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„Literatur goes Videoclip“ - Der Slam-Poet im Wohnzimmer Christiane Oltmanns über eine neue Entwicklung aus der
Spoken-Word-Szene
Jetzt erscheint ein junger Mann auf der Leinwand,
welcher ein Bündel rohen Fleisches zu besprechen scheint, das er
behutsam in den Händen hält. Es handelt sich um Stephan Porombka. Er
spricht vom Duft der Frauen und auch von anderen Düften und er spricht
gut, wenn auch nicht grade über ein neues Thema, Aber was gibt es schon
wirklich noch Neues in pop-post-moderner Zeit für die Literatur, so im
allgemeinen... Das Medium aber, über das er hier spricht (oder sollte
man „ sogar das Genre“ sagen?) ist brandneu - oder zumindest neu für die
uralte Dame Poesie: Poetry-Clips; gesprochene Wörter gefilmt. Der Dichter mit dem Fleischbündel da vorne erinnert
dabei ganz entfernt an Hugo Ball im seinerzeit Züricher Cabaret
Voltaire, als er im dadaistischen Kostüm seine „Karawane“ vortrug. „Man
riecht es, wenn man riechen kann...“ wiederholt Porombka mehrfach und
ich möchte mich am liebsten anschließen und vermuten, ja, es hängt etwas
in der Luft, der Duft eines epochemachenden Events, der Odem neu zu
schreibender Literaturgeschichte, doch ganz sicher bin ich mir nicht... Bei den Poetry-Clips Volume 1 von Spoken Word Berlin,
die am 8. März im Bastard / Prater in Berlin vorgestellt wurden, handelt
es sich um den Versuch einer neuen Präsentations-Form. Die sonst spontan
und performativ dargebotene, zumeist nicht schriftlich fixierte Lyrik
und Prosa der Berliner Slammer wurde hier auf ein festes Medium gebannt.
Die Protagonisten sprechen ihre Wörter nun nicht mehr ultra-expressiv
und absolut einmalig, unwiederholbar zu uns, wie auf den lustigen,
tatsächlich immer ein wenig dadaistisch oder beatnik-mäßig anmutenden
Slams, sondern jetzt jederzeit abrufbar auf DVD; man kann den
Slam-Poeten für´s Wohnzimmer kaufen. Nach der Veranstaltung am DVD-Tisch
und auch im gutsortierten Fachhandel für rund 15 Euro. Die ästhetische Spannbreite des Dargebotenen ist
groß; von Pril-blumig-op-Artig eingepackter Rezitation „Geheime(r)
Botschaften“ der (auch im dickeren Buchformat) bereits etablierten
Autorin Tanja Dückers, über die filmisch doch sehr Viva-ähnlichen, wenn
auch inhaltlich wiederum ganz unterschiedlichen Clips von Mind-J Jizum
und Boris Preckwitz und die putzige sepia-getönte Politsatire des
potentiellen Bonn-Angreifers Sebastian Krämer bis zum
sprachlos-inhaltsfreien Geräusch-Rap eines „Mr. Beatbox“, der zwischen
den Clips live die Bühne betritt. Die vielfältigen Elemente der
Slam-Szene; Comedy, Rap, Rezitation amüsieren und inspirieren. Wohlgemerkt: Volume 1; weitere sollen also folgen.
Die Szene etabliert sich, fixiert ihre hippe Mündlichkeit, dokumentiert
ihre Blütezeit, der zukünftige Poetry-Clip-Konsument wird feste sammeln
können. Die Frage ist nur, ob diese poetische Wieder-Verwendbarkeit dem
Konzept der Spoken-Words nicht rezeptionsästhetisch gänzlich
zuwiderläuft. Um die Jugend(taug)lichkeit des neuen Genres zu
überprüfen, habe ich die Clips auch im Unterricht gezeigt; einer der
schlausten Schüler aus meinem Deutsch-Kurs Klasse 12 schrieb auf den
Feedback-Bogen: „Ganz lustig, obwohl ich mir niiiee die DVD kaufen
würde!!!“ Mehr unter:
www.spokenwordberlin.net
und: www.poetry-clips.net Poetry Clips bei Amazon bestellen. Titel: Poetry Clips (Vol. 1) Autor: Wolf Hogekamp und Bas Böttcher (Hrsg.) Spielzeit: 100 Minuten Buchhandel: ISBN: 3-938424-02-8 Tonträgerhandel: Alive Best.Nr.:6401149 Beteiligte Autoren: Sebastian Krämer, Claudius Hagemeister, Boris Preckwitz, Tracy Splinter, Timo Brunke, Wolf Hogekamp, Tobias Herrmann, Kristoffer Keudel, Bas Böttcher, Toby Tiger, Till Müller-Klug, Sebastian 23, Mind-J Jizum, Tanja Dückers, Stephan Porombka, Jan Off, Felix Römer, Bob Holman.
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