"Ich bin vom Klischeebild
des Bösen abgekommen"
Jasmin Herold im Gespräch mit Marcel Beyer
Marcel Beyer gilt als der reflektierenste
junge deutsche Autor der Gegenwart. Bis 1996 lebte er in Köln, heute wohnt und
arbeitet er in Dresden. Der in Westdeutschland aufgewachsene Beyer stieß dort
auf die Unterschiede der gemeinsamen Erfahrungen.
Beyer wurde 1965 in Taiflingen/Baden
Württemberg geboren und studierte Germanistik, Literaturwissenschaft und
Anglistik. Bereits 1989 erschien sein erster Gedichtband Kleine Zahnpasta. Neben
Lyrik und Prosa, veröffentlichte Beyer journalistische Arbeiten zu Musik und
Literatur. Die Vergangenheit, ihre Ruhelosigkeit und der Umgang mit dieser in
der Sprache ist Schwerpunkt seines literarischen Schaffens. 1991 erschien sein
erster Roman
Das Menschenfleisch, gefolgt von
Flughunde (1995) und
Spione (2000). Beyer wurde unter anderem mit dem Berliner Literaturpreis,
dem Heinrich Böll Preis und dem Hölderlin Preis bedacht.
Im Mai diesen Jahres kam er nach Sydney um dem
australischen Publikum seinen Roman Flughunde auf dem jährlichen Sydney Writer's
Festival vorzustellen. Jasmin Herold hat Marcel Beyer in Sydney getroffen.

Roger Wilkins (links) und Marcel Beyer (rechts) in Sydney.
(C) Foto:
Goethe Institut Sydney
Herold: Weshalb haben Sie denn den Titel "Flughunde" für
ihren Roman gewählt? Im Hinblick auf die Verbindung zu den Ultraschallfrequenzen
wären doch Fledermäuse passender gewesen.
Beyer: Die Hauptfigur,der Stimmensammler Hermann Karnau,
setzt einfach auf das falsche Tier. Er nimmt fälschlicherweise an, dass
Flughunde sich an Ultraschall orientieren. Mir kam die Forschungsgeschichte auch
sehr entgegen, weil man lange angenommen hat, dass sowohl für Flughunde als auch
für Fledermäuse die gleichen Prinzipien gelten. Erst Anfang der vierziger Jahre
hat man dann festgestellt, dass dies nur auf die Fledermäuse zutrifft. In dem
Moment als Karnau erfährt, dass es nicht die Flughunde sind, die sich am
Ultraschall orientieren, bricht ja auch sein ganzes Projekt zusammen.
Herold: Während der Lektüre des Romans musste ich oft an
Hannah Arendts "Banalität des Bösen" denken. Die Brüche in Karnau geben ja keine
Antworten auf die Fragen der eindeutigen Schuldzuweisung wie sie ja lange in
Form des gesichtslosen, dämonischen Täters gegeben worden sind. Glauben Sie
denn, dass Fragen die besseren Antworten sind?
Beyer: Ich denke man kann das so nicht sagen, das wäre wie
sich aus der Verantwortung zu stehlen. Während meiner Arbeit an dem Roman bin
ich immer mehr von diesem Klischeebild des Bösen abgekommen. Es hat sich
herausgestellt, dass ich dieses Böse gar nicht auf Anhieb erkennen kann. Es ist
ja auch sehr beruhigend zu denken: Das Böse ist alles andere als ich selbst.
Genau von dieser Selbstgefälligkeit bin ich immer mehr abgekommen.
Herold: Ist es nicht auch so, dass die nachfolgenden
Generationen aus einer gewissen Arroganz der Distanz heraus über die Zeit des
Nationalsozialismus sich äußern können?
Beyer: Ich weiß nicht ob das eine Arroganz ist. Fragen sind
ja offene Antworten. Im Rückblick zeigt sich, dass Urteile und feste
Vorstellungen sehr gefährlich sein können. Ende der achtziger und Anfang der
neunziger Jahre dachte man, dass die letzten NPD Mitglieder sterben und somit
nun endlich die Vergangenheit ruhen könnte. Plötzlich kamen dann aber diese
ganzen jungen Neonazis auf die Szene und sie sind bis jetzt nicht verschwunden.
Es zeigt sich doch, dass bestimmte Phänomene nie ganz verschwinden und dass
Fragen nie endgültig sind. Man muss sich jetzt fragen: Wie kommen eigentlich
diese ganzen jungen Leute dazu den Nazi raushängen zu lassen ohne aber das
geringste historische Interesse zu zeigen?
Herold: In einem ihrer Essays haben sie ja die Aufruf
Martin Walsers nach einer neuen Sprache erwähnt. Bedeutet diese Forderung
eigentlich eine Negierung des Geschehens?
Beyer: Walser versuchte ja in dieser Debatte auf Bubis
einzugehen und sagte: "Ja, wir müssen eine neue Sprache finden" Dieser als
Kompromiss gedachter Satz hat mich aufhorchen lassen, denn die Fragen über den
Nationalsozialismus und den Holocaust wurden ja als bereits beantwortet
betrachtet und genau hier liegt der Grund warum mich diese Satz beunruhigt hat.
Ich glaube es ist sehr wichtig, dass Schriftsteller verschieden auf bestimmte
Dinge reagieren und sich mit diesen literarisch auseinandersetzen. Das Dümmste
wäre wohl, wenn man sich auf eine Konsenssprache einigen würde. Genau dies hieße
nämlich einen Absatz im Geschichtsbuch zu schreiben damit alle sagen könnten:
Ja, genau so war es. Als virulentes Moment des zwanzigsten Jahrhunderts wäre
dies dann völlig abgelegt.
Herold: Gibt es denn ihrer Meinung nach eine Toleranz,
die intolerant ist?
Beyer: Gerade in den letzten Jahren gibt es eine sehr
eigenartige Tendenz in Deutschland, nach dem Motto: Jetzt haben wir zehn Jahre
den Augenzeugen auf der Opferseite zugehört und jetzt müssen wir mal auch der
Täterseite zuhören. Aussage steht gegen Aussage, dadurch wird sehr viel
nivelliert. Vieles gerät so ins Anekdotische und die Positionen einzelner
Aussagen werden völlig an den Rand gedrängt. Eine Geschichte steht neben der
anderen und dies ist ein Schritt zurück. Ich habe diesen Film über Traudel
Junge, Hitlers Sekretärin, nicht angeschaut, aber ich wollte ihn auch nicht
sehen. Ich finde das ganz seltsam einen so apolitischen Begriff wie Zeitzeuge zu
benutzten.
Herold: Was würden sie einen solchen "Zeitzeugen"
fragen, wenn sie einen treffen würden?
Beyer: Ich bin ja oft in den Goethe-Instituten im Ausland
zu Gast um zu lesen oder Vorträge zu halten. Ich hatte einmal in Portugal ein
Erlebnis, das hat mich ziemlich schockiert. Nach einer Lesung kam eine ältere
Dame auf mich zu und fragte mich: "Ich hoffe sie sind nicht einer von diesen
Komischen?" Mehr sagte sie nicht und ich ging auch nicht auf darauf ein. Wir
unterhielten uns eine Weile und dann meinte sie als das Thema auf Hollywoodfilme
fiel: "Das ist das beste Beispiel, diese Juden infiltrieren uns mit ihren
schlechten Filmen." Da musste ich zu ihr sagen, dass diese Aussage extrem
antisemitisch ist und man dies nicht so stehen lassen kann. Daraufhin erwiderte
sie: "Sehen sie und genau das ist es was ich an Deutschland nicht mag: Nicht mal
mehr antisemitisch darf man sein!" Ich hatte den Eindruck, dass sie nicht einmal
wusste was dieses Wort bedeutet und ich musste mir dann die Frage stellen: Wie
viele Leute in Deutschland gibt es eigentlich, die wissen was Antisemitismus
bedeutet? Man verwendet viele Wörter ohne sich deren Bedeutung wirklich klar zu
sein.
Herold: Herr Beyer, ich danke für das Gespräch.
Beyer: Ich danke auch.
© Jasmin Herold
Jasmin Herold
"Geboren 1976, frei schwebende Journalistin. Nach
einem Jahr des Trampens durch Australien, kam ich letztes Jahr wieder hierher.
Lebe seitdem in Sydney. Arbeite für das deutsche Programm des multikulturellen
Radio und Fernsehsender SBS, schreibe selbst Prosa und genieße den zur Zeit
milden australischen Sommer."
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