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Netzliteratur konkret
5.4 Susanne Berkenheger: Zeit für die Bombe
 

Susanne Berkenheger hat mit Zeit für die Bombe ein dichtes hypertextuelles Netzwerk geschaffen, das sich aus beinahe 100 einzelnen Textelementen zusammensetzt und den Leser zu einer abenteuerlichen Suche nach einer verlorenen Bombe einlädt. Geschickt setzt die Autorin die im Hypertext vorhandenen Möglichkeiten ein, und überrascht den Leser mit unerwarteten Wendungen und originellen Einfällen. Die Leser können sich selbst mit Hilfe der Links durch die Textstruktur navigieren, und die Nichtlinearität der Erzählung ermöglicht es, immer wieder zum Text zurückzukehren, und einen anderen Erzählverlauf zu gestalten. Die vier Hauptpersonen der Erzählung, Veronika, Vladimir, Iwan und Blondie verfolgen ganz unterschiedliche Ziele. Je nachdem aus welcher Perspektive die Geschichte wahrgenommen wird, erhält der Leser einen anderen Blickwinkel. Seine aktive Mitarbeit ist ständig gefordert, er muß zwischen unterschiedlichen Alternativen auswählen und kann entscheidend den Verlauf der Erzählung mitbestimmen. Was zunächst noch wie eine lineare Erzählung erscheint, erweist sich bald als dichtes Netzwerk, das variationsreich gelesen werden kann, ohne daß der Zusammenhang verloren geht. Neben den Textelementen, die mit verschiedenen Links versehen sind, hat die Autorin auch solche Textelemente integriert, die den Leser zwingen, sich einem vorgegebenen Lesetempo anzupassen. Ohne daß der Leser die Möglichkeit hat, darauf Einfluß zu nehmen, erscheinen nacheinander Textabschnitte auf dem Bildschirm. Die verrinnende Zeit und das Ticken der Bombe sind immer wieder auftauchende Motive im Text, und die sich ausbreitende Hektik wird so auch in den Leseprozeß umgesetzt.

Die Einstiegssequenz der Erzählung stimmt durch die rasante Gestaltung den Leser auf das Kommende ein. Über die Einstiegsseite, die auf schwarzem Grund mit roter Schrift den Titel Zeit für die Bombe angibt, gelangt der Leser zum Beginn des Stücks, der aus fünf rasch aufeinanderfolgenden Sequenzen besteht. Diese lauten:

”Wartet auf mich”, rief Veronika, ungebremst wie eine Rakete...

...und stellt Euch vor: zwei Zöpfe flackerten Antriebsdüsen gleich am Hinterkopf...

...Veronikas Nase kräuselte sich schon in einer recht verheißungsvollen Zukunft...

...im Gepäck hatte sie eine Bombe...

Sie war eben jung und verliebt!

( http://wettbewerb.ibm.zeit.de/teilnehmer/berkenhe/Los.htm  )fn 5 Die letzte Zeile ist, im Gegensatz zur schwarzen Schrift der anderen Sätze, in Rot gesetzt und Veronikas ungestüme Liebe und die Dramatik der Bombe werden so graphisch verdeutlicht. Immer wieder tauchen im Text Passagen wie die zitierte auf, die das Ticken der Bombe und die verrinnende Zeit vor Augen führen. Zum Beginn der Erzählung wird der Leser darüber informiert, daß Veronika mit dem Zug in Moskau angekommen ist. Man weiß, daß sie eine Bombe bei sich führt und verliebt ist, aber die Hintergründe dieser Ausgangssituation und den Verlauf der Erzählung muß man durch aktive Mitarbeit am Text selbst herausfinden. Der Koffer geht verloren und kommt in Iwans Hände. Im Verlauf der Suche entwirrt sich das Beziehungsgeflecht immer mehr und der Leser kann nachvollziehen, wie es zu der gegebenen Situation gekommen ist.

Zeit für die Bombe zeichnet sich vor allem durch eine interessante und anregende Netzwerkstruktur aus, die immer wieder mit Überraschungen aufwartet und dem Leser seine Rolle in der Erzählung enthüllt. Dabei spricht die Autorin die Leser auch direkt an: ”Iwan blieb zurück – allein mit einem schneidenden Gefühlsumschwung und all denen, die jetzt hier weiterlesen. Nehmt Euch blos in acht. Unberechenbar sind oft Menschen mit zertretenen Herzen. Mir wird’s zu heiß hier, adios” (94Dollar.htm). Folgt man dem als Link markierten ”adios”, dann erscheint der folgende Text:

Was wollt Ihr hier? Verfolgt Ihr mich? Treibt Euch die Angst hierher? Wer hier weiterliest, ist kein braver Leser mehr. Der reißt ja der halbnackten Geschichte auch noch die Dessous vom Leib. Gemächlicheren Naturen rate ich: Rennt Veronika nach. Die anderen sollen halt um Himmels willen mitkommen, wir gehen zu Vladimir (99Dollar.htm).

Die Autorin spielt darauf an, daß Leser im Hypertext keine ”braven Leser” mehr sind, weil sie nicht mehr an die Struktur des Autors gebunden sind und selbst Entscheidungsmöglichkeiten besitzen. Die traditionelle Leserrolle gilt im Hypertext nicht mehr. Dem Leser werden zwei Alternativen angeboten, den Lesevorgang fortzusetzen: entweder er nimmt Veronikas Perspektive ein, indem er auf das markierte Wort ”Veronika” klickt, oder er erlebt Vladimirs Sichtweise. Immer wieder macht die Autorin den Lesern ihre aktive Rolle im Erzählverlauf deutlich. In einem Textelement liest man zum Beispiel:

Hallo, willkommen in Sergejewes Pub! [...] Sucht Euch selbst aus, wo Ihr sitzen wollt. Schaut mal da hinten rechts in die rembrandtschimmernde Ecke: Da winkt Euch eine haarige Hand und nickt ein krauser Kopf dazu, das Gesicht in barockem Faltenwurf gekleidet, dunkelviolett die Nase. [...] Oder wollt Ihr lieber hier vorne gleich neben der jungen Frau mit dem schwülen Lachen sitzen. [...] Also was ist? Auch nicht? Oder an die Bar zum Wirt? [...] Ihr wollt gar nicht hier bleiben? Fühlt Euch nicht wohl im Wodkadunst? Wollt ein Taxi rufen, und nichts wie weg? Da habt Ihr Pech. [...] (97Dollar.htm).

Dieser Aufruf zur Mitgestaltung am Text richtet sich an dieser Stelle an zwei Ebenen: zum einen an die assoziative Vorstellungskraft des Lesers, der aufgefordert wird, sich in seiner Phantasie ein Bild des Pubs zu machen, zum anderen an seine Entscheidungsfähigkeit, zwischen alternativen Links zu wählen. Zeit für die Bombe integriert abgesehen von den wechselnden Schriftgrößen und Farben keine visuellen oder akustischen Elemente in den Text und appelliert an das Vorstellungsvermögen der Leser.

Das Betätigen der Links und die Neugier des Lesers auf den unbekannten Textverlauf wird in der Erzählung auch an anderer Stelle aufgenommen und von der Autorin verständnisvoll kommentiert. Als Iwan, der zufälligerweise im Besitz der Bombe ist, gereizt ist, den Zeitschalter zu aktivieren, liest man: ”Also ich verstehe Iwan: Wollen wir nicht alle immer etwas drücken oder drehen, irgendwo draufklicken und ganz ohne Anstrengung etwas in Bewegung setzen? Das ist doch das Schönste. Iwan, tu’s doch einfach, drück den kleinen Schalter!” (96Dollar.htm). Dieser Aufruf richtet sich im Grunde an den Leser, der den Link, den die Worte ”kleinen Schalter” markieren, betätigen soll, um im Verlauf der Geschichte voranzukommen. Der Lesevorgang im Hypertext wird als etwas Natürliches, den Bedürfnissen der Menschen Entsprechendes dargestellt. Erst die aktive Rolle des Lesers im Hypertext befriedigt seine Neugierde auf den Rest der Erzählung.

Der Leser hat im Hypertext eine dominantere Rolle als in linearen Texten, aber dennoch kann er sich nicht völlig von den Vorgaben des Autors befreien. Das führt Berkenheger ihren Leser an einer Stelle vor und macht ihnen so ihre Position bewußt. Ein Textabschnitt endet mit den Worten: ”Zwei Fragen sind entscheidend: Wo ist Veronika, und wie kommst du hier raus. Oder ruf endlich die Polizei!” (62Dollar.htm). Wählt der Leser die Option ”Polizei”, dann erregt er jedoch den Unmut der Autorin: ”Ihr würdet wirklich die Polizei holen? Schämt Euch!” (30Dollar.htm). Dieser Schritt bleibt auch nicht ungestraft: ”Zur Strafe ab in eine üble Spelunke und dort ins Eck mit Euch” (32Dollar.htm), lautet der Befehl der Autorin, dem sich der Leser nur entziehen kann, wenn er mit Hilfe des ”zurück”-Befehls des Internet-Programms dem von ihr gesetzten Link ausweicht. Trotz der vorhandenen Navigationsmöglichkeiten für den Leser taucht die Autorin immer wieder kommentierend in der Erzählung auf und zeigt, daß sie dennoch mehr Einfluß auf den Text hat als er.

Regelmäßig stößt man in Zeit für die Bombe auf Textelemente, die mit den Erwartungen der Leser spielen und das Lesen besonders interessant und anregend machen. Ein besonders gelungenes Beispiel soll im folgenden genauer betrachtet werden. Ein Textsegment endet mit dem Satz ”Was interessierte sie schon, daß Vladimir ihr nachrief, sie ginge zur falschen Tür hinaus” (82Dollar.htm). Wenn der Leser dem Link ”falschen Tür” folgt, dann erscheint auf dem Bildschirm eine Meldung, die zunächst wie die typische Fehlermeldung des Internetprogramms, daß eine gewünschte Seite nicht auffindbar sei, aussieht: ”404 Not Found. The requested URL/bombe/veronika/falsche/türe.htm was not found on this server.” Die in der Erzählung erwähnte falsche Tür durch die Veronika tritt, scheint sich auch computertechnisch als nicht vorhandene Internet-Seite herauszustellen. Aber nach einer kurzen zeitlichen Verzögerung erscheint auf der Seite ein weiterer Zusatz: ”‘Wo geht‘ [s] hier raus?’ rief Veronika, kurz und spitz, als eine Maus in einem unsichtbaren Nichts von Loch verschwand” (42Dollar.htm). Es fehlt jeder weitere Verweis auf eine Möglichkeit, die Erzählung fortzusetzen. Der Leser ist jetzt gefordert, die wenigen Angaben der Autorin richtig zu verstehen und umzusetzen. Denn die Maus, die hier in einem ”unsichtbaren Nichts von Loch” verschwindet und Veronika den Weg zeigt, gibt auch dem Leser den Hinweis, wie er diese scheinbare Sackgasse verlassen kann. Sie entspricht nämlich in übertragenem Sinne der Maus seines Computers. Er muß mit ihr so lange über den überwiegend leeren Bildschirm fahren, bis er auf den unsichtbaren Link, der auf der Seite eingebaut ist, stößt. Dies erkennt er daran, daß sich die Pfeilspitze, die die Maus auf dem Bildschirm signalisiert, in eine kleine Hand verwandelt, was immer auftritt, wenn ein Link aktiviert wird. Nur wenn dieser unsichtbare Link gefunden wird, kann der Leser in der Erzählung weitergehen. Auf der Ebene der Erzählung ist die Maus der eigentlichen Wortbedeutung entsprechend das kleine Tier, das Veronika den Ausweg zeigt. Auf der Ebene der Realisierung durch den Leser entspricht sie einer technischen Vorrichtung, die dem Leser hilft, im Text fortzufahren. Durch die Verknüpfung dieser beiden Ebenen erreicht Berkenheger einen gelungenen Effekt, der ein Beispiel ist für die Souveränität, mit der die Autorin hypertextuelle Strukturen beherrscht.

Gerade wenn der Leser erwartet, daß die Bombe in der Erzählung explodiert, wird er aus dem Erzählstrang zurückgerissen und die Spannung noch etwas gesteigert. Als Veronika wieder im Zug sitzt, um Moskau zu verlassen, heißt es im Text: ”Der Fahrtwind wehte ihr den Namen von den Lippen, und augenblicklich stand die Bahnhofshalle in Flammen. Oh nein!” (29Dollar.htm). Auf den Link ”Bahnhofshalle” folgt aber nicht die zu erwartende Explosion, sondern die Meldung ”Fehler – Internet Explorer-Skript” in einem Kasten auf dem Bildschirm. Darin liest man unter anderem: ”Ach was, Error. Die Bombe explodiert bei OK.” Und nur wenn auf die ”OK”-Taste geklickt wird, dann erscheint in roten Schriftzeichen auf schwarzem Hintergrund: ”Die Zeit zerspringt in tausend Splitter. Rette sich, wer kann!” (1Dollar.htm). Erst jetzt explodiert die Bombe, ausgelöst durch den Leser, wirklich: ”Der glückliche Iwan wurde vor Veronikas Augen in tausend Schmerzen zerrissen. Weitere zweiunddreißig Menschen folgten ihm in den Tod” (63Dollar.htm). Für einen Moment wird das Explodieren der Bombe, um die sich in der Erzählung alles dreht, aufgehalten, und nur der Leser kann sie aktivieren.

Doch ist mit der Explosion auch die Erzählung beendet? Hat der Leser nun das Ende erreicht? Ein wesentliches Merkmal hypertextueller Strukturen, die potentielle Endlosigkeit des Textes, wird von der Autorin auch in die Inhaltsebene übernommen. Klickt man auf den Link ”Das Ende?”, gelangt man zu einer Passage, die das Leseerlebnis im Hypertext in die Erzählung aufnimmt:

Veronika erwachte nie wieder. Sie träumte nur mehr von jener Zeit in Moskau, die sie nicht verstand, die wie ein Igel zusammengeschnurrt war. An der trügerisch festen Leine der Taxometer, erlebte Veronika die letzten Tage ihres Bewußtseins wieder und wieder – nur jedesmal anders und immer fehlte ihr die Hälfte. ”Wie hing das nur alles zusammen?”, wollte sie wissen. Immer wieder explodierte in ihrem Komaträumen das Ende der Geschichte und sie dachte dann: ”Das gibt’s doch nicht!” – und begann die Suche nach verstreuten roten Fetzen nochmal von vorne (77Dollar.htm).

Die Protagonistin stellt sich am Ende der Erzählung Fragen, die denen des Lesers ähneln. Auch der Leser kann leicht das Gefühl haben, immer nur die Hälfte des Textpotentials gelesen zu haben. Immer wieder kann der Verlauf der Geschichte anders gestaltet werden, und es können sich immer neue Verbindungen zwischen den auftretenden Personen herausstellen. In diesem Sinne kann er jedes Mal, wenn er zum Text zurückkehrt, eine neue Version vorfinden. Ein Ende im eigentlichen Sinn besitzt Zeit für die Bombe nicht. Klickt man auf den Link ”von vorne”, wird man auf ein Textelement transferiert, das einen erneuten Beginn möglich macht.

Im Hinblick auf die Gestaltung des Netzwerks und die dadurch entstehende aktive Leserrolle unterscheidet sich Berkenhegers Zeit für die Bombe klar von den anderen beiden analysierten Beispielen von Netzliteratur und sticht aus der Menge des Vorhandenen heraus. Souverän setzt sie die im Hypertext gegebenen Mittel ein, um eine interessante Struktur zu schaffen, die nicht mit linearem Text vergleichbar ist. Auch die sprachlichen Elemente sind gekonnt gewählt und spiegeln teilweise sogar inhaltlich die hypertextuelle Struktur wider. Allerdings verzichtet Berkenheger fast vollständig auf die visuelle Komponente. Lediglich durch unterschiedliche Schriftgrößen und Farben kommt der graphische Aspekt hinzu. Bilder und Ton fehlen völlig, und somit basiert ihr Werk im Grunde nur auf Text. Unter diesen Umständen stellt Zeit für die Bombe zwar noch nicht ganz das hypermediale Gesamtkunstwerk dar, das alle Sinne anspricht und eine neue Kunstform schafft. Aber es ist in jedem Fall ein bemerkenswertes Stück Netzliteratur, das deutlich macht, welches Potential in dieser neuen Art des Schreibens steckt.

 

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