1. Teil: Kritsche Bemerkungen zu Heiko Idensen: "Die Poesie soll
von allen gemacht werden" und zu Boris Groys: "Der Autor im Netz".
Heiko Idensen: Die Poesie soll von allen gemacht
werden! Von literarischen Hypertexten zu virtuellen Schreibräumen der Netzwerkkultur.
In:D. Matejorski/F.Kittler(Hg.) Literatur im Informationszeitalter, Frankfurt a.M./NY 1996
Idensen ist vor allem Enthusiast:
"(...) unterhalb der leeren perfekt
designten Oberflächen des neuzeitlichen Informationsdesign, der Softmoderne, des
Infotainment blitzen die überwunden geglaubten Schriftzeichen verschämt wieder auf -
jetzt als Wörter, die ihre alte Unschuld verloren haben und als Hotspots,
Keywords, Hypertext-Absprungstelle den Leser nicht mehr in den Text hineinsaugen, sondern
ihn vielmehr absotén und in das weite Feld digitaler Kommunikationsstrukturen
hinausschleudern."
Er postuliert eine neuzeitliche
Realitätserweiterung durch literarischen Netzwerkprodukte, die nicht mehr einfach nur in
Rezeptionskategorien verstanden werden kann, sondern vor allem durch ihre
Prozesshaftigkeit, ihrer "Poetik des Transports" eine Qualität gewinnt. Idensen
sieht den alten "für die abendländische Kultur konstitutiv wesentlichen
Unterschied zwischen Schreiben und Lesen, Senden und Empfangen, Bezeichnen und
Interpretieren" durch die Einrichtung des weltweiten Kommunikationswerkzeuges
"Internet" ins Wanken geraten. Er formuliert eine neue Leitdifferenz: passive
Rezeption/Interaktion oder literarische Linearität/ Hypertext. Zu dumm nur, daß mit den
unzähligen literarischen, literarisch-technischen Instrumenten die bereits lange vor dem
Computer die er vorstellt, diese Leitdifferenz bereits eingerichtet worden zu sein
scheint.
Ganz davon abgesehen, daß er die von ihm selbst nur angedeutete Notwendigkeit der
Beherrschung der technischen Werkzeuge und Fähigkeiten, also dem Programmieren nicht
weiter problematisiert, denn hier beginnt sich die eigentliche neue Leitdifferenz zu
bilden, die auch das alte, bereits in Buchform existierende Prinzip der Herstellung von
Hypertexten zu einem reinen Rezipieren/Konsumieren werden läßt. Wenn die von ihm
vorgestellte Sonnett-Maschine von Quenneau nicht von einem Verlag herausgegeben worden
wäre, die nur die vom Autor und Verlag angebotenen Textzeilen zur Rekombination freigibt,
gäbe es diesen Poesie-Pluralismus nicht, den Idensen an Netzliteratur so schätzt. Die
Neue Leitdifferenz wäre demnach nicht passive Rezeption/Interaktion oder Bibliothek/Netz,
sondern Anbieter/User.
Wollen wir dennoch einen Blick auf Projekte und
Ideen werfen, die er uns anbietet.
> Prousts Paperassen
> Cortazars Lesemaschine
> Raymond Russels 1937 vorgestellte Lesemaschine
in Form eines Rundregisters
> das Europäische Tagebuch
> MUDs Multi User Dungeons.
> virtuelle Städte usw.
Idensens Vorstellung vom Netz ist hauptsächlich
getragen von der Hoffnung und dem Wunsch Kreationen und Kreaturen des Netzes als
originäres musisches Ereignis, als neuen Parnaß wahrzunehmen. Bei all dem Enthusiasmus
verfällt er in den Irrtum, daß Netz sei erstens
ð ein Ereignis an dem alle teilnehmen können( der
Parnaß war allein dem Apollon und den Musen vorbehalten, was der Mythos des Marsyas
beweist), er verfällt ebenso der Illusion,
ð daß alle, die teilnehmen, auch agieren
oder sogar interagieren können,
ð daß die Welttiefe die er dem Netz zuschreibt -
im Gegensatz zu den Medien - durch die Vernetzung entsteht und
ð daß die reale Verweistechnik, die durch
Netz-Hypertexte entsteht, eine Konkretizität erzeugt, die der außernetzlichen
Intertextualität völlig abgeht. Und was vor allem fehlt ist eine konkrete
Differenzierung von Hypertexten und Netzliteratur. Aber dazu mehr von Sabrina
Ortmann.
Einen ganz anderen Ansatz zum Verständnis von
Autorschaft im Netz stellt Boris Groys vor.
Boris Groys: Der Autor im Netz. In: Kursbuch
Internet, hrsg. von Stefan Bollmann und Christiane Heibach, München 1996.
Groys geht von dem Gedanken der Literatur als
Ort aus. Autorschaft bedeutete im Gutenberg-Universum sich in das Gedächtnis eines
Literaturgeschehens einzuschreiben, mit einem Buch, um dieses als körperliches
Überbleibsel seiner Arbeit und Existenz in einer Bibliothek aufzubewahren.
Schreiben ist für Groys ein Akt der Stummheit, da
es keine Möglichkeit zur Erwiederung durch einen Leser anbietet, sondern maximal eine
Erweiterung durch den Autor.
"Das Schreiben bedeutet eine partielle
Verweigerung, oder zumindest eine zeitliche Verschiebung der unmittelbaren sprachlichen
Kommunikation. (...) der geschriebene Text löst sich im Akt seiner Lektüre, im Akt der
Informationsübertragung und der Kommunikation nie vollständig auf, sondern entzieht
sich, bleibt stumm."
Er nennt dieses Phänomen Exkommunikation. Mit dem
Entstehen von Netzliteratur sieht er Exkommunikation allerdings keinesfalls verschwinden:
"Heute sind Texte, Erläuterungen,
Verlautbarungen und Positionsbekundungen eines Autors dagegen medial verstreut und
unübersichtlich geworden. Sie entgehen jeder möglichen Zusammenfassung - und werden
dadurch noch radikaler exkommuniziert, als es früher der Fall war."
Mit dem weiteren Voranschreiten des Zusammenfallens
von Gesprochenem und Geschriebenem und der damit verbunden Auflösung der einstigen
Tätigkeit "Schreiben" als bewußte intellektuelle Leistung bleibt dem Autor
nicht anderes als sich, wie er sich schon den Regeln des Buchdrucks mit Orthographie und
Gramatik unterwerfen mußte, jetzt den Regeln des Netzes unterzuordnen. Und diese sieht
Groys in der Taktik des Einschreiben in einen Literaturkörper durch Ortsverweise: Der
Schreiber "[muß] sich nicht mehr primär mit den einzelnen Texten beschäftigen,
sondern mit der Topologie des medialen Gedächtnisses, mit der Verteilung ihrer Regionen,
mit den Wegen, die diese Regionen miteinander verbinden." Was nach Groys
bedeutet, daß die individuelle kreative Leistung des Autoren durch die Fähigkeit der
Rekombination ersetzt wird. Die Sprache die dazu benutzt wird, also die Worte verlieren
dabei ihre Eigenbedeutung, sie werden zu Toponymen und ihr Verweischarkter auf das
sogenannte "Reale" geht verloren.
Dabei verhindert auch das Netz nicht, daß der Autor - repräsentiert durch seine Texte
und deren Orte, die man anstelle seiner realen Person aufsucht - einfach von der
literarischen Oberfläche verschwinden, denn wird ein Dokument gelöscht, verschwindet
auch sein Erzeuger ins das Nichts, daß den virtuellen Ort Netz sowieso ausmacht. "Damit
ist das Schreiben im Computer allerdings besonders gefährdet, den der Tod ist das große
Vorbild und zugleich der Grund jeder Exkommunikation. Literatur, Kunst, Philosophie sind
andere Namen für den Müll, für die Leichen, für die Spuren der lebendigen
Vergangenheit, die vom Tod übrigbleibt."
Ausweg? Nur jene Orte, an denen Material lagert, daß vor dem Löschen geschützt ist,
"in denen man sich einmal beim Schreiben aufgehalten hat und Spuren hinterlassen
hat" sind die Grabstätten, die von einem Autor Zeugnis hinterlassen.
Weiter zu Teil 2: Erscheinungsformen der
Literatur im Internet, von Sabrina Ortmann |