| Was hat man als Leser zu
erwarten, wenn zwei Daemons, ein Regisseur, ein Schrank und ein Revoluzzer auf einer
hypertextuellen Bühne aufeinandertreffen? Martina Kieninger hat ein skurriles Stück
Netzliteratur geschaffen, das auf den ersten Blick an ein lineares Theaterstück erinnert,
aber durch die eingebauten Links zu einem ungewöhnlichen Textnetz wird, das mit den
Erwartungen der Leser spielt und überraschende Effekte bereit hält. Der Text beginnt mit
einer Einstiegsseite, die an die Umschlagsseite eines Buches erinnert, und über den Titel
des Stücks Der Schrank. Die Schranke. 1 Stück Theater für 1 Denker im
Denktank sowie den Namen der Autorin informiert.
Klickt der Leser auf die Worte HIER DRÜCKEN, dann gelangt er zum Beginn des
Stücks. Die Struktur von Der Schrank. Die Schranke. ist zunächst relativ einfach
gehalten. In den Haupttext sind 11 Links eingebaut, die vom Text abzweigen und in andere
Textsegmente führen. Häufig befinden sich innerhalb dieser Textsegmente weitere
Navigationsmöglichkeiten für den Leser, der sich so weiter vom Haupttext entfernen kann.
Aufgrund der recht geringen Anzahl an Links ist es jedoch nicht schwierig, wieder zum
Haupttext zurückzukehren. Wie bei einem Theaterstück gibt die Autorin zunächst Orts-
und Zeitangaben:
Ort: 1 ländlich-volksstückhafte
Wirtshausstube am Ende der Datenautorbahn, 1 Biertresen, 1 Schrank.
Zeit: abends, nach Erledigung des Tages.
( http://www3.zeit.de/bda/int/zeit/tag/litwett96/Literatur-HTML/Kieninger/s2.htm )fn 2
In den Haupttext, der durchgehend aus
schwarzer Schrift auf grellgelbem Hintergrund besteht, sind 13 Graphiken eingefügt, die
die Szenen bildlich darstellen. Diese visuellen Elemente wurden allein mit den von der
Computer-Tastatur zur Verfügung gestellten Zeichen erstellt, und besitzen so eine sehr
technische und computerisierte Anmutung. Sie sind jedoch originell umgesetzt und
überzeugen durch Ideenreichtum. Abgesehen von diesen Graphiken werden nur durch Farben
und variierende Schriftgrößen Akzente gesetzt, andere Bilder oder Ton sind nicht in den
Text integriert.
Aufgrund der Struktur von Kieningers Stück
bietet es sich zur Analyse an, den Textverlauf nachzuzeichnen und dabei besonders die
Links zu berücksichtigen. Anschließend sollen die verwendeten literarischen Elemente und
die Leserrolle innerhalb des Stücks untersucht werden. Bereits das erste Wort nach Orts-
und Zeitangabe (Daemons), noch immer eine Regieanweisung, ist durch eine
unterstrichene Linie als Link markiert und fordert den Leser auf, den Haupttext zu
verlassen. Klickt man auf Daemons, dann gelangt man zu einem Textsegment, das
zum einen die beiden Daemons als Charaktere einführt, und zum anderen den Leser in
gewisser Weise vor dem Verweilen im Internet warnt. Graphisch ist dieses Textelement das
Gegenteil zum Haupttext während dieser einen gelben Hintergrund mit schwarzer
Schrift besitzt, ist jetzt die Schrift gelb und der Hintergrund schwarz.
Die Daemons werden als Programme, die
auf Befehle warten definiert und somit in den Bereich der Computertechnik
eingeordnet. Sie bestehen sowohl auf der Ebene des Stücks als Protagonisten (wobei die
Autorin auf Dämone anspielt), als auch als Bestandteil der Technik, die das Lesen des
Stücks erst möglich macht. Sie sind die gehorsamen Arbeiter der Computer-Nutzer und
führen deren Befehle aus. In einem Dialog beschreiben sie ihre Aufgabe:
1. daemon: he, daemon wohin so eilig?
2. daemon: durch Netze und Kabel,
durch dicke und dünne
verdrahtetes Babel
verkabelte Sinne
ich trage Akten
Informationen
sinnlose Fakten
die den Weg nicht lohnen (s3.htm).
Gleich in diesem ersten Dialog der Daemons
werden die Vorbehalte, die gegen das Internet bestehen, beim Namen genannt: Ich
tausche über das Netz nur völlig nutzlose Informationen ohne Zusammenhang aus
(s3.htm). Die von vielen gefürchtete extreme Form der Informationsgesellschaft, der es
nicht mehr um die Qualität der Meldungen, sondern nur noch um die Quantität und
Schnelligkeit der Übermittlung geht, wird sarkastisch aus der Sicht derjeniger
geschildert, die diese Informationen weitertragen. Und ein weiteres Problem, das in
Zusammenhang mit der Diskussion um das Internet immer wieder auftaucht, wird ebenfalls im
ersten Dialog angesprochen: die Verbreitung von Pornographie im Internet. Vom zweiten
Daemon vernimmt man dazu:
Mein übergeordneter Netznutzer
beispielsweise
guckt sich zweidimensionale Nachbildungen
der weiblichen Wirklichkeit an
während er sich heimlich unterm Schreibtisch
die Hose öffnet,
weil er mit Objekten besser zurechtkommt
als mit sogenannten Lebewesen.
So transportiere ich Pornos (s3.htm).
Das Wort Pornos ist als Link
markiert, und wenn man diesen betätigt, dann führt dies zu einem weißen Bildschirm, auf
dem erst nachdem man auf der Seite nach unten gefahren ist in roter Schrift die Worte
BittewartenSieSiewerdengleichbedient erscheinen, so als hätte der Leser durch
den betätigten Link selbst darauf gehofft, auf einen pornographischen Inhalt zu stoßen
und befinde sich jetzt in der Warteschlange. Ironisch greift die Autorin Ängste und
Vorurteile gegen das Internet auf und konfrontiert den Leser bereits am Anfang des Stücks
damit.
Zu Beginn der Seite ist noch ein Link
eingebaut, es ist der Wortteil eil des Wortes eilig, das in der
ersten Zeile des bereits zitierten Dialogs auftaucht. Dieser Link führt zu einem Reim,
der variationsreich mit dem Sprichwort eile mit weile spielt und schließlich
mit der Zeile e-mail mit eil-e! endet. Klickt man auf das markierte Wort
e-mail, dann erscheint automatisch das Mailprogramm, das bereits die Adresse
der Autorin enthält, und somit diese letzte Zeile zum Aufruf macht, mit der Autorin in
Kontakt zu treten. Jetzt erst wird deutlich, warum nur der erste Teil des Wortes
eilig markiert ist, denn so wird eine Verbindung zum letzten Wort des Reims
hergestellt.fn 3
Spätestens an dieser Stelle zeigt sich offensichtlich, daß dieser Text nicht in
gedruckter Form möglich wäre, und E-mail als die Kommunikationsform im elektronischen
Medium integrieren kann.
Nur über den zurück-Befehl des
Internet-Programms kann der Leser wieder zum Haupttext zurückkehren und im Stück
fortfahren. Der zweite Link innerhalb dieses Haupttextes taucht in Zusammenhang mit der
Frage nach Existenz oder Nicht-Existenz von Sinn auf. Das ganze Stück hindurch sind die
Grenzen zwischen Sinn und Unsinn fließend, und somit wird eine für den Inhalt des
Stücks elementare Frage angesprochen:
Die Frage nach: Woher? Wohin? Ergibt
keinen.
Brauchen wir ihn, suchen wir einen.
Zur Sache nicht gehörend selbst,
wird er vom Menschen beigelegt (s2.htm).
Klickt der Leser auf das Wort
Frage, dann gelangt er zu einer Seite, die die Sinnfrage als lautmalerische
Formel ausdrückt. In roter Schrift auf schwarzem Hintergrund steht: Die Sinnfrage
in fortran [(2b).or.(.not.2b)]. Wird diese Formel Englisch ausgesprochen,
dann liest man das berühmte Shakespeare-Zitat To be or not to be... (Hamlet
III,2). Ein Zitat der klassischen Literatur wird in eine Formel der Computersprache
fortran ist eine mittlerweile überholte Programmiersprache umgesetzt, und
man kann sich die Frage stellen, ob hier die Sprache der Programmierer zur Literatur
erhoben wird, oder ob ein Klassiker der Weltliteratur zur bloßen Formel degradiert wird.
Unterhalb dieser Formel stehen dem Leser zwei weitere Navigationsmöglichkeiten zur
Verfügung.
Er kann entweder auf 2b
link oder auf .not.2b link klicken, und es erscheint im ersten
Fall 1 blink + 1 blink und im zweiten Fall 1 blink 1 blink.
Während ersteres wiederum als Link markiert ist und den Leser zur Einstiegsseite
zurückführt, stellt sich letzteres als Sackgasse heraus. Hier wird blink
wörtlich genommen, und die roten Zeichen leuchten vor dem Auge des Betrachters auf und
verschwinden wieder. Die Bedeutung der Worte wird so in graphisch animierter Form
umgesetzt.
Ein weiterer Link im Haupttext führt dem
Leser die Bedeutung des markierten Wortes bildlich vor Augen. Klickt man nämlich auf das
Wort Leere, dann erscheint nichts weiter als ein schwarzer Bildschirm, der die
meisten Leser wohl zunächst überrascht. Mit der Erwartung, daß auch bei diesem Link ein
größeres Textsegment mit Abzweigungen kommt, wird gespielt und stattdessen die
angesprochene Leere visualisiert.
Der vierte Link im Haupttext hält jedoch ein
verschachteltes Netzwerk unterschiedlicher Textsegmente bereit, das den Leser nicht nur in
der Textstruktur, sondern auch inhaltlich weit vom Ausgangsdialog wegführt. Das als Link
markierte Wort Untersuchungen führt zunächst zu einem originellen Wortspiel:
|:forsch forscht der forsche forscherfrosch:|
den frosch erforscht der forscherfrosch
der forscherfrosch erforscht den frosch
forsch erforscht der forscherfrosch
den erfroschten froscherforscher (s13.htm)
Die aus der Musik entnommenen
Wiederholungszeichen in der ersten Zeile geben dem Reim den Anschein eines Liedes. Klickt
man auf den Wortteil frosch in der ersten Zeile, dann gelangt man zu einem
österreichischen volkstümlich anmutenden Gedicht mit dem Titel S
Geigerl, das immer weniger eine Verbindung mit den vorangehenden Textsegmenten
erkennen läßt. Während das auf Untersuchungen folgende Sprachspiel noch
insoweit einen inhaltlichen Zusammenhang bot, da dort ebenfalls von Forschungen die Rede
war, ist eine solche Kohärenz im letzteren Fall kaum sichtbar. Die Grenze zwischen Sinn
und Unsinn wird hier überschritten, und das Gedicht steigert sich in den Befehl
lach!, der dreimal ausgesprochen wird und durch die immer größere
Schriftgröße noch eindringlicher wird. Alle drei Ausrufe sind als Link markiert, und
während der erste nach mehreren Zwischenstationen wieder zum Beginn des Gedichts
zurückführt, führen die anderen beiden zum Ende des Gedichts, das mit
Auflösung überschrieben ist:
lach! Wenn in dir die Wirbel knacken,
lach! wenn der Narr auf dem Dach,
wenn dem seine rohen Hände packen!
ach Geigerl, lach! (s14.htm)
Das Wort Narr führt zu einem
Textsegment, das zwar thematisch Narr aufgreift, aber noch deutlicher in
Klamauk abdriftet. Auf schwarzem Hintergrund liest man in den Farben Blau, Rot, Gelb und
Grün einen in pfälzischem Dialekt geschriebenen Karnevalsvers, die bunte Schrift und
wechselnde Schriftgröße führt den Unernst der Reime auch graphisch vor Augen. Wenn sich
der Leser fragt, was dieser plötzliche thematische Wechsel bedeutet, dann gibt erst das
Klicken auf die drei Punkte am Ende der Seite eine Auflösung. Dadurch gelangt man
nämlich zu der Variation eines Liedes, das unter dem Titel Alles hat ein Ende nur
die Wurst hat zwei vor einigen Jahren zur Karnevalszeit in Deutschland sehr
erfolgreich war. Die Autorin hat den Text jedoch abgewandelt:
Alles hat ein Ende, nur das Netz hat keins,
HURRA! Mein Schatz, ich trink noch eins,
doch Du darfst nicht traurig sein,
im Netz bleibt man nicht lang allein,
DENN:
Alles hat ein Ende, nur das Netz hat keins,
mein Schatz, ich trink noch eins! (s20.htm)
Geschickt wird auch hier das Karnevals- und
Unsinnsmotiv wieder aufgegriffen, aber jetzt mit einer sinnvollen Aussage versehen. Das
thematische Abschweifen der Links zuvor verdeutlicht die Endlosigkeit des Netzes, wo der
Leser unvermittelt von einem thematischen Bereich in den nächsten wechseln kann. Diesen
Vorgang des Verlorengehens in der Informationsfülle hat die Autorin den Leser durch die
angebotenen Links nachempfinden lassen und löst ihn in diesem Abschlußvers auf. In der
vorletzten Zeile ist das Wort keins markiert, und dieser Link führt wieder
zur Einstiegsseite des Stücks zurück. Der Kreis kann erneut von vorne beginnen und
theoretisch kann der Leser sich endlos darin bewegen.
Aber mit Hilfe des
zurück-Befehls kann er sich aus diesem Kreislauf befreien und den Haupttext
wieder erreichen. Dieser ist mit sieben weiteren Links versehen, die im folgenden
beschrieben werden sollen. Klickt man auf die vom Regisseur geschrieenen Worte Da
capo!!, dann springt die Seite im Text nach oben, und die gerade gelesene
Prügelszene zwischen den Daemons wird, ganz wie es bei Da capo!! zu erwarten
wäre, wiederholt. Link Nummer sechs macht deutlich, daß hinter dem auf dem Bildschirm
erscheinenden Hypertext eine fehleranfällige Technik steckt. Er führt nämlich zu einer
Fehlermeldung des Computers und nimmt in einer comicähnlichen Graphik die Frustration des
Computernutzers bei technischen Problemen dieser Art mit auf.
Im Verlauf des Haupttextes lautet eine
Regieanweisung während 1 auf offener Bühne von einem Notarztteam versorgt wird,
rappen der Revoluzzer und Schrank über die Bühne. Am Ende dieses Raps
verfällt der Text ins Stottern, und man liest:
Stellt Euch mal vor dadadada
alle für Euch mal vor
dededenktank gededededenktank
Lochschrank dedededenktank
Stellt Euch mamamal vor (s2.htm)
Das markierte dedededenktank
führt zu einem Textelement in dem die Autorin mit Sprachspielereien die Zunahme von
Anglizismen in der deutschen Sprache ironisiert. So ist von einem Denktank die
Rede, das wohl eine wörtliche Übersetzung des englischen thinktank
darstellt, in dieser Form aber keinen Sinn ergibt. Auch das Weglassen von Flexionsendungen
greift sie auf, wenn sie schreibt auf die Wand von sein Blechtank. Die Zeilen
sind mit dem Aufruf THINK!! überschrieben. Visuell erinnert dieser
Textabschnitt an die Einstiegsseite des Stücks, da der gleiche Hintergrund verwendet
wird. Er ist in Grautönen gehalten und zeigt in wiederkehrender Folge die gleichen drei,
sich überschneidenden Elemente: einen Soldaten, einen offenen Kühlschrank und eine
Comicfigur. So wird auch bildlich die Verbindung zum Titel, der ebenfalls den Denker
im Denktank enthält, wieder aufgegriffen.
Die vorletzte Regieanweisung des Stücks
lautet Die Schranktür fällt zu. Das markierte fällt zu
transferiert den Leser zu einem originellen Sprachspiel mit dem Wort viele und
dem Computerausdruck file, die sich nur dann reimen, wenn file
nach den deutschen Ausspracheregeln ausgesprochen wird:
***MESSAGE***
...mit viel gefühl
mit viele gefühle
mit fühle gefile
viele viele
viele file
end of file
************
(s7.htm)
Wenn der Leser nach diesem kleinen
Sprachspiel wieder zum Haupttext zurückkehrt, dann kann er selbst entscheiden, ob für
ihn das Stück beendet ist oder nicht. Er hat die Wahl zwischen Vorhang fällt
und fällt nicht. Vorhang fällt führt zurück zur beschriebenen
Einstiegsseite, bei fällt nicht springt der Text zurück zum ersten Dialog,
und der Leser kann das Stück von vorne beginnen. Als letztes Element hat die Autorin die
Möglichkeit zu positiver und negativer Kritik vorgesehen. Klickt man auf
?????APPLAUSAPPLAUS / BUUUHBUUUH?????, dann erscheint wieder das bereits zuvor
eingebaute Sprachspiel eile mit weile, das letztlich zur E-mail Adresse der
Autorin führt und so eine direkte Reaktion nach Beendigung des Stücks ermöglicht.
Kieningers Text bewegt sich immer an der
Grenze zwischen Sinn und Unsinn und wechselt spielerisch zwischen absurden und ernsthaften
Passagen hin und her. Mehrmals wird der Satz es ist so sinnvoll unvermittelt
in die Dialoge eingefügt und ironisiert so zum Beispiel die verzweifelten Bemühungen,
den Schrank exakt zu beschreiben. Werden ernsthaftere Themen wie Arbeitslosigkeit,
Atomkraft oder Angst angesprochen, dann wird das sofort mit dem erschreckten Aufruf
Über so etwas spricht man nicht! abgewürgt. Dies kann als ein Hinweis darauf
verstanden werden, wie viele Menschen mit unangenehmen Themen umgehen. Durch Verdrängen
oder das Ausweichen in Nonsens werden Probleme beiseite geschoben und nicht gelöst.
Die bereits erwähnten 13 Graphiken setzen
die Szenen bildlich um. Sie sind aber nicht nur Erläuterungen zum Text, sondern
übermitteln auch Details, die nicht im Text erwähnt werden. Dies gilt insbesondere für
die Prügelszene, die in neun Graphiken visualisiert wird und die durch die eingefügten
lautmalerischen Ausrufe wie Argh! oder KA-POFF!! an
Comiczeichnungen erinnert. Hier gehen die Graphiken über den Text hinaus und sprechen
für sich. Mit originellen Ideen hat die Autorin die auf der Tastatur vorhandenen Zeichen
in Bilder umgesetzt, und gleichzeitig Ausrufe wie meine Brille! oder
ATTACKE! als Schriftzeichen darin integriert. Sie stellen daher ein Beispiel
für die These dar, daß sich im Hypertext Schrift und Bild immer weiter annähern.

Abbildung
Die Netzwerkstruktur des Stücks ist relativ
einfach gehalten. Die Autorin orientiert sich noch stark an linearem Text, indem sie einen
Haupttext geschaffen hat, von dem zwar Links abzweigen, zu dem der Leser aber
unkompliziert wieder zurückfindet. Die Möglichkeiten, die Hypertext bietet, um die
Linearität des Textes aufzulösen, nutzt sie nicht. Dadurch besteht kaum die Gefahr, daß
Leser in der Struktur verloren gehen könnten. Dieser Text ist daher für diejenigen, die
an Netzliteratur interessiert sind, aber noch keine Erfahrung im Umgang mit Hypertext
haben, eine gute Einstiegsmöglichkeit, um mit dem Prinzip vertraut zu werden.
Andererseits ist die Struktur des Textes nicht sehr reizvoll und fordert nicht dazu auf,
immer wieder zum Text zurückzukehren. Der gesamte Haupttext ist auf eine durchgehende
Seite gestellt, was das Lesen etwas beschwerlich macht. Der Leser muß entweder mit Maus
oder Tastatur die Seite nach unten fahren, und kann leicht in der Zeile verrutschen.
Martina Kieninger hat ein originelles Stück
Netzliteratur geschaffen, das mit den Erwartungen der Leser spielt und durch
überraschende Wendungen gute Effekte erzielt. Visualität und Struktur des Stücks sind
in sich schlüssig, aber nicht besonders aufwendig gestaltet. Sie stellt eine Verbindung
zwischen inhaltlicher Aussage und hypertextueller Umsetzung her, denn in den Dialogen
werden wiederholt die Themen Internet und Computer angesprochen. Das Stück Der
Schrank. Die Schranke. ist interessant und anregend zu lesen, und die Autorin hat mit
einfachen Mitteln Netzliteratur geschrieben, die trotz kleinerer Schwächen überzeugt.
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