Das
rasante Wachstum des Internets und seine stetig zunehmende Verbreitung bleiben nicht ohne
Folgen: seine neuartigen Kommunikationsformen dringen immer weiter in unterschiedliche
gesellschaftliche Subsysteme ein und verändern traditionelle Arbeits- und
Informationsprozesse. Kommunikation über E-mail zum Beispiel ist bereits aus vielen
Bereichen nicht mehr wegzudenken, und für Internet-Nutzer werden hypertextuelle
Strukturen zunehmend selbstverständlicher. Immer lauter wird daher die Frage danach,
welche Rolle das gedruckte Buch künftig spielen wird. Wird Netzliteratur seinen Platz
einnehmen und das Buch zum antiquierten Objekt mit Sammlerwert machen? Oder bleibt sie
eine Randerscheinung moderner Kunst, die nur wenige Interessierte anspricht?
Die drei analysierten Netzliteratur-Beispiele
zeigen interessante und vielversprechende Ansätze, wie die Möglichkeiten, die Hypertext
bietet, literarisch umgesetzt werden können. Jedes der drei Werke legt den Schwerpunkt
auf einen anderen Aspekt hypertextueller Strukturen und beweist in diesem spezifischen
Punkt seine Stärke. Bisher läßt sich nur erahnen, welche Wirkung ein Werk erzielen
könnte, dem es gelingt, alle hypermedialen und strukturellen Elemente im Hypertext zu
einer sinnstiftenden Einheit zu verbinden. Das überzeugende Gesamtkunstwerk scheint also
noch auf sich warten zu lassen. Autoren experimentieren mit den vorhandenen Möglichkeiten
und Kritiker diskutieren, wie gelungene Netzliteratur aussehen könnte oder sollte. Das
Internet - ursprünglich für militärische Zwecke geschaffen - steht plötzlich allen zur
Verfügung, und es wird noch ausgetestet, wie seine Mittel literarisch genutzt werden
können.
Diese Situation läßt sich mit der
Anfangszeit des Hörfunks in Deutschland zwischen 1923 und 1930 vergleichen, in der auch
Schriftsteller und Kritiker die Frage diskutierten, welche Kunstform eigentlich dem neuen
Medium angemessen sein könnte (vgl. Rotermund, 1). Es mußte erst einige Zeit vergehen,
bevor sich ein eigener Stil für radiophone Kunstformen entwickeln konnte. Auch
Netzliteratur scheint noch auf der Suche nach seiner Bestimmung und das richtungsweisende
Werk ist bis jetzt nicht entdeckt worden. Es existiert noch kein von Druckwerken
unabhängiger Literaturbetrieb, der den Autoren Unterstützung bieten könnte. Viele
Fragen, zum Beispiel nach den Urheberrechten, sind zum jetzigen Zeitpunkt ungeklärt und
erschweren die Verbreitung hypertextueller Werke.
Vielleicht liegt ein Hindernis eben darin,
daß Netzliteratur als Literatur, und damit als Ersatz für
gedruckte Bücher angesehen wird. Die Furcht, daß Hypertext das Aus des traditionellen
Buches bedeuten könnte, erschwert die Akzeptanz des neuen Mediums vor allem in
Kritikerkreisen. Aber ist Netzliteratur nicht eher eine neue Kunstform für sich, die mit
der Literatur in gedruckten Büchern nicht viel gemein hat? Stellt sie nicht viel mehr
eine Verbindung aller Künste Literatur, bildende Kunst und Musik in einer
Kunstform dar? Hypertext besitzt das Potential zu einem sinnlichen Erlebnis zu werden, das
sich vom Lesen eines Buches stark unterscheidet. Es bleibt abzuwarten, ob dieses Potential
auch umgesetzt wird.
Netzliteratur erschwert durch seine neue
Struktur eine wissenschaftliche Auseinandersetzung über das Werk. Zum einen gibt es noch
kein spezifisches Vokabular für Hypertext, das der Interpretation und Analyse der Werke
gerecht würde. Noch muß auf die gewohnte Terminologie der traditionellen Literaturkritik
zurückgegriffen werden, die oftmals die Besonderheiten hypertextueller Strukturen nicht
trifft. Wenn jeder Leser einen einzigartigen, individuellen Text kreiert, nach welchen
Kriterien kann dann über diesen Text diskutiert werden? Wie kann die wissenschaftliche
Forschung mit diesen Textgeflechten umgehen, wie kann überhaupt ein Kanon von
Netzliteratur gebildet werden? Hier scheinen vor allem die Links ein Schlüssel zur
Lösung des Problems zu sein. Es läßt sich vermuten, daß der Anordnung der Links
besondere Bedeutung im Text zukommt, die es ermöglicht, eine objektivere
Auseinandersetzung unabhängig vom individuellen Leseverlauf zu führen. Das Setzen der
Links im Textgeflecht ist ein wichtiger Zugang zum Text, der als Ausgangspunkt für eine
Diskussion gewählt werden kann.
Es bleibt abzuwarten, welche Richtung
Netzliteratur als neue Kunstform einschlägt und welche künstlerische und soziale
Relevanz ihr zukommt. Die Möglichkeiten, einen eigenen Stil zu finden, sind gegeben. Wie
dieser Stil jedoch konkret aussehen mag, läßt sich momentan nur vermuten. Es wird
spannend sein zu beobachten, wie die Entwicklung vonstatten geht und welche Rolle
Netzliteratur künftig spielen wird.