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7 Probleme des Onlinepublizierens

Das Onlinepublizieren bietet wie das Elektronische Publizieren im allgemeinen herausragende Chancen und Perspektiven für die Fachkommunikation und die Entwicklung neuer Märkte. Vielleicht bringt die Möglichkeit, daß jeder Konsument auch Produzent einer Publikation sein kann, sogar eine neue Kultur des Publizierens hervor. Es ist jedoch eine Tatsache, daß neben dem großen Gewinn, den das Onlinepublizieren darstellt, eine Vielzahl von Problemen auftauchen, die technischen, wirtschaftlichen, rechtlichen und sozialen Aufgabenfeldern zuzuordnen sind. Ferner existieren Schwierigkeiten, die durch den Entwurf des WWW auftreten und Auswirkung auf die Arbeit mit diesem haben, wie die Flüchtigkeit der Referenzen beispielsweise.

Technische Probleme wie die Erstellung von WWW-Seiten und die Konvertierung von Daten nach HTML wurden bereits bei der Darstellung der Programmwerkzeugen zur Konvertierung von Dokumenten beschrieben. Auch die wirtschaftlichen Aspekte wie der Nutzen für Verlage und der finanzielle Aufwand zur Erstellung eines Onlineangebots wurden bereits erörtert. In diesem Kapitel sollen rechtliche und soziale Probleme des Onlinepublizierens vorgestellt werden. Lösungsperspektiven können allerdings im Rahmen dieser Arbeit nicht aufgezeigt werden.

7.1 Presse- oder Rundfunkrecht?

Eine Zeitlang blieb das Internet unbemerkt von der Öffentlichkeit. Berichte in den Medien über Pornographie, Anleitungen zum Bau von Bomben und Datenspionage im Internet haben Juristen und Politiker für den (noch) rechtsfreien Raum sensibilisiert. Der Ruf nach Regelungen wurde laut und bei dem Blick in die bestehenden Mediengesetze wurde deutlich, daß sie nicht alle Bereiche der neuen Kommunikationsform abdecken können.

Zwei Regelungen zur Ordnung der Medien finden in Deutschland Anwendung: das Presse- und das Rundfunkrecht44. Beide räumen den Medien einerseits Rechte ein wie das der Zeugnisverweigerung vor Gericht, das Auskunftsrecht bei Behörden und das Datenschutzprivileg, andererseits schützen die Gesetze diejenigen, die von einer Berichterstattung betroffen sind. Im Rundfunkrecht, das der Hoheit der Bundesländer unterliegt, werden zusätzlich Kontrollen zur Verhinderung von Konzentrationsprozessen etabliert, Bestimmungen zum Jugendschutz angeführt sowie Regelungen zur Ausstrahlung von Werbung u.a. getroffen.

Die rechtliche Einordnung von Online-Publikationen fällt schwer: Druckwerke werden im Pressegesetz als stoffliche Medien beschrieben: “alle mittels einer Buchdruckerpresse oder eines sonstigen zur Massenherstellung geeigneten Vervielfältigungsverfahrens hergestellten und zur Verbreitung bestimmten Schriften...”45. Diese Definition trifft auf materielose in Netzen übertragenen Daten nur bedingt zu. Das Rundfunkgesetz, das Hörfunk und Fernsehen regelt, definiert Rundfunk als “die für die Allgemeinheit bestimmte Veranstaltung und Verbreitung von Darbietungen aller Art in Wort, in Ton und in Bild unter Benutzung elektrischer Schwingungen...”46. Dieses Recht regelt zur Zeit auch die Veröffentlichung von Informationen über Datenleitungen, also z.B. Mailboxen. Ob Online-Publikationen unter die Rundfunkgesetze fallen, ist von den Landesmedienanstalten bisher nicht geklärt worden47.

Dies führt zu dem Paradoxon, daß z.B. die gedruckte Ausgabe des Wochenmagazins Der Spiegel dem Presserecht unterliegt, die Onlineversion aber zur Zeit gar keinem Recht zugeordnet wird, auch wenn sie vielleicht eher dem Rundfunkrecht zuzurechnen wäre. Damit fällt bei Onlinediensten auch das Recht auf eine Gegendarstellung der von einer Berichterstattung betroffenen Personen fort, ebenso der Schutz der Journalisten. Ein Autor eines gedruckten Beitrages könnte Zeugnisverweigerungsrecht in Anspruch nehmen. Erscheint der Beitrag “nur” online, würde ihm dieses Recht versagt bleiben.

7.2 Urheberrecht

Computer und Netze erlauben den schnellen Zugriff, die Speicherung und Veränderung von Daten aller Art. Das Konzept des WWW beinhaltet, daß HTML-Dokumente von einem Server an einen Client übertragen und damit kopiert werden. Das hat zur Folge, daß alle Dokumente, die angezeigt werden können auch abgespeichert und im Quellcode verändert werden können. Die Urheber von WWW-Dokumenten verlieren damit die Kontrolle über ihre Werke. Rechtliche Verstöße im Internet sind schwer zu überprüfen, ebenso schwer ist es, den Täter der Rechtsverletzung ausfindig zu machen. Zudem herrschen unterschiedliche Rechtsauffassungen in den am Internet beteiligten Ländern.

Das deutsche Urheberrecht definiert seinen Auftrag wie folgt: “Das Urheberrecht schützt den Urheber eines Werkes der Literatur, Wissenschaft oder Kunst gegen die unbefugte wirtschaftliche Auswertung seiner schöpferischen Leistung und gegen die Verletzung seiner ideellen Interessen am Werk.”48. Den Ursprung des Entwurfs hat das deutsche Urheberrecht in der Drucktechnik. 1985 wurde der Begriff “Werk” erweitert, um auch Programme rechtlich zu schützen: “Zu den Werken der Literatur, Wissenschaft und Kunst gehören insbesondere: 1. Sprachwerke, wie Schriftwerke und Reden sowie Programme für die Datenverarbeitung”49. Das Urheberrecht tritt automatisch in Kraft, ohne daß es - im Gegensatz zum amerikanischen Copyright - einer Formalie wie der Registrierung bedarf.

Urheber sind alle, die Elemente zu einer elektronischen Publikation beitragen. Diese Gruppe umfaßt damit nicht nur Autoren, sondern auch Fotografen, Grafiker, Komponisten und Filmemacher und damit alle an der Entwicklung von multimedialen Anwendung Beteiligten. Prinzipiell sind somit alle Elemente einer Onlinepublikation geschützt. Der Bundesgerichtshof schränkte dieses allgemeine Recht in Bezug auf Programme jedoch ein, in dem es in einer grundlegenden Entscheidung den Begriff der “Gestaltungshöhe” einführte: “Eine für die Urheberrechtsschutzfähigkeit hinreichende Gestaltungshöhe wird erst erreicht, wenn das alltägliche, durchschnittliche Programmerschaffen ... deutlich überstiegen wird.”50.

Der Grad der Gestaltungshöhe ist ein schwer zu fassender Begriff und führt bei Autoren zu der Frage, ob ihr Werk denn die nötige Schöpfungshöhe erreicht hat, um Urheberrechtsschutz in Anspruch zu nehmen. Das ist insbesondere der “dekorative” Anteil einer multimedialen Publikation zu nennen: Klänge, Ikonen, Grafiken und Photos. Auch die Gestaltungshöhe einer Liste mit Verweisen zu einem bestimmten Thema ist fragwürdig, wenn sie außer der Sammlung keine weiteren redaktionellen Arbeiten erkennen läßt.

Es gibt verschiedene Bemühungen, Dokumente mit einem elektronischen Umschlag zu versehen, der die Unversehrtheit des Werkes garantiert und Angaben über Urheber und Nutzungsrechte enthält51. Da alle Medien, die irgendwie physikalisch mit Hilfe der Computerperipherie dargestellt werden, sich auch kopieren und in andere Formate übertragen lassen, bietet dieses Verfahren keine Sicherheit zur Wahrung der Interessen des Urhebers.

7.3 Abrechnung

Zur Zeit sind die vielen Onlineangebote und damit der Abruf der meisten WWW-Seiten kostenfrei. Einerseits sind diese Dienste im Umfeld von Hochschulen und Forschungseinrichtungen oder durch Privatinitiativen entstanden, andererseits fehlt der Wirtschaft noch eine einfache Möglichkeit der Abrechnung der bezogenen Leistung.

So werden Zugangsberechtigungen und Bestellungen allenfalls über die Angabe der Kreditkartennummer oder bei einer Lastschrift die Kontonummer und Bankleitzahl des Nutzers erworben, was einen unsicheren Transfer von personenbezogenen Daten bedeutet, der mit verhältnismäßig geringem Aufwand abgehört werden kann52.

An der direkten Abrechnung innerhalb des Systems Internet, ecash genannt, arbeiten viele Firmen darunter die Digicash Corporation53 und die Kreditkartenfirma Mastercard International in Verbindung mit dem Softwarehersteller Netscape54. Es ist davon auszugehen, daß derartige Abbuchungsmöglichkeiten in wenigen Jahren etabliert sein werden.55 Im Internet fehlen bisher Stellen, die den Zahlungsverkehr bei den sogenannten Micropayments (Zahlungen mit geringen Beträgen) abwickeln würden56. Da sich Banken bisher kaum im Internet engagieren, ist davon auszugehen, daß große Softwareunternehmen die Funktion von Inkassostellen einnehmen werden.

Möglich ist die nutzungsorientierte Abrechnung über eine virtuelle Währung (Cyber-Dollar)57. Der Nutzer kauft ein Kontingent dieser Währung. Jeder Aufruf einer kostenpflichtigen Seite oder eines Dienstes führt zu einer Abbuchung von seinem Konto auf das Konto des Anbieters, der das virtuelle Geld in harte Währung eintauschen kann. Der Vorteil dieses Abrechnungsverfahrens liegt in dem anwender- und länderübergreifenden Einsatz.

Solange solche Abrechnungsmechanismen noch nicht installiert sind, veröffentlichen viele Verlage nur Ausschnitte aus ihren Printmedien, um einen Werbeeffekt zu erzielen. Andere setzen darauf, daß die elektronische Ausgabe nicht in Konkurrenz zu dem gedruckten Medium steht und veröffentlichen die komplette Ausgabe (Bsp. TAZ), um auch in Hinblick auf spätere Zeiten Erfahrungen zu gewinnen. Eine weitere Möglichkeit ist die Finanzierung über Werbung wie es die Firma Yahoo bei ihren WWW-Katalog58 oder die Wiener Zeitung “Der Standard”59 betreiben.

7.4 Honorare

Jeder Text ist das Ergebnis einer Arbeit, die ein Autor leistet. Diese Arbeit wird vom Verlag oder Herausgeber mit dem Autorenhonorar entlohnt. Einige auflagen- oder umsatzschwache Printmedien können keine Honorare zahlen; die Veröffentlichung des Textes ist in diesem Fall der einzige Lohn. Bei amerikanischen wissenschaftlichen Fachzeitschriften ist es sogar üblich, daß die Autoren für ihre Veröffentlichungen zahlen, um die Publikation zu finanzieren.

Die Veröffentlichung eines bereits gedruckten Textes im WWW stellt eine Zweitverwertung dar. Die Autoren sollten für Zweitverwertungen dieser Art entlohnt werden, wenn die Verlage damit Geld verdienen. Eine Weiterverwertung von Romanen zu Filmdrehbüchern wird meist ausgeschlossen und explizit aufgeführt. In alten Autorenverträgen, gerade im Bereich der Fachbücher und -zeitschriften, wurde eine elektronische Verwertung jedoch nicht erwähnt, so daß viele Verlage diese Lücke ausnutzen und Jahrgänge von Zeitschriften auf CD-ROM oder im WWW veröffentlichen, ohne den Autoren zusätzliche Honorare zu zahlen60.

In neueren Verträgen sind häufig Klauseln enthalten, die dem Verlag eine elektronische Weiterverwertung ohne zusätzliche Honorarleistungen an den Autor erlauben. Der Autor muß sich also auf sein Verhandlungsgeschick verlassen oder die unbezahlte Weiterverwertung seines Werkes akzeptieren.

Bei Veröffentlichungen im WWW kommt die Frage hinzu, wie Honorare bezahlt werden sollen: Wird das Textvolumen berechnet, da keine feste Anzahl an Zeilen oder Druckseiten existiert? Oder wird die Zahl der Zugriffe gezählt, beziehungsweise der Emailreaktionen auf einen Text oder wird einfach eine Pauschale entrichtet?

7.5 Datensicherheit

Die Datensicherheit ist das Ergebnis der technischen und organisatorischen Absicherung von gespeicherten Daten61. Die Datensicherheit besitzt zwei Aspekte: den Datenschutz und die Datensicherung. Der Datenschutz wirkt der mißbräuchlichen Verwendung von gespeicherten Informationen entgegen. Der Begriff der Datensicherung umfaßt den technischen Aspekt, die Datenverarbeitung als Ganzes vor Störungen, Datenverlust und Mißbrauch zu bewahren62.

Da das WWW ein offenes verteiltes Kommunikationssystem ist, dessen Daten mit Hilfe der Paketvermittlungstechnik (IP) übertragen werden, ist das Abhören der Daten an den einzelnen Knoten des Netzes möglich. Um dies zu verhindern, sind Verschlüsselungsmethoden (z.B. Public-Key-Verfahren) einzusetzen, bis sich sichere Kommuniaktionsprotokolle etabliert haben (IPNG, HTTP-S u.a.)63. Das Eindringen in fremde Computersysteme wird durch sogenannte Firewallmaschinen verhindert. Der Zugriff auf Betriebsystem und Anwendungen eines Systems (auch über das WWW) wird durch Zugangsberechtigungen gesteuert.

Effiziente und einfache Sicherheitslösungen sind die Voraussetzung für eine weitere marktwirtschaftliche Entwicklung des Internets. Bei den Vorkehrungen zur Absicherung des Systems und der Daten ist jedoch immer die Verhältnismäßigkeit zu wahren. Zu fragen ist, welcher Schaden entstehen kann und wie einfache Lösungen für das Sicherheitsproblem realisiert werden.

7.6 Reputation

Gedruckte Medien haben gegenüber Onlinemedien eine größere Reputation. Das liegt einerseits darin, daß es leichter ist, einen Text im Internet zu veröffentlichen, als ihn durch einen Verlag gedruckt zu sehen. Andererseits ist das Internet nur in technischen und wissenschaftlichen Bereichen als Medium der Fachkommunikation anerkannt und etabliert. Dies mag auch daran liegen, daß das Medium aufgrund seiner Dynamik nur eine mangelnde Verläßlichkeit in Bezug auf Quellen bietet (s. Abschnitt 7.7 Flüchtigkeit, Aktualität und Pflege der Daten)

Die Authentizität, Integrität und Verbindlichkeit sind bei der Arbeit mit Dokumenten des WWW und Internet allgemein nur bedingt gegeben64. Die Authentizität kennzeichnet die Eigenschaft, daß eine Quelle eindeutig einem Autor zuzuordnen ist, die Integrität bezeichnet die Vollständigkeit des Inhalts und die Verbindlichkeit, daß der Inhalt gültig und überprüfbar ist. Diese Formen der Sicherheit können leicht umgangen werden: Ein Orginaldokument kann kopiert und mit verfälschtem Inhalt im WWW veröffentlicht werden. Der Leser kann Schlüsse über die Verläßlichkeit einer Quelle nur über die URL ziehen, unter der diese abzurufen ist. Diese Bewertung erfordert eine Kenntnis der im Internet repräsentierten Institutionen und ihrer Domain-Namen.

Das Internet öffnet sich zunehmend Privatpersonen, die nicht aus dem akademischen Umfeld kommen. Obwohl es zu begrüßen ist, daß das Internet einem breiten Teil der Bevölkerung zugänglich gemacht wird, ist es nicht auszuschließen, daß die Qualität der Kommunikation sinkt. Das wird besonders in den News deutlich, wo Beiträge, die in die falschen Themengruppen verschickt werden, Werbung oder unsinnige Nachrichten die Kommunikation stören. Die Teilnehmer des Internets müssen auch weiterhin eigene Regeln finden, um das Niveau in den Bereichen, in denen es gewünscht wird, aufrechtzuerhalten.

7.7 Flüchtigkeit, Aktualität und Pflege der Daten

Die Bestände des WWW sind fortlaufend in Bewegung. Sie werden aktualisiert und erweitert, an andere Orte mit neuen Adressen verschoben, sie werden aufgelöst und gründen sich neu. Diese Dynamik des Netzes, die ja auch einen Teil seiner Attraktivität ausmacht, erschwert besonders den wissenschaftlichen Umgang mit Textquellen.

Es existieren wenige Institutionen mit verläßlichem Charakter wie z.B. Bibliotheken. Dem Nutzer ist es selbst überlassen, Quellen zu finden und ihre Glaubwürdigkeit und Relevanz zu prüfen. Zitiert man Onlinedokumente oder verweist man auf sie, wird der Leser vor das Problem gestellt, diese nach einiger Zeit auch wirklich unter den angegebenen Adressen wiederzufinden. Eine ständige Kontrolle und Aktualisierung der Hypertextstruktur ist besonders bei Verweisen auf externe Angebote notwendig.

Ein System wäre notwendig, das protokolliert, wer Verweise auf welche Dokumente eingerichtet hat. Ändern sich die Adressen müßte derjenige, der einen Verweis gesetzt hat über den neuen Aufenthaltsort der Quelle informiert werden. Zur Zeit gleicht das WWW einer Bibliothek, in der in unregelmäßigen Abständen Signaturen und Standorte der Bücher wechseln.

 


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