| Softmoderne 1999, Abend des 27. Februars Ein schaler Nachgeschmack
Ein Bericht über die Präsentation "Hypertext
Berlin" von Sabrina Ortmann
Am 26. und 27. Februar 1999 fand im Berliner Podewil zum
fünften Mal die Softmoderne, das
Festival der Netzliteratur, statt. Organisiert wurde die Veranstaltung von Stephan
Porombka, Hilmar Schmundt und Thomas Wegmann.
Wurden bisher bei dieser Veranstaltung die Projekte
betrachtet, die bereits im Netz existieren, so war der Ansatz in diesem Jahr ein gänzlich
anderer: "Wir möchten die Qualität der Literatur im Netz aktiv fördern",
erklärte Stephan Porombka dem Berliner
Zimmer zwei Wochen vor der Softmoderne. "Gute Texte kosten Zeit und Geld.
Etablierte Schriftsteller machen bisher nur ungern etwas im Netz, vielleicht haben sie
auch Angst, sich dort lächerlich zu machen. Diesen Autoren wollten wir in diesem Jahr
einen Anreiz geben, etwas für das WWW zu schreiben. Wir haben ausgewählten Autoren, die
bisher dadurch aufgefallen sind, daß sie im Printbereich gute Texte geschrieben haben,
ein Thema vorgegeben, ihnen Programmierer zur Seite gestellt und ihnen Geld für die
Realisierung ihrer Ideen gegeben. Thema war Berlin, also der Topos Stadt. Die Idee war:
Was lassen sich Autoren, die bisher nur für den Printbereich geschrieben haben,
einfallen? Für uns als Softmoderne geht es vor allem um die Orientierung an dem Phänomen
Literatur im Netz. Wir wollen herausfinden, was überhaupt machbar ist."
Mit ihrer Neugier konnten die Veranstalter die Autoren
offenbar nicht anstecken. Denn die Präsentationen der aus dieser Idee entstandenen
Projekte hinterließen irgendwie einen schalen Nachgeschmack. Gezeigt wurde eben Text, der
mehr oder weniger willkürlich mit Hyperlinks zu anderem Text versehen und mit Fotos
illustriert war. Einige Projekte verzichteten ganz auf textinterne Hyperlinks. Das ist
nicht schlimm, denn die Texte und Fotos waren durchweg gelungen. Nur stand während des
gesamten Abends die übrigens unbeantwortet gebliebene- Frage im Raum: Wozu braucht
man dafür nun eigentlich das Internet?
Der Slam-Poet Claudius Hagemeister erwähnte im Vorfeld zu
seiner Präsentation zumindest das WWW und erläuterte einen Vorteil, den er für die
Literatur in dem neuen Medium sieht: "Ich finde es sehr gut, daß man Texte ins Netz
stellen kann, die noch nicht fertig sind." Die Möglichkeit des prozeßorientierten
Schreibens schätzte er als Vorzug des Netzes ein.
Allerdings wurde diese Möglichkeit für sein Netzprojekt
"Berlin" leider nicht genutzt. Gezeigt wurden kleine Textepisoden, die
Beobachtungen aus dem Alltag Berlins beschrieben. Innerhalb jeder Episode führten jeweils
ein bis drei verlinkte Worte zu anderen Episoden. Hagemeister erklärte, daß die
Linkstruktur zufällig sei, daß die Links eigentlich auch verzichtbar wären:
"Eigentlich ist es eine Kurzgeschichtensammlung, durch die man sich auch einfach
linear durchklicken kann." Er habe sich aber bemüht, die Episoden assoziativ zu
verknüpfen.
Der Text war mit Geräuschen aus der Stadt untermalt, die
auch ausgeschaltet werden konnten. Auf aufwendiges Design wurde verzichtet: Die Texte
zeigten sich Schwarz auf Weiß und weckten damit Gedanken an das gute alte Buch.
Als nächstes präsentierte Michael Rutschky zusammen mit der
Webdesignerin Claudia Klinger
seinen "Berlinroman". Rutschky erklärte, er wollte zeigen, wie sich der
Mythos Berlin in der gebauten Stadt darstelle: "Dabei muß man die Stadt selber als
Roman verstehen. Der Berlinroman hat dokumentarischen Charakter."
Da die ideale Stadt quadratisch sei, haben Rutschky und
Klinger sich für ein Quadrat aus sieben mal sieben anklickbaren Feldern entschieden,
wobei sich mit einem Foto versehene und graue Felder abwechseln. Von hier aus gelangt der
Leser zu einer mit Text versehenen größeren Ansicht der Fotos und zu Zitaten anderer
Autoren über die Stadt Berlin. Textinterne Hyperlinks gibt es nicht. Die Navigation
richtet sich jeweils nach der Position des Feldes in dem großen Quadrat: also nach
rechts, nach links, nach oben oder nach unten.
Interessant war die Vision eines
"Rutschky-Würfels" am Ende der Präsentation: "Ich kann mir gut
vorstellen, aus dem Quadrat einen Würfel zu machen, also eine dritte Dimension
hinzuzufügen", sagte der Autor. Nach Angaben Rutschkys hat das Material für das
Projekt bereits existiert: "Der Berlinroman war eigentlich ein Diavortrag."
Auf die Fragen aus dem Publikum nach Notwendigkeit und Nutzen
des Internets für dieses Projekt antwortete Rutschky knapp: "Ich habe gar keinen
Computer."
Etwas mehr Spaß an der Sache schien Kathrin Röggla gehabt
zu haben, die gemeinsam mit der Webdesignerin Sylvia Egger ihr Projekt: "Nach
Mitte" vorstellte. In diesem geschlossenen, nach Angaben der Autorin sehr auf
Orientierung angelegten Hypertext-System kann der Leser aus vielfältigen Blickwinkeln
erfahren, warum man eben nicht in den Berliner Bezirk Mitte gelangt.
Peter Glaser ging bei seiner Präsentation von "Licht,
Berlin" dagegen ganz bewußt zurück zu den konventionellen Darstellungsformen
von Literatur: schwarzer Text auf weißem Hintergrund, kleine Episoden und Zitate, nur
vereinzelte Links, keine Grafik. Glaser betonte, er wolle mit dieser Rückbesinnung
"das literarische Immunsystem stärken". Das Internet berge für Autoren die
Gefahr, zu Programmierern zu werden und die Literatur aus den Augen zu verlieren.
"Ich möchte Autor bleiben", sagte Glaser.
Großen Unterhaltungswert hatte die Darbietung von Norman
Ohler, dem Autor der "Quotenmaschine". Gemeinsam mit der Fotografin Nina
Brudermann stellte er sein Projekt "246H"
vor. Die Idee dahinter: Die in den U-Bahnhöfen befindlichen Schilder für die
U-Bahnfahrer mit der Aufschrift 2, 4, 6 und H sind in Wirklichkeit Überwachungsschilder,
die sowohl Gespräche als auch innere Monologe der Fahrgäste aufzeichnen. Gezeigt wurden
sehr gelungene Fotos aus dem Innern verschiedener Berliner U-Bahnhöfe und die Gespräche
und Monologe, die von den Schildern aufgezeichnet wurden.
Etwas ratlos entließ mich nach drei Stunden schließlich die
letzte Präsentation in die Nacht. Ein Trio von Essayisten, die unter anderem für den
Berliner Tagesspiegel schreiben, David Wagner, Jörg Paulus und Reiner Merkel, stellten
gemeinsam mit Wolfgang Tischer
ihr Projekt "Euphorie Konversation" vor. Das Ganze soll ein kollaborativer Text
sein, Ausgangspunkt waren die Telefonverzeichnisse der Autoren. Das Ziel ist die
Vernetzung dieser Telefonverzeichnisse im Internet. Ich fragte mich sofort, warum sie
denn, wenn sie doch ein Netzprojekt machen, nicht ihre Emailverzeichnisse genommen haben?
Vielleicht, weil sie, wie Rutschky, über keinen PC und somit auch über kein
Emailverzeichnis verfügen....? Aus dem Anfang, den die drei Autoren mit ihren Texten
vorgegeben haben, soll durch die Mitarbeit weiterer Autoren eine Art Kettenbrief
entstehen. Vorgetragen wurden in auf mich etwas ermüdend wirkender Länge und Monotonie
Telefonnummern und die Assoziationen der Autoren über die dazugehörigen Personen.
Daraufhin folgte der zweite Teil der Präsentation, in welchem Wolfgang Tischer die
Umsetzung der Texte im Netz erläuterte. Diese zeigte sich als reine Textdarstellung der
drei Telefonverzeichnis-Texte, einer Stichwortliste und einem Gästebuch, welches sich
Anrufbeantworter nennt. Das Ganze existiert in zwei Ausführungen: in Farbe und in
Schwarz-Weiß, wobei die farbige Variante als "euphorische Version" bezeichnet
wurde. Euphorie wollte sich da bei mir nicht einstellen, schon gar nicht als dann noch der
Versuch unternommen wurde, eine Diskussion über die mögliche Darstellung in
Komplemantärfarben oder Schwarzweiß zu entfachen.
So wollte denn auch im Publikum niemand auf diese Diskussion
einsteigen, sondern es ergab sich eine sicherlich berechtigte Kritik an der gesamten
Veranstaltung. Vermißt wurde die Umsetzung der Grundidee von Hypertext nach Nelson: Die
Möglichkeit der Interaktivität, des Löschens, Überschreibens und Hinzufügens von
Text.
Dem Internet wurden alle Projekte, so gelungen sie ansonsten
auch waren, meiner Meinung nach nicht gerecht, denn die kreativen Möglichkeiten, die das
Netz bietet, wurden nicht genutzt. Entweder wie bei Glaser ganz bewußt, oder wie bei
Rutschky aus Unkenntnis des Mediums. Bei dem Telefon-Verzeichnis-Projekt lag dies
eindeutig an der mangelnden Kommunikation zwischen Autoren und Web-Designer. Irgendwie
ging da wohl einiges aneinander vorbei. Ich habe mich nach diesem Abend gefragt: Müssen
denn bereits erfolgreiche Autoren unbedingt ins Internet, wenn sie das Medium nicht kennen
oder nicht mögen oder einfach kein Interesse daran haben? Autor, bleib bei Deiner
Schreibmaschine ;-) ....
Dieser Artikel ist im Literaturcafé im
Internet erschienen. Dort gibt es übrigens weitere Eindrücke, Berichte, Fotos und
Hintergrundinformationen von der und über die Softmoderne! |