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Netzliteratur konkret
5.5 Netzliteratur – die Literaturform der Zukunft?
 

Das rasante Wachstum des Internets und seine stetig zunehmende Verbreitung bleiben nicht ohne Folgen: seine neuartigen Kommunikationsformen dringen immer weiter in unterschiedliche gesellschaftliche Subsysteme ein und verändern traditionelle Arbeits- und Informationsprozesse. Kommunikation über E-mail zum Beispiel ist bereits aus vielen Bereichen nicht mehr wegzudenken, und für Internet-Nutzer werden hypertextuelle Strukturen zunehmend selbstverständlicher. Immer lauter wird daher die Frage danach, welche Rolle das gedruckte Buch künftig spielen wird. Wird Netzliteratur seinen Platz einnehmen und das Buch zum antiquierten Objekt mit Sammlerwert machen? Oder bleibt sie eine Randerscheinung moderner Kunst, die nur wenige Interessierte anspricht?

Die drei analysierten Netzliteratur-Beispiele zeigen interessante und vielversprechende Ansätze, wie die Möglichkeiten, die Hypertext bietet, literarisch umgesetzt werden können. Jedes der drei Werke legt den Schwerpunkt auf einen anderen Aspekt hypertextueller Strukturen und beweist in diesem spezifischen Punkt seine Stärke. Bisher läßt sich nur erahnen, welche Wirkung ein Werk erzielen könnte, dem es gelingt, alle hypermedialen und strukturellen Elemente im Hypertext zu einer sinnstiftenden Einheit zu verbinden. Das überzeugende Gesamtkunstwerk scheint also noch auf sich warten zu lassen. Autoren experimentieren mit den vorhandenen Möglichkeiten und Kritiker diskutieren, wie gelungene Netzliteratur aussehen könnte oder sollte. Das Internet - ursprünglich für militärische Zwecke geschaffen - steht plötzlich allen zur Verfügung, und es wird noch ausgetestet, wie seine Mittel literarisch genutzt werden können.

Diese Situation läßt sich mit der Anfangszeit des Hörfunks in Deutschland zwischen 1923 und 1930 vergleichen, in der auch Schriftsteller und Kritiker die Frage diskutierten, welche Kunstform eigentlich dem neuen Medium angemessen sein könnte (vgl. Rotermund, 1). Es mußte erst einige Zeit vergehen, bevor sich ein eigener Stil für radiophone Kunstformen entwickeln konnte. Auch Netzliteratur scheint noch auf der Suche nach seiner Bestimmung und das richtungsweisende Werk ist bis jetzt nicht entdeckt worden. Es existiert noch kein von Druckwerken unabhängiger Literaturbetrieb, der den Autoren Unterstützung bieten könnte. Viele Fragen, zum Beispiel nach den Urheberrechten, sind zum jetzigen Zeitpunkt ungeklärt und erschweren die Verbreitung hypertextueller Werke.

Vielleicht liegt ein Hindernis eben darin, daß Netzliteratur als ”Literatur”, und damit als ”Ersatz” für gedruckte Bücher angesehen wird. Die Furcht, daß Hypertext das Aus des traditionellen Buches bedeuten könnte, erschwert die Akzeptanz des neuen Mediums vor allem in Kritikerkreisen. Aber ist Netzliteratur nicht eher eine neue Kunstform für sich, die mit der Literatur in gedruckten Büchern nicht viel gemein hat? Stellt sie nicht viel mehr eine Verbindung aller Künste – Literatur, bildende Kunst und Musik – in einer Kunstform dar? Hypertext besitzt das Potential zu einem sinnlichen Erlebnis zu werden, das sich vom Lesen eines Buches stark unterscheidet. Es bleibt abzuwarten, ob dieses Potential auch umgesetzt wird.

Netzliteratur erschwert durch seine neue Struktur eine wissenschaftliche Auseinandersetzung über das Werk. Zum einen gibt es noch kein spezifisches Vokabular für Hypertext, das der Interpretation und Analyse der Werke gerecht würde. Noch muß auf die gewohnte Terminologie der traditionellen Literaturkritik zurückgegriffen werden, die oftmals die Besonderheiten hypertextueller Strukturen nicht trifft. Wenn jeder Leser einen einzigartigen, individuellen Text kreiert, nach welchen Kriterien kann dann über diesen Text diskutiert werden? Wie kann die wissenschaftliche Forschung mit diesen Textgeflechten umgehen, wie kann überhaupt ein Kanon von Netzliteratur gebildet werden? Hier scheinen vor allem die Links ein Schlüssel zur Lösung des Problems zu sein. Es läßt sich vermuten, daß der Anordnung der Links besondere Bedeutung im Text zukommt, die es ermöglicht, eine objektivere Auseinandersetzung unabhängig vom individuellen Leseverlauf zu führen. Das Setzen der Links im Textgeflecht ist ein wichtiger Zugang zum Text, der als Ausgangspunkt für eine Diskussion gewählt werden kann.

Es bleibt abzuwarten, welche Richtung Netzliteratur als neue Kunstform einschlägt und welche künstlerische und soziale Relevanz ihr zukommt. Die Möglichkeiten, einen eigenen Stil zu finden, sind gegeben. Wie dieser Stil jedoch konkret aussehen mag, läßt sich momentan nur vermuten. Es wird spannend sein zu beobachten, wie die Entwicklung vonstatten geht und welche Rolle Netzliteratur künftig spielen wird.

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Footnotes

1. Eine weitere Gemeinsamkeit der Werke besteht darin, daß allen ein Preis beim von der Wochenzeitung Die Zeit ausgeschriebenen Internet-Wettbewerb verliehen wurde. Martina Kieninger erhielt 1996 den ersten Preis, und Susanne Berkenheger und Peter Berlich waren 1997 die Preisträger. Dies war jedoch nicht der Grund für die Auswahl zur Analyse in dieser Arbeit. Die Preise bestätigen allerdings, daß diese Stücke sich von der Masse des Vorhandenen abheben und eine intensivere Untersuchung verdienen.

2. Im folgenden wird nur das letzte Element der URL angegeben, da nur durch dieses die Textelemente voneinander unterschieden werden, z.B. s2.htm, s3.htm etc.

3. Außerdem wird die Eile auch graphisch verdeutlicht – es bleibt nicht einmal genügend Zeit, das gesamte Wort zu markieren.

4. ” Da CORE aus einem einzigen Textstück besteht, durch das sich der Leser weiterklickt, besitzt jeder Textteil die gleiche URL: http://wettbewerb.ibm.zeit.de/teilnehmer/berlich/frame.htm. Sie wird im folgenden deshalb nicht mehr nach Zitaten eingefügt.

5. Im folgenden wird nur das letzte Element der URL angegeben, da nur durch dieses die Textelemente voneinander unterschieden werden, z.B. Los.htm, 94Dollar.htm, etc.

 

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