sie sogar selbst den Flirt mit
ihm, nachdem er sie über Fräulein Bollwieser scharf gemacht hatte. B. hatte anfangs
tatsächlich angenommen, sie sei schwer zu haben. Als dann das Techtelmechtel begann und
er spürte ihr rasches Entgegenkommen, dachte er: Es ist genau umgekehrt, sie ist
offensichtlich die Art Mädchen, das, falls die Gelegenheit sich bietet, sich sogar von
jedem schmierigen Latin Lover schwängern läßt. Seltsamerweise wollte er das aber
durchaus nicht mehr glauben, nachdem er selbst sie besessen hatte.
Wenn es zur Sache ging, war
Sylvie durch kein noch so raffiniertes Mittel zum Höhepunkt zu bringen, alle Ausdauer
ward an ihr zuschanden, und auch sie selbst mühte sich ächzend und schwitzend auf
rührende Art vergeblich. Nur einmal, nach einem Marathon von fünf ausgedehnten, kurz
aufeinanderfolgenden Kopulationen gelang es B., ihr den Beginn einer stöhnenden Ekstase
zu entlocken, und es war ein überwältigendes Schauspiel: diese atemlosen kleinen
Lustschreie, in der Mitte zwischen Weinen und Lachen, zwischen Glück und Qual - allein
dafür liebte er sie.
Barbara zumeist in weiß, Jo
überwiegend isabellfarben, Judith fast immer schwarz - B. hatte sich, wir wissen es
längst, nebenher angewöhnt, gewisse Unterschiede seines Liebeslebens der Farbskale
zarter Dessous zuzuordnen. Nun kam eine weitere Abstufung hinzu: Sylvies bevorzugte
Wäsche war blass fliederfarben. Die Farbe des Höschens, sagte sich B., wahrhaftig, sie
scheint in der Tat die auffälligste Abwechslung in dieser spärlich verhüllten Region,
sonst gleicht sich so ziemlich alles, vorzugsweise auch dieser mystisch köstliche Duft.
Jo, Barbara, Judith, Sylvie - wozu eigentlich der ständige, anstrengende Wechsel?
Immerhin... es ist nicht dieses fatalement feminin braguette, nicht ein sich stets
gleichbleibendes Döschen, das zur Abwechslung reizt, es ist, versuchte er zu begreifen,
in Wahrheit das wechselnde Verhalten der Frauen. Zumindest (so glaubte sich B. entfernt zu
erinnern) hatte Casanova in seinen Memoiren etwas ähnliches behauptet. Keine ist wie die
andere, jede besorgt in Worten, Posen, in ihren leidenschaftlichen Aufwallungen das
reizende Geschäft der Liebe auf besondere Art und in anderer Weise, sodass sich ein jeder
Nachfahre Casanovas stets erneut fragen muss: Wie ist die da? Und die da?
Ein nicht zu stillendes Verlangen ist es, nicht zu dämpfen, nicht abzutöten, es ist
unbesiegbar. Wie nur, in drei Teufels Namen, mag gerade dieses Mädchen in dieser
delikaten Situation sich geben? Wie mögen sie nur jede sein - die Erfahrene, die
Unwissende, die Fröhliche, die Traurige, die Prüde, die Lüsterne, die
Leidenschaftliche, die Unnahbare, die Kluge, die Naive, die Herbe, die Süße, die
Kindliche, die Reife, die Kundige, die Anfängerin, die Mutige, die Zaghafte, die Heilige,
die Verworfene, die Sonderbare, die Alltägliche, die Abweisende, die Entgegenkommende,
die Kalte, die Lüsterne, die Hitzige, die Käufliche, die Selbstlose, die Neugierige, die
Zärtliche, die Anschmiegsame, die Störrische, die Leichtsinnige, die Berechnende, die
Artistische, die Ungeschickte, die Unbeholfene, die Anstellige, die Mondäne, die
Natürliche, die ewig Schmollende, die permanent Fröhliche, die Zornige, die heilige
Einfalt, die komplizierte Intellektuelle - und diese und jene. Und worin obendrein besteht
eigentlich der entzückende Unterschied bei Gleichgearteten? Männer sind wie die
Perlenfischer, sie knacken eine Muschel nach der anderen, nur - die wahre Perle finden sie
offenbar nie.
Für ein Secondhandgirl,
vermutete B., sind häufige kleine Geschenke höchst passend. Ein kleines Schmuckstück
fürs erste wäre nicht eben schlecht. Er wollte sich nicht lumpen lassen, sich absolut
nicht knauserig zeigen, es sich sogar ordentlich was kosten lassen. Das Teil dürfte ruhig
auch etwas teurer sein. Daran, wieviel er für Sylvie bereit war auszugeben, daran wollte
er sich beweisen, wieviel sie ihm tatsächlich wert wäre.
B. suchte einen
Vorstadtjuwelier auf, trat in den Geschäftsraum. Sofort schoß ihm der Kommis entgegen:
"Sie wünschen, bitte?"
"Ein kleines Präsent
für eine junge Dame - ein Kettchen mit Anhänger, vielleicht."
Der Kommis war der typische
Ladenschwengel in diesem von jeher weniger vornehmen Teil der Stadt, seines Metiers schien
er immerhin kundig, wenigstens gab er sich den Anschein. Er bemühte sich wie ein
seriöser Geschäftsmann zu wirken, wie einer mit grauen Schläfen (die seinen waren
rötlich), distinguiert, gut aussehend, zuvorkommend, innerlich unbeteiligt, ein Mann der
vollendeten Höflichkeit, gelassen, mit perfekten Manieren. Es wollte ihm nicht gelingen.
"Darf es Gold
sein?" sagte der Ladenschwengel langsam, mit einer künstlich tiefen Stimme.
"Nein, Gold wäre in
diesem besonderen Fall zu prätentiös. Doch massiv Silber bitte, nichts Billiges, etwas
Wertvolleres sollte es schon sein."
Der Pseudodistinguierte wies
ein gutgearbeitetes Stück vor: "Es ist Silber, rhodiumbedamft, um das Anlaufen zu
verhindern," sagte er fachmännisch, "Die dünne Rhodiumschicht bedeutet
natürlich keine Wertminderung, im Gegenteil! Schließlich ist Rhodium dem Platin verwandt
und ähnlich kostbar."
B. wusste das schon, bevor
der Kommis das Licht der Welt erblickt hatte, trotzdem schwieg er still und schnitt ein
Gesicht wie jemand, der eine frohe Kunde empfängt.
"Der Anhänger ist ein
großer, sehr schön gefasster Aquamarin, wie sie sich bitte überzeugen wollen."
B. überzeugte sich und
entschloß sich schnell zum Kauf. Geschäfte und Handel waren ihm lästig. Nie wurde er
das vage Gefühl los, übervorteilt zu werden.
Jo hatte er bisher nicht mit
Geschenken bedacht. Er hielt die Beziehung zu ihr für einen Sonderfall und bildete sich
lachhafterweise ein, er beleidige mit solch materieller Zuwendung ihre Liebe zu ihm, als
hätte sie davon gar glauben mögen, er wolle sich ihre Neigung erkaufen. Eine so
ausgesuchte Sensibilität bestand höchstwahrscheinlich nur von seiner Seite, für
niemanden außer ihm wäre zweifelhaft gewesen, dass Jo, wie jede andere auch, seine
Geschenke gern genommen hätte. Vor allem was Schmuck anlangt, da kennen sie allesamt
keine Skrupel. Was laut Karl Marx das Opium für das Volk ist - und die Religion demnach
für alle übrigen Suchtabhängigen - das ist für Frauen der Schmuck. Wer das nicht
versteht, hat zu neunundneunzig Prozent der weiblichen Seele keinen Zugang.
(Entnommen dem Roman: "Wenn alle
untreu werden", von Lenn Flatter)
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