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Der
Traum vom eigenen Buch
Heute veröffentlichen und
schreiben im WWW, in den Newsgroups oder per elektronischer Post nicht
mehr nur technikbegeisterte Netzkünstler. Viele unbekannte Autoren bauen
eine eigene Homepage und präsentieren ihre Verse dem Rest der Welt. Den
Traum vom eigenen Buch können sie sich im WWW ohne finanzielles Risiko in
gewisser Weise erfüllen. Die Leser dagegen finden Literatur jenseits der
Verlagsprogramme.
Dank E-Mail können Autor und
Leser leicht und schnell miteinander in Kontakt treten: "Kein anderes
Medium bringt diese Nähe zwischen Autor und Leser. Kaum eine Stunde
nachdem ein neuer Text Online steht, gehen die ersten Mails ein",
berichtet zum Beispiel "Der
Poet" Christopher Ray, dessen humorvolle und selbstironische
Reime bereits seit den achtziger Jahren, damals noch im
T-Online-Vorläufer Btx, online sind. Inzwischen lässt Ray sein Buch
"Weiber und andere Katastrophen" im Selbstverlag bei "Books
on Demand" (BoD speichert die Texte für einen
geringen Betrag elektronisch und druckt sie nur auf Bestellung aus) drucken.
Einige gründen, wie der
Krimiautor Jürgen Groß, einfach einen eigenen Verlag. Die Web-Site des Solmser
Buchverlages enthält Leseproben und einige Informationen über Groß.
Natürlich lassen sich die Bücher auch gleich per Mausklick bestellen. In
der virtuellen Welt kann Literatur auch im Abo bestellt werden: Jan-Ulrich
Hasecke zum Beispiel stellt täglich seine "Sudeleien"
ins Netz und verschickt die anspruchsvollen Texte kostenlos per E-Mail
direkt an die Leser.
Nur wenige finden wie Florian
Schiel über ihre Aktivitäten im Netz einen Verlag: Der Münchner
Uni-Assistent verschickte 1994 seine Computer-Satiren mit dem Titel
"Bastard Ass(istant) from Hell", kurz "B.A.f.H." im
Usenet. Der Erfolg war so groß, dass ein Verlag die E-Mail-Erzählungen
1996 gesammelt als Buch herausgab. Schiel schrieb weiter, stellte
die Texte ins Netz und versendete sie per E-Mail. Zwei weitere Bände
folgten. Im letzten Jahr erklommen die Bastard-Geschichten die ersten
Plätze in den Verkaufs-Charts von amazon.de. "Inzwischen
interessieren sich Goldmann, Ullstein und Knaur für die
Geschichten", berichtet Florian Schiel, der demnächst seinen ersten
Internet-Krimi im Schwarten-Verlag veröffentlichte.
Regina Berlinghof und Norman
Ohler gehörten 1995 zu den ersten deutschsprachigen Autoren, die
komplette Romane gratis ins Netz stellten. Sowohl "Mirjam"
als auch "Die
Quotenmaschine" sind inzwischen als Buch erschienen.
Ingo Schramm gehört zu den
wenigen deutschen Schriftstellern, die bereits einen Verlag gefunden haben
und ihre Arbeit aus privater Initiative im WWW präsentieren. Seine
Bücher verlegt Schramm seit vier Jahren bei Volk und Welt, mit seinen
Lesern kommuniziert er im Internet. Unter der URL www.ingoschramm.de
bietet der gelernte Buchhändler seit Herbst 1998 umfangreiches Material
zu seinem literarischen Schaffen: Prosa, Hörspiele, theoretische Texte
und Leseproben aus drei bereits erschienen Romanen lassen sich online
lesen oder als ZIP-Datei auf die Festplatte speichern. Der Verlag hat
nichts dagegen: "Das ist ja auch Werbung für die Bücher. Insofern
habe ich die Genehmigung ohne Probleme bekommen", so Schramm. Da sich
die klassischen Literatur-Interessierten über das Feuilleton der
Zeitungen und nicht im Netz informieren, hofft er mit seiner Homepage neue
Leser zu gewinnen. Werbung könne aber online nur funktionieren, wenn man
zusätzliche Angebote bereitstelle.
Bei der Arbeit an seinem neuen
Roman "Die Feigheit der Fische" ließ sich der Autor über die
Schulter sehen: es gibt Tagebuchnotizen zum Entstehungsprozess, eine
unlektorierte Fassung des ersten Kapitels, eine FAQ-Liste mit häufig
gestellten Fragen und Links zu Sites, auf denen Schramm selbst
recherchiert hat. Informationen dieser Art gibt es gewöhnlich erst viele
Jahre nachdem ein Buch erschienen ist. "Bei mir bekommt man dieses
Material im WWW aus erster Hand." Der gebürtige Leipziger ist
überzeugt, dass seine Leser diesen Service honorieren.
Experimentelle Netzliteratur
und technische Spielereien sucht man auf Ingo Schramms Seiten vergeblich.
Dafür bietet er seinen Internet-Besuchern kostenlos Informationen, die
auf anderem Wege nur schwer oder gar nicht zu bekommen sind. Zum Beispiel
ein wöchentliches persönliches Feuilleton zu literarischen oder
aktuellen Themen, das Schramm exklusiv für seine Web-Site verfasst.
"Meine ganze Tätigkeit besteht ja eigentlich in der Kommunikation
mit den Lesern, da ist das Internet eine ideale Ergänzung", meint
Schramm, der jede elektronische Zuschrift beantwortet.
Vereinzelt wagen sich auch die
Verlage gemeinsam mit ihren Autoren ins Netz: In Zusammenarbeit mit
Suhrkamp lud Rainald Goetz 1998 im Rahmen eines Online-Tagebuchs täglich
seinen "Abfall für alle" ins Netz. Im letzten Jahr brachte der
Verlag die gesammelten Einträge als "Roman eines Jahres"
heraus. Ernst zu nehmende Literatur also, wenn Goetz auch am ersten Tag
betonte: "WIE vor allem das meiste muß schweigen, sonst gehen
riesige Lügen los, Spastereien, im Grunde Literatur und das wollen wir ja
gerade VERMEIDEN hier."
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