Vom Netz zum Buch
Im Netz entsteht durchaus Druckbares. Jetzt haben
es auch Verlage bemerkt
von Sabrina Ortmann
Florian Schiel (37) hat das geschafft, wovon viele
Autoren im Netz träumen: 1994 verschickte der Münchner Uni-Assistent seine Satiren mit
dem Titel "Bastard Ass(istant) from Hell", kurz "B.A.f.H." im Usenet.
Der Erfolg der Geschichten rund um Campus und Computer war so groß, dass ein Verlag die
E-Mail-Erzählungen 1996 gesammelt als Buch herausgab. Schiel schrieb weiter, stellte die
Texte ins Netz (http://www.bastard.de) und verschickte sie per E-Mail. Zwei weitere
Bände folgten. Im letzten Jahr erklommen die Bastard-Satiren die ersten Plätze in den
Verkaufs-Charts von Amazon.de. "Inzwischen interessieren sich Goldmann, Ullstein und
Knaur für die Geschichten", freut sich Florian Schiel, der Ende März seinen ersten
Internet-Krimi im Schwarten-Verlag veröffentlichte.
Goetz und sein "Abfall für alle"
Aber auch Autoren, die bereits einen Namen haben,
animieren Surfer zunehmend zum Lesen. 1998 lud Rainald Goetz im Rahmen eines
Online-Tagebuchs täglich seinen "Abfall für alle" ins Netz. Im letzten Jahr
verlegte Suhrkamp die gesammelten Einträge als "Roman eines Jahres". Ernst zu
nehmende Literatur also, wenn Goetz auch am ersten Tag betonte: "Wie vor allem das
meiste muss schweigen, sonst gehen riesige Lügen los, Spastereien, im Grunde Literatur
und das wollen wir ja gerade vermeiden hier."
Ein literarisches Experiment mit 26 jungen Autoren
wagte der DuMont-Verlag auf seinen Web- Vom 1. Januar bis zum 31. Dezember 1999 entstand
dort unter der Leitung von Thomas Hettche eine langsam, über das letzte Jahr des
Jahrtausends hinweg wachsende Anthologie junger deutscher Literatur mit dem Titel
"Null" (http://www.dumontverlag.de/null). Ein kommunikatives Textnetz, in dem
alles erlaubt war, was im Web möglich ist: Bilder, Töne, Scherenschnitte, Comics oder
Arbeitsskizzen.
Vor kurzem erschien "Null" in Form von
losen Druckbögen, die jeweils etwa 16 Beiträge enthalten. "Die Form haben wir
bewusst an die Online-Version angelehnt, eine freie und offene Materialsammlung, die man
auseinander falten oder auch auseinander schneiden kann", erklärt Christian Döring,
Programmleiter Literatur bei DuMont. Geplant war eine Druckversion des Projektes anfangs
nicht. "Das wäre ja eine Paradoxie gewesen. Wir haben das aber auch nicht
ausgeschlossen", so Döring.
Die Autoren des Literaturprojektes Pool (http://www.ampool.de), das gerade Schlagzeilen macht, weil sich dort
auch der SZ-Magazin Interview-Fälscher Tom Kummer schriftstellerisch betätigt, nutzen
das Internet ganz bewusst als Medium für ein geplantes gemeinsames Buch. Die Textarbeit
findet zwar online statt, ist aber nicht öffentlich. "Das Netz dient hier eher der
Kommunikation unter den beteiligten Autoren", sagt Elke Naters, die gemeinsam mit
Sven Lager "The Buch" im Frühjahr bei Kiepenheuer und Witsch herausgeben wird.
Inhaltlich sind die Beiträge völlig frei. "Sie werden wohl den Pool-Texten ähneln,
aber die Autoren schreiben sie extra für das Buch." Die Texte werden direkt online
in Formulare geschrieben und sind dort für alle Autoren einsehbar, so dass mit Hilfe des
Internets eine echte Gemeinschaftsarbeit entstehen kann.
(Erschienen in: Berliner Zeitung, Multimedia,
30.5.2000, Seite 18)
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