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Margarita
Morales
Zum Thema
"Elektronische Literatur"
von Sabrina Ortmann
Die Frage, ob die elektronische Literatur im Internet, auf
Diskette und CD-ROM den Lesern Freiheit und Aktivität ermöglicht und die Autorität des
Autors in Frage stellt, wird immer wieder gestellt. Deshalb möchte einige Gedanken
und Argumente zu diesem Thema beisteuern. Es handelt sich dabei um Auszüge aus meiner
Seminararbeit zum Thema Elektronische Literatur".
Ursprünglich wurden Hypertexte zum Verwalten von eigenem
Wissen und zur Erarbeitung von Informationen verwendet. Mitte der 80ger Jahre entstanden
dann die ersten literarischen Hyperfictions, z.B. Afternoon" von Michael Joyce.
Hyperfictions setzen die Möglichkeiten von Hypertext für kreative Zwecke ein.
Anstelle eines Buches benutzt der Leser von Hypertexten ein Computerprogramm. Dadurch
eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten, den Leser die Geschichte aktiv mitgestalten zu
lassen. Eine der wichtigsten Veränderungen liegt in der Nicht-Linearität von
elektronischen Texten, denn der Benutzer beeinflußt den Fortgang der Geschichte, indem er
ihm interessant erscheinenden Links nachgeht.
Und obwohl die meisten Hypertexte noch viele Ähnlichkeiten zum gedruckten Buch aufweisen
(Seitenzahlen, Inhaltsverzeichnisse oder ein chronologischer Ablauf), kann es durch unser
eingespieltes Rezeptionsmuster, lineare Texte zu lesen, leicht zur Überforderung kommen.
Jeder Hypertext besteht aus zwei verschiedenen Texten: dem, der auf dem Bildschirm zu
sehen ist und dem Programmtext. Der Teil des Hypertextes, in dem der Leser sich bewegt,
ist den Optionen des Programmes unterstellt. Auf diesen Programmtext, in dem der Autor die
Verknüpfungsmöglichkeiten festlegt, hat der Leser gewöhnlich keinen Zugriff. Auch die
einzelnen Texteinheiten können meistens nicht verändert werden. Eine Ausnahme bildet zum
Beispiel David Bolters Writing Space", denn hier ist es möglich, Text zu
löschen, zu verändern und hinzuzufügen.
Manche Hypertexte beinhalten noch einen weiteren Text; eine
Bedienungsanleitung", die eine Übersicht über die speziellen
Navigationsmöglichkeiten bietet.
Im Internet finden sich auch kollaborative Hyperfictions, die nicht nur einen, sondern
mehrere Autoren haben. Manche ermöglichen es sogar jedem potentiellen Leser, die
Geschichte weiter zu schreiben (z.B. das Projekt L im Literaturcafé).
Geben die Autoren von Hyperfictions nun wirklich die
Kontrolle über ihre Werke auf?
Nehmen wir als Beispiel Afternoon" von Michael Joyce. Der Autor hat keine
Kontrolle darüber, in welcher Reihenfolge der Leser die einzelnen Texteinheiten liest.
Auf der anderen Seite ist jede Verknüpfungsmöglichkeit von Joyce programmiert. Auch
liegt es in der Hand des Autors, wie übersichtlich das Werk ist und ob die Leser sich am
Ende im Hyperspace verlieren. Joyce, der seine Links nicht markiert hat, bietet hier
eine sinnvolle Hilfestellung: alle jeweils möglichen Verknüpfungen einer Texteinheit
können aufgerufen werden.
Hyperfictions ermöglichen durch ihre Verknüpfungen zweifelsfrei mehr Interaktivität,
sie lassen aber keinesfalls den Autor verschwinden. Afternoon" macht diesen
Punkt sehr deutlich. Wie gesagt, kann der Leser die sogenannten Hotwords nicht erkennen.
Das bedeutet keineswegs, daß jedes beliebige Wort für eine neue Verbindung angeklickt
werden kann. Beim Lesen der Hyperfiction wird dem Leser im Gegenteil der Autor um so
bewußter, denn er ist gezwungen, Worte auszuprobieren, die dann, je nach Programmierung
von seiten des Autors, weiterführen oder auch nicht.
An diesem Punkt wird ein Problem von Hypertexten deutlich: werden die Navigationsangebote
zu reichhaltig oder gibt der Autor gar jede Kontrolle auf, so ist der Orientierungsverlust
des Lesers vorprogrammiert.
Wenn die Autoren von Hyperfictions auch nicht völlig
verschwinden, so sind die Möglichkeiten der Leser doch grundlegend andere als beim
gedruckten Buch.
Am wichtigsten ist hier sicher, daß dem Leser einer aktivere Rolle zukommt. Die oft
vertretene Auffassung, daß jeder so beim Benutzen eines Hypertextes sein eigenes Buch
schreibe, finde ich aber zu euphorisch. Schließlich bestimmt der Leser lediglich, in
welcher Reihenfolge er die den Text entdecken möchte, wobei selbst das bei Fictions wie
Afternoon" schwierig ist. Meine Erfahrung mit dem Programm hat gezeigt, daß
der Text vielmehr zufällig entdeckt wird. Diese Zufälligkeit, das Unvorhersehbare und
Überraschende ist für die Autoren sogar oft ein Mittel, um Spannung zu erzeugen. Die
Reihenfolge bestimmen kann und sollen die Leser eher in informativen Hypertexten, die der
Erarbeitung von Informationen dienen.
Bei der Diskussion um die vermeintliche Freiheit des Lesers wird oft nur die Textebene
berücksichtigt, auf der sie Leser sich bewegen. Die Ebene der Programmierung der Links,
auf die der Leser keinen Einfluß nehmen kann, wird dabei oft gar nicht
thematisiert.
Die Begriffe Autor/Leser werden durch Hypertexte verändert, in Frage gestellt und
vielleicht sogar aufgehoben, wie in vielen Hypertext-Theorien immer wieder betont wird.
Gleichzeitig ist im Computerbereich aber auch ein neues Begriffspaar entstanden: Benutzer
werden zunehmend in User und Programmierer ausdifferenziert. Und den Usern werden
Eingriffsmöglichkeiten auf die Programmierebene verwehrt.
Zusammenfassend kann man sagen, daß durch die elektronisch
ermöglichte Nicht-Linearität vorgegebene Formen aufgebrochen werden. Jeder subjektive
Lesevorgang wird damit zu einem einzigartigen Lesevorgang.
Andererseits schränkt die Offenheit der Werke aber auch oft den Überblick und die
Orientierungsmöglichkeiten ein. In folge dessen ist die Einzigartigkeit des
Leseerlebnisses oft auch mit einer gewissen Willkürlichkeit verbunden.
Autoren von Hypertexten sind eben auch Programmierer wenn sie das Hypertext-Programm zu
ihrem Werk erstellen. Und zumindest was diesen Bereich angeht, haben die Leser selbst bei
den kollaborativen Schreibprojekten im Netz keine Zugriffsmöglichkeiten.
Ein Co-Autor ist meiner Auffassung nach nur jemand, der ein gleichberechtigtes
Mitgestaltungsrecht am jeweiligen Werk besitzt.
Letztendlich ist der Leser immer nur so frei oder unfrei, hat er nur die Möglichkeiten,
die der Autor für ihn auf der Programmebene festlegt. |