Gesucht: Professionelle Amateure
Das Berliner Zimmer im
Gespräch mit
Christian Bartel vom
Literaturmagazin „Hanebüchlein“
Berliner Zimmer: Wer
sind die Leute, die hinter dem
Hanebüchlein
stehen, und wie sieht deren Arbeit aus?
Christian Bartel: Die
Redaktionsräume des Hanebüchleins werden ganzjährig von den Redakteuren
bewohnt, so dass ganz beiläufig eine fruchtbare bis beklemmende
Überschneidung von Leben und Arbeit entsteht. Redaktionelle oder
gestalterische Probleme werden dementsprechend bisweilen schon am
Frühstückstisch diskutiert, was ich persönlich für eine Unart halte. Dazu
kommen regelmäßige Arbeitstreffen mit den Hausautoren, auf denen die
Fortsetzungsromane weitergesponnen werden und Fragen der, in der Regel
fehlenden, public relations besprochen werden. Herr Fleßing serviert dort
Tee und Gebäck.
Eine Trennung der einzelnen Ressorts findet in der Regel nicht statt, die
Zuständigkeit endet mit Kompetenz und Neigung des entsprechenden
Mitarbeiters. Jeder schafft ganz nach seinen Bedürfnissen und Befähigungen,
was Entfremdung vorbeugt. Herr Nachit sorgt für die liebevolle Bildauswahl,
die in ihrer Antiquiertheit das Modernistische des Mediums Internet
konterkariert, besorgt HTML-Frondienste und bespricht Lichtspielereignisse
während Herr Hansmann gewissermaßen die technische Leitung des Projektes
hat. Beide zusammen wachen sie mit Argusaugen über den schmalen Pfad der
guten Lesbarkeit und des, gemessen an den Maßstäben der sonstigen
Gepflogenheiten im Netz, minimalistischen gestalterischen Ausstattung, den
sich das Hanebüchlein zu beschreiten auferlegt hat. Herr Bartel drängelt
sich vor, besorgt die Illustrationen, betreut den "Plat du jour", schreibt
Kurzgeschichten und versucht, doch noch irgendwelche Spielereien
unterzubringen. Frau Schüller betreut die Damen-Kolumne, wobei ihr Frau
LaRouche bisweilen zur Hand geht, welche auch unter diversen anderen Namen
herumgeistert. Herr Himmelstedt jr. schreibt Kurzgeschichten sowie die
TaxiBert-Saga, Herr Tigchelaar tut es ihm bei den Kurzgeschichten gleich und
bringt außerdem noch verlegerisches Know-How ein, welches er als Verleger
des derzeit ruhenden "Großenwahns" zweifellos erworben hat. Auch Herr Kühn
schreibt Diverses, beschäftigt sich aber momentan hauptsächlich mit der
Propagierung seiner selbst sowie des Hanebüchleins auf verschiedenen,
sogenannten Liedermaching-Veranstaltungen in Deutschlands Lasterhöhlen. Der
neue Tonträger des Herrn Kühn aka Der Flotte Totte kann übrigens auch
über die Hanebüchlein-Site direkt vom Erzeuger angefragt werden.
BeZi: Seit wann gibt
es das Hanebüchlein?
CB: Die ursprüngliche
Idee des Hanebüchleins ist schon recht alt. 1995 oder 96, ausbaldowert von
Herrn Kühn und Herrn Bartel. Damals war es natürlich noch die Idee eines
Printmagazins, gelayoutet auf dem Computer eines befreundeten Irren, der die
zweifelhafte Ehre hatte, sich seitenweise durch verschmierte
Schreibmaschinenmanuskripte kämpfen zu dürfen. Es existiert sogar noch eine
Urversion mit den alten Texten, die jedoch nie veröffentlicht wurden.
Irgendwann im Sommer letzten Jahres wurde der Gedanken wieder hervorgekramt:
vor allem weil Herr Bartel in dieser Zeit viel geschrieben hatte und nicht
recht wusste wohin damit.
... und die etablierten Verlage in dieser Hinsicht nicht sehr kooperativ waren
... Da lag es dann nahe, sich selbst einen adäquaten Präsentationsrahmen zu
schaffen, zumal diese Idee, wie gesagt, schon länger anhängig war. Wegen der
vorliegenden Texte war das Hanebüchlein als themenzentriertes Heft geplant,
das sich dem Thema: Gewalt & Verbrechen annähern sollte, daher rührt auch
noch der Untertitel der Veranstaltung "Geschichten mit Hängen und Würgen".
Als wir uns für die Internetlösung entschlossen hatten, wurde die Idee
geboren, die Präsentation der Texte mit einem Magazinteil zu unterfüttern,
um mit den kolumnistischen Texten häufiger Präsenz zu zeigen, als das mit
Kurzgeschichten oder gar längeren erzählenden Texten möglich gewesen wäre.
BeZi: Was ist die
Idee, die hinter dem Projekt steckt, warum machen Sie das? Was und wen
wollen Sie damit erreichen? Was sind die Ziele, die man mit einem
solchen Literaturprojekt ansteuern möchte?
CB: Das Hanebüchlein
ist im wesentlichen eine Produzentengalerie, das heißt die meisten Autoren,
die hier ihre Texte präsentieren, stehen in direktem Kontakt zur Redaktion
oder redigieren selber, so dass Erscheinungsbild und Konzept des Projektes
bisher im Dialog erarbeitet wurden. Allerdings kommen erfreulicherweise
immer mehr Autoren auf elektronischem Wege zu uns, die uns Texte zur
Veröffentlichung überlassen, so dass eine stringentere Redaktionsarbeit
unerlässlich wird. Allerdings soll die ursprüngliche Idee, dass im
Hanebüchlein `Liebhaberstücke` präsentiert werden, nicht verloren gehen. In
dem kolumnistischen Teil des Hanebüchleins hat sich ein salonhafter
Plauderton etabliert, der, leicht blasiert, vor Belehrung des Lesers nicht
zurückschreckt, aber dennoch prinzipiell dessen Erbauung dient. Oftmals
haben diese Texte satirischen Charakter. Dennoch ist das Hanebüchlein eher
ein Produkt satirischer Grundhaltung, als ein Satiremagazin. Einige
reizvolle Texte, wie das Brecht-Essay von Ali Shad, sind zweifellos nicht
satirisch, passen aber, wegen ihrer außergewöhnlichen Perspektive, dennoch
gut ins Hanebüchlein. Die Textsammlungen "Räuberpistolen" und
Liebesgeschwüre" unterliegen nur den angegebenen thematischen
Einschränkungen, die nicht gerade eng gefasst sind. Wir denken, dass es
statthaft ist, computernutzenden Alphabeten die Rezeption verschiedenartiger
Texte zuzumuten, ohne diese einzeln zu etikettieren. Ende diesen Jahres soll
übrigens der erste Hanebüchleinsammelband in gedruckter Form herauskommen.
Wir wollen das erste Konvolut Räuberpistolen auf den Markt werfen, mit
bekannten, im Netz publizierten Geschichten, und zahlreichen Bonustracks.
Der Vertrieb wird auch über die Site laufen, nebenbei bemerkt. Weitere
Sammelbände sollen dann möglichst regelmäßig folgen.
BeZi: Gut, der
Untertitel ist geklärt. Doch warum: "Hanebüchlein"?
CB: Der Name
Hanebüchlein steht für ein gewisses Understatement und strahlt, wie auch
unser geliebter Commodore Nutt, eleganten Retro-Charme aus. Der Diminutiv
von "Buch" in Verbindung mit dem Wort "Hanebüchen" deckt eine assoziative
Bandbreite ab, die von betulicher Gartenlaube bis zynischer Boshaftigkeit
reicht. Irgendwo dazwischen liegt wohl auch das Wesen des Hanebüchleins. Wir
kokettieren einerseits gerne mit diesen altbackenen Formulierungen wie "Die
Seite für die Dame" und den dazugehörigen Fotos, andererseits bewegen wir
uns aber, vor allem rezensierend, in populärkulturellen Gewässern und
gelegentlich werden wir auch obszön. Das passiert halt. Die Brüche und
Gegensätze, die aus einer solchen Präsentation entstehen, finden wir
ziemlich lustig. Irgendwie passt zu dem Nischendasein eines kleinen Magazins
im Netz auch dieser Gestus biedermeierlicher Nettigkeit, der freilich
inhaltlich nicht eingelöst werden soll.
BeZi: Sie rufen
Autoren auf, Ihnen Texte zu schicken. Was suchen Sie, wer kann sich bei
Ihnen melden?
CB: Wir rufen ganz
explizit zu Dilettantismus auf. Uns gefällt die ursprüngliche Idee des
Amateurs, die ursprünglich keine qualitative Herabsetzung bedeutet, sondern
lediglich von der Liebe zu einer bestimmten Tätigkeit zeugt. Wir
publizieren, das was uns Spaß macht, Texte, die uns inspiriert erscheinen.
Deshalb wollen wir uns nicht zu genau auf bestimmte Genres festlegen, wir
sind prinzipiell offen für alle Arten von Literatur. Schwierig finden wir
allerdings esoterische Blümchenlyrik oder pathetische Nabelschau
selbsternannter Genies, zumal die Hausautoren in diesen Disziplinen kaum zu
übertreffen sind. Generell gilt es eigentlich nur, die geistige Pubertät in
Ruhe hinter sich bringen, aber auch nicht zu weit, und dann erst anzufangen,
dem Hanebüchlein Texte zu schicken. Dann kann gar nichts passieren.
BeZi: Wann hat man
Chancen, einen selbstverfassten Text im Hanebüchlein lesen zu können?
CB: Jederzeit. Einfach
einschicken. Wenn die Texte nicht zu den derzeit existierenden Rubriken
passen sollten, erfinden wir einfach neue. Die Rechte bleiben natürlich bei
den Autoren.
BeZi: Haben Sie Tipps,
wie man als Autor auf sich und seine Texte im Internet aufmerksam machen
kann?
CB: 1. Für einen
Siegeszug im Internet lasse man einfach in einem beliebigen Text die Worte
"Teresa Orlowski" und "Straßenstrich" fallen, so man denn bei den
Suchmaschinen angemeldet ist. Und schon sind sie alle da. Und gleich wieder
weg, siehe das
Logfile des Hanebüchlein.
2. Oder gleich im Hanebüchlein veröffentlichen ...
BeZi: Was sollten
Autoren und Autorinnen im Netz unbedingt vermeiden?
CB: Disziplin, bzw.
Leberwurst. Grobe Leberwurst, um genau zu sein. Desweiteren soll man bei der
optischen Gestaltung eigener Seiten bitte die Grenzen der Schicklichkeit
wahren und die Gebote des Commodore Nutt achten: "Frames, Zappelgifs,
labyrintische Site-Strukturen und allgemeines Klicki-Bunti-Design sind ein
Greuel in meinen Augen. Von Übel sind auch Farbexperimente: Solche, die
allen Ernstes meinen, blaue Schrift auf rosa Hintergrund sei dem
Lesevergnügen förderlich, sollen des Todes sterben. Ferner sind unrein:
Pop-Ups, psychedelische Hintergründe und Flash-Intros, sowie piepsige
Midi-Melodien Denn Höre, Israel : alles was eine Seite zur HTML-Dorfdisco
macht, ist mir ein Frevel und ihr sollt es nicht nutzen auf Euren Sites. Und
das war´s auch schon."
BeZi: Sollte man seine
Texte umsonst veröffentlichen, oder glauben Sie an die Möglichkeit des
ökonomischen Gewinns im Internet?
CB: Mit einem rein
elektronischen Projekt literarischer No-Names Profit machen zu wollen, ist
reichlich schwierig. Eine Finanzierung durch Werbung ist der einzig gangbare
Weg, allerdings verbieten sich gewisse Formen der Bannerwerbung schon allein
wegen ihrer Hässlichkeit. Die Einkünfte, die man mit den allgemeinen
Konditionen der großen Werbekunden (Amazon, bol, etc.) erzielen kann, sind
dazu erschreckend gering, geradezu vernachlässigenswert. Vorteilhaft ist
lediglich, dass man als Werbepartner großer Bücherhäuser die Cover der
rezensierten Objekte als Illustrationen benutzen darf, was wir aber ohnehin
schon immer getan haben. Merchandising ist zwar toll, muss aber aufwendig
vorfinanziert werden, wenn es profitträchtig sein soll. Außerdem steht man
dann blöd da mit seinen zweitausend Hanebüchlein-Eierbechern, die keiner
kauft. Dennoch glauben wir krampfhaft an den ökonomischen Gewinn, und zwar
nicht nur im Internet, sondern auf ganzer Linie. Das heißt für die Autoren,
dass wir keine Honorare zahlen können, was wir aber ohne weiteres tun
würden, wenn wir das könnten. Das ist nicht schön, lässt sich aber im Moment
nicht ändern.
BeZi: Wie finanziert
sich in einer solchen Situation das Hanebüchlein?
CB: Bis jetzt
finanzieren wir uns ausschließlich durch den Erlös, den unser hauseigener
Backwarenspezialist, der Herr Fleßing, mit seinem Kuchen- und Keksverkauf
auf Heavy Metal-Conventions erzielt. Also gar nicht.
BeZi: Lesen Sie selbst
viel am Bildschirm, wenn ja: welche Web-Sites empfehlen Sie? Oder drucken
Sie sich Texte aus?
CB: Die
Hanebüchlein-Redakteure sind hier, wie immer, uneins. Manche lesen nur vom
Papier, andere wiederum sind gar nicht mehr fortzukriegen vom Bildschirm.
Eine kleine Auswahl schöner Sites stellen wir jedenfalls in der Rubrik
"Befreundetes Ausland" vor. Erwähnt seien hier nur die ominösen
www.dreigriechen.de, der Kleinproduzent
www.kpk-film.de und die musikalischen Experimente der
Herren Tigchelaar und
Widmann
wegen ihrer ausgesprochenen Schönheit und der freundschaftlichen, bisweilen
inzestuösen Nähe zum Hanebüchlein.
BeZi: Vielen Dank für
die aufschlussreichen Antworten!
CB: Gern geschehen.
Dieses Interview führte
Jörn Pinnow im Juni 2001.
Nachdruck und
Vervielfältigung - auch auf elektronischem Wege - ist nur mit schriftlicher
Genehmigung des Berliner Zimmers erlaubt.