Pegasus, Softmoderne und Ettlinger Internet-Literaturwettbewerb

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Dieser Text ist ein Ausschnitt aus der Publikation 
"netz literatur projekt
. Entwicklung einer neuen Literaturform von 1960 bis heute"  
von Sabrina Ortmann.
 
136 Seiten, 6 Abbildungen
berlinerzimmer.de Verlag 2001, 
ISBN: 3-8311-2361-6,
 
Seite 24 -32.

 

Der Pegasus 

1996 riefen DIE ZEIT, IBM und andere Sponsoren mit dem Pegasus erstmals einen Internet-Literaturwettbewerb ins Leben, der bis 1998 jährlich ausgeschrieben wurde. Den ersten Preis erhielt 1996 Martina Kieninger für Der Schrank. Die Schranke. 1 Stück Theater für 1 Denker im Denktank (1) , ein "skurriles Stück Netzliteratur, [...] das auf den ersten Blick an ein lineares Theaterstück erinnert, aber durch die eingebauten Links zu einem ungewöhnlichen Textnetz wird, das mit den Erwartungen der Leser spielt und überraschende Effekte bereit hält" (2). Der zweite Preis ging an "Die Paralleluniversalisten" mit ihrem Beitrag Waltraud hält die Welt in Atem, ein Hypertext mit schwarzer Schrift auf weißem Hintergrund und wenigen Bildern. Einen Sonderpreis erhielt der Hypertext-Beitrag Verwunschlos von Sven Stillich. Mit Hilfe grafischer Elemente wird hier eine Fernsehoberfläche simuliert, die unter anderem die Logos verschiedener Sender enthält. Die Grafik erfüllt rein illustrative Zwecke. Die Veranstalter seien bereits bei diesem ersten Wettbewerb von den Einsendungen enttäuscht gewesen, schreibt Porombka, denn es hätten sich weder namhafte Autoren noch professionelle Programmierer beteiligt. "Stattdessen gab es Kleinkunst im digitalen Format." (3) Unter den 1997 eingereichten Arbeiten wurde angesichts der geringen Qualität der Beiträge kein erster Preis vergeben: 

"Die Jury, die unter 163 Einsendungen auszuwählen hatte, hat keine Abstufung der Preise vorgenommen und bewertet die Beiträge von Susanne Berkenheger (‚Zeit für die Bombe') und Peter Berlich (‚CORE' (4)) gleicherweise als gelungene Verknüpfung von Idee, Text und Hyperlink-Technik. [...]. Die Jurorinnen und Juroren haben anerkannt, daß - zumal in den in die Endauswahl genommenen Beiträgen - mehrfach einzelne Aspekte einer denkbaren Internet-Literatur in wegweisender Form vorgezeichnet erscheinen: sensibel gestaltete Sprache, packende Stories, glänzendes Design, witzige Einfälle und durchdachte Interaktivität. Da jedoch selten mehrere dieser Elemente an einem Beitrag sichtbar wurden, sah die Jury die intendierte Verbindung von literarisch gestalteter Aussage und technischen Möglichkeiten des Internet hier noch nicht in preiswürdiger Form verwirklicht." (5)

Die Enttäuschung wurde offen gezeigt; die Laudatio (6) des Literaturwissenschaftlers und Leiters der ARD-Online-Redaktion Hermann Rotermund zum Pegasus 1997 ist inzwischen vielfach zitiert worden. Einige Mitglieder der Jury traten nicht an, der Juror Erhard Schütz machte seinem Ärger in einem zynischen Artikel (7) mit dem Untertitel "Erfahrungsbericht eines strapazierten Jurymitglieds mit erhöhter Telefonrechnung" Luft. Einige Autoren, die am Wettbewerb teilgenommen hatten, sprachen daraufhin der Jury die Kompetenz ab (8). Der Pegasus-Wettbewerb verdeutlicht die Schwierigkeiten und Probleme im Umgang mit einer neuen Form der Literatur, für deren Beurteilung und Einordnung noch keine Kriterien existieren. In jedem Jahr traten innerhalb der Jury Schwierigkeiten bei der Auswahl der Sieger auf, "weil sie selber nicht wußte, was sie sich unter Internet-Literatur eigentlich vorzustellen hatte" (9). Die Beiträge entwickelten sich schnell weg von reiner Hyperfiction, wie sie 1996 noch Kieninger programmiert hatte, hin zu multimedialen Kunstwerken. 

Schließlich strichen die Veranstalter bei der Ausschreibung 1998 das Wort "Literatur" aus dem Namen des Wettbewerbes, der schlicht "3. InternetWettbewerb" genannt wurde. In der Ausschreibung hieß es nun: "Zur Teilnahme eingeladen sind alle, die Sprache mit den ästhetischen und technischen Mitteln des Internet verknüpfen, um neue Ausdrucksformen zu entwickeln." Begründet wurde dies mit einem zu eng gewordenen Literaturbegriff, der den multimedialen Beiträgen, die zunehmend Text, Design, Bild und Ton miteinander kombinierten, nicht mehr gerecht werden konnte. Den ersten Preis erhielten Dirk Günther und Frank Klötgen für die interaktive Bildergeschichte Die Aaleskorte der Ölig. Die Autoren realisierten mit ihrer Text-Bild-Kombinatorik das, was traditionelle Hyperfiction-Autoren seit Jahren für sich beanspruchen, aber selten einlösen, nämlich "dem Leser die Freiheit zur Konstruktion seiner eigenen Geschichte zu geben" (10). Den zweiten Preis gewannen Jürgen Daiber und Jochen Metzger für Der Trost der Bilder. Der Leser nimmt hier an einem simulierten Psychotest teil, in dessen Rahmen kurze, fiktionale, mit animierten Bildern unterlegte Geschichten präsentiert werden. Heibach kommt zu dem Schluss, dass das Projekt trotz seines Titels "seinen Fokus sehr viel mehr auf die Texte als auf die konstitutive Beziehung Text und Bild" lege und im traditionellen Schreibrahmen verbleibe, "der ohne großen Bedeutungsverlust ins Printmedium transferiert werden könnte" (11). Zusätzlich vergab die Jury zwei Sonderpreise an Florian Cramers Permutationen und Bastian Böttchers Looppool. Heibach bezeichnet Böttchers "Rapgenerator" als gelungenes Beispiel der "Text-Ton-Oszillation", da Text und Ton inhärent miteinander verknüpft sind und den Benutzer als Richtungsgeber und Konstrukteur konstitutiv mit einbeziehen (12) . 1999 wurde der Pegasus aufgrund organisatorischer Differenzen (13) zwischen den Veranstaltern nicht mehr ausgeschrieben. 

Die Softmoderne 

Im April 1995 wurde zum ersten Mal die Softmoderne, das erste deutsche Hypertext-Festival, veranstaltet. Anders als der Pegasus hatte diese Veranstaltung keinen Wettbewerbscharakter, sondern informierte bis 1999 über aktuelle Literatur für Computer und Internet. Bei der ersten Veranstaltung ging es sowohl praktisch als auch theoretisch um den Hypertext als neue literarische Form und um den Begriff "Hypermedia" (14) . Es sollte die Frage geklärt werden, ob Hypertexte lediglich Werkzeuge sind, oder ob sich die künstlerische Produktion durch ihren Einsatz tatsächlich verändert (15). Der Problemkreis multimedialer Computernutzung und der neuen "literarischen Software" wurde vorgestellt und kritisch hinterfragt (16) . Der amerikanische Schriftsteller Robert Coover demonstrierte die Entstehung eines literarischen Hypertextes. Weiterhin wurden Hyperfiction-Werke auf CD-ROM vorgeführt, wie die Hypermedia-Version des Comics Maus von Art Spiegelman. Hilmar Schmundt präsentierte die einer Theaterinszenierung nachempfundene multimediale Aufbereitung von Shakespeares Drama Macbeth. Die Projekte der Hyperfiction-Autoren wurden als neue Literatur gefeiert:

  "Auch wenn Hyperfiction noch keine ernst zu nehmende Konkurrenz für das Medium Buch ist, so ist sie doch ein spannendes Experiment, das Autoren wie Leser neugierig macht, sie anspornt, neue Formen der Literatur und ihrer Rezeption im Zeichen der 'Softmoderne' zu finden. Trotz einiger technischer Probleme [...] zeichnete sich die Veranstaltung durch ihre vielseitige Herangehensweise an eine komplexe und in Deutschland nahezu unbekannte Literaturform aus." (17)

Ging es bei dieser ersten Veranstaltung noch um "Offline"-Texte auf Diskette und CD-ROM, thematisierte die Softmoderne 1996 unter dem Motto "Die Softmoderne - Literatur im Netz" die Zukunft der Online-Literatur. Es ging sowohl um die technische Seite und rechtliche Probleme des Publizierens im Netz als auch um praktische Beispiele. Zu den Teilnehmern gehörten unter anderen der Internetkünstler Florian Cramer, Friedrich Kittler, Norman Ohler (mit seinem Debütroman Die Quotenmaschine (18) ) sowie Mark Amerika mit einer Präsentation des von ihm 1993 gegründeten E-zine altx (19). Der ehemalige Vorsitzende des DDR-Schriftstellerverbandes Hermann Kant las aus seinem Werk Escape, in dem es um die Befremdung eines Autors im Umgang mit einem Textprogramm geht. 

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Im Rahmen der dritten Softmoderne 1997 waren auch einige Kritiker der Internet-Literatur wie der Berliner Professor für Informatik und Gesellschaft Wolfgang Coy und Joseph Weizenbaum (der Erfinder des ELIZA-Dialogprogramms) geladen. Das thematische Spektrum war breit: Daniela A. Plewe stellte den Muser's Service vor, ein Programm, das die Maschine als Medium zum kreativen Brainstorming nutzt, Michael Nitsche verdeutlichte anhand der CD-ROM Freak-Show (20) die "interaktive Drei-Akt-Struktur", die sowohl in Hypermedia-Werken als auch in Hypertexten zu finden ist, und Micz Flor und Josephine Berry aus London gaben Einblicke in ihre Internet-Soap snowfields (21) . Stillich, der 1996 den Sonderpreis des Internet-Literaturwettbewerbes erhielt, und Gassner, der den Preis 1997 gewann, stellten die von ihnen betreuten Internet-Projekte Gegen@nfang - Schrift für neue Laute (Stillich) (22), Tabula Rasa 1.0 (Stillich) (23) und die Links zur Netzliteratur (Gassner) vor. Publikationschancen elektronischer Zeitschriften wurden diskutiert, E-zines wie Blau und De:Bug stellten ihre Konzepte vor und Alexander Okopenkons Lexikonroman ELEX wurde vorgestellt. Vorträge hielten u.a. der amerikanische Hyperfiction-Autor Michael Joyce und Reinhard Kaiser, der Autor des Buches Literarische Spaziergänge im Internet. Höhepunkte der Veranstaltung waren die Präsentation der Gewinner des Pegasus-Wettbewerbes und eine historische Ausstellung von Computerspielen (24). 

1998 fand das "Festival der Netzliteratur" nicht im Berliner Podewil statt, sondern wurde unter dem Titel Softmoderne, Literatur im Netz vom Goethe Institut in Prag organisiert. Zu den Vortragenden gehörten bekannte Theoretiker und Autoren wie Joseph Weizenbaum (25) , Oswald Wiener und Michael Joyce. Der Hamburger Michael Politycki, der auf den Web-Seiten des Zweiten Deutschen Fernsehens unter dem Titel Marietta die Fortsetzung seines "Weiberromans" schrieb, las auf dem Symposium aus einem neuen Romanteil und sprach in diesem Zusammenhang über die "Verquickung von Buchprojekt und Internettext" (26) . Auch tschechische Internet-Autoren waren vertreten: Die Prager Künstlerin und Journalistin Marketa Bankova präsentierte zum Beispiel ihr multimediales Projekt Mesto.html, ein Fortsetzungsroman aus einer Kombination von interaktivem Text, Bild, Animation und Ton (27). 

Die Softmoderne 1999 versuchte schließlich, etablierte Autoren unter dem Motto HyperTextBerlin für das Medium Internet zu begeistern mit dem Ziel, die Qualität der Literatur im Netz aktiv zu fördern. Bis dahin wurden bei dieser Veranstaltung ausschließlich Projekte betrachtet, die bereits im Netz oder auf anderen Datenträgern existierten. Dennoch gab es auch bei dieser Veranstaltung einige Offline-Präsentationen wie den interaktiver Berlinthriller auf CD-ROM Berlin Connection von Eku Wand. Der Unlust etablierter Schriftsteller, im WWW zu veröffentlichen, wollten die Veranstalter dadurch entgegentreten, dass sie ihnen professionelle Designer und Programmierer sowie Geld für die Realisierung ihrer Ideen zur Verfügung stellten. 

Der Slam-Poet Claudius Hagemeister erläuterte im Vorfeld zu seiner Präsentation einen Vorteil, den er für die Literatur im Medium Internet sieht: die Möglichkeit des prozessorientierten Schreibens. Allerdings nutzte er diese Möglichkeit für sein Netzprojekt Berlin nicht. Berlin besteht aus kurzen Textepisoden, die Beobachtungen aus dem Alltag der Stadt beschreiben. Innerhalb jeder Episode führen jeweils ein bis drei verlinkte Worte zu anderen Episoden (28). Der Text ist mit Geräuschen aus der Stadt untermalt, die nach Belieben an und ausgeschaltet werden können. Die einzelnen Einheiten zeigen sich Schwarz auf Weiß und erinnern damit an das traditionelle Buch. 

Zusammen mit der Webdesignerin Claudia Klinger präsentierte Michael Rutschky seinen Berlinroman. Das Projekt soll zeigen, wie sich der Mythos Berlin in der gebauten Stadt darstellt. Rutschky und Klinger haben sich für ein Quadrat aus sieben mal sieben anklickbaren Feldern entschieden, wobei sich mit einem Foto versehene und graue Felder abwechseln. Von hier aus gelangt der Leser zu einer mit Text erläuterten größeren Ansicht der Fotos und zu Zitaten anderer Autoren über die Stadt Berlin. Textinterne Hyperlinks gibt es nicht. Das Material für das Projekt existierte bereits, denn der Berlinroman war ursprünglich ein Diavortrag. 

Kathrin Röggla stellte gemeinsam mit Webdesignerin Sylvia Egger das Projekt Nach Mitte vor. In diesem geschlossenen, nach Angaben der Autorin sehr auf Orientierung angelegten Hypertextsystem kann der Leser aus vielfältigen Blickwinkeln erfahren, warum man eben nicht in den Berliner Bezirk Mitte gelangt. 

Peter Glaser ging bei seiner Präsentation von Licht, Berlin dagegen ganz bewusst zurück zu konventionellen Darstellungsformen: schwarzer Text auf weißem Hintergrund, kleine Episoden und Zitate, nur vereinzelte Links, keine Grafik. Glaser betonte, er wolle mit dieser Rückbesinnung "das literarische Immunsystem stärken". Das Internet berge für Autoren die Gefahr, zu Programmierern zu werden und die Literatur aus den Augen zu verlieren. 

Norman Ohler realisierte für die Softmoderne mit einer Fotografin das Projekt 246H. Die Idee dahinter: Die in den U-Bahnhöfen befindlichen Schilder für die U-Bahnfahrer mit der Aufschrift 2, 4, 6 und H sind in Wirklichkeit Überwachungsschilder, die sowohl Gespräche als auch innere Monologe der Fahrgäste aufzeichnen. Gezeigt werden Fotos aus dem Innern verschiedener Berliner U-Bahnhöfe, unter denen die Gespräche und Monologe ablaufen, die von den Schildern aufgezeichnet wurden. 

Die letzte Präsentation Im Zeitalter der Konversationseuphorie wurde von einem Trio von Essayisten, die unter anderem für den Berliner Tagesspiegel schreiben (David Wagner, Jörg Paulus und Reiner Merkel) sowie von Terezia Mora, Tanja Dückers, Maike Wetzel und Edda Helmke realisiert und gemeinsam mit Wolfgang Tischer, dem Herausgeber des Literatur-Cafés im Internet, vorgestellt. Ausgangspunkt des kollaborativen Textes waren die Telefonverzeichnisse der Autoren, das Ziel die Vernetzung dieser Telefonverzeichnisse im Internet. Die Umsetzung der Texte im Netz erwies sich als reine Textdarstellung der drei Telefonverzeichnis-Texte, einer Stichwortliste und einem Gästebuch. 

Bei allen Beiträgen fehlte die Umsetzung der Grundidee von Hypertext nach Nelson: Die Möglichkeit der Interaktivität, des Löschens, Überschreibens und Hinzufügens von Text. Die kreativen Möglichkeiten, die das Netz bietet, wurden nicht genutzt, entweder wie bei Glasers Licht, Berlin ganz bewusst, oder wie bei Rutschkys Berlinroman aus Unkenntnis des Mediums (29). Eine Neuauflage der Softmoderne ist zur Zeit nicht in Sicht, jedoch organisierten die Veranstalter im Frühjahr 2000 die elektroLit

Der Ettlinger Internet-Literaturwettbewerb 

Weder der Pegasus-Wettbewerb noch das Netzliteratur-Festival Softmoderne fanden 1999 eine Fortsetzung. Kurz vor der Jahrtausendwende wurde jedoch dank der Initiative Gassners in Kooperation mit dem Kulturamt Ettlingen der Internet-Literaturwettbewerb Zeiten(w)ende ausgeschrieben. Dieser 1. Ettlinger Internet-Literaturwettbewerb fand im Rahmen der Literaturtage Baden-Württemberg statt. 

Den Themenpreis "Jahr.1000.www.ende" erhielten das Generationen-Projekt von Jan-Ulrich Hasecke und der Assoziations-Blaster von Alvar Freude und Dragan Espenschied. Beides sind Projekte, die von der Mitarbeit ihrer Besucher leben. Auch den Preis für "die beste Arbeit im Rahmen eines Projekts im Netz" erhielt ein kooperatives Literaturprojekt: Guido Grigats 23:40, ein "kollektives Gedächtnis", dass zu jeder Minute des Tages kurze Erinnerungen sucht, die dann jeweils nur genau in dieser einen Minuten auf dem Monitor der Leser auftauchen. Der Autorenpreis ging an Susanne Berkenhegers Hilfe!, ein "Hypertext aus vier Kehlen", dessen vier Protagonisten in jeweils einem eigenen kleinen Pop-Up-Fenster erscheinen und individuell auf die Aktionen des jeweiligen Lesers reagieren sollen: 

"Mehr und mehr ist so der von mir vorgestellte Leser zur handelnden Person geworden, eine Leerstelle, ein schwarzes Loch, das der Text zu ergründen sucht. Als ich mit 'Hilfe!' begann, stellte ich mir die Kontrolle und den dadurch ermöglichten Dialog mit dem Leser ziemlich umfassend vor [...]. Der Leser sollte Konsequenzen spüren." 

Die Preisvergabe für Hilfe! wird von Michael Charlier in seiner Laudatio damit begründet, dass Berkenheger "diese erstaunliche Welt aus Sprache und Bildern" auf den Bildschirm gebracht und dabei die technischen Mittel "scheinbar mühelos in einer Weise" eingesetzt hat, an die deren Erfinder "auch nicht im Traume gedacht hätten". Heibach kritisiert, dass der für den Leser unbeeinflussbar ablaufende Erzählertext die Allmacht der Autorin und die Unabänderlichkeit des Erzählten unterstreiche und es sich trotz innovativ umgesetzter hypertextueller Strukturen letztlich um eine "Restauration der Macht des Textes" und eine traditionelle Narration handele . 

Der 1. Ettlinger Literaturwettbewerb verdeutlichte erneut das Desinteresse der literarischen Öffentlichkeit an der Internet-Literatur: die Netzliteraten blieben weitgehend unter sich . Und auch die Frage, was Netzliteratur eigentlich sein soll oder sein könnte, blieb bei dieser Veranstaltung unbeantwortet.

Porombka fasst die Geschichte der digitalen Literatur der neunziger Jahre ernüchtert zusammen: 

"Will man die Geschichte der digitalen Literatur der 90er Jahre erzählen, dann nur als Geschichte der Kurzatmigkeit und Atemlosigkeit, als Geschichte des Versuchs, die überzogenen Ansprüche zu erfüllen. Es galt Avantgarde zu sein, den Beweis zu erbringen, dass die Literatur auch in der Welt des Virtuellen Kräfte freizusetzen vermag, die sie zum wichtigsten Reflexionsmedium des neuen technologischen Umbruchs machen würde. Doch ist der Beweis ausgeblieben. Nichts, was in den 90ern für den Computer geschrieben wurde, konnte sich mit einer Installation messen lassen, wie sie etwa Jeffrey Shaw mit Legible City realisiert hatte - technologisch nicht und auch nicht konzeptionell." 

Diese Einschätzung erscheint mir zu negativ und zu pauschal. Porombka bezieht sich offenbar ausschließlich auf die Entwicklungen der beiden großen Veranstaltungen Pegasus und Softmoderne. Die vielfältigen Projekte und Experimente, die von Autoren und Initiatoren abseits von bekannten Veranstaltern und Verlagen realisiert wurden und werden, finden keine Berücksichtigung. Der folgende Teil wendet sich der aktuellen Literatur im Internet zu, und bezieht auch Projekte mit ein, die abseits der großen Veranstaltungen entstanden sind.

 

(Aus: Sabrina Ortmann: netz literatur projekt
Entwicklung einer neuen Literaturform von 1960 bis heute.
136 Seiten, 6 Abbildungen
berlinerzimmer.de Verlag 2001
ISBN: 3-8311-2361-6)

 


Anmerkungen

(1) Eine detaillierte Analyse dieses Projektes findet sich bei Hautzinger, S. 89-101. Der Beitrag selbst ist auf der Pegasus'98 CD-ROM archiviert.

(2) Nina Hautzinger 1999, S. 89

(3) Stephan Porombka 2000, literatur@netzkultur.de, S. 56

(4) Beide Projekte finden sich auf der CD-ROM Dokumentation des Pegasus 1997 und wurden ausführlich von Hautzinger besprochen, (S. 102-114).

(5) Michael Charlier 1997, Erklärung zur Preisvergabe

(6)  „Er ist im Netz der Netze noch nicht aufgetaucht, der Online-'Ulysses'. Das hypermediale Großwerk, das seinen staunenden Lesern, Betrachtern und Hörern 24 Stunden Erlebniszeit anbietet und abzwingt. Das alle Alltagsgeschäfte und physischen Bedürfnisse ebenso vergessen läßt wie das Tränen der Augen vor dem leise flimmernden Bildschirm und das Ticken des Zählers bei der Telekom. Ein Werk, von dessen Existenz vielleicht anfänglich nur eine Gemeinde von Spezialisten weiß, das dann aber mit großem Getöse alle Feuilletons loben, preisen, sezieren und bekämpfen. Gesucht wird ein originäres Kunstwerk, das Wellen schlägt wie seinerzeit 'Das Leiden des jungen Werthers', 'Madame Bovary' oder eben 'Ulysses' [...]. (Rotermund 1997).

(7) [1]„Die Poesieälber sind am zahlreichsten vertreten. Die einen dekorierten ihre Liebeserklärungen an sich selbst mit den Tapetenmustern und Knautschpapieren, die die Netzkonfektion so zum Runterholen erlaubt, andere hielten Patentrezepte zu Weltrettungspetitionen feil oder reichten Hand zum mehrstimmig monotonen Depressions-Selbstmord-Verhinderungslehrgang. Wundersam dazwischen wichtigtuerisches Referenzgeklingel, schwiemelige Preziositäten, hochstapelnde Metaphorik, Pennälerdada und Second-Hand-Surrealismus.“ (Erhard Schütz 1997).

(8) Porombka 2000, literatur@netzkultur.de, S. 57

(9) Christiane Heibach, S. 224

(10) Siehe auch Heibach, S. 236

(11) Ebd., S. 232 f

(12) Vgl. ebd., S.243 f

( 13 )Der Mitorganisator des Pegasus, Michael Charlier schrieb hierzu am 12. August 2000 in der Mailingliste Netzliteratur: "Soweit ich etwas zur Seite von IBM sagen kann, sahen die Stuttgarter in dem Wettbewerb in erster Linie ein Mittel, ein kulturelles Phänomen im damals noch ziemlich unbekannten Wesen Internet sichtbar zu machen, für sich und für andere, und dabei natürlich auch einen guten Eindruck als Kulturförderer zu machen. [...] Als IT-Unternehmen lag und liegt IBM natürlich daran, sowohl das Erscheinungsbild wie auch die Qualität des Netzes zu verbessern. Ein Netzliteratur-Wettbewerb schien dazu ein geeignetes Mittel zu ein, insbesondere dann, wenn die 'kulturelle Kompetenz', die IBM ja nun nicht direkt verkörpert, von einer angesehenen Redaktion beigesteuert wird. Von dieser Zielsetzung her war IBM weniger an den Ergebnissen eines solchen Wettbewerbs interessiert als am Prozess selbst. Die katalytische Wirkung des Wettbewerbs bei der Ausbildung einer Netzkultur-Szene war durchaus willkommen. IBM hat nie inhaltlich eingegriffen oder auch nur Stellung bezogen - sie haben nur den weitaus größten Anteil der erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt. Bei der ZEIT war das anders, die hatte die Aufgabe übernommen, eine Jury aus _Literaturkritikern_ zu benennen, und deren Mitglieder taten sich je nach Aufgeschlossenheit und Selbstverständnis unterschiedlich schwer, in den gelegentlich ja wirklich etwas kruden Beiträgen etwas zu finden, was ihren Ansprüchen gerecht wurde. Ich denke aber, daß die Schwierigkeiten, die sich daraus zweifellos für die ZEIT bzw. die Mitarbeiter ihrer Kulturredaktion ergaben, überwindbar gewesen wären, wenn es mehr guten Willen gegeben hätte. Daran hat es aber 1998 schon ebenso gefehlt wie heute, wo die Redaktion der 'ZEIT im Internet' Anfragen zu ihren weiteren Absichten bezüglich des seit Monaten aus dem Netz verschwundenen Wettbewerbs-Archivs einfach nicht beantwortet. Mit 'Literatur im Internet' treffen nun mal zwei sehr unterschiedliche kulturelle Sphären aufeinander, und in Hamburg ist man offensichtlich nicht in der Lage, die positiven Potenzen dieses Zusammenstoßes wahrzunehmen und nutzbar zu machen.“

(14) Hypermedialität unterscheidet sich von Multimedialität darin, dass Text, (bewegtes) Bild und Ton miteinander in Interaktion treten können. Multimedialität bezeichnet die reine Koexistenz dieser Elemente. Heibach sieht in der Hypermedialität eine Grundaufgabe digital motivierter Ästhetik, (vgl. Heibach, S. 194).

(15) Keweloh 1995

(16) Krüger 1995

(17) Ebd. 1995

(18) Die Quotenmaschine ist inzwischen als Buch erschienen

(19) alt x war eines der ersten Literaturmagazine im WWW und entwickelte sich zu einem der wichtigsten Foren elektronischen Publizierens in den USA, (vgl. Gutmair 1996).

(20) Der Besucher der Freak-Show betritt ein virtuelles Zelt, in welchem verschiedene Shows zu sehen sind. Von dort aus führt ein Durchgang hinter das Zelt, wo man einzelne Freaks in ihren Wohnwagen kennenlernen kann. Außerdem gibt es ein Archiv mit historischen Fakten.

(21) Das Prinzip von Soap-Operas, die immer weiterzugehen, aber gleichzeitig stillzustehen scheinen, wurde in dieses Projekt übernommen. Das Potential, das die Handlung der Soaps im Fernsehen generiert, ist das Netzwerk vieler verschiedener Charaktere und ihrer Beziehung zueinander. Eine lineare Handlung besteht nicht. Dieses dezentrale Netzwerk wurde für Snowfields als Modell genommen. Interessant an dem Projekt ist, dass der Text weiter- und umschreibbar ist.

(22) Gegründet von Sven Stillich 1995. Der Gegen@nfang , der inzwischen den Zusatz „Museum“ trägt, bietet keine spezielle Netzliteratur, sondern Prosa und Lyrik der Art, wie sie auch in Zeitschriften aus Papier zu finden ist.

(23) In diesem offenen Projekt geht es darum, die Starre des Papiers aufzuheben und die Worte mit Hilfe des Computers in Bewegung zu bringen. Hier finden sich zum Beispiel die „Wortfolgen“. Bei diesem Programm basieren Größe, Anordnung, Farbe und Reihenfolge der Worte auf dem Zufallsprinzip.

(24) Siehe auch: Näumann / Ortmann / Tischer: Die Softmoderne '97 in Berlin.

(25) Weizenbaum nahm eine sehr kritische Position ein und betonte zu Beginn der Veranstaltung, dass sein Computer nicht an das Internet angeschlossen sei, da ihn das stören würde. Siehe: RealAudio-Version
Rückblick und Ausblick“ (20.09.2000).

(26) Homepage der Softmoderne, Goethe Institut Prag, 1998. Zu Marietta siehe ausführlicher: Porombka 2000, literatur@netzkultur.de, S. 58 f.

(27) Eine komplette Übersicht über die Teilnehmer sowie ein Verzeichnis der Vorträge (im RealVideo Format) findet sich auf der Homepage der Softmoderne 1998, Goethe Institut Prag.

(28) Hagemeister erklärte, dass die Linkstruktur zufällig sei, dass die Links eigentlich auch verzichtbar wären. Er habe sich aber bemüht, die Episoden assoziativ zu verknüpfen.

(29) Ortmann 1999, Ein schaler Nachgeschmack

 

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