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Gemeinsam
schreiben
Bei Lesern und Autoren
gleichermaßen beliebt sind Schreibprojekte, die täglich aktuelle Texte
einer festen Gruppe von Teilnehmern präsentieren.
Der DuMont-Verlag wagte auf
seinen Web-Seiten ein literarisches Experiment mit 26 jungen Autoren. Vom
1.1. bis zum 31.12.1999 entstand dort unter der Leitung von Thomas Hettche
eine langsam über das letzte Jahr des Jahrtausends hinweg wachsende
Anthologie junger deutscher Literatur mit dem Titel "Null".
Ein kommunikatives Textnetz, in dem alles erlaubt war, was im WWW möglich
ist: Bilder, Töne, Gespräche, Scherenschnitte, Comics oder
Arbeitsskizzen. Im Frühjahr 2000 erschien "Null" in Form von
losen Druckbögen, die jeweils etwa 16 Beiträge enthalten.
"Die Form haben wir bewusst an die Online-Version angelehnt, eine
freie und offene Materialsammlung, die man auseinanderfalten oder auch
auseinanderschneiden kann", erklärt Christian Döring,
Programmleiter Literatur bei DuMont. Geplant war eine Druckversion des
Projektes anfangs nicht. "Das wäre ja eine Paradoxie gewesen. Wir
haben das aber auch nicht ausgeschlossen", so Döring.
1440 kurze Texte für jede
Minute eines Tages sucht "23:40
Das kollektive Gedächtnis". Zur Zeit sind hier ca. 320
Erinnerungen an bestimmte Zeitpunkte abgespeichert, auf die in Abständen
von je 60 Sekunden zugegriffen wird.
Um 10. Uhr 30 erscheint
beispielsweise ein Auszug aus "Kapitel 15 von Kindstage in Ketten -
Der Rock'n'Roll-Roman". Über die Autoren erfährt der Leser nichts,
die Beiträge bleiben anonym. Jeder, der eine freie Minute erwischt, kann
dem kollektiven Gedächtnis mit einem eigenen Beitrag auf die Sprünge
helfen.
Eine literarische Parodie auf
die Real-Time-Soap BigBrother startete im März unter der URL www.pigbrother.de.
100 Tage lang schrieben hier die Autoren Volker Erb, Karin Graf und Josef
Grassmugg einen interaktiven Thriller. Das Thema: 10 Kandidaten kämpfen
in einer "Showraumstation - fernab vom terristischen Luxus - ganz auf
sich selbst gestellt!" ums Überleben. Die Leser entscheiden per
E-Mail, welcher der virtuellen Kandidaten das Raumschiff als nächster
verlassen muss.
Das von den Schriftstellern
Elke Naters und Sven Lager betreute Literaturprojekt "Pool"
dient seinen Teilnehmern in erster Linie dazu, "das einsame
Schreiberleben zu durchbrechen" und Texte zu verwerten, die in den
Büchern der Autoren keinen Platz haben (Elke Naters in
einem Interview mit der Autorin dieses Artikels am 23.3.2000). Hier
darf nur schreiben, wer explizit von den Herausgebern dazu eingeladen
wurde. Der Zugang wird über Passwörter geregelt. Die Autoren nutzen das
Internet darüber hinaus als Medium für ein geplantes gemeinsames Buch.
Die Textarbeit findet zwar online statt, ist aber nicht öffentlich.
"Das Netz dient hier eher der Kommunikation unter den beteiligten
Autoren", erklärt Elke Naters, die gemeinsam mit Sven Lager
"The Buch" demnächst bei Kiepenheuer und Witsch herausgeben
wird. Inhaltlich sind die Beiträge völlig frei. "Sie werden wohl
den Pool-Texten ähneln, aber die Autoren schreiben sie extra für das
Buch." Die Texte werden direkt online in Formulare geschrieben und
sind dort für alle Autoren einsehbar, so dass mit Hilfe des Internets
eine echte Gemeinschaftsarbeit entstehen kann.
Der Anzahl der täglichen
Beiträge (20 und mehr) und Besucher (durchschnittlich 200 pro Tag) nach
zu urteilen haben die Autoren und Leser des Literaturprojektes "Tagebau
- Schreiben am Tag" gleichermaßen Spaß an dem literarischen
Online-Tagebuch. Rund 40 registrierte Schreiber lassen hier die Welt an
ihren täglichen Erlebnissen und Gedanken teilhaben. Interessant ist hier
die Mischung aus erfahrenen Autoren wie Doris Dörrie oder Ingo Schramm
und "Amateuren", denn jeder, der den Herausgebern seine
Identität verrät, darf mitschreiben. Die Leser haben die Möglichkeit,
direkt Kommentare zu den Beiträgen abzugeben oder den Autoren per E-Mail
persönlich zu schreiben. In einer eigenen Mailingliste diskutieren die
Teilnehmer über die Qualität ihrer Einträge oder über Lust und Frust
beim Schreiben. Im Gegensatz zum "Pool" ist es im Tagebau
möglich, HTML, Bilder und direkte Verweise zu anderen Web-Sites in die
Beiträge einzubinden. Um den Lesern lange Texte auf dem Monitor zu
ersparen, ist die maximale Textlänge ist auf 1500 Zeichen beschränkt.
Gemeinsame Literaturprojekte
sind im Internet leicht umzusetzen. Ob die Textmassen, die rund um den
Globus in den sogenannten kollaborativen Schreibprojekten entstehen,
wirklich lesenswert sind und ob es sich dabei überhaupt um Literatur
handelt, muss wohl jeder Leser für sich selbst entscheiden.
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