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Teil: Neu? Netzautoren.
Erscheinungsformen der Literatur im Internet
Von Sabrina Ortmann
(Dieser Artikel ist unter dem Titel
"Literatur im Netz und Netzliteratur" publiziert worden. In: Germanistik im
Internet, Eine Orientierungshilfe, herausgegeben von Franz-Simon Ritz. Informationsmittel
für Bibliotheken, Beiheft 8, Deutsches Bibliotheksinstitut, Berlin 1998.)

Inhalt
1.
Einleitung
2. World Wide Web,
Hypertext und Hyperfiction
3. Erscheinungsformen der
Literatur im Internet
3.1.
Literatur im Netz
3.1.1 Autoren-Homepages
3.1.2.Etablierte Autoren im Netz
3.1.3. Literaturprojekte und -magazine im Internet
3.1.3.1. Literaturprojekte
3.1.3.2. Literaturmagazine
3.2.
Computerliteratur
3.2.1.Hyperfiction
3.2.2. Multimediale Literatur
3.3.
Netzliteratur: Kollaborative Schreibprojekte und Wandertexte
4. Neu? Netzautoren

1. Einleitung
Bei diesem Überblick kann es sich aufgrund
der rasanten inhaltlichen und technischen Veränderungen im Netz, die sich natürlich auch
auf die Internet-Literatur auswirken, nur um eine momentane Bestandsaufnahme mit
deskriptivem Charakter handeln. Auch erhebt dieser Überblick keinen Anspruch auf
Vollständigkeit. Die dem Internet eigene Dynamik impliziert, daß in jeder Minute Neues
hinzukommt und Bestehendes verändert wird. Die im Folgenden vorgestellten Homepages (Homepage
heisst auf Deutsch so viel wie Heimatseite und meint eine private Internetseite)
und Projekte haben exemplarischen Charakter (weitere Beispiele finden sich in der
kommentierten Linkliste des Berliner Zimmers zum literarischen Geschehen im Internet).
Sie sind mehr oder weniger willkürlich aus der sich ständig verändernden Datenflut des
Netzes herausgegriffene Beispiele (An dieser Stelle sei auf OLLi, Oliver Gassners Linksammlung zur
Literatur im Internet verwiesen. Sie bietet meiner Meinung nach zur Zeit die
grösstmögliche Vollständigkeit rund um die Literatur im Internet).
Ähnlich verhält es sich mit der Definition des Begriffes Netzliteratur. Eine
gültige und wissenschaftlich anerkannte Definition gibt es meines Wissens nach bisher
nicht. Im Internet finden sich zahlreiche Definitionsversuche sowie rege Diskussionen
darüber, was Netzliteratur sein soll und kann (auf der Homepage der
Mailingliste Netzliteratur finden sich zahlreiche
theoretische Beiträge und Definitionsversuche zum Thema):
"Es wird an 'Denkmodellen' herum
studiert und gebastelt, nach 'gemeinsamen Gedankengängen' - als gäbe es solche -
gesucht, Thesen erblicken das Licht, das von einem Ort namens Nirgendwo her kommt, der
Bildschirmwelt, werden diskutiert, verfestigt, verworfen oder eingestampft. Gesucht wird
nach einer sinnstiftenden Definition, einer Gemeinsamkeit, die nur das Einverständnis
kennt. (...)
Da das Internet, das World Wide Web als einzige Anordnung von Formenvielfalt,
Einzigartigkeit zu bewahren vermag und zugleich als Ganzheit arbeiten kann, erträgt es
jeden Versuch, die Tragweite eines bestimmten Gedankens, der bereits, wenn auch nur lose,
in das Wort 'Netzliteratur' verpackt worden ist, zu ermessen, dessen Grenzen zu ertasten
und zu überschreiten. Ein solches Vorgehen ist weder besser noch schlechter, als das
Definieren durch Her- und Ableiten." (Regula
Erni)

2. World Wide Web,
Hypertext und Hyperfiction
Einführend werden zunächst einige
Informationen zum World Wide Web, zu Hypertext und Hyperfiction gegeben, da diese
grundlegend für das Verständnis des WWW und damit der Netzliteratur sind.
Tim Berners-Lee entwickelte 1989 am europäischen Kernforschungsinstitut (CERN) in Genf
das Konzept eines globalen Informationssystems für das Internet. Er selbst definiert das
World Wide Web (kurz WWW oder auch W3) in seinen Unterlagen zum "World Wide
Seminar" als "distributed collaborative multimedia information system", was
mit "verteiltes kollaboratives Multimedia-Informationssystem" übersetzt werden
kann (zu dem englischen Wort collaborative existiert keine direkte
deutsche Entsprechung. Als kollaborativ bezeichnet man eine Eigenschaft, die die
Zusammenarbeit von Menschen unterstützt. Collaborative Writing ist ein
Teilgebiet des CSCW, Computer Supported Collaborative Work, und behandelt das Erstellen
von verteilten Dokumenten durch mehrere Autoren).
Das WWW besteht aus Hypertextdokumenten, die auf der Seitenbeschreibungssprache HTML (HTML
ist die Abkürzung für Hypertext Markup Language und stellt das Austauschformat
elektronischer Texte im WWW dar) basieren. Der Begriff Hypertext wurde bereits
1960 von Theodor H. Nelson geprägt. Nach seiner Definition versteht man unter Hypertext
das nichtsequentielle Schreiben, bei dem Benutzer Verweisen in völliger Freiheit folgen
können. Diese Methode ist die elektronische Umsetzung von Verweisen in der Literatur wie
wir sie bereits kennen ("Hypertext, or non-sequential writing with free
movements along links, is a simple and obvious idea. It is merely the electronification of
literary connections as we already know them." Nelson, 1987) :
"Vielleicht ist Hypertext deshalb
Ausgangspunkt und Gegenstand so zahlreicher Spekulationen über die Zukunft der Literatur
und der gesellschaftliche Kommunikation, weil hypertextuelle Operationen genau das
vollziehen, was wir ohnehin in der Literatur, der Wissenschaft, der Poetik ...
diskurstechnisch für die Zirkulation von Ideen einsetzen: Querverbindungen herstellen,
Verweisen folgen, Wissenspfade anlegen, Informationspartikel sammeln, explorieren,
organisieren, verteilen, senden und empfangen - kurz: Netzwerke anlegen." (Heiko
Idensen: Hypertext als Utopie)
Für Berners-Lee hingegen ist Hypertext
schlicht ein Text mit Verweisen ("Hypertext is text with links", http://www.w3.org/Talks/General/Concepts.html ). Verweise in einem WWW-Dokument können auf Elemente in dem
Dokument zeigen, auf andere Dokumente oder ihre Elemente verweisen. Durch
Hypertextstrukturen kann der Leser die sequentielle Abfolge der Seiten durchbrechen und
die verfügbaren Datenbestände selbständig erforschen.
Hypertexte ermöglichen es dem Benutzer durch Verzeichnisse oder Verbindungen, sogenannte
Links, zwischen einzelnen Wörtern und weiterführenden Abschnitten mehr oder weniger frei
zu navigieren. Das heißt, Hypertext muss und kann oft auch gar nicht mehr linear gelesen
werden.
"Die Mythen der Textgesellschaft -
geschlossener Text, Autorenschaft, Legitimation im Kontext der 'großen Erzählungen'
(Ideologien) - zerfallen in den Interfaces der Informationsmedien, in der Zirkulation
unendlich gegeneinander austauschbarer Informationspartikel.
Die ästhetische und symbolische Herausforderung der Informationsnetzwerke anzunehmen,
heißt, endlich mit der Linearisierung der Diskurse, Texte, Medienschaltungen aufzuhören,
nicht-referentielles Denken zu produzieren: Hypertext." (Heiko Idensen:
Hypertext als Utopie)
Diese Technik bringt vor allem für die
Wissensvermittlung enorme Vorteile. So wurde Hypertext auch ursprünglich und wird heute
noch hauptsächlich zum Verwalten von eigenem Wissen und zur Erarbeitung von Informationen
verwendet (Zu den Standardwerken unter den elektronischen Hypertexten gehört Jay
David Bolters "Writing Space: The Computer, Hypertext und the History of
Writing").
Die Idee, die Hypertext zugrunde liegt, ist bereits sehr alt. 1751 begannen die
Enzyklopädisten um Diderot und d´Alembert das Wissen der Welt zusammenzutragen und
systematisch zu ordnen. Eine Vernetzung von Informationen, die einen schnellen
Zugriff erlaubte, wurde jedoch erst sehr viel später durch die Computertechnik möglich.
Das System Memex von Vannevar Bush, das in seinem Artikel "As we may think" 1945
vorgestellt wurde, sollte durch das assoziative Verknüpfen von Informationen den Zugriff
auf wissenschaftliche Literatur unterstützen. Dieses System, das nach der Vorstellung von
Bush mit Mikrofilm und Photozellen realisiert werden sollte, ist jedoch niemals
verwirklicht worden.
Das erste realisierte System, das Hypertextstrukturen verarbeitete, war wahrscheinlich das
Projekt Engelbarts. Es wurde 1968 auf der Fall Joint Computer Conference, San Francisco
präsentiert. Engelbart stellte ein System zur Unterstützung von Gruppenarbeit vor, das
Hypertextstrukturen auswies, netzwerkfähig war und dessen Dokumente Grafik und Text
beinhalten konnten (es besass eine grafische Fenstertechnik mit Pop-up Menüs sowie
als zusätzliches Eingabegerät eine Maus. Dass die heutigen, modernen Rechner genau mit
diesen Eigenschaften ausgestattet sind, mag die Relevanz der Arbeit Engelbarts beweisen).
1971 begründete Michael Hart das Gutenberg-Projekt, indem er die
Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten in einen Rechner tippte. Das Projekt
hat es sich bis heute zur Aufgabe gemacht, kulturell bedeutsame Texte zu digitalisieren
und online im Internet bereit zu stellen.
Mit der Entwicklung des World Wide Web 1989 durch Tim Berners-Lee wurde eine Technologie
geschaffen, mit der global hypermediale Dokumente publiziert und gelesen werden können.
Mitte der 80ger Jahre entstanden die ersten Hyperfiction, d.h. Autoren begannen, die
Möglichkeiten des Hypertextes für kreative Zwecke zu nutzen (Zu den
Standardwerken der frühen Hyperfiction gehört zum Beispiel "Afternoon" von
Michael Joyce). Es handelte sich dabei um kleine Programme, die vom Autor
programmiert werden mußten und ausschließlich auf Disketten verbreitet wurden (auf
die Gattung Hyperfiction wird im Kapitel Erscheinungsformen der Literatur im
Internet noch genauer eingegangen). Seit das Internet für die breite
Öffentlichkeit zugänglich ist, wird Hyperfiction hauptsächlich dort publiziert.
Aufgrund der wachsenden Popularität des WWW und der Seitenbeschreibungssprache HTML sowie
einer wachsenden Zahl von Editoren zum Erstellen von Internetseiten und damit verbunden
der Möglichkeit, Onlinedokumente ansprechend zu gestalten, ist es heute für viele
reizvoll und einfach, Hyperfiction zu erstellen oder einfach die eigenen literarischen
Erzeugnisse auf einer selbstprogrammierten Homepage zu veröffentlichen.
Immer mehr Autoren nutzen deshalb das Internet, um die unterschiedlichsten Formen von
Literatur der Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Autoren werden hierbei sozusagen zu
Multitalenten, jedenfalls wenn sie alleine arbeiten: Neben ihrer Funktion als Autor sind
sie auch Programmierer und Designer und müssen über gute Internetkenntnisse verfügen.
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