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5. Netzliteratur konkret
 

Auszug aus: Nina Hautzinger: Vom Buch zum Internet? Eine Analyse der Auswirkungen
hypertextueller Strukturen auf Text und Literatur.

Mannheimer Studien zur Literatur- und Kulturwissenschaft
Band: 18
Jahr: 1999
ISBN: 3-86110-196-3
Weitere Angaben: Broschur, 131 Seiten, 32,- DM / 233,60 ÖS / 29,50 SFr

Weitere Informationen und Bestellmöglichkeit unter http://www.roehrig-verlag.de/buecher/3-86110-196-3.htm

 

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5.1. Kriterien zur Auswahl und Interpretation von Netzliteratur

5.2   Martina Kieninger: Der Schrank. Die Schranke. 1 Stück Theater für 1 Denker im Denktank

5.3  Peter Berlich: CORE

5.4 Susanne Berkenheger: Zeit für die Bombe

5.5 Netzliteratur – die Literaturform der Zukunft?

 

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5.1. Kriterien zur Auswahl und Interpretation von Netzliteratur

Die Analyse hypertextueller Strukturen und ihrer Auswirkungen macht deutlich: Netzliteratur ist eine neue Art des Schreibens und Lesens, die nach eigenständigen Interpretationsansätzen verlangt. Die Methoden, um sich
Netzliteratur zu nähern, müssen die Besonderheiten dieser Kunstform miteinbeziehen und dürfen nicht lediglich
altbewährte Ansätze auf sie übertragen. Wie im Verlauf der Arbeit gezeigt wurde, unterscheidet sich
Netzliteratur durch seine hypertextuelle Struktur elementar von gedruckten Texten. Doch ist es zum jetzigen
Zeitpunkt nur schwer möglich, ”die Netzliteratur” exakt zu definieren und abzugrenzen, denn dieses neue
Medium steckt noch in den Kinderschuhen, und Autoren experimentieren erst mit den Möglichkeiten, die es
ihnen bietet. Das hypermediale Gesamtkunstwerk, das Text, Bild und Ton gleichermaßen zu einer
überzeugenden Einheit verbindet, scheint noch ein Ziel zu sein, auf das die Entwicklung im Bereich der
Netzliteratur hinstrebt. Aber es gibt immer mehr kreative literarische Umsetzungen hypertextueller Strukturen,
die es wert sind, einer genaueren Betrachtung unterzogen zu werden.

Wie kann jedoch entschieden werden, welche Beiträge die beste Netzliteratur darstellen? Autoren bieten sehr
unterschiedliche Ausführungen dessen an, was sie unter Netzliteratur verstehen. Rotermund teilt die vorhandene
Menge in vier Kategorien ein:

”1. Gedichte und Erzählungen, die sich von ihrer medialen Umgebung noch in keiner Weise beeindrucken oder
beeinflussen lassen.

2. Hypertext-Literatur im Sinne der von Michael Joyce und anderen entwickelten Hyperfiction: navigierbarer Text
mit einer häufig recht komplexen und häufig nicht-linearen Struktur; aber wohlgemerkt: nur Text.

3. Die in der Tradition der barocken Lyrikmaschinen und der Konkreten Poesie der letzten fünzig Jahre
stehenden Text- und Sprachexperimente, die an den visuellen und akustischen Eigenschaften von Texten
mindestens ebensosehr interessiert sind wie an ihren semantischen.

4. Multimediale, scriptgesteuerte Kunstwerke mit Anteilen von Text, Bild, Animation und Audio, im Idealfall
WWW-Gesamtkunstwerke” (3).

Im folgenden soll zunächst erläutert werden, welche Kriterien zur Auswahl der in dieser Arbeit analysierten
Beispiele geführt haben, und welcher interpretatorische Zugang gewählt wurde. Das wichtigste Kriterium bei
der Zusammenstellung der Texte war, daß der jeweilige Text nur als Hypertext existieren kann. Linearer Text,
der nur insofern hypertextuelle Strukturen besitzt, daß er statt des Umblätterns einer Seite die Betätigung eines
Links verlangt, ist nicht bereits Netzliteratur. Bisher finden sich noch viele Erzählungen dieser Art im Internet, die
sich mit der Bezeichnung Netzliteratur schmücken, im Grunde aber nur Online-Versionen gedruckter Texte sind.
Die ausgewählten Beispiele müssen hingegen so gestaltet sein, daß sie nicht in gedruckter Form möglich
wären und daher eine wirklich neue Form literarischer Arbeiten darstellen. Darüberhinaus wurde berücksichtigt,
in wie weit die inhaltliche und technische Gestaltung als gelungen angesehen werden kann.

Die Beurteilung und Wertung der literarischen und gestalterischen Umsetzung erfolgt auf Grundlage einiger
Kriterien zur Interpretation von Netzliteratur, die das Charakteristische dieser Kunstform berücksichtigen. Im
Verlauf der Arbeit wurde gezeigt, daß sich Hypertexte vor allem durch folgende Elemente von gedrucktem Text
unterscheiden: Sie bestehen aus einzelnen Textsegmenten und besitzen eine nichtlineare, durch Links
navigierbare Struktur; die Rolle des Lesers verändert sich, und er wird aktiver in den Erzählverlauf eingebunden;
die als Hypermedia bezeichnete Integration von Text, Bild und Ton schafft eine neue Ausdrucksform, die nicht
mit gedrucktem Text vergleichbar ist. Bei der Bewertung der ausgewählten Beispiele sollen diese Aspekte
besonders berücksichtigt werden, da sich hier Netzliteratur von gewohnten narrativen Formen unterscheidet.

Folgenden vier Punkten soll bei der Analyse der Stücke besondere Beachtung geschenkt werden: der Leserrolle; der Integration von Text, Bild und Ton; der Komplexität der Netzwerkstruktur; und der literarischen Gestaltung. Bei der Leserrolle soll darauf geachtet werden, wieviel Navigationsfreiheit dem Leser zugestanden wird, welche Orientierungspunkte ihm angeboten werden, und ob die Gefahr besteht, daß er sich im Textgeflecht verliert. Im Hinblick auf Hypermedia-Elemente ist von Bedeutung, ob sie eingesetzt werden, wie oft und an welchen Stellen sie eingesetzt werden, und welche Wirkung damit erzielt wird. Verbinden sie sich zu einer schlüssigen Einheit? Geben die Bilder und graphischen Elemente dem Werk eine zusätzliche Bedeutungsebene, die den Text bereichert? Diese und ähnliche Fragen sollen in die Analyse miteinbezogen werden. Die dem Text zugrundeliegende Netzwerkstruktur soll herausgearbeitet und in Einzelteile zerlegt werden, damit die Basis des Textes deutlich wird. Hierbei soll besonders den Links, die Einfluß auf die Leserführung im Text haben, Beachtung geschenkt werden. Fragen, die die Anzahl der Textsegmente und Links, und ihre Verteilung im Text betreffen, bieten einen wichtigen Zugang zum Text. Schließlich ist die Verwendung der literarischen Elemente ein weiteres Kriterium zur Beurteilung des Textes. Wie ist die Handlung
des Textes gestaltet? Gibt es überhaupt eine Handlung? Welche Charaktere treten auf und wie sind sie dargestellt? Welche stilistischen Mittel werden eingesetzt?

Für diese Arbeit sollen drei Werke der Netzliteratur konkret unter Berücksichtigung der genannten Aspekte
untersucht werden. Alle drei Werke haben gemeinsam, daß sie nur als Hypertext realisiert werden können und
sich dadurch von linearen Texten abgrenzen.fn1 Ihre Umsetzung variiert jedoch, und jedes Stück zeichnet sich
durch einen eigenen, charakteristischen Stil aus. Martina Kieningers Stück Der Schrank. Die Schranke. 1
Stück Theater für 1 Denker im Denktank erinnert durch seine Dialogform und die Regieanweisungen an ein
Theaterstück.

In CORE baut Peter Berlich die Tatsache, daß Hypertext nur mit Hilfe des Computers lesbar ist, in den
Erzählablauf mit ein. Und Susanne Berkenheger hat mit Zeit für die Bombe ein dichtes erzählerisches Netzwerk
geschaffen. Diese drei Beispiele für Netzliteratur werden nachfolgend genauer analysiert und sollen somit das
in den bisherigen Kapiteln Erarbeitete verdeutlichen.

 

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