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5.3  Peter Berlich: CORE
 

CORE macht den Umstand, daß Hypertext nur mit Hilfe des Computers gelesen werden kann, zum Prinzip des Stücks. Peter Berlich simuliert mit seinem Werk eine Maschine, die den Text liest und gleichzeitig bearbeitet, und führt dem Leser somit den technischen Aspekt von Hypertext deutlich vor Augen. Per Mausklick kann der Leser von einem Textelement zum nächsten navigieren und selbst den Prozeß der maschinellen Aneignung des Textes miterleben. CORE steht für ”Cybernetical Oration Research Entity”, was mit ”Kybernetische Erzählungsforschungseinheit” übersetzt wird. Die graphische Anmutung auf dem Bildschirm erinnert durchweg an einen Computer, dem Befehle gegeben werden, bei dem Fehlermeldungen aufleuchten und der zum Schluß sogar neu gestartet werden muß. Berlichs Stück besitzt zwei Ebenen: zum einen die kybernetische Versuchsanordnung selbst, die die Illusion eines tatsächlich ablaufenden Programms erzeugt; und zum anderen den von dieser imaginierten Maschine bearbeiteten Stoff, eine Persiflage auf berühmte Szenen des Films Casablanca.

Die Simulation der Maschine wird visuell in jedem Textelement aufrechterhalten. Jede Seite ist mit einem schwarzen Hintergrund und gelben Schriftzeichen gestaltet, nur bestimmte Befehle und Meldungen der Maschine werden in der Farbe Rot angezeigt. Zuerst erfolgt die Aufforderung, das Stück zu laden, verbunden mit dem Hinweis auf ”FREE ASSOCIATION”. Die Maschine erschafft Schritt für Schritt die notwendigen Elemente für die Handlung. Zunächst werden die Personen erstellt, was mit der Meldung ”creating characters... ...finishedfn 4 abgeschlossen wird. In Anlehnung an den Film Casablanca treten als Personen auf: Humphrey Bogus, Ingrid Bergbau, Paolo Pasolini, einige Serienhelden und Sam.

Hat der Leser einen Dialog beendet, dann kann er zum nächsten Textelement gelangen, indem er auf den Befehl ”OK” klickt. Im Grunde hat der Leser keine Entscheidungsmöglichkeit außer der, den Lesevorgang abzubrechen. Die ihm angebotenen Optionen sind nur scheinbare Wahlmöglichkeiten. Entweder er klickt ”OK”, oder er kommt nicht weiter. Dieses Klicken, um zum nächsten Textsegment zu gelangen, kann jedoch nicht mit dem Umblättern einer Seite in einem gedruckten Buch gleichgesetzt werden, denn das Stück CORE kann nur als elektronischer Text seine gesamte Aussage entfalten. Die computertechnische Anmutung des Stücks und die auftauchenden Befehle reflektieren den inhaltlichen Verlauf von Casio Blanco, der Erzählung, die CORE angeblich im Moment des Lesens erstellt. Die Simulation der Maschine wäre in einer Druckfassung nicht möglich. Das Lesen des Textes am Bildschirm fügt ihm eine weitere Bedeutungsebene hinzu, die in gedruckter Form verloren ginge.

Das in Dialogform geschriebene Stück Casio Blanco beginnt in einer Bar, die an die Örtlichkeit des Films Casablanca angelehnt ist. Berühmte Dialoge des Film-Klassikers werden karikiert und zur Persiflage. Auf die berühmten Worte ”Schau‘ mir in die Augen, Kleines!” antwortet die weibliche Hauptperson Ingrid Bergbau zum Beispiel: ”Tja, Sie sollten mal was gegen Ihre Hornhautablösung tun. Ich bin Augenärztin, wissen Sie?

”Die Handlung wird im Verlauf des Stücks immer skurriler, und die Persiflage auf Casablanca wäre auf der reinen Inhaltsebene betrachtet teilweise nicht überzeugend. Aber sie wird durch die Meldungen des Computers in einen Zusammenhang gebettet, der die sich steigernde Abstrusität der Dialoge erklärt. Je weiter CORE voranschreitet, desto häufiger und eindringlicher wird der Leser von der Maschine davor gewarnt, den Lesevorgang fortzusetzen. Die zunehmende Unverständlichkeit des Textes wird somit auf Probleme der Maschine zurückgeführt. Der Leser erhält beispielsweise die Warnung ”Warning: rotating semantics_space can change semiotic factor! Rotate anyway (y/n)?” Fährt er trotzdem fort den Text zu lesen, dann erscheint die Meldung ”An Error occurred. Probable inconsistency in storyboard. Story_context lost”. Diese Hinweise der simulierten Maschine werden inhaltlich vor Augen geführt, und die offensichtliche Inkonsistenz der Handlung fällt dem Leser spätestens an dieser Stelle auf. Die simulierten technischen Probleme steigern sich, bis die Handlung eine absurde Wendung nimmt. Es tauchen vier Bananen auf, die als Link markiert sind und von denen – wenn der Leser den Link aktiviert - jede unverständliche und zusammenhangslose Aussagen macht. Bei der vierten Banane wechselt die Erzählung sogar in ein anderes literarisches Genre über. Plötzlich befindet man sich in einem Detektivroman, der keinerlei Bezug zum eigentlichen Stück erkennen läßt.

Nach diesem offenkundigen Verlassen der zu erwartenden Struktur bricht die Maschine endgültig zusammen und muß neu gestartet werden. Der Leser erhält die Meldung:

* * * SYSTEM RESET * * *

System error detected.

Error due to Recursive Subroutine Call Overflow.

Subroutine FREE_ASSOCIATION_B

...

Berlich schafft die perfekte Illusion einer Maschine, die zeitgleich mit dem Lesevorgang den Text bearbeitet. Diese Illusion wird aber immer wieder ironisch durchbrochen, zum Beispiel wenn der Leser auf die Frage ”Really continue?” mit ”yes” antwortet und dann die Meldung ”Yes, but really really?” erhält.

Doch auch der Neustart der Maschine hilft nicht mehr weiter, und das Stück kann nicht zu Ende geführt werden. Nachdem der Leser auf einige Meldungen und Befehle des Computers reagiert hat, wird die Geschichte wieder aufgenommen. Dieser Versuch scheitert jedoch, und das Stück bleibt in einer Endlosschleife stecken, die nur durch das Abbrechen des Programms beendet werden kann. Immer wieder erscheinen die folgenden Zeilen:

Humphrey: Spiel’s noch eimal, Sam

Sam spielt’s noch einmal.

Diese Worte werden insgesamt neun Mal wiederholt, und auch hier spiegelt der Inhalt (”Spiel’s noch einmal”) die Repetition der Maschine wider. Mit der Regieanweisung ”Es ist Weihnachten. Der Verkaufsautomat verspeist ein Sandwich” schließt das Stück endgültig. Klickt der Leser bei der Meldung ”exit” auf ”OK”, dann gelangt er auf eine Abschlußseite mit dem Foto eines Mannes, der vermutlich der Autor ist, und einer kurzen Erläuterung zum Stück. Neben dem Foto erhält der Leser außerdem noch die E-mail Adresse des Autors, der ihn somit zu direkter Reaktion auffordert und dem Leser die Möglichkeit gibt, mit ihm in Kontakt zu treten.

CORE ist visuell und strukturell einfach gehalten und nutzt das Potential, das Hypertext in diesen Bereichen bietet, kaum. Aber es ist durch die Verbindung von Erzählung und technischer Umsetzung ein gelungenes Beispiel für Netzliteratur, die die inhaltliche Ebene auch graphisch umsetzt und so Schrift und Visualität ineinander integriert. Berlichs Stück zeichnet sich durch eine originelle Idee und überzeugende Umsetzung dieser Idee aus. Aber die Anforderungen, die man an ein hypertextuelles Gesamtkunstwerk stellen sollte, erfüllt es nicht. Die Struktur seines Netzwerkes durchbricht die Linearität nur scheinbar und läßt dem Leser keine echten Freiheiten, den Erzählverlauf selbst zu gestalten. Die graphischen Mittel werden nur sehr begrenzt eingesetzt. Zwar wird die Illusion einer Maschine gut aufrechterhalten, aber es werden keinerlei Bilder oder andere graphische Elemente in den Text aufgenommen. CORE beschränkt sich auf wenige Aspekte einer hypertextuellen Struktur, setzt diese aber gut um. Die Möglichkeiten sind jedoch noch lange nicht erschöpft und sollten weiter ausgebaut werden.

 

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