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Von
den ersten Hyperfictions zum "Pegasus"
Mitte der 80er Jahre
entstanden die ersten Hyperfictions in den USA. Autoren nutzen die
Möglichkeiten von Hypertext (Der Begriff
"Hypertext" wurde bereits 1960 von Theodor H. Nelson geprägt.
Nach seiner Definition versteht man unter Hypertext das nichtsequentielle
Schreiben, bei dem Benutzer Verweisen in völliger Freiheit folgen können)
für kreative Zwecke.
Eine der ersten Hyperfictions auf Diskette war "Afternoon" von
Michael Joyce, erschienen bei Eastgate Systems 1987( Siehe auch: Sabrina
Ortmann, Elektronische
Literatur - Kreativität oder Chaos?).
Als unmittelbaren
Vorläufer der heutigen Netzkunst führt Baumgärtel die Mailbox-Projekte
der späten Achtziger und frühen Neunziger an, z.B. das Mailbox-Projekt
"Electronic Cafe", in dessen Rahmen 1984 Gedichte und Bilder
ausgetauscht wurden.
Mit der Entwicklung des World
Wide Web 1989 durch Tim Berners-Lee wurde eine Technologie geschaffen, mit
der global hypermediale Dokumente publiziert und gelesen werden können.
Nina Hautzinger spricht im Rahmen ihrer Magisterarbeit "Vom Buch zum
Internet?" in diesem Zusammenhang von einer "digitalen
Revolution", deren gesellschaftliche und kulturelle Auswirkungen mit
denen der Erfindung des Buchdrucks vergleichbar seien:
"Die revolutionäre Bedeutung des Buchdrucks für die abendländische
Kultur darf [...] nicht unterschätzt werden. Die Digitalisierung von
Texten markiert nun erneut einen Wendepunkt unserer Schreibkultur und
durchbricht vieles, was 500 Jahre lang als Norm galt." (Nina
Hautzinger, Vom Buch zum Internet?
Eine Analyse der Auswirkungen hypertextueller Strukturen auf Text und
Literatur, 1999).
In den späten 80er Jahren
begannen Heiko Idensen und Matthias Krohn mit der Arbeit an der "Imaginären
Bibliothek", welche die Geschichte antilinearer Textformen
beschreibt.
Im April 1995 wurde zum ersten
Mal die Softmoderne,
das erste deutsche Hypertext-Festival veranstaltet. Das Festival fand bis
1999 jährlich statt. Die Projekte der "Hyperfiction-Autoren" (Hyperfictions
sind literarische Texte, die die Möglichkeiten von Hypertext für
kreative Zwecke einsetzen) wurden zunächst als "neue
Literatur" gefeiert:
"Auch wenn Hyperfiction noch keine ernst zu nehmende Konkurrenz für
das Medium Buch ist, so ist sie doch ein spannendes Experiment, das
Autoren wie Leser neugierig macht, sie anspornt, neue Formen der Literatur
und ihrer Rezeption im Zeichen der 'Softmoderne' zu finden. Trotz einiger
technischer Probleme [...] zeichnete sich die Veranstaltung durch ihre
vielseitige Herangehensweise an eine komplexe und in Deutschland nahezu
unbekannte Literaturform aus" (Ina Krüger in der Berliner Zeitung,
5.4.1995).
Ein Jahr später riefen
"die Zeit" und "IBM" mit dem "Pegasus" einen
Internet-Literatur-Wettbewerb ins Leben. Die Beiträge entwickelten sich
schnell weg von reiner Hyperfiction hin zu multimedialen Kunstwerken.
Bereits bei der zweiten Ausschreibung stellte sich Ernüchterung
ein:
"Er ist im Netz der Netze noch nicht aufgetaucht, der
Online-"Ulysses". Das hypermediale Großwerk, das seinen
staunenden Lesern, Betrachtern und Hörern 24 Stunden Erlebniszeit
anbietet und abzwingt. Das alle Alltagsgeschäfte und physischen
Bedürfnisse ebenso vergessen läßt wie das Tränen der Augen vor dem
leise flimmernden Bildschirm und das Ticken des Zählers bei der Telekom.
Ein Werk, von dessen Existenz vielleicht anfänglich nur eine Gemeinde von
Spezialisten weiß, das dann aber mit großem Getöse alle Feuilletons
loben, preisen, sezieren und bekämpfen. Gesucht wird ein originäres
Kunstwerk, das Wellen schlägt wie seinerzeit 'Das Leiden des jungen
Werthers', 'Madame Bovary' oder eben 'Ulysses', wie 'The Circus",
'Der blaue Engel' oder 'Citizen Cane' oder - und jetzt sind wir beim Radio
- wie 'The War of the Worlds', 'Unter dem Milchwald' oder 'Der gute Gott
von Manhattan' ." (Hermann Rotermund, Laudatio zum 2.
Internet-Literaturwettbewerb, Hamburg am 29.10.1997)
Schließlich strichen die
Veranstalter das Wort "Literatur" aus dem Namen des
Wettbewerbes. Im letzten Jahr würde der "Pegasus" nicht mehr
ausgeschrieben.
Die Veranstalter der
Softmoderne versuchten Anfang letzten Jahres etablierte Autoren unter dem
Motto "Hypertext
Berlin" für das Medium Internet zu begeistern. Bis dahin wurden
bei dieser Veranstaltung die Projekte betrachtet, die bereits im Netz
existierten.
"Gute Texte kosten Zeit
und Geld. Etablierte Schriftsteller machen bisher nur ungern etwas im
Netz. Diesen Autoren wollten wir einen Anreiz geben, etwas für das WWW zu
schreiben. Wir haben ausgewählten Autoren, die bisher dadurch aufgefallen
sind, daß sie im Printbereich gute Texte geschrieben haben, ein Thema
vorgegeben, ihnen Programmierer zur Seite gestellt und ihnen Geld für die
Realisierung ihrer Ideen gegeben", erklärte Veranstalter Stephan
Porombka.
Mit ihrer Neugier konnten die
Veranstalter die Autoren (Claudius Hagemeister, Michael Rutschky, Kathrin
Röggla, Peter Glaser, Norman Ohler und ein Trio von Essayisten ) offenbar
nicht anstecken. Gezeigt wurde eben Text, der mehr oder weniger
willkürlich mit Hyperlinks zu anderem Text versehen und mit Fotos
illustriert war. Einige Projekte verzichteten ganz auf textinterne
Hyperlinks. Es fehlte die Umsetzung der Grundidee von Hypertext nach
Nelson: Die Möglichkeit der Interaktivität, des Löschens,
Überschreibens und Hinzufügens von Text. Die kreativen Möglichkeiten,
die das Netz bietet, wurden nicht genutzt, entweder wie bei Glasers "Licht,
Berlin" ganz bewußt, oder wie bei Rutschkys "Berlinroman"
aus Unkenntnis des Mediums (Siehe ausführlicher: Sabrina
Ortmann, Ein schaler Nachgeschmack Ein
Bericht über die Präsentation "Hypertext Berlin").
Eine Neuauflage der
Softmoderne ist zur Zeit nicht in Sicht.
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