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„Mir wird Sizilien immer fehlen“

Marcus Bartscht sprach mit dem Sizilianischen Autoren Andrea Camilleri über Goethe, die Mafia, Europa und seine Heimat


©Foto:
Marcus Bartscht

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Im November 2003 erschien bei Piper "Die sizilianische Oper". Der Verlag beschrieb das Buch mit den Worten: "Köstliche Charaktere, pralle Erotik, viel Lokalkolorit und ein rasantes Erzähltempo - all dies macht diesen Roman zu einer berauschenden Lektüre" Für 2004 sind weitere Bücher angekündigt.

Andrea Camilleri wurde 1925 in dem sizilianischen Küsten- städtchen Porto Empedocle geboren und ist dort aufge- wachsen. Seit 1949 lebt er in Rom. Er ist unter anderem Drehbuchautor und Regisseur. Als Schriftsteller hat er zahlreiche - vor allem historische - Romane veröffentlicht, die in 25 Ländern erschienen sind. Handlungsort jeder seiner Erzählungen ist Sizilien, dessen Widersprüchlichkeiten er unnachahmlich anprangert und verehrt. International bekannt geworden ist Camilleri mit den Kriminalfällen seines Commissario Salvo Montalbano, die auch mehrfach verfilmt worden sind. Marcus Bartscht besuchte den Bestseller-Autor.


Marcus Bartscht: Signore Camilleri, es ist jetzt 16.30 Uhr. Was hatten Sie heute zum Mittag?

Andrea Camilleri: (lacht) Etwas sehr Einfaches. Nur ein bisschen Fleisch, sonst nichts.

Marcus Bartscht: Commissario Montalbano hätte das wohl nicht ausgereicht. Man hat bei Ihrem Romanhelden das Gefühl, als würde alles Glück dieser Erde in einer guten Küche geboren.

Andrea Camilleri: Ich kann nicht mehr viel essen in meinem Alter. Essen hatte für mich aber schon immer eine besondere Bedeutung. Es bringt dem Menschen Harmonie.

Marcus Bartscht: Auch zwischen den Menschen? Wie verläuft bei Ihnen das Weihnachtsfest?

Andrea Camilleri: Sehr traditionell. Ich habe drei Töchter und vier Enkelkinder, mit denen ich zusammen feiere.

Marcus Bartscht: In Ihrer Wohnung?

Andrea Camilleri: Sempre, immer.

Marcus Bartscht: Ihr Wohnsitz ist schon seit langem in Rom. Seit 45 Jahren sind Sie mit einer Mailänderin verheiratet. Sie selbst schreiben aber ausschließlich über Sizilien.

Andrea Camilleri: Jeden Sommer verbringe ich einen Monat gemeinsam mit meiner Familie in meinem alten Haus in Sizilien. Auch wenn ich schon seit 1949 aus meinem Heimatort Porto Empedocle weggezogen bin, bleibe ich ein Sizilianer. Es gibt keinen Sizilianer, dem Sizilien nicht fehlt. Deshalb kann ich nur davon reden und über nichts anderes sprechen.

Marcus Bartscht: Bei uns verbindet man mit der größten Mittelmeerinsel immer wieder auch die Mafia. Obwohl sich in Ihren Büchern zahllose Verbrechen in bunten Variationen und Fallkonstellationen finden, taucht das Wort „Mafia“ auffallend selten auf.

Andrea Camilleri: Ich halte es ähnlich wie Leonardo Sciascia und rede immer von der Mafia, ohne ausdrücklich von ihr zu sprechen.

Marcus Bartscht: Ist die Mafia ein typisch sizilianisches Problem?

Andrea Camilleri: Die Mafia ist eine Krankheit. Früher hatten wir eine kleine Haus-Mafia. Heute ist alles industrieller geworden. Sciascia benutzte das Bild von einer Palme: Es handelt sich dabei um eine Pflanze, die auf südlichem Boden gedeiht, aber jedes Jahr drei Zentimeter nach Norden wächst.

Marcus Bartscht: Ist bei derart grenzüberschreitender Kriminalität überhaupt ein vereintes Europa sinnvoll?

Andrea Camilleri: Ich habe mehr als 78 Jahre in dieser Welt gelebt und weiß, dass in Europa alles passieren kann. Aber jetzt kann es wohl nie wieder unter den europäischen Völkern Krieg geben.

Marcus Bartscht: Das klingt euphorisch.

Andrea Camilleri: Sicher.  


©Foto: Marcus Bartscht

Marcus Bartscht: Und die nationale Identität? Haben Sie keine Angst, dass diese herrlichen sizilianischen Traditionen, mit denen jedes Ihrer Bücher gespickt ist, demnächst in einem Brei aus Bratwurst, Paella und möglicherweise auch noch Döner untergehen könnten?

Andrea Camilleri: Die nationale Identität wird sich  dadurch sogar noch verstärken. Die Kulturen werden sich austauschen, aber die DNA bleibt gleich. Ein deutscher Ingenieur namens Hofer kam 1935 in unseren Ort. Während sämtliche Sizilianer zur Weihnachtszeit eine Krippe aufbauten, hatte er einen Baum. Seitdem gibt es für mich kein Weihnachtsfest mehr ohne Baum.

Marcus Bartscht: Wie stehen Sie eigentlich zur Religion?

Andrea Camilleri: Ich bin katholisch, aber nicht religiös. Einen Schutzheiligen habe ich: San Calogero.

Marcus Bartscht: So heißt auch das Lieblingsrestaurant Ihres Romanhelden.

Andrea Camilleri: Ich hatte einen älteren Bruder, der im Alter von wenigen Monaten gestorben ist. Ebenso eine ältere Schwester. Ich bin daraufhin 25 Tage vor dem errechneten Geburtstermin zur Welt gekommen, am 6. September um 13 Uhr. Das war genau der Moment, in dem traditionell die Figur des heiligen Calogero vom Hafen in die Kirche gebracht wurde. In meiner Fantasie ist er aber ein Schwarzer.

Marcus Bartscht: Das klingt weltoffen. Was halten Sie von moderner Literatur? In Deutschland brachte der Popmusiker Dieter Bohlen sein Klatschwerk gleich in zwei Bänden auf den Markt. In Italien stürmt derzeit die 17-jährige Melissa P. – zufällig auch eine Sizilianerin – mit ihren erotischen Tagebucheintragungen die Bestsellerlisten.

Andrea Camilleri: Ich habe von dem Buch gehört, es aber nicht gelesen. Wichtig ist, dass die Jugend überhaupt liest. Die Fantasie wird stimuliert.

Marcus Bartscht: Commissario Montalbano hätte so etwas wohl nicht angerührt. Auch hier bei Ihnen stehen Unmengen von Büchern.

Andrea Camilleri: Nach meinem vierten Roman fragte mich meine Frau, ob dieser Mann wirklich existiere oder ob ich es vielleicht sogar selber sei. Tatsächlich kommt Montalbano der Figur meines Vaters sehr nahe, der sehr viel gelesen hat.

Marcus Bartscht: Was halten Sie von ausländischer Literatur, beispielsweise von Goethe?

Andrea Camilleri: Es ist sehr schwer, Literatur in fremde Sprachen zu übersetzen. Was es von Goethe in italienischer Sprache gibt, habe ich gelesen. Wir haben alle von ihm gelernt. (lacht) Von ihm stammt beispielsweise der Satz „Erst wenn Sizilien gesehen ist, ergibt sich das ganze Italien...“.

Marcus Bartscht: Könnten Sie sich vorstellen, ein Kochbuch zu schreiben – außerhalb Italiens wäre das vermutlich sehr gefragt?

Andrea Camilleri: Nein, auch wenn ich schon von einem Verlag daraufhin angesprochen wurde.

Marcus Bartscht: Dass ich jetzt hier in Ihrem Sessel sitze und das Interview führen darf, habe ich Ihnen zu verdanken. Ich hatte Ihnen eigentlich nur zu Ihrem Buch „Das launische Eiland“ gratulieren wollen – und Sie luden mich daraufhin gleich zu sich ein.

Andrea Camilleri: Das kann ich natürlich nicht immer machen. Aber ich finde es wichtig, jeden Brief eines Lesers – egal wie kurz er ist – persönlich zu beantworten.

Marcus Bartscht: „Der Kavalier der späten Stunde“ ist zwar gerade erst im vergangenen Monat in deutscher Sprache erschienen. Aber wann dürfen wir mit dem nächsten Buch rechnen?

Andrea Camilleri: Ein weiterer Fall von Commissario Montalbano wird gerade übersetzt. Außerdem wird zu meinem 80. Geburtstag ein Interview mit mir veröffentlicht. Darin geht es unter anderem um die Krise der Linken, die Regierung Berlusconi und auch die Mafia. Das Buch ist bereits fertig.

Marcus Bartscht: Welchen Titel wird es haben?

Andrea Camilleri: Die Linie der Palme.

Das Interview führte Marcus Bartscht. Die Veröffentlichung und Vervielfältigung, auch auf elektronischem Wege ist nur mit schriftlicher Genehmigung gestattet.

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