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"In Berlin gibt es ein sehr lesungsbegeistertes Publikum"

Das Berliner Zimmer im Gespräch mit der Berliner Autorin Tanja Dückers

Tanja Dückers
©Foto: Enno E. Peter

Ende Februar 2002 präsentierte der Literarische Salon Britta Gansebohm im Berliner Podewil ein neues Buch aus dem Aufbau-Verlag, die "Wahlverwandtschaften", herausgegeben von Jörg Paulus, Rainer Merkel und David Wagner. Das Buch enthält kurze Telefongeschichten von elf jungen Berliner Autoren und Autorinnen, unter ihnen auch Tanja Dückers


Tanja Dückers Roman: Spielzone

Seit 14 Jahren ist die 33-Jährige in Berlin als Autorin tätig. 1996 erschienen ihre ersten Lyrikbände. 1999 verlegte der Berliner Aufbau-Verlag ihr Debüt "Spielzone" (Theatertipp: Spielzone können Sie bis zum 20. Juni 2004 in Berlin erleben). Der zweite Roman der gebürtigen Berlinerin "Himmelskörper" wird im Frühjahr 2002 erscheinen. Tanja Dückers zählt sich selbst zum etablierten Literaturbetrieb, fühlt sich aber auch in der literarischen Underground-Szene zu Hause. 

Sabrina Ortmann hat Tanja Dückers in Berlin getroffen.

BeZi: Frau Dückers, seit wann arbeiten Sie literarisch?

Tanja Dückers: Ich sage immer, dass ich seit 1988 schreibe, weil ich seitdem ohne eine längere Pause kontinuierlich literarisch gearbeitet habe. 1988, da war ich 20, habe ich angefangen einen Roman zu schreiben und mich gleich total übernommen. Der Roman ist nie fertig geworden. Das war also durchaus auch ein Akt der Selbstüberschätzung. Ich bin darauf hin erst mal wieder zur kleineren Form zurück gekommen.

BeZi: Dann haben Sie wahrscheinlich wie die meisten Autoren mit Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften angefangen?

Tanja Dückers: Nein, keineswegs. Ich war zunächst überhaupt nicht an der Außenwelt interessiert, sondern ich habe einfach geschrieben. Die Publikation und Verbreitung meiner Texte hat mich erst später interessiert. Man muss ja auch erst mal etwas haben, was man veröffentlichen kann.

BeZi: Wo war dann der Schritt hin zum Verlag?

Tanja Dückers : Meine ersten Lyrikbände sind 1996 im Bonsai typ Art Verlag erschienen, also acht Jahre nachdem ich angefangen hatte, intensiv zu schreiben. Allerdings war ich nicht wie andere mit 22 Jahren sofort bereit, zu einem großen Verlag zu gehen, mich zu präsentieren und Lesungen zu machen. Ich war damals sehr introvertiert.

BeZi: Wieviele Stunden widmen Sie am Tag etwa der literarischen Arbeit?

Tanja Dückers: Viel zu wenig. Das ist leider eine meiner großen Desillusionierungen in Bezug auf den Literaturbetrieb: Ich verbringe 70 Prozent meiner Zeit mit Organisatorischem und nicht mit dem Schreiben. Zum Schreiben bleibt mir normalerweise höchstens eine Stunde am Tag. Ich kann selten so viel schreiben wie ich Lust hätte.

BeZi:Können Sie in wenigen Sätzen sagen, was das Schreiben für Sie bedeutet?

Tanja Dückers: Ich weiß, das klingt etwas kitschig, aber Schreiben ist das, was ich immer machen wollte. Und trotz dieser Ärgernisse, dass man Managerin, Sekretärin und Autorin in Personalunion ist, bleibt es doch mein Traumberuf. Schreiben bedeutet für mich eine Art von, wie ich das immer nenne, sinnlicher Geschichtsschreibung. Ich glaube, dass es wichtig ist, dass man als Autor auf seine Gegenwart reagiert, sie in Kunst transformiert und sie damit kommentiert. Das sollte man nicht nur Historikern und Medienleuten überlassen. Schreiben ist für mich eine Form von in der Welt sein, eben die Umgebung beobachten und dann im Schreiben einfangen.

BeZi: Arbeiten Sie im Moment an einem neuen Buch?

Tanja Dückers:

Ja, an einem neuen Roman, "Himmelskörper". Die Hauptperson ist eine Meteorologin. Es geht um das Verhältnis dieser jungen Frau zu ihrer Familie. Der Fokus liegt auf drei Generationen von Frauen: die Meteorologin, ihre Mutter und ihre Großmutter. Das ist eine etwas verstrickte Familiengeschichte. 

Ein anderes Thema ist eine deutsche Geschichte: wie Großmutter und Mutter gelebt haben, wie sie damit umgehen und wie die Protagonistin das alles einschätzt. Die Sicht ist eine sehr moderne, aber es gibt auch eine Anbindung an die Vergangenheit und eine dramatische Binnengeschichte. Die Meteorologin hat ein sehr enges Verhältnis zu ihrem Zwillingsbruder, und sie verlieben sich als Teenager beide in den gleichen Jungen, der aber erst noch nicht weiß, dass er schwul ist. Er ist erst mit der Protagonistin zusammen und dann mit ihrem Bruder. An diesem Punkt stellt sich die Protagonistin die Frage nach ihrer weiblichen Identität und sieht sich das Leben ihrer Mutter und ihrer Großmutter genau an.

BeZi: Wann wird der Roman fertig sein?

Tanja Dückers: Eigentlich jetzt... Er sollte in diesem Sommer erscheinen, aber das habe ich nicht geschafft. Er wird daher im Frühjahr 2003 erscheinen.

 

"Die Verlagsleute sind ja auch eitel. Sie wollen Autoren haben, die sich entwickeln und auf die sie stolz sein können."

Lesung im Salon Britta Gansebohm (Foto: Sabrina Ortmann)
Tanja Dückers liest aus den "Wahlverwandtschaften" 
(©Foto: Sabrina Ortmann)

 

BeZi: Sie arbeiten ja auch als Journalistin. Können Sie von der literarischen Arbeit nicht leben?

Tanja Dückers : Doch, ich kann davon leben. Als Journalistin bin ich vor allem tätig, um ein zweites Standbein zu haben. Man weiß ja nicht, ob man immer so viele Stipendien und Preise bekommt wie man sich das wünscht. Außerdem macht mir der Journalismus auch Spaß. Literatur ist so furchtbar langwierig, es dauert ewig bis ein Buch da ist. Das ist wirklich ermüdend. Der Journalismus ist aktueller. Das rückt einen ein bisschen mehr in die Gegenwart und man steckt nicht so eremitenhaft für drei Jahre in seinem Stoff. Das finde ich geistig sehr erfrischend.

BeZi: Das heißt, Sie verdienen Ihr Geld weniger durch den Verkauf der Bücher als durch Preise und Stipendien?

Tanja Dückers : Ja, auf die Art habe ich viel Geld verdient. Aber das ist sehr glücksabhängig, und viele Stipendien bekommt man auch eher als jüngerer Autor. Mit 45 kann ich sicher nicht mehr damit rechnen, so viel zu bekommen. Und vielleicht wachsen ja bis dahin auch meine Ansprüche. Zur Zeit wohne ich in einer Wohnung mit Kohleofen...

BeZi: Wo liegt denn nun aber Ihr Schwerpunkt?

Tanja Dückers : Ich betrachte mich als Schriftstellerin. Ich verfasse zwar ziemlich oft Artikel, und dieses Jahr war da wirklich sehr gut bezahlte Aufträge dabei. Aber trotzdem, ganz ehrlich, halte ich andere Journalisten für geübter und professioneller. Ich habe gar keine Ausbildung als Journalistin gemacht, ich bin da eigentlich über meinen Namen als Autorin so reingerutscht. Und obwohl man natürlich durch die Praxis dann geübter wird, glaube ich, das ich in der literarischen Arbeit einfach besser bin.

BeZi: Was sollte ein junger Autor beachten, wenn er einen Verlag finden will, auch im Hinblick auf den Vertragsabschluss?

Tanja Dückers : Ich würde mich auf jeden Fall an eine Literaturagentur wenden weil sich die Agenturen viel mehr Gehör verschaffen können. Wenn die sich entschließen, einen Autor zu übernehmen, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihn an einen Verlag bringen sehr hoch. Bei meiner Agentin liegt die Vermittlungsrate bei 80 Prozent. Wenn man sich hingegen selbst beim Verlag vorstellt, dann ist die Chance bestimmt nicht größer als ein Prozent.

BeZi: Aber Agenturen verlangen Provisionen ...

Tanja Dückers : Ja, aber das Geld, das der Autor an die Agentur bezahlt, verliert er nicht, weil die Verträge, die die Agenturen abschließen, viel besser sind, als das was man selbst aushandeln könnte. Und die Provision wird auch erst bei erfolgreicher Vermittlung fällig. Wenn die Agentur einen Autor nicht vermittelt, zahlt der gar nichts. Insofern lohnt sich der Versuch wirklich. Außerdem kennen sich die Agenturen viel besser aus mit Film- oder Theaterrechten, mit Reproduktionsrechten, mit Taschenbuchverkauf ... Von all dem habe ich wirklich nicht so viel Ahnung. Es ist sehr gut für diese Dinge jemanden zu haben, der einen berät. Ich hätte jetzt als Autor viel weniger Scheu als ich das früher gehabt habe. Ich bin immer erstaunt, wie selbstbewusst viele Autoren sind. Die sind 23 und schon bei großen Verlagen untergekommen und sind da auch schnurstracks mit ihren ersten 10 Seiten hingegangen. Ich würde einfach mutig sein. Ich glaube, das ist jetzt eine gute Zeit für Autoren.

BeZi:Wie nimmt man denn Kontakt zu den Agenturen auf?

Tanja Dückers : Das geht ganz unkompliziert: anrufen und ein Manuskript hinschicken. Wobei es nicht das ganze sein muss, es reicht die Hälfte, damit die Agenten einen Eindruck bekommen. Und mehr als nein sagen können sie nicht.

BeZi: Und wann ist es denn für einen jungen Autoren sinnvoll, sich an einen Verlag oder eine Agentur zu wenden?

Tanja Dückers : Man sollte schon absehen können, dass man ein abgeschlossenes Manuskript hat, wenn man den Agenten konsultiert. Außerdem sollte man ernsthaft an einer Autorenkarriere interessiert sein. Die Agenten wollen sich nicht mit Leuten aufhalten, die ein Buch machen und dann in ein anderes Metier wechseln. Die wollen Autoren, die auch bereit sind, Lesungen zu machen und Interviews zu geben. Also Autoren, die auch diese öffentliche Seite mittragen und die sich präsentieren können. Die Verlagsleute sind ja auch eitel. Sie wollen Autoren haben, die sich entwickeln und auf die sie stolz sein können.

BeZi: Sie haben auch mal als Praktikantin bei einem Verlag gearbeitet. Haben Sie zu der Zeit schon geschrieben?

Tanja Dückers : Ja, zu der Zeit habe ich geschrieben.

BeZi: Wie ist denn das, wenn man in einem Verlag arbeitet und gleichzeitig als Autorin tätig ist?

Tanja Dückers : Der erste Verlag, bei dem ich gearbeitet habe, das war der Nikolai-Verlag. Die verlegen keine Belletristik, sondern Berlin-Bücher und historische Bücher. Daher hat sich das nicht mit meiner literarischen Arbeit überschnitten. Eigentlich habe ich damals ein richtiges Doppelleben geführt. Ich wohnte in Neukölln im Hinterhaus und in dem Haus gab es einen Selbstmord, einmal hat es gebrannt und dann lag mal ein Mann in einer Blutlache. Da sind immer wilde Sachen passiert. Ja, da wohnte ich und bin jeden Morgen in meinem Kostüm zu diesem schicken Verlag gegangen. Und jeden Morgen musste ich durch diese riesige Blutlache mitten im Eingangsbereich gehen weil meine Hauswartsfrau sich geweigert hat, die wegzuwischen. Und dann saß ich den Tag über in dem eleganten Nikolai-Verlag auf meinem Drehstuhl und habe so gedacht: wenn die wüssten, wo ich herkomme. Ansonsten saß ich ja da in meiner Neuköllner Butze und habe geschrieben. Das hatte absolut nichts mit diesem Verlagsleben zu tun. Das waren völlig verschiedene Welten.

BeZi: Warum haben Sie denn dieses Praktikum gemacht? Wollten Sie Verlegerin werden?

Tanja Dückers : Zu dem Zeitpunkt war ich mir einfach noch nicht so ganz sicher, was ich später machen möchte. Ich war so Mitte 20, und mir war schon klar, dass ich schreiben will, aber ich wusste noch nicht, wie ich mich dabei finanzieren kann. Ich dachte, mir täte das ganz gut, neben dem Studium mal mitzukriegen, wie moderne Germanistik aussehen könnte und was für Berufe man ausüben könnte.

Tanja Dückers

"Wenn man Schriftsteller werden will, muss man sich damit auseinandersetzen, dass man an die Öffentlichkeit tritt."

BeZi: Meinen Sie, man kann das literarische Schreiben lernen, zum Beispiel durch Seminare oder Schreibschulen, wie es sie in den USA gibt?

Tanja Dückers : Es ist hier in Europa üblich, darüber zu spotten und das albern zu finden, weil man glaubt, die Amerikaner seien alle so furchtbar pragmatisch und ein Autor müsste von der Muse geküsst werden. Ich habe selber in den USA als Dozentin Creative Writing unterrichtet. Ich glaube zwar nicht, dass man auf diese Weise jemanden, der total unbegabt ist, zum famosen Schriftsteller ausbilden kann. Auf der anderen Seite ist es aber wirklich eitel zu denken Talent sei ausschließlich eine angeborene Sache. Man kann keinen Autor machen. Aber man kann sehr viel lernen, dadurch dass man in einem Seminar einen Rahmen durch andere Autoren hat, die einem Feedback und die Möglichkeit zum Gespräch geben. Viele Schriftsteller, die keine Workshops besuchen, machen das im Grunde in privaten Autorengruppen ja auch. In anderen Kunstbereichen wie der Bildenden Kunst, der Fotografie und der Architektur, da wird schließlich alles gelehrt. Nur die Schriftsteller verteidigen da noch ihre einsame Bastion.

BeZi: Was halten Sie denn von Ratgeberbüchern über das Schreiben?

Tanja Dückers : Davon halte ich nicht so viel, weil ein wirkliches Gespräch meiner Meinung nach wichtiger ist. Im Gespräch gibt es das unberechenbare Moment, man weiß nicht was der andere sagt und was am Ende dabei rauskommt. Aber so ein Buch ist eine Einbahnstraße. Autorengruppen kann ich dagegen sehr empfehlen. Auch wenn das vielleicht mal unerfreulich ist und man sich streitet. Ich war selber in vielen Autorengruppen und habe mich teilweise auch sehr gestritten, aber ich bereue das überhaupt nicht. Wenn man Schriftsteller werden will, dann muss man sich damit auseinandersetzen, dass man an die Öffentlichkeit tritt und was das bedeutet. Man kann für diesen Job nicht die totale Mimose sein, das geht einfach nicht.

BeZi: Sie sind sowohl im etablierten Literaturbetrieb als auch im sogenannten Underground anzutreffen. Wie ist Ihr Verhältnis zu diesen doch sehr unterschiedlichen Szenen?

Tanja Dückers : Ich bin ein Bestandteil des etablierten Literaturbetriebs. Ich glaube, dass man dazu aber auch eine gewissen Distanz wahren muss. Zum Beispiel gehe ich sehr selten auf Buchmessen auf diese Parties. Bei der letzten Buchmesse in Leipzig bin ich jeden Abend alleine in mein Hotel gegangen und habe die Diplomarbeit meines Bruders über Kriege im Kongo korrigiert, während andere auf diesen Parties saßen. Ich habe nicht das Bedürfnis, mich da mit allen Leuten zu alliieren. Und ich habe gemerkt, dass es wirklich einen Typ-Unterschied gibt zwischen Schriftstellern und zwischen Sekundärverarbeitern wie Lektoren oder Agenten. Das ist einfach ein anderer Menschenschlag, und deren Pragmatismus, der ist für mich schon ein bisschen befremdend. Gleichzeitig habe ich mich entschlossen, mit meinen Texten an die Öffentlichkeit zu treten. Das ist einfach mein Realitätssinn, dass ich mich mit diesen Leuten arrangiere, damit sie im guten Sinne für mich arbeiten. Für mich sind das einfach Arbeitsverhältnisse: die tun die Dinge, die ich nicht kann. Ich bin ja keine Vertriebstante.

BeZi: Und wie stehen Sie zur literarischen Underground-Szene?

Tanja Dückers : Ja, diese Frage wird mir oft gestellt, weil es schon offensichtlich ist, dass ich in beiden Bereichen aktiv bin. Das sind natürlich unterschiedliche Welten, aber ich sage jetzt mal boshaft: Viele von diesen Underground-Autoren schimpfen über die, die bei einem großen Verlag gelandet sind. Aber ich kenne viele Beispiele von solchen Autoren, die dann selbst von großen Verlagen aufgekauft wurden. Und die waren sofort dabei ohne mit der Wimper zu zucken. Ich kenne wirklich niemanden, der aus irgendwelchen antikapitalistischen Gründen so einen Vertrag ausgeschlagen hätte. Und mittlerweile ist die Underground-Szene von den großen Verlagen entdeckt worden. Zum Beispiel gab es von Rowohlt vor ein paar Jahren das erste Buch über Pop-Literatur, dann gab es die Trash-Piloten von Reclam Leipzig, wo ich auch vertreten war. Es gab diverse solche Publikationen und deshalb vermischt sich das immer mehr. Einige dieser Autoren, die mit Bierflasche und ausgewaschener Jeans um drei Uhr nachts in der Kneipe stehen, sind im Grunde genommen längst bei einem Verlag. Da ist einfach auch viel Show dabei.

BeZi: Also gehören Sie selbst auch zu diesen Autoren?

Tanja Dückers: Ich persönlich finde es sehr nett, hin und wieder in der Off-Literaturszene zu lesen, weil es ein ganz anderes Flair ist. Das ist einfach mehr meine Welt als auf so einer Buchmesse-Party zu stehen. Ich finde aber, es gibt wirklich keinen Grund, nicht beide Bühnen zu bespielen. Welcher Autor freut sich nicht über Erfolg? Und solange man selber noch mitsteuert wird man auch nicht verkauft. Gleichzeitig fände ich es blöd und arrogant, meinen alten Kumpels aus der Off-Szene den Rücken zuzukehren. Bei den Underground-Lesungen nervt mich manchmal, dass die Texte einfach nicht gut sind, weil die Autoren immer mit diesem Gestus des Improvisierten kokettieren und oft auch nicht bereit sind, mal länger an ihren Texten zu arbeiten. Das muss immer so klingen wie grad eben in der U-Bahn geschrieben. Das ist eben nicht immer das Genießbarste.

BeZi: Wo würden Sie sich selbst literarisch einordnen?

Tanja Dückers: Ich verweigere mich dieser Art von Einordnung. Das ist der Punkt, der mich am Literaturbetrieb insgesamt am Meisten stört. Ich möchte einfach die Option haben, noch sehr unterschiedliche Texte in meinem Leben zu schreiben, unterschiedliche Gattungen, unterschiedliche Sujets, stilistisch unterschiedlich.

BeZi: Aber Sie haben sicher ein literarisches Vorbild.

Tanja Dückers: Ja. Ich würde sagen, dass ich Don Dellilo schon sehr bewundere, auch John Updike, also ich bin der amerikanischen Literatur ziemlich zugewandt. Aber ich finde auch die politische Lyrik von Enzensberger ganz großartig. Ich habe nicht die eine Leitfigur, dafür ist mein Geschmack zu vielseitig. Aber es gibt schon Autoren, die mich wirklich beeinflusst haben, wo ich merke, wenn ich deren Bücher gelesen habe, wie die von Don Dellilo, dann finde ich das in meinem Schreiben schon wieder. Die Gedichte von Sylvia Plath haben mich auch sehr beeindruckt.

 

"Die Deutschen rennen so oft zu Lesungen wie kaum eine andere Nation."

 

BeZi: Die Welt hat vor einiger Zeit unter dem Titel "Die Berliner Republik ohne Verlag" einen Artikel über das Sterben der Verlage in Berlin veröffentlicht. Ist Berlin deiner Meinung nach trotzdem ein guter Ort für Autoren? Oder geht man hier unter?

Tanja Dückers: Also eigentlich gibt es durchaus noch einige Verlage in Berlin. Und ich denke auch nicht, dass Autoren hier unter gehen. Ich glaube eher, dass Berlin nach wie vor ein sehr guter Ort ist. Hier in Berlin gibt es eine sehr gute literarische Atmosphäre und ein lesungsbegeistertes Publikum, wie ich es so noch an keinem anderen Ort gefunden habe. In Spanien zum Beispiel, wo ich zwei Jahre gelebt habe, gehen die Leute eigentlich gar nicht zu Lesungen. Und in den Stadtmagazinen dort gibt es die Rubrik "Lesung" einfach nicht. Und das war Barcelona, die Kulturhauptstadt Spaniens, nicht irgendein Kaff in Andalusien. Und bei Buchpremieren gibt es Tapas und Rotwein, aber der Autor liest nicht. Oder in L.A gibt es zwar Lesungen, aber die sind bei Weitem nicht so frequentiert wie hier in Berlin. Hier gibt es wirklich eine richtige Literaturszene, und das ist etwas Seltenes. Im Ausland habe ich oft gehört, dass die Deutschen so oft zu Lesungen rennen, wie kaum eine andere Nation. Das macht es für Autoren natürlich leichter.

BeZi: Gibt es denn unter den Autoren keine Konflikte, kein Konkurrenzdenken? Das hört sich so an, als wäre das ein wunderbar harmonisches Netzwerk.

Tanja Dückers: Also ich finde es eher nett und habe sehr positive Erfahrungen gemacht. Es gibt sicher auch andere Erfahrungen, aber ich persönlich finde, dass das hier in Berlin ganz gut läuft. Natürlich gibt es auch so eine unterschwellige Konkurrenz. Manchmal denkt man natürlich, oh mein Gott, schreibt der viel, jetzt hat der schon wieder ein neues Buch und das ist auch noch so gut! Aber das ist nicht unbedingt Neid, sondern eher Bewunderung und Interesse daran, wie jemand anderes arbeitet. Man bekommt einfach viel mit von anderen Autoren. Das ist für mich eine wichtige Anregung in dem Sinne: Nun bring du doch deine Sache auch mal zu Ende...

BeZi: Also kann man sich durch die Vielfalt der Literaturszene ganz gut aus dem Weg gehen...

Tanja Dückers: Auf jeden Fall. Und es gibt wirklich so viele Lesungen, Gruppen und Kreise, dass man auch immer wieder auf neue Autoren trifft. Es ist einfach eine sehr große und lebendige Literaturszene. Wir werden uns auch noch danach zurück sehnen. Ich glaube das waren für Autoren paradiesische Tage hier in Berlin.

BeZi: Warum sprechen Sie in der Vergangenheit?

Tanja Dückers: Ich weiß nicht. Ich glaube, in der weiteren Zukunft wird es vielleicht ganz anders aussehen. Das wäre jetzt ein ganz anderes Thema, eher gesellschaftspolitisch. Ich vertrete die Ansicht, dass wir so wie im alten Rom leben, in so einer Art endlosen Indian Summer, im Ausklang, wo man noch mal alles genießt und wo jeder sich noch mal verschwendet. Irgendwann kommen hier doch auch andere Zeiten, wo es wirtschaftlich härter wird, wo wir vielleicht auch noch eine neue Form von Krieg erleben. Es gibt hier ja wirklich viele Verfallserscheinungen, und die politische Lage der Gegenwart stimmt mich auch nicht besonders optimistisch. Und dann werden wir uns sicher nach dieser Idylle zurück sehnen. Das ist ein unglaublicher Luxus, dass sich hier so viele Leute einfach der Kunst widmen und davon leben können. Das ist etwas wirklich Seltenes, was es in vielen Ländern gar nicht gibt.

 

"Ich empfinde keine Liebesgefühle für das Internet, sondern für mich ist es eher wie ein Fahrzeug"

 

BeZi: Seit etwa einem Jahr sind Sie auch mit einer Homepage im WWW vertreten. Was war der Grund dafür?

Tanja Dückers: Das war in erster Linie Bequemlichkeit. Ich dachte mir, dass ich viele Journalisten damit abspeisen kann wenn ich sage: gucken sie auf meine Website. Und das klappt auch ganz gut. Ich habe bewusst versucht, den Internetauftritt sehr schlicht zu halten. Es gibt meine Biografie, ein Foto, keine Fotogalerie, wie ich das bei anderen Autoren gesehen habe, und man kann auch meine Bücher nicht gleich über einen Link beim Online-Buchhändler bestellen. Dieses Marktschreierische ist nicht so mein Ding. Ich sehe die Website einfach als Informationsquelle. Die Journalisten können mich dann schon mit einer gewissen Vorbildung befragen und fangen nicht bei null an. Besonders gern habe ich ja die Frage: Ich habe ihr Buch nicht gelesen, soll aber was darüber schreiben. Erzählen sie mir doch mal in zwei Sätzen, was in ihrem Roman vorkommt.

BeZi: Jetzt haben wir über die Journalisten gesprochen. Bekommen sie denn auch Feedback von Lesern?

Tanja Dückers: Aber ja, da kommen immer mal wieder E-Mails, das finde ich sehr nett. Das ist ein großer Vorteil so einer Homepage. Viele Leser tippen ja schneller mal eine kleine E-Mail als dass sie an den Verlag einen richtigen Brief schreiben. Ich antworte eigentlich auch immer.

BeZi: Was kann denn ein Internet-Auftritt Autoren noch für Vorteile bringen?

Tanja Dückers: Ich sage mal ganz ehrlich: Ich glaube es bringt einem nichts, wenn man nicht schon ein bisschen bekannt ist. Dafür gibt es einfach zu viele Websites. Aber wenn man zum Beispiel eine Buchpublikation hat, auch wenn es ein kleiner Verlag ist, dann kann es viel bringen. Und man kann natürlich auf zukünftige Veranstaltungen hinweisen, so dass die Leser sehen können, dass man zum Beispiel in zwei Wochen in Köln liest. Das gibt es bei mir bisher nicht, aber ich überlege, so einen Terminkalender ins Netz zu stellen.

BeZi: Nutzen Sie das Internet für die literarische Arbeit?

Tanja Dückers: Unbedingt! Ich habe das Internet sehr viel benutzt. Für mich ist das wie ein Fahrzeug. Das ist für mich kein Kultgegenstand, ich habe da keine Liebesgefühle, sondern ich finde es einfach wahnsinnig praktisch. Also ich bin da keine Kulturpessimistin....

BeZi: Und was halten Sie von Literatur im Internet?

Tanja Dückers: Die halte ich für überschätzt. Das kann man machen, aber ich finde Literatur im Netz nicht besser oder schlechter als Literatur in Buchform. Mir kommt es mehr auf den Inhalt an und nicht so auf die Präsentationsform. Bisher hat mich das nicht überzeugt, was ich da gesehen habe.

BeZi: Sind Sie selber literarisch im Netz aktiv?

Tanja Dückers: Ja, ich bin in einem Forum, in dem wir Essays schreiben. Das Internet ist natürlich praktisch für Diskussionsforen, denn so etwas würde in anderer Form so nicht stattfinden. Ich bin auch eine begeisterte Mailerin. Für den Austausch finde ich das Medium prima. Es sind aber ja doch eher zeitlose Themen, die Kunst interessant machen. Und da kommt es nicht so sehr darauf an, ob es nun dieses oder jenes Medium ist, finde ich. Mich kann heute immer noch 300 Jahre alte Lyrik berühren. Für die Literatur selber erhoffe ich mir nicht viel vom Internet, aber für das Drumherum ist es sehr praktisch.

BeZi: Frau Dückers, ich danke Ihnen für das interessante Gespräch!

 

Das Interview führte Sabrina Ortmann im März 2002. Die Veröffentlichung und Vervielfältigung, auch auf elektronischem Wege ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Berliner Zimmers gestattet.

 

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